Archiv für den Monat Januar 2024

Die Sonnenfinsternis der Diplomatie und die Heiligsprechung der Einfalt

Auf welcher Schule wird eigentlich das Fach Eskalation gelehrt? Ich kann mich nicht entsinnen, je eine Institution in unseren Breitengraden kennengelernt zu haben, in der das der Fall war. Ganz im Gegenteil, in Schulen und Universitäten wurde zumindest meiner Generation vermittelt, dass die unreflektierte, grenzenlose und durch Gier oder Hass gespeiste Eskalation zu nichts Gutem führt. Und während meines gesamten Arbeitslebens verging kein Jahr, in dem es keine Seminare gab, in denen man Kenntnisse und Fähigkeiten erwerben konnte, wie man mit Eskalation umgeht und sie wegen ihres kontraproduktiven Charakters neutralisieren kann, um wieder zu einem vernunftgeleiteten Handeln zu kommen. Und, seien wir gerecht, die Generationen nach mir haben das auch nicht anders vermittelt bekommen. Ich hatte eher den Eindruck, dass Konfrontation und Widerstand fälschlicherweise immer mit etwas exklusiv Negativem und mit destruktiven Eskalationsgelüsten gleichgesetzt wurde. Was zu einer Verzerrung und einem Verlust von diskursiver Kompetenz führte.

Umso erstaunlicher ist es, dass wir in allen Sphären der Gesellschaft von Eskalationsgelüsten belästigt werden. Von dem Versuch, kleine Probleme damit zu lösen bis zu internationalen Konflikten, in denen die Handelnden exklusiv nur über das Instrument der Eskalation verfügen. Das Kapitel des Krieges in der Ukraine ist mehr als beredt, eine Eskalationsstufe folgte der nächsten, obwohl es nachweislich Korridore der De-Eskalation gab. Und das Resultat wird immer deutlicher: man hat sich von dem Ziel, der Ukraine zu helfen, immer weiter entfernt. 

Das Gleiche zeigt sich jetzt im Nahen Osten. Noch gestern verkündete die Außenministerin, ihrerseits eine Allegorie für die Sonnenfinsternis der Diplomatie, dass sie, um Israel zu schützen, den Weg frei machen würde für die Lieferung von Kampfjets nach Saudi Arabien. Dass dieses Land seit Jahren einen Krieg gegen den Jemen führt, der seinerseits starke Bande in den Iran hat und dass dadurch der Konflikt zu einem Flächenbrand werden kann, der bereits in der ganzen Region schwelt, spielt bei dieser Kalkulation keine Rolle und dokumentiert, dass die Eskalation per se das einzige Besteck zu sein scheint, über das diese Figur, wie viele andere eben auch, verfügt. 

Es hilft auch nicht, einen Begriff wie die Zeitenwende in den Äther zu blasen, um alle Prinzipien von Vernunft und Diplomatie über Bord zu werfen und wie eine politische Klasse in der Analphase überall, wo man gerade daherstolziert, seine stinkenden Haufen abzusetzen. Gefragt ist das, was Millionen Menschen in diesem Land täglich tun: bei der Arbeit, im sozialen Umfeld, bei ihrem Engagement in welchen Kreisen auch immer. Sie hören zu, sie bringen Argumente vor, sie geben denen, die sich daneben benehmen, das Signal, dass sie sie wahrnehmen. Sie lassen sie ausreden, sie unterstellen ihnen erst einmal gar nichts und sie arbeiten an Vorschlägen, wie man zu einem Weg finden kann, auf dem man sich für eine bestimmte Zeit unter bestimmten Bedingungen arrangieren kann. Stattdessen wird jede Form der Eskalation mit Hass und Rache gespeist, Öl ins Feuer gegossen und die Lunten in Brand gesetzt.

Wer sich in einer solchen Situation, die seit einigen Jahren als Normalität verkauft wird, darüber wundert, dass es so langsam auch im Innern ungemütlich wird, ist in seiner Einfalt kurz vor der Heiligsprechung. 

Animal Farm 4.0

Das Betrüblichste, was man erleben kann, ist die Erfüllung der Prognosen eine Dystopie. Die sozialen Horrorszenarien, mit denen ganze Generationen aufwuchsen und die zu Klassikern der Moderne wurden, waren Aldous Huxleys „Brave New World“ und die beiden Romane von George Orwell „1984“ und „Animal Farm“. Entstanden sind diese Werke aus den Erfahrungen im 20. Jahrhundert mit totalitären Systemen. In allen Werken geht es um die Perversion bestimmter Visionen, indem sie als Instrument der Macht missbraucht werden. Die tatsächliche soziale Realität hat mit der Vision nicht nur nichts mehr gemein, sondern sie  bekommt die Kontur des Gegenteils. Bei der Lektüre der drei genannten Romane fällt auf, dass sie diese Tendenzen illustrieren, nur die Aspekte der Machtausübung unterscheiden sich. Mal ist sie mehr ideologisch, mal mehr technisch. Entscheidend ist die Entmündigung der Beherrschten und der Angst als einem der probatesten Mittel der Züchtigung bei Widerspruch.

Schon vor Jahren haben selbst etablierte Politiker davon gesprochen, dass man auf dem Weg sei, diese Dystopien, die nahezu alle in der Schule gelesen hatten, verwirklicht zu sehen. Ich erinnere mich an ein Statement von Otto Schily, der noch vor dem Jahr 1984 in einem Interview darauf verwies, dass hinsichtlich der gesellschaftlichen Zustände die düstere Vision schon vorzeitig erreicht sei. Da war er noch Oppositionspolitiker, später, als er das Amt eines Innenministers bekleidete, wurden derartige Einblicke seinerseits nicht mehr gewährt.

Damit wären wir bei der zentralen Aussage von „Animal Farm“. Dort geht es darum, dass jede Revolution eine Klasse hervorbringt, die alles dieser Revolte verdankt, die das Glück, nach oben gespült worden zu sein, kaum fassen kann und kurz nach dem Aufstand damit beginnt, ein Konstrukt zu bilden, das den alten Herrschaftsverhältnissen sehr ähnelt. Nur die Herrschenden sind nun andere. Dabei genügt es nicht, die Masse der Gutgläubigen lakonisch mit dem Slogan „So ändern sich die Zeiten!“ abzuspeisen. Dazu bedarf es der Aufrechterhaltung der Illusion, dass sich die Verhältnisse geändert haben. Das Besteck, das sie dabei benutzen, ist das der Camouflage, der Produktion von Feindbildern und der Kultivierung von Angst.

Sehen wir uns die Entwicklung der letzten Jahre in unserem Gemeinwesen an. Kommt, in Anbetracht der erwähnten „Animal Farm“ nicht in den Sinn, dass vieles von dem, was George Orwell der Klasse der die Restauration betreibenden Schweine zugeschrieben hat, zu den Praktiken eines gesellschaftlichen Diskurses avanciert ist, der das Handeln der Regierenden begleitet? Immer werden Tatsachen vorgegeben, die nicht dem entsprechen, was aus der Sicht großer Teile der Gesellschaft dem entspricht, wie sie es sehen. Stattdessen lauern überall Feinde, im Inneren wie von außen, kaum ein missratenes Handeln der in Macht und Verantwortung Stehenden wird ihnen selbst zur Last gelegt, sondern besagten Saboteuren, Feinden und Wirrköpfen in die Bilanz geschrieben. Und alle, die sich dieser Logik erwehren, wird mit Stigmatisierung und Verfolgung gedroht. 

Ich empfehle, Orwells „Animal Farm“ unter diesem Aspekt noch einmal zu lesen. Das aus meiner Sicht wahrhaft Traurige an der Rezeptionsgeschichte dieses Buches ist, dass eine Kritik, die auf der Folie der Erfahrungen vor allem sowjetischer Entwicklungen geschrieben wurde, nun in massiven Zügen das Bild über die gegenwärtigen Praktiken einer gewählten Regierung und der sie eskortierenden PR erreicht. Animal Farm 4.0 – auch Dystopien schreiben sich fort. 

Diskriminierung macht frei?

Ich bin gewarnt worden. Mach das bloß nicht. Dir geht es doch gut. Du bist in gewisser Weise privilegiert. Und blase nicht schnell so eine These heraus! Stimmt alles. Aber, so meine Frage an mich selbst, wer haut nicht alles mögliche heraus, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen? Und wie viele Menschen sind hier, in unserem Land, nicht in gewisser Weise privilegiert? Ja, es gibt Unmengen an Unterprivilegierten, Verschmähten und müde Belächelten, aber eben auch die, die finanziell gut über die Runden kommen, die ihre Vertreter in den Parlamenten haben und für die viele Gesetze gemacht sind. Und gerade die sind es, die sehr oft darüber klagen.

Worüber? Über ihre Diskriminierung. Und in einer Gesellschaft, die vom woken Infekt befallen ist, sind die Möglichkeiten, sich diskriminiert zu fühlen, unbegrenzt. Das alles, so mein Gedanke, einmal umgedreht und auf mich bezogen, ist doch ein Witz. Ich bin ein Cis-Mann, alt und weiß. Da hat mir die woke Kanone schon den Kopf über dem Zaun weggeschossen, bevor ich überhaupt etwas sagen konnte. Natürlich wird in den saturierten, nach Einfluss und Karriere strebenden Kreisen dieses nicht als Diskriminierung angesehen. Das passt nicht nur nicht ins Portfolio, sondern ist erlaubt. Ich gehöre in diesen Kreisen zum Abschaum, um gesellschaftlichen Auswurf. 

Ich bettele nicht darum, dass dieser Form der Diskriminierung Einhalt geboten wird. Nein, ich empfinde sie weder als Erniedrigung noch als Affront. Ehrlich gesagt, und jetzt ist es raus: diese Art der Diskriminierung macht frei. Sie entledigt mich von den allgemein angenommenen Hypothesen einer von diesen Kreisen definierten Gesellschaft, ich muss bei keiner Veranstaltung mitmachen, in der das falsche Bewusstsein zelebriert und an Lebenslügen gebastelt wird, die  viele Formen der vermeintlichen Diskriminierung auf den Index schreiben, um an den – weniger werdenden – Fleischtöpfen ein Plätzchen zu finden. Ein Blick auf die Personalpolitik derer, die Mandate errungen haben und aus dem vermeintlichen Diskriminierungslager stammen, spricht Bände. 

Eine Szene, die mir einen Begriff von dem gegeben hat, worüber ich spreche, geht mir nicht aus dem Kopf. Da wurde ein alter Mann aus dem Ruhrgebiet gefragt, was das Schlimmste für ihn gewesen sei, als er damals als Kind in Armut und Dreck aufgewachsen ist. Da berichtete er, dass seine Familie auf Hilfe angewiesen gewesen sei, die allerdings von oben herab kam und mit Erniedrigung verbunden war. Nicht die Bedürftigkeit, so flüsterte er ergriffen in den Raum, sei das Schlimmste gewesen, sondern die Entwürdigung.

Verglichen damit geht es denen, die das Thema der Diskriminierung im öffentlichen Diskurs besetzen, nicht gut, sondern unverschämt gut. Und eine Diskussion mit dieser Klientel führt zu der Schlussfolgerung, ihnen die sprichwörtliche Lufthoheit streitig machen zu müssen. Sie helfen nicht denen, die wirklich diskriminiert werden. Sie helfen nur sich selbst. Ich empfinde den Versuch, von dieser Interessenvereinigung diskriminiert zu werden, als wohltuend. Das macht so richtig frei und deutet drauf hin, in der Einschätzung nicht falsch zu liegen. Und es befreit von Zwängen, die nirgendwo hin führen. Zumindest gesellschaftlich. Individuell, karrieretechnisch schon, wie gut zu beobachten ist.