Archiv für den Monat Dezember 2023

Weisheit, Stärke und Schönheit – oder doch ein Gläschen Champagner?

Irgendwie wirkt die Ritualisierung der weihnachtlichen Friedensbotschaft und ihre unerträgliche Adaption durch die Werbung wie eine groß angelegte Verfremdungsveranstaltung. Der Wunsch nach Frieden, der den meisten Menschen innewohnt, wird durch die tatsächlichen Verhältnisse gegengezeichnet. Ja, Kriege hat es immer gegeben, und ja, die Betroffenheit steigt mit der geographischen wie mentalen Nähe. Kann es sein, dass bei steigender Frequenz von Tod und Gewalt durch private, staatliche und terroristische Beteiligung gerade dort, wo im Augenblick nicht geschossen wird, sich eine Gleichgültigkeit breit macht, die ihresgleichen sucht? Die bevorstehenden und mit Glückseligkeit verheißenden Liedern angekündigten Festtage sind garniert mit unbeschreiblichen Formen von Leid und Vernichtung – woanders!

Man muss das erst einmal hinbekommen: Krieg in der Ukraine, Krieg in Gaza, Krieg im Jemen. Bei genauem Hinsehen wird man gewahr, dass es sich bei allen drei Kriegen um sehr unterschiedliche Veranstaltungen handelt. Opfer sind immer die, die das Massaker weder beauftragen noch selbst inszenieren. Die größte Friedensdividende, um einen ehemaligen Bundeskanzler zu zitieren, wäre die Verfolgung und Entmachtung der Täter. Und komme mir niemand mit der Schuldzuweisung nur nach einer Seite! Alle drei Beispiele zeigen, dass es jeweils auf beiden Seiten Akteure gibt, die mit Frieden nichts im Sinn haben. Es geht, auch bei allen drei Beispielen, immer um Ressourcen. Land, Menschen, Güter, Bodenschätze, geostrategische Vorteile. Wer sich da auf der Seite der Guten weiß, der bekommt es hin: Oh, du fröhliche auf der einen und Streubomben auf der anderen Seite.

Die Wahrheit ist nicht nur erregend, sie bringt auch Unangenehmes hervor: die eigene Nonchalance, die Wurstigkeit gegenüber dem Leid anderer und die eigene, sich in ekeligem Egoismus ergötzende Befindlichkeit. Da muss kein Krieg kommen, da reicht schon ein billiges Shirt aus den Sweat Shops in Bangladesh. Oder eben ein sattes Erbe, aus dem man nachhaltig erzeugte Produkte kaufen und verschenken kann, für die andere ein Lebensjahr den Dreck von Müßiggängern wegräumen müssen. Und für viele, gerade in den jetzigen Tagen, ist es ein Affront, diese Missverhältnisse und Fehlentwicklungen anzusprechen. Hier. Woanders nicht. Diese Erkenntnis hat sich noch nicht herumgesprochen, aber sie kommt näher. 

Nicht, dass die Mahnung auch zum Ritual verkommt! Der Aufbruch in eine neue Form des Zusammenlebens verlangt vieles, und er wird nicht von heute auf morgen zu bewerkstelligen sein. Und – viele wird es enttäuschen – es bedarf mehrerer Sterne, denen zu folgen ist: Der Weisheit, sich selbst aus dem System der Bewertung herauszunehmen, der Stärke, den hohen Preis der Gerechtigkeit auch zahlen zu wollen und dem Versprechen, nach Schönheit und nicht nach Nutzen zu streben. Das klingt sehr pathetisch und wenig handhabbar, aber machen Sie sich die Mühe, und deklinieren Sie es durch. Sehr schnell wird deutlich werden, wie sehr Sie und ich und wir alle, hier im Rayon der westlichen Welt, davon betroffen sind und wie hoch der Preis sein wird, den wir zu bezahlen haben, wenn wir es ernst meinen.

Ist es jedoch nur eine Floskel, und geht es lediglich um den Besitz von Rechten und Dominanz, dann lassen Sie das!  Stürmen Sie die Paläste des Luxus, stopfen Sie sich die Bäuche mit Erlesenem voll und singen Sie Ihre Lieder vom Stall in Bethlehem – ach, da ist gerade Krieg! Dann trösten Sie sich mit einem Gläschen Champagner! 

Niemand zählt zu den Guten!

Sebastian Haffner. Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914-1933

Es gibt sie, diese Texte, die aufgrund stürmischer Zeiten irgendwann und irgendwo geschrieben und verloren gingen und kaum jemandem bekannt waren. Und dann tauchen sie Jahrzehnte später auf und die Nachwelt bestaunt nicht nur ihre literarische Qualität, sondern auch die historische Weitsicht. Einer jener Texte ist der Sebastian Haffners mit dem Titel „Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914 – 1933“. Geschrieben hat er ihn aus des Perspektive eines  jungen Rechtsassessors in Berlin, der Zeitzeuge der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde und 1939 im Londoner Exil niederschrieb, was er in diesen Tagen beobachtete und was ihn umtrieb. Haffners Schicksal trieb ihn über Paris nach London, von wo er erst 1954 nach Berlin zurückkehrte. Das Skript seiner Aufzeichnungen, von denen Auszüge in kleineren Exilblättern erschienen waren, blieb unbeachtet in seinem Schreibtisch. Erst nach seinem Tod 1999 entdeckte sein Sohn diese überaus bemerkenswerten Aufzeichnungen, die dann ein Jahr später erschienen und großes Aufsehen erregten.

Nicht, dass Haffners Text die großen, unbekannten Fakten zutage gefördert hätte! Was in besonderem Maße bei der Lektüre unter die Haut geht, ist die Charakterisierung der Deutschen als einem Volk ohne Zivilcourage. Haffner ist nie der außenstehende Beobachter, sondern ein Teil eines psychologisch interessanten wie niederschmetternden Prozesses. Es gab nichts illegales bei der so genannten Machtergreifung, sondern es ging vollkommen legal zu und alle machten mit. Und der von der Herrschaftspsychologie erfolgreich eingesetzte Trigger war die Uniformierung und das soziale Experiment der Kameradschaft. Haffner beschreibt, wie er in einem Lager von Rechtsreferendaren zur Vorbereitung des Examens kaserniert wurde und einem Prozess unterworfen wurde, der mittels der genannten Mechanismen hervorragend funktionierte und selbst die größten Skeptiker instrumentalisieren konnte.

Dass er – im Gegensatz zu einer unzählbaren Gruppe anderer Verdammter – das Glück hatte, diesem historischen Fiasko noch entkommen zu können, hat ihn weder bei der Verfassung dieses Textes noch bei seinen späteren Schriften (u.a. Anmerkungen zu Hitler) zu dem Irrtum der Überheblichkeit verführen können. Das Buch hat nach seiner Veröffentlichung in der Bundesrepublik große Resonanz gehabt und zu sehr eingehenden Diskussionen geführt, die sich um die von Haffner beobachteten Unzulänglichkeiten bei einer vom Individuum ausgehenden Abwehr des Totalitarismus drehten. Es wurde darauf hingewiesen, dass die Institutionen, die eine Demokratie ausmachen, nicht per se Bestand haben und resilient sind, sondern dass sie auf die Bereitschaft jedes einzelnen Gesellschaftsgliedes angewiesen sind, auch in stürmischen Zeiten aufzustehen und sie verteidigen zu wollen. 

Selbst das so genehme Bild von der gewaltsamen Revolution gegen das System bekam auf einmal Risse und es begann eine kritische Inspektion in die eigene Befindlichkeit. Bei der Betrachtung der heutigen Auseinandersetzungen scheint mir der Text des jungen Sebastian Haffner, verfasst 1939, aktueller denn je. Es wird mit Begriffen und Institutionen jongliert, als stünden sie außerhalb der gesellschaftlichen und damit individual-psychischen Realität. Die Frage, Was hat das alles mit mir zu tun? ist immer aktuell. Und Haffners Text zwingt jeden Leser, sich damit auseinanderzusetzen. Und der Abgleich zeitigt erschreckende Erkenntnisse. Nichts ist besser geworden! Und niemand zählt zu den Guten! Lesen Sie das Buch!