Archiv für den Monat Oktober 2023

“Entweder du bist frei, oder du bist es nicht!“

Eine Frage durchgeistert viele Köpfe mehr denn je. Was braucht es, um den Menschen, das Individuum, den Staatsbürger, sich als frei fühlen zu lassen? Und was ist es, dass er oder sie sich tatsächlich auch frei fühlt? Die Regierungen in den westlichen Ländern verweisen auf ihre Verfassungen. In anderen Ländern wird Freiheit nicht als Verfassungsrecht, sondern als Naturgesetz verstanden. Dritte wiederum halten die Frage für irrelevant, solange eine wie auch immer geartete Führung es fertig brächte, das Gemeinwesen zum Prosperieren zu bringen. Und wiederum andere pfeifen auf den Aspekt der Freiheit ihrer Bürgerinnen und Bürger, solange sie selbst an der Macht sind. 

Es ist interessant, die Weltkarte nach diesen Kategorien zu durchforsten. Das für den westlichen Beobachter Überraschende wird dabei sein, entdecken zu müssen, dass die verfassungsmäßigen, verbrieften Freiheitsrechte des Individuums ungefähr nur in einem Achtel der auf der Welt repräsentierten Staaten erwähnt werden. Es sollte zu denken geben. Nicht, weil es etwas mit einer wie auch immer gearteten Wahrheit zusammenhinge. Nein, aber weil es die Orientierung der Gattung in Bezug auf seine jeweiligen Staatssysteme dokumentiert. Und in der Minderheit zu sein bedeutet, sich genau überlegen zu müssen, was man wie erreichen will. Kreuzzugsmentalitäten sind, sofern man nicht den Krieg zum Mittel aller Dinge erheben will, das wohl Dümmste, was einem dabei einfallen kann. Und, um diesen Gedankengang abzuschließen, momentan sieht es so aus, als hätte sich der Westen unter Führung der zunehmend mehr in Panik geratenden USA auf ausgerechnet die schlechtest möglichen Option eingeschworen. Wenn das so bliebe, dann werden die gerade mit ihren ersten Laufversuchen betrauten Enkelchen in den USA und Europa bis zur eigenen Ergrauung nichts mehr erfahren als Kriege.

Um ehrlich zu sein, wird es nichts helfen, sich über diese Großwetterlage in langen, fruchtlosen Debatten auseinanderzusetzen. Denn die Karten sind gemischt. Der Krieg ist allgegenwärtig und rückt immer näher. Und in welcher Regierungszentrale, bitte schön, beriete man so etwas wie die Möglichkeit von Frieden und der dazu notwendigen Architektur sowie einem Paradigmenwechsel in der Politik?

Das Einzige, was hilft, ist etwas, das es schon immer gab und das im Grunde, betrachtet man den Lauf der Weltgeschichte, die einzige Kraft ist, die in der Lage ist, dem psychotischen Machtstreben von Profiteuren der Vernichtung den Garaus zu machen. Es ist die innere Freiheit. Der einfache Satz des Rebellen, der da lautet, „entweder bist du frei, oder du bist es nicht!“ Unabhängig von den äußeren Bedingungen, die dein Handeln ermöglichen. 

Ja, der Einwand kommt sofort und immer: Kann es nicht sein, dass der Preis zu hoch ist? Und die Antwort ist ebenso klar. Ja, er kann sehr hoch sein, er kann sogar die eigene Existenz kosten. Aber das, das muss das Individuum selbst entscheiden. Die Freiheit ist nicht umsonst! Sie abhängig zu machen von Schriftstücken, von Erklärungen und unverbindlichen Formulierungen, das ist ein scheinheiliges Werk, das nichts bedeutet. Wer allerdings für sich bestimmt, dass er oder sie frei ist, der hat das Zeichen gelesen. Die eigene, innere Freiheit, die sich durch nichts korrumpieren lässt, weder durch Bequemlichkeiten noch durch Drohungen und Angst, sie ist die Voraussetzung, derer es bedarf, um den Geist von Raub und Unterwerfung zu bezwingen. 

Wird noch ein Wunder geschehen?

Und wieder dreht sich das Karussell ganz schnell. Die, die früh genug den Gurt umgelegt haben, bleiben drin. Und die anderen, die noch einen Moment lang überlegen wollten, sind bereits durch Beschleunigung und Fliehkraft herausgeflogen. Wie bei allem, was in den letzten Jahren passierte, gibt es nur zwei Lichtzonen. Wir leben eben im binären Zeitalter. Schwarz und Weiß. Wir sind immer dort, wo das Licht, wie Wahrheit und die richtigen Werte sind. Und der Rest ist die Brut des Teufels. Wenn Kinder solche Spiele spielen, greifen wir ein. Wir versuchen zum Nachdenken anzuregen und schlagen den einen oder anderen Perspektivenwechsel vor. Hat der Teufel auch Kinder? Wo gehen die zur Schule? Welchen Beruf würden sie gerne ausüben, wenn sie mit der Schule fertig sind? Die Gespräche, die mit Kindern aus solchen Fragestellungen resultieren, sind auch für Erwachsene sehr bereichernd. Sie lehren, neben der Selbstverständlichkeit, dass es immer mehrere Möglichkeiten der Betrachtung gibt, auch eine tiefe Menschlichkeit, die den unverdorbenen Seelen innewohnt. Früher nannte man so etwas Menschenbildung. Heute verfügen über sie anscheinend nur noch die Kinder.

Denn in der Politik und der sie treibenden Medien wird das Spiel ohne Unterbrechung durchgezogen. Ob Weltfinanzkrise, Syrienkrieg, Corona, Ukraine, Aserbaidschan/Armenien/Berg-Karabach oder Israel/Palästina: in dem offiziellen Reglement existiert nur eine Wahrheit. Wer sich ihr schnell verschreibt, der wird belohnt und bleibt im Spiel. Wer mehr wissen will, wer andere Aspekte in einen Prozess, den man Wahrheitsfindung nennt, bringen will, dem wird das Übelste unterstellt. Dass dem so ist, wissen wir seit langer Zeit. Und dass bezahlte Hetzer die Kommentarspalten der so genannten etablierten Presseorgane mit ihrem Hass kontaminieren, ist keine Neuigkeit. Dass allerdings die Volksvertreter ohne Räsonnement ins gleiche Horn blasen, hat mit dieser Regierung einen vorher nicht gekannten Höhepunkt erreicht.

Sei es drum. Viele, die man hört, in den Straßen, in den Cafés, auf den Sportplätzen, in den Theatern, in den Kaufhäusern und im Büro, sind entsetzt, verzweifelt und wütend über die Schamlosigkeit, mit der die Komplexität dieser Welt durch Staat und Medien verballhornt wird. Kurios ist das schon. Weil diejenigen, die sich an dieser alles in den Schatten stellenden grandiosen Vereinfachung verlustieren es doch sind, die dem ungebildeten Mob bei jeder Gelegenheit vorwirft, er verstünde die Komplexität der Welt einfach nicht. Die vermeintlich Schlauen lachen über die Dummen und die Dummen sehen mehr, als die Schlauen ahnen. 

Da soll man sich noch zurecht finden und nicht verzweifeln! Ein Satz, der zu den meist gesagten seit einiger Zeit in diesem Land zu hören ist. Ein guter Rat ist es, sich immer dann, wenn man ihn hört, ein bisschen sicherer zu fühlen, weil er dokumentiert, dass die ewige, einfältige und zunehmend aggressiv daherkommende Schwarz-Weiß-Malerei bei immer mehr Menschen einfach nicht mehr zieht. Da braut sich etwas zusammen, das nichts Gutes verheißt. Denn soviel ist gewiss, sanft wird es nicht zugehen, wenn die Zeit gekommen ist, die aggressiven, die immer lauter schreienden und waffenrasselnden Hetzer aus ihrer Verantwortung zu entlassen. Ohne Gewalt werden sie nicht weichen. Wer zu wissen glaubt, dass noch ein Wunder geschehen wird, singt nur ein schönes, aber längst verblichenes Lied.  

Vermögen gegen Einkommen, Verwaltung gegen Leistung

Christian Hiller von Gaertringen, Die Neue Weltordnung

Vielleicht beschreibt es dieses Bild am Besten: Am Spieltisch der Welt sitzen immer noch die gleichen Akteure, aber die es hat sich vieles geändert. Manche der Spieler sind alt und ein bisschen vergesslich geworden. Andere sind aus kindlichen Beobachtern zu aktiven Spielern geworden und manche von den ehemals Jungen sind heute die Cracks mit vorzüglichen Karten. Und auch die Fähigkeit, mit gewichtigen Einsätzen im Spiel zu bleiben, hat sich anders verteilt. 

Christian Hiller von Gaertringen, seinerseits studierter Ökonom, hat sich den Veränderungen am Spieltisch gewidmet und mit seinem Buch „Die neue Weltordnung. der Aufstieg der Schwellenländer und die Arroganz des Westens“ einen lesenswerten Beitrag geleistet. Sofern man daran interessiert ist, ein Bild von den tatsächlichen Kräfteverhältnissen in der Welt zu erhalten und aus dem Schleier tradierter Illusionen über das eigene Gewicht herauszutreten. 

Von Gaertringen zeichnet eine bereits existierende multipolare Welt, die von der Führungsmacht USA und vor allem dem assoziierten Europa nicht wahrgenommen werden will. Die immer noch in dem Glauben an die eigene Überlegenheit verharrende, ehemals entwickelte, westliche Welt, die sich zunehmend mehr im Gestrüpp der eigenen Doppelmoral verheddert, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Da ist das längst mächtige China und da sind die so genannten Schwellenländer wie Brasilien, Russland, Indien, Indonesien, Südafrika, die sich zunehmend in einer Tradition der einstigen Bewegung der Blockfreien sehen, die sich einst in Bandung konstatiert hatte. Sie haben sich, was ihre Wirtschaftskraft anbetrifft, längst zu Mittelmächten entwickelt, die zunehmend auf gemeinsamen Märkten interagieren, von denen der Westen zunehmend und weitgehend ausgeschlossen ist. Sie sind weder durch Werte noch durch Ideologien, sondern hauptsächlich durch ihre jeweiligen Interessen assoziiert. 

Die vor allem technologische und wissenschaftliche Stagnation in den etablierten Mächten des Westens und die ungeheure Dynamik, die in den Schwellenländern zu verzeichnen ist, sieht von Gaertringen nicht zu Unrecht in einem Biologismus mit politischer Wucht. Innovationen werden in alternden Gesellschaften zunächst als ein Risiko und eine Gefährdung von Sicherheit gesehen. In jungen, dynamischen Gesellschaften gelten Innovationen in der Regel als Chance, das Land wie die eigenen Verhältnisse zum Besseren zu wenden. Vermögen steht gegen Einkommen, das ist die Formel, unter der die sich verschiedenen wirtschaftlichen Gewichte in der Welt subsumiert werden können. Verwaltung gegen Leistung.

Dass die gegenwärtige Organisation der Welt von der UNO bis hin in die vielen Gremien der internationalen Kooperation den neuen Kräfteverhältnissen längst nicht mehr entsprechen, wird bis dato tendenziell vom Westen geleugnet und wird dazu führen resp. hat bereits dazu geführt, dass die alten Organisationen zunehmend an Reputation und Geltung verlieren und dass sich neue konstituieren, die die tatsächlichen Kräfteverhältnisse widerspiegeln.

Die Option des Westens besteht einzig und allein darin, die Verschiebung der Kräfteverhältnisse anzuerkennen und sich mit den eigenen Interessen neu zu justieren. Ein Pochen auf die Insignien des alten Glanzes wird zu einer weiteren Isolation führen.

Von Gaertringens Buch besticht durch Faktenreichtum wie Sachlichkeit. Es durchleuchtet die Felder von Technologie, Digitalisierung, Infrastruktur, Bildung und den Aspekt internationaler Organisationen. Angesichts des immer lauter werdenden Kampfgeschreis eine wohltuende Lektüre von der ersten bis zur letzten Seite.