Patrik Baab, Auf beiden Seiten der Front. Meine Reise in die Ukraine
Der mittlerweile als Dritter Golfkrieg klassifizierte Angriff der USA auf den Irak mit dem Ziel, den damaligen Herrscher Saddam Hussein zu entmachten und schließlich zu ermorden, brachte neben einem weiteren Bruch des Völkerrechts noch eine Innovation mit sich. Aufgrund der negativen Erfahrungen mit unabhängigen Kriegsreportagen ersann man ein System, das mit dem Terminus Embedded Journalism bezeichnet wurde. Was mit der Einbettung von Journalisten gemeint war, wurde sehr schnell deutlich. Sie bekamen nur eine Akkreditierung, wenn sie sich vom amerikanischen Militär führen ließen und exklusiv über das berichteten, was diese Militärs ihnen zeigten. Die Unabhängigkeit der Berichterstattung war dahin und die staatlich sanktionierte Propaganda wurde zum Standard. Was damals zu einem Aufschrei im Gewerbe des Journalismus führte, gilt heute als normal.
Der Krieg in der Ukraine ist ein Paradebeispiel für diese Art des Paradigmenwechsels. Jeden Tag kann beobachtet werden, wie der Journalismus zur Partei verkommen ist – auf beiden Seiten. Und man könnte die Hände vor dem Gesicht zusammenschlagen und verzweifeln, gäbe es nicht ab und zu Ausnahmen, die zu wichtigen Einsichten führen. Patrik Baab, noch vor dem Erscheinen seines Buches vom vereinigten Propagandakonsortium bis hin zu Versuchen der existenziellen Vernichtung diskreditiert, hat sich der Gefahr ausgesetzt und sich die Mühe gemacht, beide Seiten der Front zu besuchen. In seinem Buch „Auf beiden Seiten der Front. Meine Reise in die Ukraine“ schildert er nicht nur die Auswirkungen, sondern auch die Entstehung des Krieges aus beider Sicht. Letzteres haben bereits andere zur Genüge dargelegt, was bei Baab allerdings besticht, ist die Präzision, mit der er die wirtschaftlichen Verflechtungen und Interessen beschreibt, die neben dem Aspekt der Geostrategie eine immense Rolle spielen.
Das Panorama, das angesichts von Baabs Beschreibungen entsteht, ist alles andere als eindeutig und dazu geeignet, das Bild von Schwarz und Weiß, von Gut und Böse zu zeichnen, welches die eingebetteten Journalisten jeden Tag bis zur Erschöpfung von sich geben. Was auffällt, ist die Dominanz der USA in der Regie wie in der Vertretung von Interessen: sowohl in Bezug auf wirtschaftliche Vorhaben als auch unter dem Aspekt von Geostrategie. Die jahrelangen Aktivitäten der NATO wie die zahlreichen Verträge durch amerikanische Konzerne sind ein Portfolio, das man unbedingt im Auge haben muss, wenn man sich ein Urteil bilden will.
Neben Geschichten von Einzelschicksalen, die immer dazugehören und die Baab in empathischer und stilistisch packender Weise zu erzählen weiß, sind die vielen Fakten des vorliegenden Buches eine echte Herausforderung. Dass er bei all den Details den Blick für das große Bild nicht aus den Augen verliert, beweist das letzte Kapitel, das den unheilvollen Titel trägt: Jalta: Promenade der Schlafwandler.
Das dort dargelegte Resümee sollte alle anregen, die noch nicht den Verstand verloren haben aufgrund der täglichen Beschallung durch den Eingebetteten Journalismus, der sich für keine unreflektierte Parteinahme zu schade ist. Patrik Baab liegt nicht im Bett einer Kriegspartei. Das macht die Lektüre so aufschlussreich.

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