Archiv für den Monat Oktober 2023

Kreuzfahrer: Mit Volldampf in den Ökozid!

Sollte die sich die Hypothese erhärten, dass die gegenwärtige Erderwärmung aufgrund des Wirtschaftens und Konsumierens der Gattung Mensch zurück zu führen ist, dann sind wir auf dem besten Weg zum kollektiven Suizid. Nicht etwa, weil die auf diversen internationalen Konferenzen beschlossenen Maßnahmen nicht konsequent umgesetzt würden oder nicht griffen, sondern weil sie in Summe in keinem Verhältnis stehen zur parallel und zeitgleich stattfindenden Produktion und Verwendung von Kriegsgerät. Nichts ist in der Herstellung fossiler und nicht bewirkt durch die Zerstörung wiederum größeren fossilen Aufwand. Die Militarisierung der Welt beschleunigt den Ökozid.

Umso erstaunlicher ist es, beobachten zu müssen, dass ausgerechnet die Parteien, die seit Jahren und täglich vor dem bereits stattfindenden Klimawandel warnen und gleichzeitig „Hier!“ schreien, wenn es um eine weitere Militarisierung der Politik geht. In keinem der momentan tobenden heißen Konflikte rufen sie zur Mäßigung auf und nirgends ist auch nur im Ansatz das Ansinnen auf eine groß angelegte, die Welt umfassende Friedensinitiative zu sehen. Sie haben sich dem Kreuzfahrertum verpflichtet, sie wollen den Rest der Welt nach ihrem Ebenbild gezeichnet wissen, unabhängig davon, wie das die überwältigende Rest-Menschheit sieht. 

Was bei der Beibehaltung der These von der Erderwärmung vonnöten wäre, ist eine groß angelegte Initiative zur Bewältigung dieser Herausforderung. International, global, systemübergreifend. Bis dato ist zumindest von den Parteien, die sich programmatisch für den Erhalt der natürlichen Lebensbedingungen ausgesprochen haben, außer einem bornierten und verkommenen Kriegsgeheul nichts zu hören. Das einzige, was ihnen einfällt, ist, die Systemkonkurrenz für die Entwicklung exklusiv verantwortlich zu machen. Dass in ihrer Hemisphäre der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie alles in der Welt toppt, fällt dabei vornehm unter den Tisch. 

Die Sicherheit, von der vor allem das Kriegsbündnis NATO immer wieder redet, bezieht sich, um das einmal zu verdeutlichen, nicht auf die Verteidigungsfähigkeit, sondern auf die Interventionspotenz. Zusammen mit den USA steuert das Konsortium auf eine Investition in militärische Ausrüstung und Infrastruktur von einer Billion US-Dollar jährlich zu. Die von diesen Ländern bestrittene Investition in Maßnahmen und Ideen zur Bekämpfung der klimatischen Veränderungen haben dabei nicht einmal die Dimension eines Pausenbrotes. 

Nichts ist verräterischer als die eigenen Taten. Und an diesen ist eine Politik zu messen, die sehr viel redet und die propagandistisch alles nutzt, um Angst und Schrecken in jeder Hinsicht, d.h. in Bezug auf feindliche Mächte wie in Bezug auf den Klimawandel zu verbreiten sucht, und genau das macht, was die gespenstische Spirale befeuert. 

Das, was dank der allgemeinen Einlullung der Öffentlichkeit in den Zentren der Militarisierung bis dato noch an Erkenntnis verwehrt ist, gehört im Rest der Welt bereits zum allgemeinen Wissensstand. Dass diese Art der Politik, die einerseits bei jeder sich bietenden Gelegenheit der Doppelmoral überführt ist und die gleichzeitig unfassbare Summen in Zerstörungsgerät von Mensch und Natur investiert, ihre Glaubwürdigkeit längst verloren hat, ist bereits ein globaler Gassenhauer. Nur im Spiegelsaal der Selbsttäuschung, da ist man noch trunken von Illusionen. Nur interessiert das den Rest der Welt herzlich wenig.

Die Schmerzen der Emanzipation

Jörg Thadeuz. Steinhammer

Ein Buch schreiben zu können, das unter verschiedenen Aspekten unter die Haut zu gehen vermag, ist ein großes Vermögen. Jörg Thadeusz ist dieses zumindest mit dieser Erzählung gelungen. Unter dem schlichten Titel „Steinhammer“, der Name einer Straße in Dortmund-Lütgendortmund, einem historischen Arbeiterviertel des Ruhrgebiets, erzählt er die Geschichte dreier Jugendlicher in der Nachkriegszeit. Präzise trifft er das, was als Lokalkolorit bezeichnet werden kann. Da tauchen Dialoge auf, die jeder kennt, der in dieser historischen Phase im Ruhrgebiet aufgewachsen ist und sie repräsentieren die geistige Lage nach dem Krieg und beim Wiederaufbau, mit all seinen Rudimenten von Traumata, Verdrängung, unverbrüchlichem Optimismus und Traurigkeit in einem. Allein diese Milieustudien sind die Lektüre wert, wären da nicht die drei biographischem Verläufe der Protagonisten. Ein Mädchen aus gutem Hause, die der Krieg in das Viertel verschlagen hat, der Sohn eines Kriegsversehrten, der einen Kiosk betreibt und die letztendlich entscheidende Hauptfigur. Der Stiefsohn eines Onkels, der dem Vater versprochen hat, falls er im Krieg fällt, sich seines Sohnes anzunehmen. Dieser selbst eine schillernde, aber typische Figur, seinerseits Inhaber eines Frisörsalons mit mehr oder weniger angegliederter Kneipe, in der mächtig getankt wird. 

Es geht um die Beziehung der drei Freunde untereinander. Die Liebe zwischen dem Ziehsohn des Frisörs und dem Mädchen und die Freundschaft beider mit dem Sohn des Kioskbesitzers, der seinerseits alleinerziehend ist, weil seine Frau früh verstarb. Es geht um erfüllte und unerfüllte Wünsche, es geht um den Drang, der Enge wie Engstirnigkeit zu entfliehen und es geht um das Band, das trotz unterschiedlicher Wege bis zu deren Tod bestehen bleibt. 

Das Mädchen geht nach Hamburg und schlägt eine bürgerliche Karriere ein, den Sohn des Kioskbesitzers treibt es nach Amerika und der eigentliche Protagonist, dessen Vorlage der real existierende Maler Norbert Thadeusz ist, wird zunächst Dekorateur und schafft es dann in die Kunsthochschule in Düsseldorf und avanciert zu einem angesehenen Maler. 

Das alles ist gewoben in einer gekonnt erzählten Handlung, die Spannung nicht missen lässt und das Werk wirklich zu einem Pageturner macht. Die Nachkriegsepoche im Pott wird exzellent eingefangen, genauso wie die Aufbruchstimmung der jungen Künstler in Düsseldorf, das in dieser Periode mit Figuren wie Joseph Beuys eine Strahlkraft entwickelte, die bis in die etablierten internationalen Metropolen der Kunst hineinreichte. 

So ganz nebenbei bekommt die Leserschaft einen Eindruck, welch großes Glück es war, über Kunst und Bildung dem von Kohle und Dreck geprägten Milieu zu entkommen. Und gleichzeitig fand diese Emanzipation unter großen Schmerzen statt, die geprägt waren von dem Gefühl des Verlustes aus der Not geborener menschlicher Nähe und der Selbstbezichtigung des Verrats. Keine der Biographien, die Jörg Thadeusz da mit empathischer Feder nachzeichnet, verläuft glatt und kein Befreiungsschlag gelingt ohne Wunden. 

Das alles macht „Steinhammer“ zu einem einfühlsamen, grundehrlichen Buch mit intellektueller wie mentaler Weite, aber immer fest im Griff der rauen Hand mit den dreckigen Fingernägeln, die im Ruhrgebiet dieser Zeit die Regie führte. Ich zumindest hatte lange Zeit kein Buch mehr in der Hand, das mich so in den Bann zog und berührt hat.