Archiv für den Monat September 2023

USA: Die wildeste Sau gewinnt den ersten Preis!

„Jetzt macht der Russe einmal das, was die USA seit 70 Jahren andauernd veranstalten, und alle verfallen in Schnappatmung!“ Diese Bemerkung eines älteren Herrn, dessen Hautfarbe und sonstige Stigmata hier unerwähnt bleiben sollen, kam mir gestern in den Sinn. Da ereignete sich nämlich der Militärputsch in Chile zum 50. Mal und viele erinnerten sich daran und schrieben darüber, was dieses Ereignis mit ihnen gemacht hat. Der Putsch beendete das südamerikanische Experiment, einen Regierungswechsel hin zu einer linken und demokratischen Regierung durch das Mittel von Wahlen zu bewerkstelligen. Das Militär unter General Pinochet putschte, der gewählte Präsident Salvador Allende erschoss sich als der Präsidentenpalast gestürmt wurde. Tausende wurden interniert, gefoltert und getötet, Oppositionelle wurde in 10.000 Metern Höhe über dem Pazifik aus Flugzeugen geworfen und wiederum Tausende flohen ins Ausland. Deutsche Politiker verbrüderten sich mit den Putschisten, wiederum andere mit den politisch Verfolgten. Das alles war unter der Regie amerikanischer Dienste geschehen und hatte den Namen Operacion Jakarta, weil man in Indonesien bereits einige Jahre zuvor Erfahrungen gesammelt hatte, wie man eine gewählte Regierung wegputscht. Die dortige Bilanz ließ sich ebenfalls sehen: 1,5 bis 2 Millionen Tote. 

Mittlerweile existieren einige Publikationen darüber, was tatsächlich seit Ende des II. Weltkriegs unter amerikanischer Regie oder mit direkter amerikanischer Beteiligung an gewaltsamen Umstürzen weltweit vonstatten gegangen ist. Die Liste ist lang, sehr lang, und sie übertrumpft alles, was die so genannte Systemkonkurrenz in dem gleichen Zeitraum veranstaltet hat. Das Glück der besiegten Bundesrepublikaner ist bis dato gewesen, dass sie es nicht gewagt haben, eine Regierung zu wählen, die ein anderes Bündnis suchte oder sich allzu selbstständig machte. 

Die in Zeiten des ausgehenden Lichtes gerne gestellte Frage, wenn man die USA so kritisch sähe, ob man vielleicht in Russland oder China leben wollte, entspricht, seien wir einmal ehrlich, der Logik aus dem kriminellen Milieu oder der völligen politischen Verwahrlosung. Zu präsent sind mir zumindest noch die Gegenfragen bei der Anklage gegen die Verbrechen in deutschem Namen, dass die „anderen“ auch nicht besser gewesen seien. Ja, wenn das so ist, dann dreht sich der Kreis und wer die wildeste Sau von allen ist, gewinnt den ersten Preis.  

Dass nun eine Regierung daherkommt, die sich ganz exklusiv für die Unterordnung unter die strategischen Interessen der USA entschieden hat und dieses verwegene Unterfangen auch noch versucht als Wertorientierung zu verkaufen, ist selbst in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland einzigartig. Selbst der Schein, ein eigenständiger Staat zu sein, der in seinem Kompass den eigenen Interessen folgt, zu denen materielle wie ideelle Werte gehören, wird nicht mehr gewahrt. Insofern ist der Ausdruck der Zeitenwende richtig gewählt. 

Wichtig ist auf dem Platz! Das ist nicht nur eine alte wie unumstößliche Fußballweisheit, sondern sie gilt für alles im Leben. Und da bleiben wir bitte bei der tatsächlichen Bilanz. Bei einer Bilanz, in der es um das Selbstbestimmungsrecht der Völker geht und nicht um Ressourcen oder von außen vorgeschriebene Regierungsformen. Und auf diesem Platz, nämlich dieser Welt, sind kleine Stolpersteine angebracht, auf denen die Namen der Länder stehen, in denen der gütige Onkel Sam mit einem rauchenden Peacemaker für seine Ordnung gesorgt hat: Und wir lesen: Korea, Vietnam, Laos, Kambodscha, Indonesien, Iran, Irak, Nicaragua, Serbien, Chile, Argentinien, El Salvador, Grenada, Afghanistan, Libyen – Chronisten kommen auf über vierzig gewalttätige Interventionen. 

Und nun denken Sie noch einmal über den eingangs zitierten Satz des zugegebenermaßen ungeliebten alten weißen Mannes nach! 

Management: stringentes Versagen und Insolvenzverschleppung

Manchmal ist es gut, in den eignen Erinnerungen zu kramen und die eine oder andere Erfahrung aus dem eignen Berufsleben abzurufen. Vor allem, wenn man mit Vorkommnissen konfrontiert ist, die einem eigenartig und ungewohnt vorkommen. Abgeglichen mit diesen eigenen Erfahrungen wäre es unvorstellbar, dass sich folgendes ereignet hätte:

Eine Organisation, die sich in bestimmten Zeitintervallen mit den Leistungen von Konkurrenten vergleichen muss, verpflichtet vor einem derartigen Ereignis einen erfahrenen Projektmanager mit guten Referenzen, um beim bevorstehenden Vergleich ein positives Ergebnis zu erzielen. Die ersten Tests vor dem Ereignis verlaufen vielversprechend und alle sind guter Dinge. Letztendlich entscheidet jedoch der Echt-Vergleich und als es endlich dazu kommt, ist das Ergebnis sehr ernüchternd. Noch bevor es zu einem Kräftemessen mit den tatsächlich gewichtigen Branchengegnern kommt, scheitert man bereits in der Vorauswahl. 

Im richtigen Leben, wie es so schön heißt, würde man sich in der Organisation zu einer nüchternen Manöverkritik zusammensetzen und anschließend Konsequenzen ziehen. In nicht nur einem vorliegenden Fall der aktuellen Situation jedoch hat man den Projektleiter lange reden lassen, obwohl er nicht die eigene Arbeit kritisch beleuchtete, sondern alle möglichen anderen Gründe angeführt hat, die für das Scheitern verantwortlich waren. Das waren die Berichterstattung, die schlechte Motivation und das fehlerhafte Agieren einiger Mitarbeiter, die allgemeinen Rahmenbedingungen und schlicht unglückliche Umstände. 

Der Vorstand der Organisation ließ – oder besser gesagt lässt – alles beim alten und behält die Projektleitung. Und man geht noch einen Schritt weiter und verlängert den Vertrag mit der bereits gescheiterten Projektleitung vor dem nächsten anstehenden Vergleich mit der Konkurrenz, um, so der eigene Wortlaut, keine Unruhe in die Organisation zu tragen. 

Wie sich ausrechnen lässt, kann aufgrund mangelnder Rückschlüsse aus dem ersten Scheitern kein zweiter Erfolg entstehen und auch der zweite Vergleich ist nicht nur ein Misserfolg, sondern er führt zu einer regelrechten Blamage, was die Reputation der Organisation insgesamt nachhaltig schädigt und die Position auf dem Markt ruiniert.

Die Organisation steht nicht nur in einem, sondern in mehreren analogen Fällen zu ihren Fehlentscheidungen. Ganz im Gegenteil, sie etabliert sie zur Regel.  Und eine Einsicht, es in Zukunft besser machen zu wollen, ist nicht in Sicht. Um zu dokumentieren, dass man mit dieser Art des Managements richtig liegt, holt man alte Galionsfiguren aus dem Arsenal und stellt sie vor sich selbst, um die eigene Unentschlossenheit und Unzulänglichkeit zu verstecken. Diese machen das Spiel eine zeitlang mit, bis auch sie merken, dass ohne grundlegende Änderungen keine Verbesserungen erzielt werden können.

Während dieser Manöver, die sich jenseits tatsächlicher Leistungen abspielen und nichts anderes sind als das Jonglieren mit symbolischen Handlungen, kommt die Organisation immer mehr ins Schlingern und verliert existenziell wichtigen Boden. Und alles, was jetzt noch geschehen kann, ist letztendlich eine Art Insolvenzverschleppung.

Nähme man dieses Szenario als Material für ein Management-Seminar, dann würde man zurecht von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern für die Banalität und Unglaubwürdigkeit des Beispiels gerügt, weil so ein stringentes Versagen und Kaschieren in der Realität einfach nicht stattfinden könnte. 

Blickt man auf die aktuellen Ereignisse im Sport und in der Politik, hätte man genügend Beispiele, um die Kritik zu entkräften.    

Fundstück: Die einfachen Prinzipien des Dean Mott

10.01.2016

Relativ klar sind die Bilder von einem Journalismus, wie er sein sollte. Es ist merkwürdig. Vieles, was heutigen Verwerfungen unterliegt, resultiert aus einer Verletzung von Grundsätzen, die irgendwann, in früheren Zeiten, geprägt oder übernommen wurden und die als unangefochtenes Grundgesetz in der Hall of Fame der Demokratie standen. Bei der Vorstellung der wesentlichen, positiven Merkmale eines für die Demokratie adäquaten Journalismus ist es genauso.

Zu bedenken dabei ist die Tatsache, dass der Übernahme guter journalistischer Prinzipien zunächst die Barbarei vorausging. Die Vorstellung von Radio, Rundfunk und Presse, die in Deutschland und im benachbarten Ausland während Diktatur und Krieg herrschte, war geprägt von Organen wie dem Stürmer und Protagonisten wie Joseph Goebbels. Da war aus Journalismus Propaganda geworden und diese Art der Massenbeeinflussung ist eine der tragenden Säulen des deutschen Desasters gewesen. Dass heute viele Menschen die Entwicklung in der deutschen Medienlandschaft nicht nur so kritisch, sondern auch so emotional hochgeladen verfolgen, hat sehr mit dieser Geschichte zu tun..

Bei der Lektüre der Biographien derer, die das Bild des guten Journalismus in der frühen Republik nicht durch ihre politische Haltung, sondern durch exzellentes Handwerk und einen Berufsethos geprägt haben, fällt auf, dass diese allesamt von den Siegermächten zu Hospitationen in ihre Länder geholt wurden. Und für den Journalismus, der heute so vermisst wird, übrigens auch dort, standen England und die USA. Ganze Schiffsladungen und Flugzeuge voller junger Journalisten führen über Kanal oder Teich, um zu lernen.

Eine der bis heute wohl bekanntesten Schulen für den Journalismus in den USA war die School of Journalism unter dem damaligen Dekan Dean Mott in Columbia, Missouri. Nach Angaben des österreichischen Journalisten Hugo Portisch, der auch dort hospitierte, waren es folgende, einfache Prinzipien, die Dean Mott den jungen Presseleuten mit auf den Weg gab:

„Nummer eins: Das Wichtigste für jeden von euch muss die persönliche Unabhängigkeit sein, keine Verbrüderung mit Politikern! Nummer zwei: ihr habt immer der Wahrheit verpflichtet zu sein, check, er-check, double-check – also überprüfen, nochmals überprüfen und selbst dann nochmals überprüfen – nämlich auf den Wahrheitsgehalt dessen, was ihr berichtet und kommentiert. Zusatz: Und wenn ihr euch irrt oder falsch informiert würdet, dann habt ihr dies so rasch wie möglich im gleichen Medium richtigzustellen. (…) Zur Wahrheitsfindung aber habt ihr zwei weitere Grundsätze zu beachten (…) immer auch die andere Seite anhören und (…) im Zweifel für den Angeklagten.“

Laut Portisch saßen diese Botschaften tief, weil sie für die aus Deutschland und Österreich angereisten Journalisten völliges Neuland waren. Jedenfalls wurden sie hierzulande adaptiert und waren lange Zeit die Essentials der Journalistenausbildung. Es gehört nicht viel dazu, sich ein Bild davon zu machen, inwieweit die heutigen Nachrichtenorgane sich diesem Codex des Journalismus verpflichtet fühlen. Bemerkenswert ist, dass die aus einem Zwangsmonopol zur Sicherung der Demokratie heraus finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten sich extrem weit von diesen journalistischen Grundsätzen entfernt und einen großen Schritt hin zu den Prinzipien von Propaganda, Vereinfachung und Emotionalisierung, gemacht haben. 

Die Ereignisse der Silvesternacht in Köln und anderswo waren wieder einmal auch aus der Perspektive des Journalismus ein herausragendes Beispiel für die grausame Qualität, in der sich die Berichterstattung befindet. Verzögerung von Meldungen, parteiische Darstellungen, das Heranziehen windiger Zeugen, die Fraternisierung mit Politikern etc., all dies wurde bestens illustriert. Die schlimmsten Propagandisten verdienen in den öffentlich-rechtlichen Anstalten 50.000 Euro und mehr pro Monat. Das kommt nicht von ungefähr, hinter der Etablierung von Propaganda steht ein politisches Design.