Archiv für den Monat September 2023

Luiz Ignácio Lula da Silva

In diesen Tagen musste ich oft an einen viele Jahre zurückliegenden Artikel denken. Er hieß „Un Occident kidnappé oder die Tragödie Zentraleuropas“ und erschien im Jahr 1983. In ihm beschrieb der Autor Milan Kundera eine Situation, in der er mit einem befreundeten Schriftsteller, dessen Manuskripte gerade bei einer Hausdurchsuchung durch den tschechischen Staatsschutz beschlagnahmt worden waren, durch die Straßen des nächtlichen Prag zog und sich beide überlegten, welchen europäischen Intellektuellen von Einfluß sie anrufen könnten, um auf das Unrecht hinzuweisen. Es herrschte die bipolare Ordnung in der Welt und in Prag ein autoritäres Regime. Kundera webt in diesem Artikel ein großes Netz, das die Misere dieser Form der Weltordnung vor allem der in Ost- und Zentraleuropa lebenden Intellektuellen beschreibt. Interessant war jedoch, dass die beiden verlorenen Seelen niemanden fanden, der ihnen aus dem Westen hätte mit seinem Namen und seiner Reputation helfen können. Der einzige, der ihnen einfiel, war Jean Paul Sartre. Der war jedoch gerade verstorben. Die Misere, die Kundera beschrieb, herrschte nicht nur im Osten, sie zeigte auch ihre ersten Charakterzüge im Westen.

Warum mir dieser Artikel nicht aus dem Kopf geht? Weil ich der Auffassung bin, dass wir uns wiederum in einer miserablen Situation befinden. Die Waffen sprechen, die mentalen Fronten verhärten sich und man spricht nur noch übereinander, aber nicht mehr miteinander. Und ich überlege, welche Stimme von Format sich erheben könnte, um einen Hoffnungsschimmer zu erzeugen. Und ehrlich gesagt, von den Intellektuellen erwarte ich nicht viel, dort habe ich die Suche aufgegeben. Hinzu kommt, dass die wenigen, die ihre Stimme erhoben haben, sehr schnell durch die neuen Formen einer totalitären Denkweise geächtet werden, sodass ihr Beispiel eher abschreckt als ermutigt.

Bei der Revue der Staatsmänner und -Frauen sticht allerdings eine Figur hervor, die durch ihr Leben und das, was sie politisch bewirkt hat und durch die eigene Unabhängigkeit. Sie gibt Anlass zur Hoffnung, weil sie die ideologischen Verfestigungen nicht akzeptiert und sich immer wieder erhebt und dem Konsortium der Imperialen in der Welt immer wieder die Leviten liest. Es handelt sich um den brasilianischen Präsidenten Lula da Silva.

Aufgrund seiner eigenen Entwicklung weiß er, was Armut, Bedürftigkeit und der Verlust von Würde bedeutet. Aufgrund seiner politischen Karriere weiß er, wie verletzlich Menschen sind, wenn sie der brutalen Maschinerie der Macht ausgesetzt sind und wie Kämpfe verlaufen, wenn das Reglement missachtet und mit unlauteren Mitteln gekämpft wird. Lulas Narben haben zu seiner Weisheit beigetragen.

Seine Einlassungen sind von unschätzbarem Wert. Ob er im eigenen Land seine Minister fragt, wie sie ihre Erfolge messen wollen, ob er einen deutschen Kanzler, der um Waffenlieferungen buhlt, wie Frage stellt, ob die Deutschen aus der Geschichte nichts gelernt hätten, ob er Friedensinitiativen zu einem Konflikt anmahnt, der geographisch weit von seinem eigenen Land entfernt ist oder ob er in der UN-Vollversammlung die westliche Wertegemeinschaft fragt, ob es nicht an der Zeit wäre, Julian Assange freizulassen – auf Lula ist Verlass, wenn die Maßstäbe von Glaubwürdigkeit und einem redlichen Humanismus noch eine gewisse Geltung haben.

Analog zu Milan Kunderas Aufsatz müsste heute der Titel heißen „Un Monde kidnappé oder die Tragödie der globalen Selbstgewissheit. Aber es existiert noch eine Stimme von Gewicht, die Anlass zu Hoffnung gibt. Es ist die von Luiz Ignácio Lula da Silva!

Fundstück: Im Hafen der Einsamkeit

Das Phänomen ist allen bekannt. Es geht um soziale Beziehungen. Sie entstehen und vergehen wie alles im Leben. So ist das nun einmal. Was aber immer wieder überrascht, sind die Umstände, wie sie zu Ende gehen. Entstehen tun sie zumeist aus Zufall. Da begegnet man Menschen bei irgend einer Gelegenheit, oder man teilt mit ihnen eine bestimmte Phase der Biographie und es entsteht so etwas wie eine gemeinsame Wellenlänge. Oder es sind gravierende Unterschiede, die so markant sind, dass sie das gegenseitige Interesse erwecken. Uns so entwickelt sich eine Bindung, die für einen bestimmten Zeitraum Bestand hat. Was in derartigen Anbahnungsstadien selten bewusst ist, das ist das Temporäre. Gedanken darüber entstehen zumeist erst dann, wenn die gemeinsame Zeit vorbei ist.

Ohne zu diffizil mit der Frage umgehen zu wollen, sei erlaubt festzustellen, dass in der Regel gemeinsame Interessen das leitende Motiv einer sozialen Beziehung sind. Solange diese Grundlage gegeben ist, scheint auch der Bestand gesichert. Und wenn das gemeinsame Interesse nicht mehr zugrunde liegt, dann brechen selbst Beziehungen auseinander, die Jahrzehnte gehalten haben. Das Besondere am Leben ist eben doch die jeweilige individuelle Entwicklung, die immer wieder bestimmte Bedürfnisse und Reize hervorruft, die manchmal eben auch nicht teilbar sind.

Was herauszuhören ist, wenn vor allem lange und sehr lange soziale Bindungen zu ihrem Ende kommen, ist zumeist eine große Enttäuschung und Verbitterung. Manchmal ist der Anlass für die Entscheidung, einen eigenen, anderen Weg zu gehen und ihn nicht mehr mit einem bestimmten Individuum teilen zu wollen, derartig lapidar, dass es die abgewiesene Seite als ihrer nicht würdig betrachtet. Das lässt sich nachvollziehen, unterliegt aber einem Trugschluss. Anlass und Ursache liegen besonders im Falle sozialer Bindungen weit auseinander. Da hat sich in der Regel schon seit langer Zeit eine Dissonanz ergeben, über die die Sozialpartner lange hinweggesehen haben, aber irgendwann nimmt diese Dissonanz eine Dimension an, die zumindest eine Seite nicht mehr ertragen kann.

Eine der klügsten Begründungen, die mir in einem solchen Fall einmal untergekommen ist, war der Satz „es ist, wie es ist.“ Damit wurde nicht versucht, den Stellenwert der Langlebigkeit sozialer Bindungen zu überhöhen. Es geht nicht darum, Menschen, die den Verlust einer sozialen Bindung zu beklagen haben, zu trösten. Denn das haben sie nicht nötig, wenn sie ihr Leben an dem ausrichten, was es ist: Eine Reise, die über verschiedene Orte und Meere geht, die für Personen, soziale Arrangements und lokale Spezifika stehen, und die irgendwann dort endet, wo alles anfing: Im Hafen der Einsamkeit. 

Wer sich dessen bewusst ist, der weiß mit dem wertvollen Gut der sozialen Bindung, das sehr zerbrechlich und vergänglich ist, dennoch umzugehen. Er oder sie weiß und wird wissen, dass der Augenblick der eigenen Existenz ebenso vergänglich ist wie alles, was mit ihr zusammenhängt. Da es sich dabei um eine Faktum handelt, das weder durch wissenschaftliche oder technische Entwicklungen in seinem Wesen veränderlich ist, warum sich darüber grämen? Es ergibt keinen Sinn.

Glück ist der Zustand, in dem das Individuum mit sich und seinen Wünschen im Einklang steht. Das gelingt nicht, wenn das Leitmotiv aus Trugschlüssen besteht.

15.06.2017

Zwei Arten von Regime Change

Grundsätzlich ist gegen ein Regime-Change nichts einzuwenden. Sollten die Bedingungen erfüllt sein, die Wladimir Ilic Lenin einmal lapidar mit dem Satz beschrieben hat, dass die Voraussetzungen für eine Revolution dann gegeben seien, wenn die Oben nicht mehr können und die Unten nicht mehr wollen. Wenn also die Bedingungen von innen heraus gegeben sind, dann spricht vieles für einen Regime-Change. 

Es verhält sich allerdings anders, wenn die Situation von außen manipuliert und zugespitzt wird. Wenn eine dritte Macht bezahlte Agent Provocateurs in einem fremden Land rekrutiert, bezahlt und dazu anstachelt, ein Bild zu erzeugen, das suggeriert, dass die Unten nicht mehr wollen. Um gleichzeitig Informationen zu verbreiten, dass die Oben auch nicht mehr können. In der geheimdienstlichen Fachsprache nennt man eine derartige Intervention ein Framing. 

In der jüngeren Geschichte, und damit ist die Periode vom Ende des II. Weltkrieges bis heute gemeint, haben sich einige Regime-Changes ereignet. Das Interessante dabei ist, dass eine qualitative Zäsur zwischen denen, die von innen heraus entstanden und denen, die von außen initiiert wurden. Die von außen geframten kamen häufiger vor als die von innen heraus. Und sie haben in keinem Fall zu einer Verbesserung der Verhältnisse geführt. Die Länder wurden weder demokratischer, noch führten die von außen gesponserten Revolutionen zu einer Verbesserung der Lebensverhältnisse eines Großteils der Bevölkerung. Meistens forderten diese Art der Regime Changes einen hohen Blutzoll. Insgesamt säumen Millionen Tote diese Art der Veränderung der politischen Verhältnisse von außen. Indonesien, Chile, El Salvador, Nicaragua, Iran, Irak, Argentinien, Libyen – die Liste ist lang und die Resultate sind verhängnisvoll. Pate und Instrukteur: USA. 

Die eingangs gemachte Äußerung, dass gegen Regime Changes generell nichts einzuwenden ist,  hat, zumindest was die jüngere Geschichte anbetrifft, eine Voraussetzung: dass sie von innen heraus geschehen und ohne Beteiligung von außen durchgeführt werden können. Und, betrachtet man zumindest die europäische Bilanz, sind in den Fällen, bei denen autoritäre Regimes gestürzt wurden und die ohne Beteiligung der USA vonstatten gegangen sind, die Resultate positiv. Wir reden von Griechenland, von Portugal und von Spanien. In allen drei Fällen wurden autoritäre Militärdiktaturen gestürzt und die Veränderungen tatsächlich von einem Großteil der Bevölkerung getragen. Und es lässt sich dokumentieren, dass die Verhältnisse sich für den Großteil der Bevölkerung verbessert haben, ohne dass bluttriefende Perioden dazu erforderlich gewesen wären.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion war ein grandioser Umbruch, der eine ganze Reihe von Regime Changes zur Folge hatte. Die wurden sehr schnell in den Kampf um die Neuordnung der einstigen bipolaren Welt unter die Vorherrschaft der USA gezogen und mussten sich positionieren. Die Versuche, das Wiedererstarken Russlands zu verhindern, haben alle Möglichkeiten einer friedlichen Entwicklung innerhalb einer gesamteuropäischen Sicherheitsarchitektur im Keim erstickt. 

Die Konsequenzen, die sich aus dieser Betrachtung ergeben, sind einfach zu formulieren: Wenn die Souveränität eines jeden Landes anerkannt wird, über den Weg, den es gehen wird, von innen heraus zu entscheiden, sind die Vorzeichen für einen Regime Change als durchaus verheißungsvoll zu bezeichnen. Wenn von außen interveniert wird, wenn Konflikte in Länder getragen und als unüberbrückbar deklariert werden, dann versinken diese Länder für nicht unerhebliche Zeiträume im Chaos. Wer solche Geschäftsmodelle präferiert, hat in der Zivilisation nichts verloren.