Archiv für den Monat August 2023

Frauenfußball: Vom Kapitalismus an den Arsch gefasst!

Fiete, zugegeben ein alter weißer Mann, seit Kindesbeinen zuhause im einstigen Männermetier Fußball, prognostizierte schon früh, vor nahezu 20 Jahren, wohin das führen wird, wenn die Frauen das Spiel mit dem Ball für sich entdecken. Erst, so Fiete, werden sie ausgelacht werden und vieles wird sehr unbeholfen aussehen im Vergleich zu den Künsten der Männer. Aber sie werden weitermachen, immer besser werden und irgendwann füllen sie auch die Stadien und werden Titel holen. Und Fiete hat Recht gehabt. Und dann, so unkte er weiter, dann wird sie der Kapitalismus als Markt entdecken und ihnen genauso an den Arsch fassen wie den Männern. Sie werden für beschissene Produkte werben, sie werden sich die Taschen mit allem möglichen Scheiß vollstopfen, über sie wird berichtet werden, mit wem sie’s treiben, welche Schicksalsschläge sie erleiden und zu welchem gottverdammten Verein sie für wieviel Geld wechseln. Dann wird das Spiel nebensächlich und auf Dauer geht auch diese schöne Sache vor die Hunde.

Ich kenne Fiete schon ewig. Ich habe ihn immer gemocht. Und ich mag diesen alten weißen Knacker immer noch. Denn er hat nie ein Blatt vor den Mund genommen und immer einen untrüglichen Riecher für Entwicklungen gehabt. Und, als er mir damals, vor gut 20 Jahren, diese Geschichte erzählte, musste ich zugegebenermaßen ein bisschen lachen, denn ich hielt Fietes Prognose für übertrieben. Da lag ich daneben, denn genau das, was er damals beschrieb, ist heute zu beobachten. 

Längst haben sich die Frauen im Fußball etabliert, längst kann man sich als alter, eingefleischter Experte des schönen Spiels ihre Künste ansehen und zum Teil sind sie so gut, dass selbst die alten weißen Männer mitfiebern. Längst haben sie Titel geholt und seit langem wird über das Geld geredet. Noch unter dem Titel Equal Pay, aber auch das wird sich ändern. Vieles der bereits gängigen Geschäftsgebaren liegt noch im Schatten, aber irgendwann wird man es überall lesen können, die Gehälter, die Transfersummen und die Prämien.  

Und längst ist die mediale Meute den kickenden Frauen auf den Fersen. Zum Teil wurde der Hunger nach Privatissima und Details vom DFB selbst befördert, indem man Image-Filme drehte. Und schon ist das Boulevard omnipräsent. Als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, wird während einer WM, dem größten Event dieses Sports, von symbolträchtigen Kapitänsbinden, von einer Gürtelrose der Trainerin, der gleichgeschlechtlichen Ehe einer Spielerin oder der zerrütteten Ehe einer Torgarantin berichtet. Der Fußball, d.h. das Spiel, seine Entwicklung, die Taktik und der sportliche Vergleich mit dem Gegner sind längst in den Hintergrund geraten. Produktwerbung und belangloser Gossip sind auf dem Vormarsch. Wie im Männerfußball, der spätestens seit Transferzahlungen zum Äquivalent eines Airbusses zum Superlativ der Perversionen verkommen ist.

Fiete hatte, wie so oft, Recht: Der Kapitalismus hat dem Frauenfußball längst an den Arsch gefasst!  

Nicht alles jenseits von Gut ist automatisch Böse

Michael Lüders. Moral über alles? Warum sich Werte und nationale Interessen selten vertragen

Es stimmt tatsächlich! Wer sich informieren und andere Betrachtungsweisen und Argumentationslinien kennenlernen will als es der gebrüllte, indoktrinierende Konsens auf den ersten Blick vermuten lässt, kann dieses tun. Und, um Missverständnissen vorzubeugen: auch auf der anderen Seite befinden sich „Expertisen“, die nicht selten abstrus daherkommen, die in einer flachen Polemik ersaufen und wenig überzeugend sind. Allerdings lassen sich jenseits der überall ertönenden offiziellen Sichtweise dennoch Stimmen finden, die es wert sind, gehört zu werden. Eine davon ist die des Politologen und Islamwissenschaftlers Michael Lüders. In zahlreichen Publikationen hat er seine Kenntnisse über den Nahen Osten nachgewiesen und zur Dechiffrierung vieler Tendenzen beigetragen, die in diesem Teil der Welt eine gehörige Rolle spielen und bei der politisch-plakativen Schwarzweiß-Zeichnung vor allem amerikanischer Außen- und Militärpolitik nicht sichtbar werden. 

Die neueste Publikation von Michael Lüders widmet sich allerdings ureigensten, deutschen Belangen, die sich mit dem politischem Selbstverständnis hierzulande und den Auswirkungen auf die deutsche Außenpolitik befassen. „Moral über alles? Warum sich Werte und nationale Interessen selten vertragen“ heißt das Buch und es und in ihm seziert der Autor auf unterschiedlichen Feldern, wie sich ein über allem stehender Moralismus auf die Wahrung der eigenen Interessen in negativem Sinne auswirken kann. 

Er beginnt mit dem Drama um die PCK-Raffinerie Schwerdt an der Oder, die dem erklärten Krieg gegen Russland geopfert wurde und setzt sich in diesem Zusammenhang mit den verheerenden Auswirkungen auf die eigenen Interessen der Sanktionen gegen Russland auseinander. Seine These: die Sanktionen schaden denen, die sie verhängen, mehr, als dem vermeintlichen Feind. Es folgt ein Schwenk auf die Politik gegenüber Katar und der zum Teil grotesken Performance der Bundesregierung gegenüber dem Staat. Einerseits Bittsteller in Bezug auf Öl und Gas, andererseits zutiefst empört über dortige Vertragsverhältnisse beim Bau der WM-Stadien und Ankläger in Bezug auf individuelle Freiheiten, besonders gegenüber denen der sexuellen Orientierung. 

Ein weiterer Exkurs ist der NATO gewidmet, die ihrerseits als Militärposten der USA fungiert, zunehmend einen politischen Riss durch Europa zieht und sich auf Kosten Europas insgesamt zu einer globalen Kriegsorganisation gemausert hat. In diesem Kontext setzt sich Lüders noch einmal mit dem Entstehen des Ukraine-Konflikts auseinander und dokumentiert damit die Unhaltbarkeit der These von einem plötzlichen Überfall Russlands auf ein souveränes Land. 

Die These von dem aggressiven Charakter der NATO wird auch anhand der zunehmenden Aktivitäten der Bündnispartner gegenüber China unterlegt,  ganz im Interesse der USA, die China als den Gegner par excellence ohne Rücksicht auf europäische Interessen ausgerufen haben. Und so operiert nun ein nordatlantisches Verteidigungsbündnis mit Kriegsmaterial direkt vor der chinesischen Haustür im südchinesischen Meer. Allein die geographische Beschreibung der Vorgänge illustriert die Absurdität dieser Politik.

Ein Ausblick dieses faktenreichen wie sachlich gehaltenen Buches mündet in der Gegenüberstellung von Transatlantiker und Pro-Europäer und muss als ein Plädoyer für die Wahrnehmung  der eigenen deutschen wie europäischen Interessen begriffen werden. 

Der Moralismus in der Politik führt zu eigenartigen Konstellationen, denen nicht selten die eigenen Interessen zu Opfer fallen. Nicht alles jenseits von Gut ist automatisch Böse.