Archiv für den Monat März 2023

Granaten aus dem Friedensfond

Anscheinend ist noch nicht genug verdient worden am Krieg. Anders kann die Renitenz, mit der sich das westliche Kriegskonsortium gegen jede Art der Vermittlung stellt, nicht erklärt werden. Dass die Maximalforderung einer Seite nicht das Entrée für Verhandlungen sein kann, weiß jeder kleine Kaufmann. Ob das die Chargen, die momentan die Verantwortung tragen, wissen, sei dahin gestellt, vieles spricht dafür, dass sie es nicht tun. Entscheidend ist jedoch, dass sie es nicht wollen. Sie können Kriege provozieren, denn das haben sie nachweislich getan, sie können Kriege befeuern, das tun sie täglich, Kriege gewinnen, das können sie nicht, und Kriege beenden, das können und wollen sie ebensowenig. Wer also auf ein Ende mit Schrecken setzt, der ist auf jeden Fall bei ihnen gut aufgehoben. 

Man muss sich die Situation vor Augen führen. Die Überlebensperspektive derer, die momentan zur Frontlinie geschickt werden, beträgt maximal 12 Stunden. Auf beiden Seiten. Wer da von Endsieg faselt, ist entweder eine mit Koks zugedröhnte Edelkomparse oder eine von allen zivilisatorischen Zweifeln gesäuberte Figur, der ein pädagogisches Sonderprogramm besser zu Gesicht stünde als ein politisches Amt. Sie können über „die andere Seite“ und ihre Grausamkeiten soviel erzählen, wie sie wollen. So, wie sie auftreten, so, wie sie argumentieren und so, wie sie sich in Szene setzen, lasen sie nichts besseres erwarten. Diese sinnentleerten, exklusiv auf Destruktion gerichteten Quasselstrippen, denen täglich ein großes Forum in einer längst untergegangenen Welt geboten wird, sie werden es nicht richten. 

Kürzlich hörte ich den Satz, dass das politische Trauerspiel, das hier in unserer eigenen Welt geboten würde, nur ein Test sei, um zu sehen, ob es ihn noch gibt: Odins Hammer. Das schien mir doch etwas verwegen. Was der Mensch mit dieser Formulierung meinte, war allerdings der Aufstand. So, wie wir konditioniert sind, könnte gleich der Verdacht aufkommen, es handele sich um jemanden, der einer verdächtigen politischen Gesinnung verpflichtet fühlt. Aber, seien wir ehrlich, sind die in einem nicht mehr verträglichen Kauderwelsch verfassten Reden über die Freiheit von Waffenlieferanten, Kriegstreibern, Kolonialisten und Imperialisten besser? In welchen Strudel sind wir geraten, dass dieser Wahnsinn, nicht das Feuer oder, wie erwähnt, den Hammer erntet, den er verdient?

Am Tag, als der chinesische Präsident nach Moskau fuhr, um über ein mögliches Ende des Krieges zu sprechen, beschloss die EU eine Lieferung von einer Millionen Granaten an die Ukraine. Finanziert wird diese aus dem europäischen Friedensfond. Allein diese Tatsache verkörpert die ganze Perversion dieser Vereinigung. Wer das Schicksal der EU exklusiv an die militärische Ausrichtung der NATO unter der Diktion der USA bindet, hat das Projekt bereits aufgegeben. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass dort bereits die Insolvenzverwalter am Werk sind, die dabei sind, die restlichen Happen auszubeinen und wohl dekoriert über den Atlantik zu schicken. Die Meldung über das Projekt VW in South Carolina könnte beredter nicht sein.

Bleibt zu hoffen, dass das Gewicht auf diesem Planeten sich zumindest in der Kriegsfrage bereits soweit verschoben hat, dass eine glaubhafte Perspektive auf einen Waffenstillstand und Frieden entsteht. So, wie es aussieht, haben sowohl die Ukraine, die in der Form vor dem Krieg bereits Geschichte ist, als auch die Staaten der EU das Verliererlos gezogen. Weitermachen? Nein!  

Verschwörungstheorie und Ambiguitätstoleranz

Kürzlich hielt ein von mir sehr geschätzter Psychiater in kleiner Runde ein Referat über das Thema „Verschwörungstheorie“. Obwohl ich ein wenig befürchtet hatte, dass das durchaus wichtige Thema und verbreitete Phänomen unter seinem inflationären Gebrauch in den Sozialen Medien und in der Politik leiden würde, war dieses nicht der Fall. Der Mann wollte der Sache sowohl phänomenologisch als auch neurologisch und medizinisch auf den Grund gehen und landete bei seinem Exkurs zunächst – wen sollte es wundern – bei der Komplexität der Welt. Das ist eine seriös zu nehmende Feststellung, auch wenn sie im politischen Exkurs sehr oft als Totschlag-Argument bemüht wird, wenn andere, nicht konforme Deutungen artikuliert werden. Was aber dann folgte, quasi als mental zu nennende Bedingung und Strategie, um in einer komplexen Welt bestehen zu können, in der nicht jedes Phänomen gleich erklärt werden kann, war die Ambiguitätstoleranz.

Bei der Ambiguität handelt es sich um nebeneinander existierende Phänomene, die nicht unbedingt konkordant miteinander sind, die in ihrer Ko-Existenz verstören können und nicht zueinander passen.  Diesen disparaten Zustand tolerieren zu können, ist nicht nur hohe Kunst, sondern auch eine Grundvorraussetzung, um in derartigen Situationen bestehen zu können. 

So ist es kein Wunder, dass diese Ambiguitätstoleranz zu einer der wichtigsten Kernkompetenzen für auszusuchendes Führungspersonal ist. Jemand, der nicht in der Lage ist, bei einer größeren Anzahl von Unwägbarkeiten kühlen Kopf zu bewahren und sich trotz brennender Probleme nicht aus der Ruhe bringen zu lassen, die vernünftige, tragfähige Entscheidungen erfordert, fällt durch das Raster bei der Auswahl von geeignetem Führungspersonal.

Eine Assoziation ging mir bei dieser Stelle nicht aus dem Kopf: Wie kann eine materialistische, technokratische Welt, in der permanent gemessen, gewogen und gezählt wird, wie sie wir hier im Westen repräsentieren, gegen die z.B. asiatische Fähigkeit, in der das Balancieren zwischen unterschiedlichen, sich widersprechenden Optionen von Kindesbeinen an zu den täglichen Übungen gehört, jemals ohne die Anwendung von Gewalt bestehen? Sieht man sich den Verkehr zwischen den unterschiedlichen Kulturen der Betrachtungsweise an, der in Form der Außenpolitik geregelt wird, dann offenbart sich das ganze Debakel. Seitens des Westens Drohungen, Ultimaten und Sanktionen, von Ambiguitätstoleranz keine Spur, es sei denn ein kurzfristiger Vorteil drängt sich auf. Von der anderen Seite des Tisches wird das genau registriert und es hat zu dem Abstieg geführt, der momentan weltweit zu spüren ist.

Und andererseits, bei der Betrachtung der hiesigen Akteure, die so gern mit dem Argument der Komplexität daherkommen: wer von ihnen weist ihrerseits oder seinerseits die Voraussetzung einer eigenen Kompetenz von Ambiguitätstoleranz auf? Wer in einem Handlungsrahmen unterwegs ist, der mit dem berühmten „There is no Alternative“ beschrieben ist, sollte das Wort Ambiguität erst gar nicht in den Mund nehmen. So grotesk es erscheint, sind diejenigen, die auf die Komplexität der Phänomene verweisen, selbst in keiner Weise dazu geeignet, mit ihr umzugehen. 

Insofern ist der psychologische und psychiatrische Blick auf das Phänomen der Verschwörungstheorie ein wichtiger Beitrag, um das gegenwärtige Handeln im politischen Diskurs einordnen zu können. Der Vorwurf, es handele sich bei anderen Deutungsversuchen um eine krankheitsbedingte Vorgehensweise, entstammt nicht selten aus einer längst pathologisch identifizierten Bestimmtheit. Oder ganz einfach ausgedrückt: wer selbst nicht in der Lage ist, ohne Gewaltausbrüche mit Unwägbarkeiten umzugehen, sollte seine eigene Unfähigkeit nicht auf andere projizieren. Im politischen Diskurs ist es um die Ambiguitätstoleranz schlecht bestellt.