Archiv für den Monat Februar 2023

Die NATO, 9/11 und die Nordstream Pipeline

Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York City im Jahre 2001, bis heute bekannt unter dem Schlagwort 9/11, geschahen Dinge, die angesichts aktueller Entwicklungen eine neue Dimension bekommen. Der damalige Präsident der USA, George W. Bush junior, brachte es nämlich fertig, dass die NATO den Bündnisfall ausrief. Zugeschrieben wird die Tat, zumindest von offizieller amerikanischer Seite, bis heute der Organisation Al Quaida. Diese wiederum war keine staatliche Organisation, sondern ein Zusammenschluss von dem politischen Islam anhängenden Menschen zumeist aus Afrika und Asien. Pikant bei der Geschichte war die Tatsache, dass die USA ihrerseits Al Quaida während des Krieges der Sowjetunion in Afghanistan finanziell und logistisch unterstützt hatte. Entscheidend war nun jedoch das Faktum, dass die NATO-Mitgliedsstaaten das Spiel mitmachten und den Bündnisfall beschlossen. D.h. die NATO-Staaten befanden sich im Krieg mit einer multi-ethnischen, auf Freiwilligkeit basierenden Organisation. Ein Präzedenzfall, der in der Statuten der Organisation nicht vorgesehen war. 

Fühlten sich die Mandatsträger der Bundesrepublik Deutschland so souverän wie damals George W. Bush junior und sähen sie in der Zerstörung der Nordstream Pipelines in der Ostsee einen Sabotageanschlag auf die Bundesrepublik Deutschland, dann müssten sie bei bloßem Verdacht auf eine externe staatliche Macht den NATO-Bündnisfall anstreben. Da jedoch, da nun mehr als vieles dafür spricht, dass die USA den Anschlag verübt haben, der Bündnisfall gegen ein anderes, und zwar das mächtigste NATO-Mitglied ausgesprochen werden müsste, wird das ganze Dilemma offenkundig. 

Es handelt sich dabei nicht um ein solitäres Dilemma der NATO. Letztere hat sich seit 9/11 in höllischem Tempo von einer intendierten Verteidigungsgemeinschaft zu einem imperialistischen Interventionsbündnis gewandelt. Die traurige Rolle der Bundesrepublik bestand in diesem Prozess darin, dass sie den exklusiven Verteidigungsgedanken, der im Grundgesetz stand, abschrieb, die eigenen Streitkräfte auf Intervention umstellte und unter dem Schirm der aggressivsten Macht des Bündnisses schlafwandelte. Konstatiert man, dass sich der Fall so abgespielt hat, wie es der amerikanische Investigativ-Journalist Seymour Hersh nachgezeichnet hat, dann hat ein NATO-Mitglied gegen ein anderes NATO-Mitglied einen Terroranschlag verübt. Alle wissen es, und keiner sagt etwas. Die Botschaft, die dieses „Bündnis“ damit in die Welt aussendet, ist eindeutig: das kann nicht mehr lange gut gehen. Und wer auf Zeit setzt, macht auf keinen Fall einen Fehler. 

Das eine, nämlich das politische Debakel, wird bei dieser Geschichte eskortiert von dem anderen, nicht minder besorgniserregenden, nämlich dem medialen. Was sich nach der Veröffentlichung der Recherchen von Hersh in der hiesigen Medienlandschaft abspielte, ist eine wunderbare Dokumentation dafür, dass ehemalige gut bürgerliche Nachrichtenorgane längst zu kriminellen Vereinigungen mutiert sind. Noch in der Nacht wurde der deutsche Wikipedia-Eintrag zu Seymour Hersh so manipuliert, dass bei der Lektüre suggeriert wird, der Mann habe immer am Abgrund von Verschwörungstheorien gestanden. Im SPIEGEL war der Journalist von Weltruf plötzlich ein umstrittener Blogger. Die Handhabung eines Falles von nationaler Tragweite als ein Hirngespinst von Hysterikern deutet noch einmal auf die Notwendigkeit hin, sich nicht mehr mit dieser Art der Journaille, sondern mit denen auseinanderzusetzen, die diese Propaganda-Organe besitzen und instruieren. Die mit der systematischen Verbreitung von Unwahrheiten die staatlichen Institutionen  zerstören und Kriege glorifizieren. Verdienen werden sie, die nicht mehr lange so unbekannt sind, wie sie sich wähnen. Und die, die für diese Machenschaften wie immer bezahlen sollen, werden es nicht mehr hinnehmen. Und ansonsten? Fordern wir doch den Bündnisfall!  

Ein wunderbares Fallbeispiel für den Kampf um imperiale Vorherrschaft

Simon Scarrow. Feuer und Schwert

Selbst der Autor, Simon Scarrow, hat sicherlich nicht bei der Konzeption und Niederschrift der Koinzidenz-Geschichte von Napoleon und Wellington daran gedacht, dass der Vergleich dieser beiden Generäle einmal als eine sehr bereichernde Folie für die Zeitgeschichte werden würde. Im dritten Band dieser Tetralogie, „Fire and Sword. 1804. Napoleon has Europe ins his sights. Wellington will do anything to stop him. Who will win?“, sind die beachtlichen Triumphe beider bereits historisch dokumentiert. Doch während Napoleon es mittlerweile fertig gebracht hat, sich zum Imperator mit monarchistischer Macht aufzuschwingen, kämpft, weiterhin unter dem Namen Wellesly, das britische Pendant immer noch um Anerkennung und die ihr entsprechende Stellung.

Das British Empire wirkt allzu saturiert und das Ancienitätsprinzip steht vor dem der Leistung. Während Wellington und die ihn unterstützenden politischen Kreise dieses ändern wollen, in dem sie den Kampf um die Vorherrschaft durch eine direkte, finale Auseinandersetzung mit dem Rivalen Frankreich auf die Tagesordnung setzen, haben auf der anderen Seite die Erfolge Napoleon zunehmend von der Einschätzung der Realität entfernt. Der Konflikt ist geostrategischen Natur. Diese Einschätzung teilen die beiden Protagonisten. Nur die Rezeption der tatsächlichen Kräfteverhältnisse könnte unterschiedlicher nicht sein.

In dem Band zeigt sich zum einen, wie geopolitische Machtkämpfe ausgetragen werden. Sie finden zunächst an der Peripherie statt, in diesem Fall geht es um die maritim strategischen Stützpunkte Dänemark und Portugal. Und in beiden Fällen wirken die von Wellington beratenen Briten schneller und entschlossener. Während Napoleon seine Kräfte binden musste, um seinen Bruder Josef in Spanien auf dem Thron etablieren zu können, beschlagnahmten die Briten die dänische Flotte und warfen die französischen Streitkräfte aus Portugal.

Auf französischer Seite ist zunehmende Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung wie in der Grande Armee zu verspüren, das Land ist zunehmend strategisch überdehnt und eine logische Konsequenz sind Risse in der Administration. Hinzu kommt der von Napoleon bewusst eingesetzte Nepotismus und die um sich greifende Korruption. Dass da Gerüchte aufkommen, die durchaus realistische Nahrung haben, dass an einem Umsturz gearbeitet wird, liegt auf der Hand. 

Die Resultate militärisch gar nicht mehr so glorreicher Erfolge wie die Schlacht bei Austerlitz sind vage diplomatische Hoffnungen. Der von Napoleon forcierte Friede mit Russland ist ein Wunschkonstrukt mit eingefasstem Verfallsdatum. Und der Rigorismus des Korsen ersetzt nicht die Notwendigkeit umsichtiger Diplomatie.

Während die Risse im napoleonischen Imperium zunehmend deutlich sichtbar werden, setzt Wellington, wie bereits seit langer Zeit, auf nüchterne Analyse, logische Operation und eine nun auch in der Londoner Machtzentrale geschätzte Systematik. 

Insofern sind die Zeichen für den weiteren Verlauf bereits sehr gut deutbar. Auch hier entwickelt die Schilderung Scarrows ein wunderbares Beispiel dafür, was passiert, wenn um die Vorherrschaft ringende Imperien aufeinandertreffen. Auch dieses Buch liefert eine Wagenladung an historischem Material, das zum Nachdenken über die aktuellen Geschehnisse auf der Welt reichlich einlädt.   

  • Herausgeber  :  Heyne Verlag; Deutsche Erstausgabe Edition (14. September 2020)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  816 Seiten
  • ISBN-10  :  3453471695
  • ISBN-13  :  978-3453471696
  • Originaltitel  :  Fire and Sword