Archiv für den Monat Januar 2023

S-Bahn-Station Yorckstraße: Nächtliche Begegnung

Neulich, in den frühen Morgenstunden, beim Verlassen der S-Bahn-Station Yorckstraße, tanzte mir in der nächsten Seitenstraße ein Mann entgegen. Er schien bester Laune, vielleicht auch ein wenig beschwipst zu sein. Immer wieder rief er laut den Namen unserer Kulturstaatsministerin in die Nacht und klatschte dabei laut in die Hände. Zumeist gefolgt von dem Satz: das kannst du dir nicht ausdenken! Als ich mich ihm näherte, kamen mir bestimmte Züge des Mannes bekannt vor, doch bevor ich mich näher vergewissern konnte, hatte auch er mich erspäht und wechselte schnell die Straßenseite, um mir aus dem Weg zu gehen. Dabei sah er mich an und entschuldigte sich höflich, er sei in großer Eile, denn er müsse noch vor Toresschluss ins Hotel Sankt Matthäus. Vielleicht träfe man sich zu einer anderen Gelegenheit mit etwas mehr Zeit. Und schon lief er schnellen Schrittes davon, ohne mit der annähernd irrsinnigen Deklamation des Namens der Kulturstaatsministerin aufzuhören und sich köstlich zu amüsieren.

Das Gesicht blieb haften und die Stimme schien mir unverwechselbar. Die Begegnung ließ mich nicht ruhen und als ich recherchierte, ob es ein Hotel Stankt Matthäus gab, stellte ich fest, dass das nicht der Fall war. Allerdings gibt es den Alten Kirchhof Stankt Matthäus. Und es ist die Stätte,  wo der Sänger Rio Reiser begraben liegt. Da wurde mir klar, wen ich getroffen hatte. Wahrscheinlich darf er, wie andere auch, im Schutze der Nacht manchmal das Gelände verlassen und sich ein wenig umsehen, was die Zeit so mit den Menschen und ihren Verhältnissen angestellt hat. Und irgendwo musste er gehört haben, wer das Amt des Kulturstaatsministers innehat. Das war wohl Zuviel für ihn, sodass er dann doch, gegen jede Erlaubnis, sich in einem Späti einen Flachmann geholt und den umgehend geleert hatte, um sich dann auf den Weg nach Hause zu machen und möglichst schnell den Deckel seines Domizils wieder zuzuklappen.

Bei dem Gedanken, dass mir das Privileg zuteil geworden war, diese Figur noch einmal zu sehen, wurde mir ganz warm ums Herz. Was hatten er und die Band Ton, Steine, Scherben ihren Zeitgenossen doch für Texte hinterlassen, die viele dieser Generation, selbst bei der Wahl ihres letzten Gehäuses, nie mehr vergessen sollten. Und später, als die Straßenkämpfe vorbei waren, hinterließ er mit dem Junimond ein unglaubliches Postskriptum einer verlorenen Liebe. Und nicht zu vergessen den König von Deutschland. 

Jener König hatte nämlich, was viele gar nicht wissen, noch ein sehr spannendes Nachleben in vielen Seminaren. Die Frage, was würden Sie machen, wenn Sie König von Deutschland wären, oder, in Bezug auf das Wirken in vielen Organisationen, was würden Sie konkret tun, wenn Sie könnten, wie Sie wollten? Eine Übung, die immer sehr aufschlussreich war und gleichzeitig viele Defizite aufzeigte und Lösungsansätze zum Vorschein brachte.

Und, als ich mich daran erinnerte, kam mir der Gedanke, dass in einer Zeit, in der immer mehr Menschen den Blick im leeren Entsetzen abwenden, gerade diese Frage allein, zumindest mental, zu einem Akt der Befreiung werden könnte. Angesichts von Krieg, Kriegsgefahr, Inflation, Verarmung, der Vernichtung von Ressourcen und Umwelt und der Zerstörung vieler Sozialsysteme, was würden wir tun, wenn wir könnten, wie wir wollten? Die Frage mögen sich alle, die noch etwas vorhaben mit ihrem Leben, bitte stellen!

Ich war sehr dankbar, diese Begegnung gehabt zu haben, weil sie mich an vieles, was Mut macht und Menschlichkeit zeigt, erinnerte. Und ich habe mir vorgenommen, immer, wenn ich in Berlin bin, nachts bis zur S-Bahn-Station Yorckstraße zu fahren, dort auszusteigen und um den Alten Kirchhof Stankt Matthäus zu streichen. Vielleicht habe ich Glück und treffe ihn noch einmal. Dann holen wir unser Gespräch nach. Versprochen! Zumindest meinerseits.

Fundstück

„Im Postskriptum der bürgerlichen Gesellschaft wird einmal zu lesen sein, dass die Verwertung aller Werte zu tauschbaren Gütern die Entsubstanziierung des Gemeinwesens herbeigeführt habe. Tendenziell habe der Tausch den Gebrauch übertrumpft und die Menschen dadurch davor „bewahrt“, den Kopf noch frei zu haben für eine kreativ wirkende Sicht des eigenen Daseins. Der schatten wurde zu einem Reich, das die eindringende Sonne erfolgreich bekämpfte.“ 10.01.1994

Lässliche Sünden? Im politischen System?

Wo beginnt eine Fehlentwicklung? Sicherlich nicht dann, wenn die ersten Anzeichen dazu lesbar sind. Es erfordert ein waches Auge und einen tiefen Sinn für die mögliche Gravität einer Entwicklung, um die Zeichen rechtzeitig lesen zu können. Für mich steht außer Zweifel, dass alles, was entsteht, nicht nur laut Mephistopheles wert ist, irgendwann unterzugehen, sondern auch frühzeitig als positiv oder negativ diagnostiziert werden kann. Im Deutschen existiert die so treffende Formulierung der lässlichen Sünde. Sie beschreibt das, was als Wurzel vieler Übel angesehen werden kann. Das Hinwegsehen über einen Misstand, oder eine Inkonsequenz oder was auch immer, um sich nicht gegen den Strom des Einverständnisses wenden zu müssen. Nun lass ihn doch, ist doch alles nicht so schlimm, es gibt Schlimmeres.

Ja, die Toleranz gegenüber derartigen Entwicklungen ist oft angebracht, denn sonst verwandelten wir unser Leben in eine Zuchtanstalt ohne Lebensqualität. Wer es nicht erträgt, Fehler anderer zu tolerieren und über sie hinwegzusehen, der ist ein Pedant oder, wie eine strenge Lehrerin früherer Tage so furchtbar ausdrückte, ein unliebsamer Zeitgenosse. 

Insofern wäre meine anfangs formulierte These, die die Notwendigkeit eines Frühwarnsystems für Fehlentwicklungen beinhaltet, eine überflüssige Bemerkung gewesen, gäbe es nicht Sujets, die eine Unterscheidung in der Haltung verlangen. Ist das duldsame, tolerante Verhalten gegenüber Fehlleistungen von Individuen durchaus auch als ein Gebot einer humanistischen Erziehung zu sehen, so ist die Notwendigkeit brutaler Konsequenz in der Politik und im politischen System eine Voraussetzung vernünftiger Zustände. Die Regeln des Zusammenlebens müssen klar sein und für alle gelten. Ist das nicht der Fall, dann schleichen sich Phänomene ein, die weitreichend sind.

Gelten die Regeln nicht für alle, so ist die Legitimation des Systems dann gefährdet, wenn die Mehrheit beginnt unter dem Privileg der Missachtung zu leiden. Wird die Regelverletzung durch Einzelne bagatellisiert, so ist damit zu rechnen, dass sich daraus ein Massenphänomen entwickeln wird. Sind die Maschen, das System zu umgehen gar für manche Gruppen bewusst so angelegt, dann ist es aus mit der Legitimität. 

Das Spannungsfeld zwischen Toleranz und Konsequenz wird vor allem in Krisenzeiten von allen Teilen der Gesellschaft, aus jeder nur möglichen Perspektive, beobachtet. Wer glaubt, auf der einen Seite mit der Krise eine Verschärfung der Regeln begründen zu müssen und auf der anderen Seite den Vorhang des Schweigens über gravierende Verstöße vertuschen zu können, begeht einen gravierenden Fehler. Das ist kein Spiel mit dem Feuer, sondern Brandstiftung.

Die notwendige, nahezu logische Konsequenz eines Handelns, das einerseits den Regelverstoß bagatellisiert und ihn andererseits zu skandalisieren, ist die Etablierung einer Doppelmoral, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt systematisch zerfrisst. Die beim Regelverstoß Privilegierten tendieren dazu, ihr Verhalten zu kultivieren und beim Verstoß in immer neue Dimensionen vorzudringen. Und die bei Verstoß Gemaßregelten sehen sich als Underdogs und Parias und verlieren damit ihren Glauben an die Gesellschaft. Und die große, staunende und schweigende Mehrheit bleibt zurück im leeren Entsetzen.

Von dieser Geschichte, die leider immer neue Daseinsformen mit jeder neuen Krise darbietet, ist keine Moral zu berichten. Sie dokumentiert eher einen fortschreitenden Zerfallsprozess, der nicht mehr aufgehalten werden kann. Zumindest nicht mit einem politischen Argument. Die Politik, geübt in der systemischen Inkonsequenz, kann nicht oder traut sich nicht zur Konsequenz zurückzukehren. Die in ihren Verstößen Privilegierten sind mittlerweile der Überzeugung, ihr Verhalten sei bereits das System. Und die Gemaßregelten sinnen auf Rache.