Archiv für den Monat Januar 2023

Psychoanalyse: „Böller in die Ukraine, schwere Waffen nach Neukölln!“

Immer öfter beginnen unsere Mitmenschen, an ihrem Verstand zu zweifeln. Vermögen sie auch lange, der Versuchung der Selbstbezichtigung von schwerem mentalen Versagen zu widerstehen, so sind sie dann doch irgendwann an dem Punkt der Kapitulation. Bei soviel Irrsinn, mit dem sie konfrontiert sind, dominiert dann irgendwann die noch erlebte gute Sozialisation, die sie zu dem Schluss führt, dass so verworren Politik und Gesellschaft gar nicht sein können. Es muss also, so der Schluss, an ihnen selbst liegen. Dass sie dabei irren, können sie in ihrem jetzigen Zustand nicht mehr glauben. Und was machen sie? Diejenigen, die keine Vorurteile gegen die Möglichkeiten der Psychoanalyse haben, nehmen bei den entsprechenden Fachleuten Hilfe in Anspruch.

Letztere sind dabei ebenfalls in einem verzweifelten Zustand. Ursache sind die gleichen Indikatoren, die zur Verschlechterung des Zustandes ihrer Patienten führen. Auch sie sind Glieder dieser Gesellschaft und den gleichen Einflüssen ausgesetzt wie das Klientel. Die Redlichen unter ihnen bekennen dementsprechend, dass sie sich eigentlich direkt neben ihre Patienten auf die Couch legen müssten. Doch wer, bitte schön, kann dann noch therapieren? Da ist kluger Rat teuer.

Auch wenn sie das nicht personalisieren, denn die meisten von ihnen halten sich an den Ethos ihres Berufes, was mehr und mehr zu einer Rarität verkommt, manchmal berichten sie dann von den Wahrnehmungen und Halluzinationen ihrer Patienten, die, ehrlich gesagt, mir nicht unbekannt vorkommen. Da kommen Leute, die von ihrem praktischen Arzt eine Überweisung bekommen haben, weil sie dort bei einer Routineuntersuchung davon erzählten, dass sie für ein striktes Böllerverbot in der Ukraine und die sofortige Lieferung von schweren Waffen nach Berlin Neukölln seien. 

Einmal dabei, beginnt die ganze Litanei. Andere der Geschickten wiederum beginnen an zu schreien, wenn sie hören, dass weltweit die Kriegsausgaben gestiegen sind wie noch nie, der Nachbar sie aber davon zu überzeugen sucht, aus ökologischen Gründen die Trinkmilch durch Haferdrink zu ersetzen. Oder ein anderer, gegen den bereits ein Strafverfahren läuft, wollte eine städtische Großbaustelle in die Luft sprengen, weil er gelesen hatte, dass die Versiegelung der Städte zu der unerträglichen Hitze in den Sommermonaten beitrage. Und wiederum ein anderer wurde von den Behörden geschickt, weil er pausenlos mit schweren Sicherheitsschuhen über parkende Elektroautos läuft, um auf ihren verschwiegenen ökologischen Fußabdruck aufmerksam zu machen. 

Die Sachbeschädigung ist immens, so die Therapeuten, aber, so ihre Frage, haben wir es dabei denn mit einer kognitiven Störung zu tun? Sicherlich nicht, so ihre Antwort. Vielmehr beginnen sie, wenn man sich die Zeit nimmt, mit einer ganz anderen Diagnose, die sich nicht auf die vermeintlichen Patienten, sondern auf die Gesellschaft und deren Diskurs bezieht. 

So, wie es ihnen scheint, ist die unmittelbare Erfahrung der meisten Menschen von dem, was als politisches Handeln propagiert wird, völlig entkoppelt. Das scheint ihnen nicht als Phänomen einer Pathologisierung der Politik, sondern als der Zusammenbruch der eigenen Logik. Das Dilemma, so die Psychoanalytiker, ist in dem Umstand zu suchen, dass beides zutrifft. Weil die Politik, so ihre Ausführung, sich in Wahnwelten bewegt, die niemand mehr nachvollziehen kann, ist sie auch nicht mehr nach den tradierten Vorstellungen durch die Gesellschaft vorstellbar. Das führe notwendigerweise zu Selbstzweifeln. Diese seien gänzlich unbegründet. Die Vorstellung zum Beispiel, man müsse Böller in die Ukraine und schwere Waffen nach Neukölln liefern, sei doch eine vernünftige Sache.

Ich gestehe, jetzt konnte auch ich nicht mehr folgen. Glücklicherweise wohnen in meinem Haus zwei fähige Psychoanalytiker. Ich werde bei ihnen mal klingeln. 

Fundstück

„Zuweilen, wenn uns das Alte nichts mehr und das Neue noch nichts sagt, mögen wir uns wundern über die Kraft, die in uns, in diesem Zustand des Schwellendaseins liegt. Vielleicht werden wir müßigen Gewohnheitsproselyten in jenen Stunden der Vor-Dynamik gewahr, dass die Kraft unseres Daseins im Wandel liegt? Denn wir sind dann erst bewusste Menschen, wenn wir uns wachen Auges der Veränderung stellen und heiteren Blickes das Glas der Vergänglichkeit leeren und mit russischem Übernut hinter uns werfen, auf dass es zerschelle an der kalten Wand der apodiktischen Gewissheit.“ 10.01.1994

Als Quelle geeignet

Klaus Eichner. Bis alles in Scherben fällt. Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung 

Wer dem Satz folgt „nicht meine Quelle“, verstellt sich selbst den Weg zur Erkenntnis. Leider leben wir in Zeiten, in denen diese Äußerung immer wieder zu hören ist. Die Motive, sich vor Lektüre zu schützen, mögen unterschiedlich sein. Mal ist es Selbstschutz, mal nackte Angst, mal eine versteckte Aggression. Im Grunde genommen schaden sie einem selbst. Und sie führen immer wieder auch ins Absurde. Wer kennt sie nicht, die Menschen, die nicht in die USA reisen wollen, weil dieser oder jener Präsident im Amt ist? 

Der Autor Klaus Eichner gehört mit Sicherheit zu jenen, die gerne per se als Quelle abgelehnt werden. Seine Vita sagt vieles aus und genügt, um zu stigmatisieren: Studium an der Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit, Arbeit in der Spionageabwehr der DDR, Chefanalytiker für US-Geheimdienste bei der Hauptverwaltung Aufklärung (HV A). Die Liste genügt, um bei vielen die innere Blockade auszulösen.

Dennoch sei sein Buch „Bis alles in Scherben fällt. Der Kampf der USA um eine neue Weltordnung“ unbedingt  empfohlen. Da ist jemand am Werk, der weiß, wie Politik im Verborgenen arbeitet und der die Grauzonen von Aktion, stillen Vereinbarungen und bewusstem Ignorieren aus eigener Praxis genau kennt. Die 130 Seiten umfassende Argumentation, die aus drei kleineren Abhandlungen besteht, beginnt mit dem Jahr 1989 und dem vermeintlichen Ende des Kalten Krieges. 

Dass ein ehemaliger Offizier der DDR die Geschichte anders sieht als es in den Siegerjournalen steht, versteht sich von selbst. Und so zeigt Eichner auf, wie – entgegen allen öffentlichen Beteuerungen – die USA selbst in der Stunde Null damit begonnen haben, Stück für Stück die politische, geheimdienstliche und militärische Expansion nach Osten voranzutreiben. Der Autor kennt die Doktrin der USA, der sie folgt, um ihre globale Dominanz, die ins Wanken geraten ist zu sichern. Dabei wird deutlich, dass die EU selbst kaum über einen Selbstbehauptungswillen wie die Fähigkeit dazu verfügt, weil sie keine Strategie besitzt. 

Der Autor setzt das Puzzle von 1989 bis zum offenen Kriegsausbruch im Februar 2022 in der Ukraine zusammen und plötzlich macht das alles Sinn. Selbstverständlich nicht in Bezug auf die Ordnung der Vereinten Nationen und selbstverständlich nicht aus der Perspektive der Koexistenz verschiedener Zivilisationen. Aber aus Sicht der us-amerikanischen Strategie der Dominanz sehr wohl.

Und wer diesem ehemaligen (?) Kommunisten keinen Glauben schenken will, der sollte vielleicht komplementär zu Eichners Buch das des ehemaligen Präsidentenberaters John Bolton lesen: Der Raum, in dem alles geschah: Aufzeichnungen des ehemaligen Sicherheitsberaters im Weißen Haus. Da breitet nämlich ein ehemals ranghoher Ultra-Konservativer Republikaner in aller Ausführlichkeit aus, wie man sich am Potomac die Wahrung der Weltherrschaft vorstellt. 

Eine spannende wie brutal deutliche Abhandlung. Unbedingt als Quelle geeignet.  

  • Herausgeber  :  Das Neue Berlin; 1. Edition (30. September 2022)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  130 Seiten
  • ISBN-10  :  3360028074
  • ISBN-13  :  978-3360028075