Archiv für den Monat November 2022

G 7: Kriegsrat im Friedenssaal

Seit dem Amtsantritt der Außenministerin wurde von vielen Seiten über ihre eigene Formulierung gespottet, sie käme aus dem Völkerrecht. Die Kritik bezog sich sowohl auf den undurchsichtigen Studienabschluss als auch auf die zweifelhafte, weil auf Doppelstandards basierende Auslegung des Völkerrechts durch die Ministerin. Nun, nach einem Jahr der Amtsführung, muss festgestellt werden, dass die Polemik berechtigt war. Zudem ist festzuhalten, dass ihr Verständnis des Völkerrechts Zweifel darüber zulässt, ob sie es überhaupt verstanden hat. Die Beantwortung dieser Frage ist jedoch unerheblich, denn entscheidend ist immer, was als praktische Folge des Handelns bleibt.

Als diesjährige Gastgebein des G 7-Gipfels hat die Außenministerin nun die Stadt Münster mit dem expliziten Verweis auf den dortigen Friedenssaal ausgewählt. Dort wurde, nach zweijährigen zähen Verhandlungen, der Dreißigjährige Krieg (1618 – 1648) zu einem Ende gebracht. Nachdem sich die europäischen Großmächte und unzählige Kleinstaaten in ständig wechselnden Koalitionen und unter unterschiedlichen Motiven in einem immer wieder aufflackernden und brutal geführten Krieg kollektiv herunter gewirtschaftet hatten, beschloss man etwas, das sich hinterher in der internationalen Literatur als die Westfälische Ordnung etabliert hatte. Waren die Motive für den europäischen Krieg geprägt von imperialen, wirtschaftlichen, religiösen und ethnischen Aspekten, so beschloss man, in Zukunft miteinander umzugehen nach den Prinzipien der Nichteinmischung aus eben diesen Erkenntnissen. The Westfalian Order hieß, sich auf Augenhöhe als ebenbürtige Verhandlungspartner zu begegnen und sich nicht in die jeweils inneren Angelegenheiten der anderen Parteien einzumischen. Damit war der Grundstein der modernen Diplomatie und des Völkerrechts gelegt. 

Aus heutiger Sicht kann bestätigt werden, dass trotz zweier Weltkriege und den damit verbundenen Verheerungen die Prinzipien des aus dem Westfälischen Frieden resultierenden Völkerrechts zumindest normativ bis zum Ende des Kalten Krieges 1989/90 Bestand hatten und seitdem nicht mehr geachtet wurden. Die Zustände, die den Dreißigjährigen Krieg so in die Länge gezogen hatten, wurden Stück für Stück wieder zurückgeholt. Einmischung in die inneren Angelegenheiten vor allem von Staaten mit anderen Interessen wurden zur Normalität, die wahllose Adaption von Gesprächspartnern, die nach eigenen Interessen willkürliche Anerkennung von „legitimen“ Vertretern, die rhetorische Etablierung doppelter Standards und die Liquidierung einer stillen, hinter den Kulissen arbeitenden Diplomatie sind das Werk einer gesinnungsethischen Auffassung von Politik.

Dass Deutschland und seine vor Gesinnungsethik strotzende Außenministerin nun als Gastgeber des G 7-Gipfels ausgerechnet den Ort des Westfälischen Friedens ausgewählt hat, dokumentiert den politischen Zustand des Gastgeberlandes sehr gut, mehr aber auch nicht. Die Agenda, die beladen ist mit Themen wie der militärischen Unterstützung der Ukraine, mit Sanktionsvorhaben gegen den Iran und mit einer mentalen Mobilmachung gegen China würde sich eignen für die Wolfsschanze (eine Leserin schlug bereits den Berliner Sportpalast vor!) aber nicht für den Friedenssaal zu Münster. Nähme man die historische Vorlage ernst, so würde man sich dort treffen, um über Initiativen zu beraten, wie mit diplomatischen und friedlichen Mitteln heiße Kriege zu beenden und weitere kalte Kriege zu vermeiden sind.

Davon ist in den vorbereitenden Einlassungen der Gastgeberin nichts zu lesen. Ganz im Gegenteil, sie verfestigt das Bild einer eingeschworenen Militaristin, einer Produzentin von Feindbildern, einer Verharmlosung krimineller Taten von Partnern aus der eigenen politischen Allianz und einer das Völkerrecht mit jeder Handlung missachtenden Politikerin. Die Zeitenwende hat tatsächlich stattgefunden: Deutschland lädt ein zum Kriegsrat im Friedenssaal. 

Außenpolitik: Weiß der Kanzler, was morgen sein wird?

Die bevorstehende China-Reise des Bundeskanzlers hat bei den Grünen bereits für große Unruhe gesorgt. Angesichts des Ansinnens der chinesischen COSCO, Anteile bei einem Dock des Hamburger Hafens zu erwerben, hatten sowohl die außenpolitischen als auch die Wirtschaftsexperten der Grünen vor einem Verkauf der kritischen Infrastruktur an die kommunistischen Diktatoren gewarnt. Dass sie bei der Zerstörung der Nordseepipelines, dem schwersten Schlag gegen die kritische Infrastruktur in der Republikgeschichte bis dato stumm bleiben, gehört zu den Indizien, die irgendwann bei einem politischen Prozess eine Rolle spielen könnten. Denn koscher ist das alles nicht.

Dass aus diesem Lager in erster Linie us-amerikanische Direktiven umgesetzt werden, dürfte seit längerem bekannt sein. Dass sie sich nicht einmal die Mühe machen, ihre Positionen zu begründen, entstammt der Schludrigkeit, die ausreichte, um dennoch eine politische Karriere machen zu können und dem ureigenen Provinzialismus, der überall sichtbar ist. 

Wer nämlich die Frage nach den größten Häfen auf der Erde stellt, und zwar die mit dem jeweils mächtigsten Umschlagvolumen, wird sehr schnell zu einem anderen Bild kommen als es um die COSCO-Geschichte im Hamburger Hafen gemalt wurde. Unter den zehn größten Häfen der Welt sind insgesamt sieben chinesische, die anderen drei sind, nach Größe, Singapur, Busan in Südkorea und Dubai. Der größte europäische Hafen ist Rotterdam auf Rang 11, Hamburg befindet sich auf dem 18. Platz und Los Angeles als erster amerikanischer Hafen auf Platz 19. Bei dem Casus COSCO im Hamburger Hafen vom Ausverkauf kritischer Infrastruktur zu sprechen, passt nicht ins Bild der tatsächlichen globalen Kräfteverhältnisse.

Eine zweite Einmischung in den avisierten China-Besuch des Kanzlers leistete sich die Außenministerin persönlich auf ihren jüngsten Reisen nach Kasachstan und Usbekistan, von wo aus sie dem Kanzler Ratschläge gab, wie er bei seinem Besuch in China zu agieren habe. Aus dem Ausland, zumal aus Staaten, die in vielschichtiger Beziehung zu China stehen, öffentlich und vor laufenden Kameras Regieanweisungen für den Kanzler zu geben, das ist kein Lapsus. Dabei handelt es sich um eine Impertinenz, die personalpolitische Folgen haben muss, sofern der Kanzler sich nicht gänzlich zur Demontage aus der eigenen Koalition anbietet. Es sei der Rückgriff auf sein eigenes Wort gestattet, nach dem jeder, der bei ihm Führung bestelle, sie auch erhalte. In Bezug auf die COSCO-Anteile im Hamburger Hafen und die Äußerungen der Außenministerin in Kasachstan und Usbekistan ist der Fall jetzt klar: Die Grünen haben Führung bestellt und der Kanzler muss sie nun liefern. Tut er dieses nicht, werden weitere Affronts folgen.

Was vielleicht aussehen mag wie ärgerliche Protokollfragen, ist eine sehr entscheidende Meinungsverschiedenheit in Bezug auf die außenpolitische wie wirtschaftliche Ausrichtung der Bundesrepublik. Mit der Einschwörung auf die Sanktionspolitik gegen Russland als ultima Ratio wurde die energetische Grundlage des Industriestandortes Deutschland zerstört, mit einer systematischen Ablehnung von Wirtschaftskooperationen mit China soll für die gewichtigsten Branchen ein vitaler Markt zerstört werden. Unter diesen Gesichtspunkten handelt es sich nicht um Unanständigkeiten oder flegelhaftes Benehmen, sondern um systematische Angriffe auf die gegenwärtige Existenz des Gemeinwesens. Das Schweigen der Qualitätsmedien hinsichtlich der  planmäßigen Demontage nationaler Interessen aus dem Regierungslager selbst wirft wiederum ein neues Licht auf die Entrüstungsgeschichten, die eben diese Medien über das Treiben russischer Propaganda verbreiten. 

Da fällt mir eine Szene aus einem Film über einen großen Finanzskandal in der jüngeren Geschichte ein, in der ein Konzernchef die vor ihm versammelte Führungsriege fragte, was sie glaubten, warum er in der Hierarchie noch über ihnen stehe? Es sei weder das Fachwissen, noch die Führungsqualität. „Aber ich“, so seine verblüffende Erklärung, „ich weiß, im Gegensatz zu Ihnen, was morgen sein wird.“ Lassen wir uns überraschen.