Archiv für den Monat Oktober 2022

Das Grinsen des Sensenmannes

Die Selbstwahrnehmung unserer selbst ist in unserem Kulturkreis von Hybris geprägt. So, als lebe jedes Individuum immerfort, so, als altere niemand, so, als gäbe es nach uns selbst nichts mehr. Insofern ist es folgerichtig, dass der Tod das von allen am meisten gepflegte Tabu ist. Wer vom Tod, das heißt der Endlichkeit spricht, hat den Gesellschaftsvertrag gebrochen. Er negiert die Unendlichkeit des Menschen und der unbegrenzten Verfügbarkeit der Ressourcen, die er braucht, um immer mehr zu produzieren, immer mehr zu konsumieren und letztendlich alles zu ruinieren. Das Paradigma des Wachstums, und zwar des unbegrenzten, ist die Ursache für die Hybris. Die große Illusion der Unendlichkeit wie der Unsterblichkeit ist die Basis einer Gesellschaftsordnung, die täglich mit dem Anspruch ans Werk geht, sich alles untertan machen zu wollen.

Ja, es existieren Nischen. Nischen, in denen die Zweifler nach Begründungen suchen. Begründungen für die Möglichkeit der eigenen Einsicht, dass alles eine große Illusion ist. Begründungen für den Grad der kollektiven Verblendung, die davon ausgeht, es treffe immer nur die anderen, aber nicht das Selbst. Und diejenigen, die die große Illusion identifiziert haben, suchen in diesen Nischen Trost. Trost für das Verhängnis, in das die große Illusion führt, Trost für den Verlust dieser Nano-Sekunde der eigenen Existenz, in der nicht die Selbsterkenntnis steht, sondern die Verblendung. Nur kurz hier, als Gast auf dieser Erde, und beschäftigt mit dem Wahn der Unsterblichkeit.

Nicht, dass die Erkenntnis der großen Illusion schon seit Menschengedenken nicht die Winkel dieser Welt erhellt hätte. In unserem Kulturkreis ist sie wohl am besten mit der Formulierung beschrieben, dass wir alle nur Gast auf dieser Erde sind. Für kurze, kaum zu erfassende Dauer. Und dass wir diese sehr kurze Zeit dazu nutzen sollten, uns gegenseitig zu respektieren und die Grundlagen unserer Existenz zu schätzen. Aber, obwohl der Tod, der jeden Tag durch unsere Reihen schreitet und mit unerbittlicher Hand zeigt, wie es um uns bestellt ist, übertönen die Schreihälse der großen Illusion die Tagesroutine. Da scheint es, als seien wir nicht Gast auf dieser Erde, sondern die Erde ein kleines Utensil, mit dem wir machen können, was wir wollen, in unseren Händen. 

Und dennoch: obwohl der Zeitraum unserer Existenz denkbar kurz ist, sollte die Zeit genutzt werden, um aus diesem Bruchteil des Daseins etwas Sinnvolles zu gestalten und einen Beitrag zu leisten, der die Illusion demontiert. Wenn das Tabu des Todes demontiert ist, erscheint die Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt als die wohl unsinnigste. Sie erzeugt nichts als ein Grinsen des Sensenmannes. Viel essenzieller ist die Betrachtung, ob ein Leben vor dem Tod existiert. Wie sollte es sein, wenn wir wissen, dass wir einen kurzen Gaststatus haben, mehr nicht. Und wie dann umgehen mit den Demagogen, die so tun, als bleibe alles immer so, wie die Sekunde es erscheinen lässt? 

So, wie es aussieht, sind wir jedoch weit entfernt vor der alles entscheidenden Selbsterkenntnis. Zumindest in unserem Kulturkreis. Ist es vielleicht die doch nicht so verborgene kollektive Klugheit, dass wir die Regie denen überlassen, die die große Illusion hochhalten und mit ihr handeln wie mit der begehrtesten Hehlerware, damit sie alles mit einem großen Knall zu ende bringen? Das hätte zumindest einen pikanten dramaturgischen Effekt. Oder nicht? 

Tiefe Einblicke, treffende Prognosen

Natalie Amiri, Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran

Ehemalige Korrespondenten fassen nicht selten ihre Erfahrungen in einem Buch zusammen. Vor allem, wenn es sich um Länder handelt, die sich in der öffentlichen Wahrnehmung als schwierig darstellen, weil sie aufgrund der Reiseformalitäten nicht einfach zu besuchen sind und/oder als politisch risikobeladen gelten. Sicherlich gehört der Iran zu dieser Kategorie. Umso erfreulicher ist es, wenn eine Korrespondentin, die zudem familiär mit diesem Land verbunden ist, Kultur und Sprache kennt und über Wurzeln in die Zivilgesellschaft verfügt, ein solches Buch präsentiert. Natalie Amiri ist solch ein Glücksfall. Vater Iraner, Mutter Deutsche und seit Kindesbeinen immer wieder im Land gewesen. Seit Abschluss ihres Studiums hat sie wiederholt über längere Phasen aus dem Iran berichtet, zumeist für die ARD. Die gesamten Erfahrungen hat sie zusammengefasst in dem Buch „Zwischen den Welten. Von Macht und Ohnmacht im Iran.“ Die Lektüre lohnt sich, weil Amiri zu viel Empathie besitzt, um sich in den Floskeln offizieller Politikverortung zu verlieren. 

In insgesamt 24 Kapiteln werden die unterschiedlichen Perspektiven und Aspekte beleuchtet, auf die es der Autorin ankommt. Da sind Erinnerungen aus der Familiengeschichte, da sind Exkurse in die iranische Geschichte, da wird berichtet über die Methoden des Regimes und Erfahrungen aus dem Widerstand, da werden die unterschiedlichen Interessen der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppierungen beleuchtet und die Perspektiven der unterschiedlichen internationalen Interessengeflechte transparent gemacht. Es sind in einer gut verständlichen und jedermann zugänglichen Sprache verfasste Mosaiksteine, die zu einem Bild des Irans beitragen, das er als eine kulturhistorisch wichtige Nation verdient hat.

Was bei der Lektüre immer wieder wohltuend ins Auge sticht, ist das Bemühen der Autorin, authentisch zu sein und vor allem sich nicht von tagespolitisch opportunen Positionen korrumpieren zu lassen. Übrigens ein Phänomen, das zunehmend die Lektüre derartiger Bücher von ehemaligen Korrespondenten verleidet. 

Wer Amiris Ausführungen folgt, wird Zeitzeuge eines einzigartigen Dramas, das bis zu den kolonialen Interventionen der Briten zurückreicht, den mit Hilfe der CIA inszenierten Putsch gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten Mossadegh, der sich anmaßte, die Ölindustrie nationalisieren zu wollen, nicht ausspart und die brutalen Folterkeller des dann installierten Schah nicht verschweigt. Quasi als logische Konsequenz folgte dann die von der Bevölkerung mitgetragene Revolution des schiitischen Klerus, der sehr schnell in eine die Menschenrechte verachtende Autokratie/Theokratie abgeglitten ist und das Land in ein Gefängnis verwandelt hat. Da wird nichts beschönigt, weder die Diktatur des Klerus noch die immer die Falschen treffenden Sanktionen seitens des Westens. 

Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Aspekt ist die treffsichere Schilderung der unterschiedlichen Protestbewegungen der letzten zwanzig Jahre und die Einschätzung in Bezug auf die entscheidende Rolle der Frauen. Obwohl das Buch bereits 2021 erschienen ist, beinhaltet es die richtigen Prognosen hinsichtlich der gegenwärtigen Aufstände, die durch die Frauen im Iran angeführt werden. Da blickt nicht jemand von außen auf ein Land, sondern die Beobachterin gehört dazu. Das ermöglicht ihr einen sehr bereichernden Blick. Wer sich jenseits der kurzatmigen politischen Pamphlete ein Bild vom gegenwärtigen Iran machen will, dem sei Amiris Buch wärmsten empfohlen. Auch und gerade der Iran ist komplexer, als man von interessierter Seite oft suggerieren will.

  • Herausgeber  :  Aufbau Taschenbuch; 1. Edition (16. August 2022)
  • Sprache  :  Deutsch
  • Taschenbuch  :  254 Seiten
  • ISBN-10  :  374664030X
  • ISBN-13  :  978-3746640303
  • Abmessungen  :  11.4 x 2.4 x 18.9 cm