Archiv für den Monat Juli 2022

Zeitenwende? Von Hähnen, Sekten und Artisten

Zeitenwende? Zeitenende! Die Suche nach einer neuen Ordnung kann nicht in der bis an die Zähne bewaffneten Verteidigung der alten bestehen. Der Begriff der Zeitenwende suggeriert, dass jetzt etwas anders geworden ist. Das ist kein Clou, auch wenn das ganze Zustimmungsorchester es als einen solchen feiert. Das ist eher eine laue Nuance. Denn, was hat sich geändert? Die USA, vor allem die dortigen Demokraten, halten an ihrer alten Expansionspolitik nach Osten fest, so wie sie sie seit 1989 trotz anderweitiger Beteuerungen betrieben haben. Der Verweis der Jubeljournalisten, die Geschichte interessiere nicht, es gelte nur das Heute, ist etwas für Amöben, aber nicht für Menschen mit einem funktionierenden Denkapparat. 

Die Zeitenwende, meine sehr verehrten Damen und Herren, besteht in der Aufgabe verschiedener Optionen für die Wahrnehmung eigener Interessen in der internationalen Politik. Die Zeitenwende bedeutet, im Klartext, die bedingungslose Unterordnung unter die politischen Leitlinien der USA, auch wenn die deutschen wie die europäischen Interessen sich zum Teil von denen Washingtons unterscheiden. Denn die sehen auch ein Konkurrenzverhältnis zum europäischen Markt wie zur europäischen Währung. Der Dollar als globales Zahlungsmittel ist eine zentrale Säule des Imperiums. Wenn der Dollar in Gefahr gerät, dann werden Kehlen aufgeschlitzt. Sehen Sie sich die jüngere Geschichte an! Immer, wenn von irgendwo auf der Welt der Versuch unternommen wurde, den Dollar als globale Leitwährung in Zweifel zu ziehen, gab es Leichen.

Die andere Säule ist die militärische Dominanz. Da ist eine Auseinandersetzung zwischen europäischen Verbündeten mit dem systemisch seit der Geburtsstunde des globalen Imperiums ausgemachten Feind Russland eine durchaus willkommene Episode. Und so kam, was geplant war und kommen musste. Während man sich in Washington auf den Showdown mit China vorbereitet, werden in Europa Ressourcen verpulvert und Markvorteile liquidiert. Sage da einer, das spiele den Kriegern im militärisch-industriellen Komplex jenseits des Atlantiks nicht in die Karten! Wer das leugnet, hat die Behandlung mit der pseudo-pädagogischen REHA der Geschichtsinquisition erfolgreich überstanden. Wenn das die Zeitenwende ist, dann besteht das Programm aus einer gefährlichen, an das Schicksal verschiedener Sekten erinnernden Vision. Nämlich der kollektive Suizid.

Und tatsächlich ist der Begriff der Zeitenwende eine Verniedlichung eines Prozesses, der besser als Zeitenende bezeichnet werden muss. Die Auflistung dessen, was zum Ende gelangt ist, ist lang. Da existiert kein wie auch immer gearteter, mit Fehlern behafteter, aber dennoch haltender Frieden zwischen systemischen Konkurrenten. Da existieren keine Tabus mehr, wenn die geilen Hähne des Politikspektakels nach militärischer Vorherrschaft schreien. Da wird zum Generalangriff auf auf alles geblasen, was Millionen Menschen in Form von Arbeitsplätzen eine wirtschaftliche Existenz gesichert hat, wie bescheiden die auch aussah. Da werden unterschiedliche Ansichten mit Treibjagden belegt, die zum Teil zur existenziellen Vernichtung führen. Da ist Wissen jenseits dessen, was Herrschaft benötigt, als grundsätzlich suspekt gebrandmarkt. Da wird mit der Moral jongliert, als handle es sich um einen Zirkustrick. Da herrscht auf allen Kanälen Zensur, öffentlich wie privat. Grundrechte? Privatisiert! Und da rennen Charaktermasken durch die optischen Kanäle, die in Soap Operas der Marke Psycho passen würden und erklären dem verzweifelten Michel, dass alles seine Ordnung habe, nur die Zeiten, die Zeiten hätten sich eben geändert.

Tja, die von vielen als die gute, alte Zeit bezeichnete Periode ist tatsächlich zu Ende. Gut war sie wohl nicht, sonst hätte sie nicht hervorbringen können, vor dem wir staunend stehen. Am besten wäre es, Schluss zu machen mit dem Alten wie dem Neuen. Die Zeichen stehen auf Anfang. Sonst ist nämlich Ende. 

Pädagogik: The German Approach

Die Fähigkeit, über den Tellerrand zu schauen oder einen Perspektivenwechsel zu vollziehen, ist eigenartigerweise im Zeitalter der permanenten Zugriffsmöglichkeiten auf Wissen zunehmend geschwunden. Mitunter kommt sogar die Vermutung auf, dass ausgerechnet die simultane Verfügbarkeit des Weltwissens dazu beiträgt, dass die Individuen im Bereich ihres eigenen Wissens, ihrer Fertigkeiten und ihrer Fähigkeiten immer mehr zum Appendix der kognitiven Maschinerie verkümmern. Dieser These wird vor allem von jenen vehement widersprochen, die sich an der Pädagogikfront dafür stark machen, dass immer früher und immer mehr die IT in das Bildungswesen Einzug erhält, das im internationalen Vergleich hoffnungslos ins Hintertreffen geraten sei. Gerade weil es in den hiesigen Schulen noch viel zu analog zugehe.

Wer die Geschichte der Pädagogik kennt und diese Argumente hört, kann nur noch traurig den Blick wandern lassen und sich in aller Melancholie die sich immer weiter entwickelnde Erosion von Wissen, seinem klugen Erwerb und den damit zusammenhängenden Methoden sowie die Beherrschung seiner Anwendung vor Augen führen. Seit der Aufklärung, der Herausbildung eines humanistischen Weltbildes und dem gesellschaftlichen Konnex von Bildung, Leistung und sozialer Emanzipation hat es, nicht einmal in ideologisch völlig irregeleiteten Zwischenperioden, einen derartig frontalen Angriff auf das soziale Gut von Bildung gegeben wie durch die unreflektierte und nur nach den Prinzipien der Ökonomie betriebenen Verteilung von Spickzetteln für alle Lebenslagen.

Perspektivenwechsel! Ein Phänomen, das zumindest denen, die sich ihrer zerebralen Funktionen noch sicher sind, Anlass zum Nachdenken geben sollte, kann in den Vereinigten Staaten von Amerika derzeit beobachtet werden. Da werben deutsche Schulen mit dem German Approach (nicht zu verwechseln mit einem gleichlaufenden Begriff aus den Rechtswissenschaften!), also der deutschen Herangehensweise an Bildung. Gemeint sind damit feststehende Klassenverbände über Jahre, die vermitteln sollen, dass sich Rollenverteilung, Akzeptanz und Stabilität in einem sozialen Ensemble mit unterschiedlichen Charakteren, verschiedenen Fähigkeiten und Fertigkeiten herstellen lassen. Gemeint ist damit ebenso das Lernen durch Fragen, das eigene Erarbeiten von Lösungsansätzen und die Anwendung der Erlernten in völlig anderen Kontexten. Es versteht sich bei dieser Konzeption von selbst, dass bei dem German Approach von einem nahezu exklusiv analogen Konzept gesprochen werden kann.

Kenner der Thematik wittern hier bereits genau das, was bei den Kriterien der PISA-Studien eine große Rolle spielt. Wundern kann man sich nur, dass ausgerechnet das, was den German Approach in der Marketing-Strategie deutscher Schulen im Ausland ausmacht, an den Schulen im eigenen Land keine tragende Rolle spielt und stattdessen die Slogans der Kommunikationsindustrie unkritisch übernommen werden. Je mehr Computer in den Schulen anzutreffen sind, desto fortschrittlicher fühlt man sich, ohne gefragt zu haben, nach welchen Wirkungskriterien denn ein Erfolg von Bildung zu messen sei. Zumindest bei den PISA-Studien sind die Ergebnisse dürftig, obwohl die Grundlagen zur Bemessung des Erfolges aus den Annalen der eigenen Bildungsgeschichte stammen.

Der Clou dieser Geschichte jenseits des Atlantiks ist jedoch ein anderer. Und es entspricht dem erwähnten Ansatz, auf ihn mit einer naheliegender Frage hinzuweisen! 

Was meinen Sie, wer seine Kinder für äußerst stattliche Gebühren (man spricht von bis zu 50.000 Dollar pro Schuljahr) auf diese Schulen mit dem German Approach schickt? 

Sensation: Es sind die großen Gewinner aus dem Silicon Valley, die High-Tech-Tycoons, die ihren Wohlstand mit den Suchmaschinen und Social media sowie KI erworben haben. 

Sie scheinen zu wissen, warum sie für ihre Kinder einen analogen Raum suchen, um sie für das raue Leben da draußen im digitalen Orkan zu wappnen.

Das Personal: Wer nicht lernen will, muss weg! — Neue Debatte

Organisationen, und damit sind kleine soziale Einheiten, Klubs, Vereine, Kommunen wie Staaten gemeint, die nicht in der Lage sind, sich von Fehlleistern mit aller Konsequenz zu trennen, landen in der Zerrüttung, in der Insolvenz oder im Ruin. Der Beitrag Das Personal: Wer nicht lernen will, muss weg! erschien zuerst auf Neue Debatte.

Das Personal: Wer nicht lernen will, muss weg! — Neue Debatte