In der Starre verharren?

Was machen, wenn Reden nicht mehr fruchtet, wenn die Positionen zementiert sind, wenn, so wäre eine ausnahmsweise einmal logische Schlussfolgerung, die Gesellschaft tief und nahezu hälftig gespalten ist? Existiert dann überhaupt noch eine realistische Aussicht auf einen Grundkonsens? Wohl kaum. Und es geht hier nicht ausschließlich um die Frage von Krieg und Frieden, was ausreichte, um im Inferno zu enden, sondern auch beim Thema Klima, das allerdings durch jeden Tag, den der Krieg andauert, zu einer rein theoretischen Auseinandersetzung wird, da die ökologischen Schäden, die durch einen Krieg verursacht werden, nachhaltig sind. Das war übrigens in Syrien, Afghanistan, im Irak, in Libyen, im Jemen etc. nicht anders. 

Und es geht um eine tief gehende Reform des Gesundheitswesens, die nach dem Corona-Debakel ansteht. Da stellt sich die Frage, wurden erhebliche politische Fehlentscheidungen gefällt, inwiefern hatte die Privatisierungswelle der Krankenhäuser etwas mit den Engpässen zu tun, und inwieweit ist der Riss, der durch die Einschränkung der unveräußerlichen Bürgerrechte entstand, noch zu beheben? 

Wie geht es weiter mit dem quasi-staatlichen medialen Komplex? Kommt er den ursprünglichen Aufgaben überhaupt noch nach? Wie hat sich die Monopolisierung der Presse auf die Qualität des Journalismus ausgewirkt? Und ist die Art und Weise der hiesigen Berichterstattung nicht Mit-Ursache für die festzustellende tiefe Spaltung der Gesellschaft, weil sie die Prinzipien der Propaganda verinnerlicht hat, mit den Mitteln der Emotionalisierung, der Produktion von Feindbildern und permanenter Skandalisierung arbeitet?

Hat der kollektive Bildungsverlust nicht ebenso zu dem beklagenswerten Zustand des politischen Diskurses geführt?  Wie steht es mit dem historischen Wissen, wie ist der Kenntnisstand hinsichtlich der staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen, wie kann eine Gesellschaft den Prozess de kommunikativen Handelns gestalten?

Hinsichtlich des technologischen Wandels und der existierenden Besitzverhältnisse deuten sich Beziehungen an, gegen die die Verheerungen des Krieges noch wie ein Idyll erscheinen. Die Abkehr vom Prinzipien wie Leistung und Wertschöpfung, die exklusive Hinwendung zu Gewinn und Monopolisierung haben zu einem Verhältnis geführt, vor dem sich die Autoren von Dystopien vor einigen Jahrzehnten noch gehütet hätten. Eine Handvoll Superreicher verfügt über die Hälfte des Weltvermögens. Auch angesichts dieses Proporzes wirkt die emotionale Mobilisierung gegen russische Oligarchen wie ein hohler Witz. Wie, so die Frage, können diese Verhältnisse durchbrochen werden, wenn es darum geht, den Einfluss dieser Minorität auf alle, global alle Lebensverhältnisse abzuwehren? 

Schließlich sind die Umstände, unter denen politische Entscheidungen gefällt werden, eine der Ursachen für den nicht enden wollenden Verdruss. Legitimation und Effizienz sind dahin. Mit den Fragen nach dem Einfluss von Monopolen und der Qualität der Kommunikation sind sie thematisiert. Mit der Lösung der ökonomischen Fragen lassen sich die politischen und gesellschaftlich-kulturellen Verwerfungen beheben. So ist es keine Überraschung, dass genau dieser Ansatz bei den Mächtigen so verpönt ist, dass jeder Versuch unternommen wird, bei der Stellung der Besitzfrage diejenigen, die sie aufwerfen, diskriminiert und diskreditiert werden. Das lausige Prinzip des Kapitalismus, das demaskiert wird mit dem Slogan „Follow the Money“, hat, trotz aller rasanten Entwicklungen, einen Bestand, der nicht erschüttert ist. 

 Die Liste des unbedingt zu Klärenden ließe sich fortsetzen und sie zeigt, was alles zu tun wäre, um nicht in der nervtötenden, zu nichts mehr führenden Starre zu verharren.  

3 Gedanken zu „In der Starre verharren?

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  2. Avatar von BludgeonBludgeon

    Was hier so treffend zusammengefasst wurde, nennt man Stagnation: Nicht mehr reformfähige, sich überlebt habende Verhältnisse. Wir Ossis kennen das.
    Nur hilft diesmal kein Schabowski-Versprecher um das Tor zum nächstbesten Aufschub des Untergangs zu öffnen. Was bleibt, ist eine fortschreitende Verlotterung der Verhältnisse. Lesen will- und schreiben kann bald niemand mehr; aber immerhin können einige ganz gut mit Whiteboards umgehen. Das isses doch wert, oder?
    Ausweg? Nirgends.

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