Maxim Biller. Der falsche Gruß
Maxim Biller ist ein Freak. Ein Freak, der weiß, worüber und was er schreibt und der ausdrücken kann, was er ausdrücken will. Was er zudem kann und sich zutraut, ist das Brechen von Tabus. Dazu fühlt er sich berechtigt, nein verpflichtet, weil er, in Bezug auf die heutzutage alles entscheidende Identität als ehemaliger deutschsprachiger Prager Jude und Immigrant ein Recht darauf hat, das zu thematisieren. Was ihn in einer zunehmend glattgebügelten Gesellschaft unerträglich macht, ist sein allen gezeigter Stinkefinger, der Gesellschaft um sich herum und der, aus der er kommt, und, das auch noch, sich selbst. Maxim Biller bricht Tabus, das ist die Leserschaft gewohnt. Und das macht er auch in seinem neuen Roman „Der falsche Gruß“ mit Verve.
Liest man die bereits vorliegenden Rezensionen zu dem Roman, dann fällt auf, dass es dem gesamten Konsortium der Literaturkritik, das sich an ihm versucht, schwerfällt mit der Beschreibung dessen, worum es eigentlich geht. Das lässt sich nachvollziehen, gehört aber zu den Stärken des Autors. Er zwingt sein Publikum jedesmal von Neuem, den Stoff zu sammeln und zu sichten, was da eigentlich alles thematisiert wird. Eine Chronologie im eigentlichen Sinne ist zumeist gar nicht möglich, zu vielschichtig sind die Themen, zu unterschiedlich die Perspektiven, zu different die zeitlichen Standorte und zu diffus die Gefühlswelt.
Und damit ist Biller mitten in seinem Thema. Da geht es um wahrgenommene und halluzinierte Realität, da geht es um einen Zeitgeist, der absurder nicht sein kann, wenn man die unter ihm handelnden Personen genau betrachtet und da geht es um den Kulturbetrieb als eine Vermarktungsmaschine, die völlig entseelt dem Mammon hinterher hechelt. Erck Dessauer, Billers alter ego und erzählendes Ich in dem Roman, ist ein Talent, das vor einer großen literarischen Karriere zu stehen glaubt und sich reibt an einer bereits etablierten Figur, dem großen Hans Ulrich Barsilay. Natürlich sind beide Juden, und natürlich begegnen sich beide in einem teils realen, teils phantasierten, aber auf jeden Fall surrealen Showdown.
Und, wie sollte es anders sein, beide sind nicht nur gute, sondern auch grundschlechte Menschen, die die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel skrupellos anwenden, um sich gegen die jeweils andere Seite abzusetzen. Der Novize versucht es mit Subversion und Konspiration, der Etablierte mit Betrug und die ihn deckende Macht. Im Grunde scheitern sie beide. Oder doch nicht?
Es spricht immer wieder für Billers Romane, dass sie nicht daherkommen mit einer Moral. Das Einzige, was sie vermitteln, ist die Erkenntnis, dass die menschliche Existenz komplexer ist als alle bisherigen Idealismen wahrhaben wollten und dass das Schlechte wie das Gute gleichermaßen in jedem humanen Mikrokosmos beheimatet ist. Das vermittelt er auch in diesem Roman. Und das macht er mit soviel Witz und Chuzpe, dass gleichzeitig der ganze Schein einer politisch korrekten, humanen und wie auch immer nachhaltigen Welt in einer großen Stichflamme verschwindet. Biller gehört zu den wenigen deutschsprachigen Schriftstellern, die sich einen Dreck darum scheren, was die faulige Saturiertheit über ihn denkt. Allein das macht ihn so lesenswert. Aber alles andere auch.
- Herausgeber : Kiepenheuer&Witsch; 2. Edition (19. August 2021)
- Sprache : Deutsch
- Gebundene Ausgabe : 128 Seiten
- ISBN-10 : 3462000829
- ISBN-13 : 978-3462000825
- Abmessungen : 13.1 x 1.67 x 20.9 cm

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