Archiv für den Monat April 2021

Literarischer Reichtum in der Dystopie

Mary Shelley. Der letzte Mensch

Das Phänomen Covid-19 hat zur Wiederentdeckung und Neuauflagen dreier literarischer Schriften geführt, die ansonsten eher bei einem begrenzten Publikum Interesse geweckt hätten. Es sind dies Albert Camus „Die Pest“, Daniel Defoes „Die Pest zu London“ und Mary Shelleys „Der letzte Mensch“. Spielte Camus Roman noch bei allen, die sich mit dem Existenzialismus auseinandersetzten, eine Rolle, so war Defoes fiktiver Bericht einer realen Katastrophe eher etwas für die Defoe-Forschung. Mary Shelleys „Der letzte Mensch“ kam nie über ein Fachpublikum hinaus. Alle drei Autoren hatten sich mit der Ausbreitung der Pest und den damit verbundenen Auswirkungen auf die jeweilige Gesellschaft und ihr Handeln beschäftigt. „Der letzte Mensch“ ist selbst in diesem vorgestellten Ensemble eine Besonderheit.

Mary Shelley, die vor allem und wenn nicht gar exklusiv durch ihr Frühwerk „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“ und dessen spätere Verfilmungen in Deutschland Aufmerksamkeit erregte, schrieb danach noch einige Romane von Bedeutung. „Der letzte Mensch“ ist insofern bemerkenswert, als dass er bereits 1826 zum ersten Mal erschien und in den heutigen Klappentexten als die erste Dystopie der modernen Weltliteratur gepriesen wird. Und es ist tatsächlich, vor allem aus heutiger Betrachtung, eine seltsame Koinzidenz, dass ein Teil der Handlung bestimmte Fragestellungen nahelegt, die auch in der Phase der Globalisierung des 21. Jahrhunderts hohe Aktualität genießen. 

Im Jahr 2089 brechen nicht nur die britische Monarchie vor dem Hintergrund ur-demokratischer Fragen zusammen, sondern der Globus wird von einer Pestepidemie überzogen, die letztendlich dazu führt, dass nur ein Mensch übrig bleibt, nämlich das erzählende Ich. Damit hat Shelley ein Konstrukt gewählt, das ihr die Möglichkeit gibt, aus einer für alle Menschen offensichtlichen Katastrophe ein räsonierendes Individuum am Ende vor alle Fragen zu stellen, die das Existenzielle der Gattung betreffen. Es geht dabei um nicht weniger als das Glück, den Wert und den Sinn menschlichen Lebens. Der Erzähler könnte als so etwas wie der kollektive Gesamt-Mensch bezeichnet werden und seine Ausführungen auf den letzten Seiten sind so etwas wie eine Rückschau auf die menschliche Zivilisation und das Wissen um die Endlichkeit jeglicher Existenz.

Insgesamt ist die Lektüre für das Publikum unserer Tage nicht ohne Tücken, was in der Qualität der vorliegenden Schrift begründet ist. Mary Shelley war eine meisterhafte Autorin der Genres der Romantik, auch wenn die dystopischen, grausigen und horrorartigen Szenarien gar nicht dazu passen mochten. Von ihrem elaborierten, mitfühlenden und feinfühligen Beobachtungsvermögen und ihrer sensiblen, blumenartigen Metaphorik besehen ist das Romantik pur, die nicht in die Lesegewohnheiten von Menschen passt, die ihrerseits im technokratischen, sich immer auf das vermeintlich Wesentliche konzentrierende Zeitalter sozialisiert wurden. 

Insofern sei darauf hingewiesen, dass die Leserinnen und Leser eine Anstrengung erwartet, die vielleicht am besten als das Erlernen von Geduld für ein überaus reiches Panorama an Handlungssträngen, Detailbeobachtungen und sublimen Gefühlslinien zu beschreiben ist. Allein diese Übung ist es wert, die heutigen Gewohnheiten des Lesens in einem kritischen Licht zu beleuchten. Dass dann das, was als die letzten Fragen der menschlichen Existenz bezeichnet werden kann, zum Schluss noch mit dargeboten wird, kann als eine letzte, großartige Überraschung der Autorin nicht genug gewürdigt werden. 

Monothematische Navigatoren

Diejenigen, die in liberaleren Zeiten ein Studium aufnahmen, können sich sicherlich auch an das Typische, noch etwas Pennälerhafte erinnern, das bei der Wahl eines Studiengangs zum Ausdruck kam, wenn eine Entscheidung gefallen war und man auf Bekannte traf, die sich für etwas anderes entschieden hatten. Da wurde dann über die Disziplinen gefrotzelt, die Weltfremdheit der Philosophen und Philologen, das Unzeitgemäße der Historiker, die Systembeschränktheit der Juristen, die Geldsucht der Mediziner, die Instrumentalisierbarkeit der Naturwissenschaftler etc.. Als das Studium dann richtig begann, haben sich alle, die auch nur etwas vom Wesen der Wissenschaften begriffen hatten, von diesem pubertären Schaulaufen verabschiedet, was nie ausschloss, dass es auch Menschen gab, die das Terrain der Dominanz ihrer eigenen Disziplin nie verlassen und sich auf dem Altar der Fachidiotie geopfert haben. 

Eine der grundlegenden Erkenntnisse eines wissenschaftlichen Studiums sind die der Grenzen, die durch die Wahl der eigenen Perspektive gesetzt sind. Die Beherrschung der wissenschaftlichen Methoden und die Anwendung der Instrumente der eigenen Disziplin sind kein Garant für die Entschlüsselung der überaus komplexen Welt, sie liefern nur einen Beitrag, um das große Rätsel zu entschlüsseln. Das ist viel, aber mehr auch nicht.

Daher kann zu den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts gezählt werden, dass immer mehr Wissenschaftler zu dem Schluss gelangten, dass die Beschreibung und Analyse der Phänomene wesentlich besser gelänge, wenn sie in Kooperation mit anderen Disziplinen vorgenommen und durchgeführt würde. Der Begriff der Interdisziplinarität gewann zurecht eine große Anziehungskraft, es wurden gar Institute gegründet, die den Namen in sich trugen. Renommierte, wie der Soziologe Norbert Elias, verweilten am Institut für Interdisziplinäre Forschung und arbeiteten an so bedeutenden Werken wie dem „Prozess der Zivilisation“. 

Mit dem Einzug des Wirtschaftsliberalismus und der zunehmend monetären Abhängigkeit des Wissenschaftsbetriebes von der Zuwendung privater Gelder ging nicht nur das Schillernde, sondern auch das Multiperspektivische verloren. Der Streit der verschiedenen Disziplinen mutierte von einem um Erkenntnis zu einem um Geld. Das fortschreitende Verschwinden interdisziplinären Denkens wurde von dieser Entwicklung begünstigt und sollte, sofern noch einmal  Zukunftsperspektiven außerhalb dystopischen Debakels eine Rolle spielen, zu einer Grundvoraussetzung des Wissenschaftsbetriebes gemacht werden.

Und nicht nur manchmal, sondern allzu oft kommt es vor, dass die Architekten einer Politik ihr eigenes Opfer werden. Vieles, was als Wert an sich in den Geburtsstunden dieser Republik aufgrund der Schaufensterfunktion gegenüber dem Gesellschaftsentwurf im Osten beschrieben wurde, verfiel zum Stückgut beim Discounter, als diese Gefahr gebannt war. Der Wissenschaftsbetrieb wurde, politisch betrachtet, in Isolationshaft genommen.

Und dann kommt da eine epidemische Krise und plötzlich, über Nacht, beginnt die in der Verantwortung stehende Politik auf „die Wissenschaft“ zu hören und inszeniert damit ein Debakel, wie es betrüblicher nicht sein könnte. „Die Wissenschaft“ entpuppte sich nämlich als das Feld der Epidemiologie. Punkt. Alle weiteren Perspektiven wurden ausgeblendet, was zur Folge haben wird, dass das Konstrukt Gesellschaft in dieser Form bald nicht mehr existieren wird. Aufgrund von Einfältigkeit, Dilettantismus und Subjektivismus entstehen unauflösliche Schäden.

Ein Blick in die Geschichte hätte genügt, um zu erkennen, dass die Geschichte der Migration die Geschichte der tödlichen Krankheiten ist – in diesem Falle unter dem Aspekt der Globalisierung zu sehen -, ein Blick in die Volkswirtschaft würde reichen, um die strategische Interdependenz von Produktionsketten als problematisch zu begreifen, eine Betrachtung der Psychologie hätte ahnen lassen, wie das Unterbinden von sozialer Interaktion die Gemüter zerstört, Soziologen hätten auf die destruktiven Effekte sozialer Kasernierung hingewiesen, Bildungswissenschaftler hätten gute Ideen bezüglich einer auf gesellschaftliche Potenziale setzenden Pädagogik präsentiert und nicht zuletzt hätte der eine oder andere seriöse Jurist das heikle Thema der Verhältnismäßigkeit etwas mehr in den Köpfen verankert. Die Liste ließe sich fortsetzen. Aber der Zug ist abgefahren. Genießen wir weiter die monothematischen Exkurse der politisierenden Epidemiologen und der epidemiologisierenden Politiker. Es ist die Zeit der monothematischen Navigatoren.