Archiv für den Monat März 2021

Untergang durch Korruption

Im Jahre 1602 gründeten Kaufleute in den Niederlanden die Vereenigde Oostinsche Compagnie, VOC, um die gegenseitige Konkurrenz im Überseehandel auszuschalten und die Kräfte zu konzentrieren. An der Amsterdamer Börse waren mächtige Versicherungsgemeinschaften entstanden, die die Risiken bei der Ausbeutung einer neuen, in Asien gelegenen Welt minimieren sollten. Gewürze waren die neue Währung, sie inspirierten zu verwegenen Entdeckungsreisen, wie  der Portugiese Magellan sie unternommen hatte oder sie führten zu staatlichen Handelsmonopolen, wie sie die VOC eingeräumt bekam. Muskat war mehr Wert als Gold, es ging darum, die Hegemonie im Gewürz- und damit im Welthandel zu bekommen.

Die neuen Areale, in denen die neuen Währungen zu finden waren, trugen Namen wie Java und Sumatra, Borneo und Ambon. Dort, wo die Niederländer ihr Domizil errichteten, in Batavia, dem heutigen Jakarta, herrschten lokale Könige, die man vor die Wahl stellte, zu kooperieren oder zu fallen. Es entstand das bis heute lähmende Ketchup-Prinzip, die Kolonisatoren verlangten von den lokalen Herrschern bestimmte Mengen an Produkten und konzedierten ihnen, egal, wieviel sie aus den Produzenten herauspressten, sie konnten den Rest, der über die erwartete Menge hinausging, für sich behalten. Und so setzte sich dieses Prinzip in der Hierarchie fort, bis auf die unterste Stufe.

Die Vereinigte Ostindische Kompanie hielt sich von 1602 bis zu ihrer Liquidierung im Jahr 1798 über zwei Jahrhunderte, sie häufte unbeschreibliche Reichtümer an, sie bescherte den Niederlanden die herausragende Rolle im Welthandel und sie ging sang- und klanglos unter. Der Kolonialismus blieb, aber die VOC segnete das Zeitliche. Warum? Die Niederländer, immer zu geistreichen, selbstironischen Bemerkungen fähig, verwendeten das Kürzel der einst mächtigen Handelsgesellschaft neu: vergaan onder corruptie, Untergang durch Korruption. Denn das System, mit dem sie groß geworden war, mit dem sie die Kolonien ausgebeutet hatten, das hatte sich in die eigene Organisation geschlichen, war immer verbreiteter gewesen und irgendwann hieß es, wenn genötigt und bestochen wurde, dass seien die üblichen Geschäftsgebaren. 

Der Niederländer Eduard Douwes Dekker, der in dem System unterwegs war, verfasste Jahrzehnte nachdem die VOC bereits Geschichte war, ein Buch, das das System zusammenfasste wie keines zuvor und das, ganz nebenbei, von den heutigen Niederlanden als das bedeutendste der eigenen Geschichte gewürdigt wird. Es hatte den trockenen Titel „Max Havelaar. Die Kaffee-Versteigerungen der niederländischen Handelsgesellschaft. Der Autor, der um sein Leben fürchtete, verbarg sich hinter einem Pseudonym: Multatuli, ich habe viel getragen.

Nicht nur in den Niederlanden erregte das Buch großes Aufsehen, denn auch dort, wo die Menschen nicht viel mehr verband als eine dreihundertjährige Kolonialgeschichte, von Sumatra bis Ambon, regte sich nicht nur erneut Widerstand, sondern es entstanden die ersten Konzepte einer neuen Nation, dem heutigen Indonesien. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Moral von dieser Geschichte, der der Vereinigten Ostindischen Kompanie, ist einfach zusammenzufassen: Selbst die florierendsten Organisationen sind dazu in der Lage, sich selbst nachhaltig zu schaden und existenziell zu gefährden, wenn sie es zulassen, dass das schleichende Gift der Bestechlichkeit zunächst eintritt, dann bagatellisiert wird und sich schließlich zu einer allgemein akzeptierten Währung mausert, die dazu führt, dass zum Schluss nichts übrig bleibt, als das ganze Unternehmen zu liquidieren. 

Kontrapunkt: Wie wäre es mit einem Plan? — Neue Debatte

Es wäre eine Befreiung, würden zum Beispiel die bei der Bundestagswahl antretenden Parteien verkünden, was sie in den nächsten Jahren im Falle ihrer Wahl konkret zu tun gedächten. Das wäre eine neue Qualität, die mit sozialistischer Planwirtschaft nichts zu tun hat, auch wenn die Inspiration von dort käme. Der Beitrag Kontrapunkt: Wie wäre es mit…

Kontrapunkt: Wie wäre es mit einem Plan? — Neue Debatte

Wie wäre es mit einem Plan?

In der Volksrepublik China tagt derzeit der Nationale Volkskongress. Was dort beschlossen wird, ist, neben anderen Punkten, die für sich in vielerlei Hinsicht kommentiert und kritisch beleuchtet werden können, der nächste Fünfjahresplan. Aus vergangenen Zeiten wissen wir um die Kritik seitens des Westens, was das Instrument der Planökonomie betrifft. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion war man sich sicher, dass die Planung von Wirtschaft und gesellschaftlichen Prozessen eine Schimäre war, der man im kommunistischen Lager nachjagte und die nur zu Chaos und Niedergang führte. Der freie Markt, so das Mantra, sei da zuverlässiger und führe zu mehr Wohlstand und Wachstum.

Im Falle Chinas zumindest muss dieses Narrativ korrigiert werden. So, wie es scheint, ist die Symbiose von kapitalistischer Produktion, reguliertem Markt und der Formulierung von Zielen ein Erfolgsmodell, denn die Entwicklungsdaten Chinas zeigen, dass die Volksrepublik China mit dieser Konzeption in der Vergangenheit nicht nur gut gefahren ist, sondern auch hinsichtlich der Zukunftsprognosen keinen schlechten Stand hat. 

Berücksichtigt man die Tatsache, dass neben den Fünfjahresplänen noch ganz andere, weitaus vorgreifender Strategien seitens der chinesischen Staatsführung entwickelt werden, die sich über Jahrzehnte erstrecken, dann wird deutlich, bei aller kritischen Betrachtung von außen, wie nachhaltig die dortige Planung ist und wie kurzsichtig, situativ und vom Augenblick gehetzt die hiesige politische Entwicklung von Perspektiven vonstatten geht. Der politische Leitsatz, man fahre auf Sicht, kann als der unkommentierte Kontrapunkt dessen angesehen werden, was in der vom Kollektivismus geprägten chinesischen Gesellschaft guter Brauch ist.

Die Kommentare aus dem Westen erstrecken sich auf die nach westlichen Maßstäben damit verbundenen Unzulänglichkeiten und Ungerechtigkeiten. Das kann man so machen, dabei zu verweilen verstellt jedoch einen Perspektivenwechsel, der nicht die Aufgabe der eigenen Wertvorstellungen bedeuten muss, aber die Eröffnung neuer Korridore bedeuten könnte, derer das eigene Dilemma tatsächlich bedarf.

Das kollektive Gefühl im Westen entspricht nicht den punktuellen Gehässigkeiten aus Sicht einer allzu getriebenen Systemkonkurrenz. Denn der Vorwurf, die Politik in unserem eigenen, westlichen Kulturkreis, verfolge keinen Plan bis auf den der Hegemonie, hört man nicht nur zunehmend im Lager der professionell politischen Akteure, sondern er ist in breiten Schichten der Bevölkerung seit langem präsent. Denn jede Organisation und jedes Unternehmen operiert seit eh und je nach Plänen, die die beabsichtigte und zu erwartende Entwicklung beschreiben. Das Ausbleiben einer derartigen Vorgehensweise ist ein bedeutender Faktor im Verlust von Vertrauen in die Politik. Wer, so das allgemeine und durch die eigene Lebenspraxis untermauerte Empfinden, sich nicht in die Karten schauen lässt, führt Schimpfliches im Sinn. Und wer, auch das wird spekuliert, gar nicht weiß, welche Karten er in der Hand hat, ist ein Scharlatan, der in einer solchen Verantwortung nichts zu suchen hat.

Ganz unabhängig zu der Haltung, die jeder Mensch zu den chinesischen Verhältnissen hat, wirkte es wie eine Befreiung, wenn, zum Beispiel in Bezug auf die bevorstehenden Bundestagswahlen, die dort antretenden Parteien einmal kundtäten, was sie in den nächsten Jahren im Falle ihrer Wahl konkret zu tun gedächten, frei nach dem Motto: Wenn wir könnten, wie wie wollten, würden wir… nein, damit sind keine seichten, in der Abstraktion verpuffenden Wahlversprechen gemeint, sondern ein konkreter Geschäftsplan für die anstehende Regierungsverantwortung. Das wäre doch einmal eine neue Qualität, und mit sozialistischer Planwirtschaft hätte das gar nichts zu tun. Auch wenn die Inspiration von dort käme.