Archiv für den Monat Februar 2020

Conditio humana und Technokratie

Wie könnte einmal  die kommentierende Überschrift über das historische Kapitel lauten, in dem wir uns heute befinden? Das hängt immer vom Auge der Betrachtenden ab. Je nach dem, wohin sich die Geschichte bewegt, könnte auch die Haltung sehr unterschiedlich ausfallen. Mehrere Optionen werden also möglich sein. Des Unterhaltungswertes halber seien einige wenige Varianten genannt:

  • Das Ende der Demokratie
  • Der große Aufbruch
  • Das große Lamento
  • Die große Angst
  • Das zynische Zeitalter.

  

Je nach heutiger Perspektive, klingen die Überschriften wahrscheinlich. Eine jedoch fehlt, da sie eine qualitative Voraussetzung beinhaltet, die momentan nicht gegeben erscheint, die aber sicherlich einen großen Sprung nach vorne beinhalten könnte. 

Doch bevor ich mich dieser Variante widme, möchte ich auf meinen Favoriten der bereits genannten beziehen. Das große Lamento ist das, was aus meiner Sicht überall zu sehen ist. Die Klage über alles, was nicht mehr funktioniert oder gilt, ist sehr laut. Nicht, dass sie nicht berechtigt wäre! Wen sollte es erfreuen, dass demokratische Institutionen ihre Reputation verlieren, dass Rechte wie die Pressefreiheit zur Serienproduktion von Feindbildern führen und dass im Allgemeinen das Vertrauen sich in einem beängstigen Abwärtstrend befindet. Das ist schlimm. Und der Zustand entspräche der Lautstärke, mit der das alles beklagt wird, wenn es nicht Möglichkeiten gäbe, den Weg, der vieles davon verursacht hat, auch wieder zu verlassen und einer neuen Route zu folgen.

Nicht, dass die Erkenntnisse neu wären, aber sie sind durch eine Euphorie, die leerer nicht sein könnte, verschüttet. Es geht um die Aushöhlung der menschlichen Existenzgrundlage, der Conditio humana. In welche Verhältnisse wurde der Mensch, der ein soziales, kommunizierendes und kooperierendes Wesen ist, katapultiert? Um die ganze Dimension zu ermessen, sei ein Beispiel genannt: Die allgemein politisch getriggerte Vorstellung, durch den Einsatz von Robotern in Krankenpflege und Altenbetreuung. Wer einer Existenz, die in der Krise auf die essenziellen Bedürfnisse der sozialen Interaktion angewiesen ist, mit einer weiter getriebenen maschinellen Taylorisierung antwortet, ist anscheinend nicht nur eine Gefahr für die Gesellschaft, sondern auch Opfer der eigenen koksgetriebenen Hybris. 

Wie das allgemeine, nicht mehr zu überbietende Gelage in den Bullshit-Terminologien und Fieberfantasien der Digitalisierung zeigt, wie sehr das durch den technokratischen Wahn kontaminierte Vorstellungsvermögen die Möglichkeiten der Lebenssteuerung durch Menschen negiert. 

Wer sich das Ergebnis ein wenig aus der Nähe ansehen will, sehe sich das an, was sich als Protagonisten einer neuen, die Ökologie fokussierenden Jugendbewegung präsentiert. Da ist eine große Empathie zu den Abstrakta Natur, Planet, Kosmos zu verspüren, in der direkten sozialen Interaktion verwandelt sich diese Fähigkeit in ein Kalkül, das so kalt wie der Schwanz einer Natter daherkommt. Sicherlich auch ein Resultat des Phänomens, dass die direkte, unmittelbare Erfahrung im Sozialisationsprozess immer mehr abnimmt und die bloße, mittelbare, theoretische Vermittlung sich epidemisch ausgebreitet hat.

Meine favorisierte Überschrift, aus der heutigen Erfahrung und dem Wunsch gespeist, dass vieles gut verlaufen wird in der weiteren Entwicklung der Menschheit, sie würde lauten: 

Das Ende des technokratischen Denkens. 

Und es hieße, dass es dringend erforderlich ist, die politischen Mandate, egal in welchen politischen Lagern sie zu verorten sind, all jenen zu entreißen, die im Wahn von Technologien und abstrakten Prozessen ihr Heil suchen, weil sie zu direkten sozialen Beziehungen selbst nicht fähig sind. 

Wer soziale Beziehungen pflegen kann, wer vernetzt ist in der Gesellschaft, mit ihren Unterschieden, mit ihren Widersprüchen, mit ihren Gebrechen und mit ihrer Schönheit, dem kann zugetraut werden, auch den Gestaltungsprozess , der sich Politik nennt, empathisch zu verantworten.

W.i.W.W., Wie immer, Widerspruch Willkommen!

CDU: Opfer der eigenen Erzählung

Kennen Sie das? Da erzählt jemand eine Geschichte, packend, mit Witz und ernsten Passagen. Sie reißt so richtig mit, und alle, die sie hören, wissen, dass sie nicht so ganz stimmt, dass da bestimmte Sachen ignoriert und andere überbetont werden. Aber alle finden die Geschichte so toll, dass sie das beiseite lassen. Denn sie möchten, dass die Geschichte tatsächlich so gewesen ist, wie sie gerade erzählt wird. Und deshalb halten alle auch an dieser Version fest. Immer wieder wird sie erzählt, bis, ja, bis fast alle glauben, dass die Version, die erzählt wird, sich mit der historischen Wahrheit deckt. Und wenn es das Schicksal will, dann kommt irgendwann, zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn er ist in einem solchen Fall immer ungünstig, dann kommt die Wahrheit zutage und zerstört die allseits so geliebte Geschichte, die man sich bei jeder Gelegenheit erzählt hat. Das Mindeste, was dann dahin ist, ist die eigene Glaubwürdigkeit. Für menschliche Wesen eine ganz gefährliche, existenzbedrohende Angelegenheit.

Wer hätte je gedacht, dass es ausgerechnet die CDU einmal ereilen würde! Sie, die sich selbst immer als die Mitte der Gesellschaft definiert hat. Sie, die stets bei politischen Gegnern sehr schnell von Rändern sprach und dazu immer eine Theorie parat hatte, nämlich die des Totalitarismus. Rechts wie links agierten die Feinde der Demokratie und die CDU war die große Kraft des Maßes und der Integration. Und die anderen, in deren Gesellschaft man schnell kommen konnte, wenn man sich nicht der CDU anschloss, die anderen konnten im Handumdrehen zu Feinden der Demokratie abgestempelt werden, wenn sie unbedacht handelten.

Und nun, ausgerechnet in einer ohnehin schon turbulenten Zeit, kommen genau die Fakten wieder hoch, die in dem Narrativ der Partei nie eine Rolle gespielt haben. Denn die Funktionseliten, die in jeder Partei, in der sehr viel organisiert werden muss, eine dominante Rolle spielen, diese so genannten Funktionseliten stammten historisch gleich mehrmals aus dem Arsenal des Totalitarismus. Die erste Welle kam nach dem Krieg in die West-CDU und spielten eine dominante Rolle. Hans Globke, Mitverfasser der Rassegesetze, Kurt-Georg Kiesinger, antisemitischer Propagandist im Rundfunk des Außenamtes, Hans Filbinger, Marinestabsrichter; Kanzlerberater, Kanzler und Ministerpräsident, sie hatten das Parteiabzeichen der NSDAP getragen, waren dort in mächtigen Positionen und wurden zu Markenzeichen der Nachkriegspartei der Mitte. Eine Aufarbeitung dieser Geschichte fand nie statt, weil sie in dem Narrativ, das alle so lieben, nie vorkam.

Und hätte eine Partei nicht genug mit dem Totalitarismus einer Generation zu tun, bei der großen Stunde der Wiedervereinigung wurde die komplette Ost-CDU, ihrerseits in der indigenen Bevölkerung des inhalierten Gebietes auch gerne als Blockflöten tituliert, mit einem kräftigen Zug einverleibt. Auch deren kooperative Ausmaße mit dem SED-Regime wurden nie erwähnt, auch das fand in der Erzählung, die alle so gerne hören, nie statt. Und was nicht stattfand, muss bekanntlich nicht aufgearbeitet werden. 

Umso emsiger wird aus den Reihen der großen Totalitär-Kontingente der Vorwurf gegen alle anderen laut formuliert. Nahezu grotesk mutet es an, wenn ausgerechnet diese Partei der Linken vorwirft, sie verkörpere den Totalitarismus der einstigen DDR. Ehrlich gesagt, im Vergleich zur CDU hat die Linke unerbittlich und schmerzhaft über die eigene Geschichte nachgedacht und ihre Schlüsse gezogen. Es heißt nicht, dass sie nicht so manchen Reflex noch pflegte, der aus den alten Tagen stammt. Aber, auch personell, lassen sich keine Parallelen zur CDU, bei der nahezu flächendeckend die kompletten Organisationseinheiten umgewidmet wurden und über Nacht die Absolution erhielten. Und wer die hat, der hält besser die Schnauze, wie es so treffend heißt. 

Die schöne und so gerne erzählte Geschichte von der Mitte ist leider auserzählt. Es sind Zeiten für Menschen mit guten Nerven!