Archiv für den Monat Februar 2020

Kandidatenrevue: In ihrer Seele brennt elektrisch Licht.

Das technokratische Zeitalter, in dem wir leben und das sich mehr und mehr auf sein desaströses Ende zubewegt, kann auch als die Diktatur der instrumentellen Vernunft bezeichnet werden. Den Charakter derer, die sich in dieser Epoche profilieren, hatte schon Erich Kästner in der ihm eigenen Weise auf den Punkt gebracht:

In ihren Händen wird aus allem Ware.

In ihrer Seele brennt elektrisch Licht.

Sie messen auch das Unberechenbare.

Was sich nicht zählen lässt, das gibt es nicht!

Die Typologie der Protagonisten des technokratischen Zeitalters sind das eine. Was dabei verloren geht oder kaum noch gehört wird, ist das andere. Die faktenbasierten Wissenschaften befinden sich im Eldorado, unabhängig davon, welchen Schabernack sie zuweilen auch treiben. Und die Wissenschaften und Disziplinen, die mit Gefühlen wie Abstraktionen arbeiten, sind marginalisiert und gerade sie sind es, die sehr dabei helfen können, zu vermeiden, sich individuell wie gesellschaftlich auf Verhältnisse einzulassen, die im Nachhinein bitter bereut werden könnten.

Der Sprung mag etwas krass erscheinen, aber die Kandidatur sowohl von Friedrich Merz als auch von Norbert Röttgen zum Parteivorsitz der CDU mit inkludierter Kanzleroption ist so eine Geschichte. Würden vor allem beim ersteren nicht andauernd die zahlenmäßigen Erfolge seiner steilen Karriere bei Black Rock kolportiert, sondern ausnahmsweise einmal fein psychologisch nach seiner Motivlage gefragt, dann könnte man sich das ganze Sezieren des Charakters einer Investmaschine wie Black Rock sparen, um zu einem Urteil kommen zu können.

Was geht in einem Menschen vor, der, als Mittvierziger, einen Machtkampf verloren hat, der dann das Metier wechselt, dort gewaltig reüssiert und letztlich, anderthalb Jahrzehnte später, zurück zu kommen als der Rächer im dunklen schwarzen Mantel? Was würden die klugen Psychoanalytiker dazu sagen? Wie ist es um den Charakter und das Psychogramm eines solchen Menschen bestellt, der weder durch Ferne, noch durch Erfolg und auch nicht durch Macht von der Traumatisierung einer Niederlage befreit werden konnte? Nun kann man sagen, dass das auch nicht die richtigen Mittel seien, um Verletzungen zu heilen. Das stimmt. Aber Hilfe, Hilfe hätte sich ein so einflussreicher Mann holen können, um Frieden mit sich und einem erfolgreichen Leben zu schließen. Getan hat er es nicht. Und nun steht er, Röttgen analog und nicht ganz so krass, vernarbt auf der Bühne und will es noch einmal wissen.

Wem es nicht gelingt, Niederlage und Schmach zu heilen, dem ist vorauszusagen, dass er mit einem Programm zurückkommt, das für das Umfeld verheerend sein wird. Es wird bestehen aus den eigenen Standpunkten, die damals, zum Zeitpunkt des eigenen Debakels, unterlagen. Und er wird sie wieder vorzeigen und beteuern, dass er damals schon Recht gehabt hatte. Und er wird, auch dazu bedarf es keiner subtilen Prognostik, er wird so manchen Rankünegedanken in sich tragen, der sich vehement gegen Frauen richten wird, die ihrerseits erfolgreich und selbstbewusst sind und deren Typus er für das eigene Scheitern verantwortlich macht.

Nicht nur für die CDU, sondern für die ganze Republik stellt sich folglich die Frage, ob die Lage, in der wir uns befinden, es erfordert, verletzte Machtmenschen mit einem Programm aus der Vergangenheit in Positionen zu bringen, in denen sie die Zukunft gestalten sollen. Die mangelnde eigene Selbstreflexion dieser Kandidaten ist eine Katastrophe. Und die viel zu schwache, kaum vernommene Stimme der Psychologie ist eine Signatur eines Zeitalters, dass hoffentlich bald zur Neige geht.  

Der Nexus von Macht und sexueller Unterwerfung

Mit Bombshell. Das Ende des Schweigens hat Regisseur Jay Roach einen Film ins Kino gebracht, der die Sprengkraft, die das Thema der sexuellen Belästigung und Erniedrigung in der amerikanischen Gesellschaft entfaltet hat, noch einmal zurück zu ihrer Initialzündung verfolgt. Es geht um die Skandale, die während des amerikanischen Präsidentenwahlkampf 2016 im rechtskonservativen Nachrichtensender Fox News ans Licht kamen. Roger Ailes, der Tycoon, der den Sender aufgebaut und zu dem rechten Sprachrohr gemacht hat, als das es heute bekannt ist, hatte der Redakteurin, die den Präsidentschaftskandidaten Trump in einem Interview sehr hartnäckig nach seinem Verhältnis zu Frauen befragt hatte, bekam von ihrem Chef keine Unterstützung, als sie von Trump-Anhängern zur Zielscheibe zahlreicher, verletzender Angriffe wurde. Ailes war mit Trump befreundet und wollte ihn mit ins Amt hieven.

In diesem Kontext kommen die Frauen zu Wort. Diejenigen, die trotz riskanter Konsequenzen damit beginnen, das System Ailes zu enthüllen und ihn dastehen zu lassen, als das, was er ist: Als ein Mann mit Macht, der Loyalität von den Frauen einfordert, die er protegiert. Unter Loyalität versteht er sexuelle Gefälligkeiten. Bei Einstellung lässt er sie vor ihm posen und begründet das damit, Fox News sei ein visuelles Medium.

Dramatisch ist die Aufteilung der Frauen in verschiedene Lager zu beobachten. Diejenigen, die aus Angst lieber schweigen, diejenigen, die die an die Öffentlichkeit tretenden Frauen ihrerseits als Verräterinnen anklagen und diejenigen, die einfach das Weite suchen, ohne sich an der Auseinandersetzung zu beteiligen. In den unterschiedlichen Lagern kommen nicht nur die Zweifel zum Vorschein, sondern auch die harten Wahrheiten. Es gibt auch Frauen, die sich weigern und die Grenzen ziehen. Sie opfern die schnelle Karriere für ihre Würde und Selbstbestimmung. Auch diese Option findet in dem Film Gehör und macht ihn deshalb so wertvoll.

Der Film verdeutlicht, ohne plakativ zu sein, die Brisanz des Themas für die tatsächlich betroffenen Frauen. Und er zeigt, wie die Marionettenspieler im Hintergrund, in diesem Fall der Medienmogul Murdoch, dem Fox News gehört, mit den Figuren umgehen, die da im News-Geschäft unterwegs sind.

Übrigens ist der Film eine Nacherzählung dokumentierter Ereignisse. Obwohl die Versuchung groß ist, hat Regisseur Jay Roach nicht mit Klischees gearbeitet. Selbst die Opfer haben Fehler und die Täter menschliche Züge. Das macht alles sehr glaubhaft. Auf Enthüllungen dieser Art warten wir noch in unseren Breitengraden. Wer glaubt, es gäbe den Nexus von Macht und sexueller Unterwerfung hierzulande nicht, der möge weiter träumen. Allen anderen sei der Film dringend empfohlen.