Archiv für den Monat September 2019

Im Prozess der kreativen Zerstörung

Kürzlich, bei der Planung eines Symposiums, bei dem es um das Thema Digitalisierung gehen sollte, erhielten wir von einem renommierten Soziologen, der sich seit Jahren mit dem Thema der Innovationen beschäftigt, eine verstörende, aber verständliche Absage. Obwohl es bei dem Symposium aus unserer Sicht nicht um das allgemein übliche Euphorie-Szenario, sondern um eine kritische Bewertung des Sachstandes und einen Ausblick auf Potenziale sozialer Veränderungen gehen sollte, wollte der Mann nicht zusagen. Seine Begründung: er halte die leeren Statements und das Jubelgeschrei im Orkan der Abstraktionen nicht mehr aus, er tue sich das nicht mehr an.

Was hier beschrieben wird, ist ein Trend. Das, was unter dem Begriff der Digitalisierung transportiert wird, ist zum großen Teil zum Schaudern und bringt in keiner Weise weiter. Die plattesten Vertreter der technologischen Epoche sind am schnellsten zu demaskieren: Ihnen schwebt eine Herrschaft der Algorithmen über das lohnabhängige Objekt Mensch an. Dass die Gewerkschaften in diesem Kontext nicht aufmerksamer sind, beschreibt den Zustand politischer Tristesse. Auch das wird sich ändern.

Nun kann man sich zurückziehen, die Nase rümpfen und sich mokieren über die sehr einfache Strukturierung der Handelnden. Das wäre jedoch eine Form der Arroganz, die dem Zusammenhang nicht gerecht wird. Aus meiner Sicht stimmt zwar, was viele Kritiker formulieren. Nämlich dass vieles, was heute digitalisiert wird, analogen Denkschemata entspricht und daher sprichwörtlich in Sachen Zukunftsgestaltung für die Katz ist. Analog denkende Menschen modellieren Prozesse, die dieser Denkweise entsprechen, so, dass sie von der digitalisierten Technik getrieben werden können. Das vermeintlich Neue, das so entsteht, ist eine technologisch verfremdete Version des Altbekannten. Daher sind die heftigen Diskussionen um diese Version einer Vorstellung von der Zukunft überflüssig. Sie führen zu nichts.

Das, was sich nicht nur in technologiespezifischer Hinsicht momentan vollzieht, deutet sich immer heftiger in der Ökonomie an. Die alten Vorstellungsweisen und Strukturen scheinen dem, was entsteht, nicht mehr zu entsprechen. Wollte man einen marktsoziologischen Terminus finden, der diese Phase am besten beschreibt, dann ist es der längst etablierte der schöpferischen oder kreativen Zerstörung. Der österreichische Ökonom und Politiker Joseph Alois Schumpeter (1883 – 1950) hatte den Begriff erdacht, um eine Verlaufsform des Kapitalismus zu beschrieben.

Immer dann, so Schumpeter, wenn sich der Charakter oder die Konstellation der Produktionsfaktoren radikal verändern, werden die alten Denkweisen und Strukturen zerstört und es entsteht ein Chaos, aus dem sich die Komponenten einer neuen Konstruktion von produktiven Prozessen etablieren. Diesen Prozess hat er die kreative Zerstörung genannt. Und diese Beschreibung ist in hohem Maße geeignet, um das zu beschreiben, was momentan allenthalben zu beobachten ist. 

Wenn sich sowohl die Denkweisen als auch die Strukturen radikal verändern, ist es folgerichtig, dass dies Auswirkungen auf die Politik und das politische System haben muss. Wenn der Satz, dass die Politik konzentrierter Ausdruck der Ökonomie ist, als noch gültig angesehen werden muss, wogegen nichts spricht, dann ist die nahezu flächendeckend zu beobachtende Krise der Politik und des politischen Systems schlichtweg der logische Ausdruck des wuchtigen Prozesses der kreativen Zerstörung in der Ökonomie.

Diese Erkenntnis führt ihrerseits zu der notwendigen Mahnung, sich nicht auf die Beobachtung zurückzuziehen und mal zu schauen, was alles kommen mag. Ganz im Gegenteil: Im Prozess der kreativen Zerstörung kommt es auf die Subjekte an, die in ihm frühzeitig die Trends erkennen und die Möglichkeiten zu nutzen wissen. Auch dieser Prozess kann zur Perpetuierung des destruktiven Denkens führen, er kann aber auch genutzt werden, um sozial Neues zu schaffen. 

Junge ökologische Bewegung: Reden wir Tacheles!

Neben den durch die Industrie verursachten Schäden erleidet das Ökosystem schwere Kontaminationen vor allem durch den Schiffstransport von Waren und Rohstoffen. Den schwersten Schlag muss Mutter Natur jedoch jedes Mal bei Kriegen hinnehmen. Kriege und simulierte Kriege, d.h. Manöver, sind immer ein Duell mit der Natur. Insofern ist es notwendig, sich mit bestimmten Branchen wie der Kreuzfahrttouristik genauso zu befassen wie mit dem Krieg und denen, die von ihm leben, ihn vorbereiten und befeuern. Und dieser Aspekt wird dazu führen herauszufinden, wo bei der neuen ökologischen Bewegung die Sollbruchstelle liegt. 

Die Grünen, die nicht nur im Kosovo-Krieg ihre Unschuld verloren haben, sondern mit ihrer Position dort und im Folgenden eine der mächtigsten Friedensbewegungen der Welt gemeuchelt haben, sind positioniert. Sie sind sowohl auf NATO-Kurs, was heißt, sie unterstützen die Expansionsbemühungen nach Osten, treten immer wieder für militärische Lösungen ein und ihre Spitze unterstützt zudem den Import von us-amerikanischem Fracking-Gas. Will die neue, vor allem juvenile ökologische Bewegung nachhaltig Bestand haben, dann muss sie sich schnell von dieser politischen Kontamination befreien. 

Es handelt sich um eine gewaltige Aufgabe, vor der die junge Bewegung steht. Im Grunde hat sie Fragen gestellt, die auf der Hand liegen und die denen, die seit Jahren die politische Verantwortung tragen, nicht mehr in den Sinn kommen. Es geht darum, was zu tun ist, um eine Umsteuerung menschlichen Wirtschaftens und Konsumierens herbeizuführen. Das kann nur gelingen, wenn vor allem das alte Paradigma des Wachstums über Bord geworfen wird. Letzteres aber ist das Kernstück des Kapitalismus. Reden wir Tacheles: die Ziele der jungen ökologischen Bewegung können nur erreicht werden, wenn der Kapitalismus überwunden wird.

Sollte letzteres sich als erkanntes notwendiges Ziel herauskristallisieren, dann ist sehr schnell Schluss mit der zur Schau getragenen Sympathie seitens der herrschenden Öffentlichkeit. Sie wird nur so lange anhalten, wie die Möglichkeit der Instrumentalisierung für eigene Ziele existiert. Wenn es um die Systemfrage gehet, dann hört der Spaß auf. Die Auseinandersetzungen werden härter werden und es wird sich herausstellen, wer es wirklich ernst meint mit der Solidarität mit der Jugend.

Neben allem, was ansteht, von der Formulierung einer politischen Programmatik bis zur Findung und Entwicklung des notwendigen professionellen Personals, die erste Entscheidung wird bei der Frage von Krieg und Frieden fallen. Wenn sich die Bewegung bei den ausschließlich um Ressourcen gehenden und sich in Hochvorbereitung befindenden Krieg gegen den Iran heraushält, dann wird sie schneller tot sein als sie selbst glaubt. Sollte sie sich jedoch gegen die erneute kriegerische Verunstaltung der Welt stellen, dann werden die nach Innen gerichteten Streitkräfte sehr schnell ihre Unbarmherzigkeit gegen den jugendlichen Protest zur Schau stellen.

Und für alle, die meinen, sie hätten das Privileg, sich die ganze Entwicklung von einer externen, saturierten Stellung anzusehen, gilt dasselbe. Die Entscheidung, ob etwas zum Besseren zu bewegen ist, fällt an dem Tag, an dem erkannt wird, dass nicht nur die permanente Zerstörung des ökologischen Systems, sondern auch der Krieg als notwendiges Instrument der Wachstumsideologie und dem ihr zugrunde liegenden Wirtschaftssystem zusammen gehöre. 

Es geht nicht darum, die alte Rolle der Kassandra zu spielen, es geht darum, die Illusionen zu bekämpfen, die durch die distanziert sympathischen Rückmeldungen einer satten Gesellschaft den Zustand eines einfachen Weges suggerieren. Wer sich gegen den Krieg stellt, spielt nicht mehr mit Murmeln.