Archiv für den Monat April 2019

Auf der Suche nach Identitäten

Vor vielen Jahren, quasi in einem anderen Leben, arbeitete ich einige Zeit als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache. Das Eigenartige dabei war, dass diejenigen, denen ich die Deutsche Sprache beibringen sollte, als Deutsche galten. Sie nannten sich Spätaussiedler und  aus dem damals noch existierenden Ostblock, vornehmlich aus der Sowjetunion, Polen, Tschechien und Rumänien, nach Regierungsabkommen mit den dortigen Staaten in die Bundesrepublik kamen. Aber darum geht es hier nicht.

Es geht vielmehr um eine Übung, die ich mit den zumeist erwachsenen Schülerinnen und Schülern gerne machte. Sie bekamen die Aufgabe, gleich einem Lexikon-Eintrag, heute wäre es ein Wiki-Text, ihre Stadt oder Region vorzustellen. Das konnte entweder die Gegend sein, aus der sie kamen, oder eben der neue Ort, an dem sie nun lebten. Als sprachlich-stilistische wie gedankliche Übung eignete sich diese Aufgabe sehr gut, um zu sehen, wie umfassend bereits Kompetenz vorhanden war oder auch nicht.

Ich erinnere mich an eine jener Übungen bis heute, weil sie sehr viel aussagte und sich eigentlich für ein Satire-Programm geeignet hätte. Ein Teilnehmer, den die anderen immer ein bisschen fürchteten und über den sie sich gleichzeitig auch gerne lustig machen, las seinen kurzen Text vor, als ich ihn fragte, was er denn geschrieben habe. Sein Beitrag war kurz und bündig: „Früher war Hindenburg eine schöne Stadt. Dann kam der Pole und hat alles versaut.“

Bis heute erzähle ich die Geschichte gerne, weil sie vieles so fürchterlich auf den Punkt bringt. Zum anderen benutze ich sie, um meine Gesprächspartner dazu aufzufordern, doch die gleiche Übung einmal selbst zu machen. In Zeiten, in denen sehr viel über Identität und den Verlust derselben geredet wird, ist das höchst anregend. Denn ganz so, wie auf der Meta-Ebene kolportiert, scheint es nicht zu sein. Zumindest die eigene Stadt und die eigene Region werden in der Regel sehr positiv und identitätsstiftend dargestellt.

Kürzlich war ich wieder in einer solchen Situation. Und der geübte Wiki-Eintrag einer Frau, die mit am Tisch saß, war bemerkenswert. Hier der in Bezug auf die Stadt anonymisierte Beitrag:

Die Stadt, um die es geht, ist für europäische Verhältnisse noch gar nicht so alt. Sie wurde am Reißbrett konzipiert und von Spezialisten aus ganz Europa auf Geheiß eines Auftraggebers erbaut. Sie zeichnete sich immer aus durch die dort gelebte Toleranz. Dort gelang es einem desertierten Militärarzt, der vor seinem Fürsten hatte fliehen müssen, ein revolutionäres Stück auf die Bühne zu bringen, was bis heute als die Geburtsstunde des deutschen Idealismus gefeiert wird. Immer wieder kamen Menschen aus unterschiedlichen Gründen in diese Stadt, mal flohen sie wegen ihres Glaubens, mal wegen ihrer Weltanschauung, mal wollten sie sich verwirklichen und mal suchten sie Arbeit und mal von hier so inspiriert, dass sie ins ferne Amerika zogen, um dort weiter zu wirken. In dieser Stadt kommen zwei Flüsse zusammen und  es wachsen Wein und Tabak. Musik hat immer eine sehr dominante Stellung eingenommen…

Um es kurz zu machen, wir mussten die Frau irgendwann ausbremsen, sonst wäre es mehr als ein Eintrag geworden. Es sei geraten, sich darüber Gedanken zu machen, um welche Stadt es sich handelt. Oder einfach die Übung für sich selbst mit der eigenen Stadt zu machen und sich zu fragen, wie es denn aussieht mit der Identität. Viel Vergnügen!

Dass Neal Stephenson [1] erzählen kann, hat er bereits in vielen seiner Schriften bewiesen. Seine extravagantesten Romane zeichneten sich durch einen Parforceritt [2] durch die Epochen aus. Nichts ist dem Zufall überlassen und alles ist Zufall. Geschichte wird dabei zu einem Phänomen, das durch die Zeiten gewebt wird und dennoch absurde Sprünge zulässt. Cobweb In…

über Cobweb – Nervengift aus Iowa — Neue Debatte

Nervengift aus Iowa

Dass Neal Stephenson erzählen kann, hat er bereits in vielen seiner Schriften bewiesen. Seine extravagantesten Romane zeichneten sich durch einen Parforceritt durch die Epochen aus. Nichts ist dem Zufall überlassen und alles ist Zufall. Geschichte wird dabei zu einem Phänomen, das durch die Zeiten gewebt wird und dennoch absurde Sprünge zulässt. In dem Roman Cobwebb, so scheint es, ist alles anders. Dort geht es nicht um die Wiege der Aufklärung oder die Geburtsstunde des Kolonialismus, sondern um aktuelle amerikanische Zeitgeschichte, die Stephenson bewegt zu haben scheint.

Es geht um die Zeit, als der der erste von den beiden Bush-Präsidenten im Amt war und ein irakischer Herrscher namens Saddam Hussein die Chuzpe besaß, in Kuwait einzumarschieren. Bush war gewillt, den Krieg gegen den irak auszurufen, folgte jedoch noch früh genug klugen Beratern, die ihn davon abhielten. Doch der Schock saß tief in der amerikanischen Gesellschaft und die Enttäuschung über das Wendemanöver eines amerikanischen Verbündeten war groß.

Stephenson entwickelt in dem Roman mehrere Perspektiven, aus denen er dann auch die Geschichte erzählt. Da ist ein Provinzsheriff in Iowa, letztendlich der Held der Geschichte, der über einige Absonderlichkeiten an der dortigen Universität stolpert und irgendwie den Verdacht nicht los wird, dass Auslandsstudenten mit jordanischen Pässen da an etwas arbeiten, was nicht ganz geheuer ist. Da ist eine junge Frau in der CIA, der auffällt, dass Agrarsubventionen für den Irak nicht als solche verwendet werden, sondern etwas andres damit geschieht. Da ist selbstverständlich einer der großen Player der CIA, der exzellente Beziehungen zur irakischen Counter Intelligence unterhält und da ist noch ein Gegenspieler, dessen Karriere hinter ihm zu liegen scheint und der aber letztendlich in der Lage ist, den politischen Fehler wettzumachen.

Das alles ist mit der Stephenson eigenen Dynamik erzählt. Interessant für diejenigen, die nichts von Geschichtsbüchern halten. Es geht um die Situation 1990/91, als es zum ersten Mal hieß, der Irak besitze chemische Waffen und er sei bereit, diese auch einzusetzen. Mehr als 10 Jahre später erwies sich diese Behauptung als Fake News, führte aber dann doch zum. Durch den 2. Bush ausgerufenen Krieg. Was Stephenson ohne erhobenen Zeigefinger gelingt, ist die Plausibilität einer höllischen Form der Diplomatie auf amerikanischem Boden darzulegen. Ausgehend von einer politischen Fehleinschätzung wird nämlich geduldet, dass irakische Studenten auf amerikanischem Boden an chemischen Substanzen arbeiten, die zu kriegerischen Zwecken eingesetzt werden können. Im Plot wird eine Katastrophe verhindert, im realen Leben ist das noch Gefährlichere als die reale Existenz bestimmter Waffen das Spiel mit den Möglichkeiten und die teils irren Einschätzungen über mögliche Bündnispartner. 

Dabei handelt es sich um eine Frage, die nicht nur die USA, sondern den ganzen so genannten Westen beschäftigen sollte. Welche Partner sind geeignet, um die Interessen durchzusetzen? Was Stephenson gelingt, ist die Darstellung, dass es Sandkastenspiele sind, die zu dem Unfug führen. Denken wir an die Geschichte: Taliban, Al Qaida und der IS sollten noch folgen.