Archiv für den Monat September 2018

Der gordische Knoten

Vertrauen in unruhigen Zeiten II

Eines der Argumente, das das Vorgehen jener legitimieren soll, deren Handlungen zunehmend bezweifelt werden, ist das der wachsenden Komplexität. In allem! Die Welt, so wird uns erzählt, ist komplexer geworden. Wenn damit der Trend gemeint ist, dass sich Wirtschaft und Politik internationalisiert haben, dann bedeutet das nicht unbedingt eine neue Stufe der Komplexität, es kann auch einfach alles nur etwas komplizierter geworden sein. Es ist ein guter Rat, genau hinzuschauen und sich die Frage selbst zu beantworten. Denn nicht alles ist wirklich komplex. Manches ist vielleicht kompliziert, anderes auch komplex. Aber heißt das, dass wir es deshalb so akzeptieren müssen, wie es ist? Kann nicht auch sein, dass viele Enden von verschiedenen Akteuren irgendwann zusammengeführt worden sind, und das für eine Weile gehalten hat, aber uns heute dennoch nichts mehr nützt? Wie wäre es, nicht jede Konstruktion, die uns vorgesetzt wird, als für alle Zeiten gültig zu betrachten?

Auch da besitzen wir eine Erzählung, die weit älter ist und sich mit dem legendären Alexander befasst, der auszog, Asien zu erobern und dabei vieles entdeckte. Die Geschichte, die als die vom gordischen Knoten bezeichnet wird, passt sehr gut zu dem beschriebenen Problem. Der Überlieferung nach war eine Konstruktion am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios besonders beachtet. Es handelte sich um einen aus dem Bast der Kornelkirsche gebundenen Knoten, der Deichsel und Zugjoch des Streitwagens verband und als stabil wie flexibel gepriesen wurde und als nicht auflösbar galt.

Alexander, der schöne Jüngling, der einen ganzen Kontinent mit seiner Entschlossenheit und Dynamik überraschte, wurde diese Konstruktion gezeigt mit der Frage, ob er in der Lage sei, den Knoten zu lösen. Und wenn etwas mehr als zweitausend Jahre zurückliegt, so ist es erklärlich, dass es unterschiedliche Versionen der Erzählung gibt. Unbezweifelt ist, dass Alexander sich nicht allzu lange mit dem Konstrukt beschäftigte, sondern nach kurzer Betrachtung sein Schwert zückte und den gepriesenen Knoten mit einem heftigen Schlag durchtrennte. Zum Knoten selbst und seinem Zustand wird jedoch auch an manchen Stellen erwähnt, dass er schmutzig und regelrecht ekelerregend auf Alexander gewirkt habe und für ihn gar nicht mehr identifizierbar gewesen sei, wie die einzelnen Enden zueinander gefunden hätten, sondern dass eine Masse von stinkendem Unrat nur noch die Funktion erfüllte. Entscheidend ist jedoch die Quintessenz, dass Alexander das Konstrukt mit dem Schwert durchschlug.

Angewendet auf unsere Tage, in denen die Komplexität von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Konstrukten immer wieder bemüht wird, um die Dings so, wie sie existieren, zu legitimieren, empfiehlt sich ein gewisses Maß an alexandrinischer Ungeduld. Es ist sinnvoll, sich die Gebilde anzuschauen. Sollten wir jedoch zu dem Ergebnis kommen, dass gar nicht mehr nachzuverfolgen ist, wie und warum etwas zustande kam und wie welche Funktion mit welcher anderen zusammenhängt, dann kann es sinnvoll sein und weiterführen, kurzerhand und entschlossen den Funktionszusammenhang aufzulösen und die Konstruktion neu zu denken. 

Dazu bedarf es dem Vertrauen auf die eigene Urteilskraft, einer gewissen Ungeduld, die verhindert, nicht durch das Detail vom Handeln abgehalten werden zu wollen und dem Mut, eine Entscheidung zu treffen und sich von etwas zu trennen, das einen großen Namen hat. So erwirbt auch die Geschichte vom gordischen Knoten gewaltige Relevanz in unseren unruhigen Tagen.

Das Ei des Kolumbus

Vertrauen in unruhigen Zeiten I

Ja, wir leben in unruhigen Zeiten. Und ja, viele Menschen fühlen sich verunsichert. In unzähligen Gesprächen, egal, wo sie geführt werden, ob im Büro oder morgens beim Bäcker, ob in der Straßenbahn oder abends mit Freunden, immer mehr wird der Wille deutlich, dass etwas geschehen muss, um das destruktive Treiben derer, die die Macht haben, durch Wille und Vernunft zu beenden. Warten, dass ist der Tenor, Warten ist keine Alternative. Wenn gewartet wird, dann kommen andere, die vorgeben, Lösungen parat zu haben. Was daraus wird, hat die Geschichte gezeigt. Insofern ist die positive Botschaft dieser Tage, dass sich immer mehr Menschen darüber im Klaren sind, dass sie etwas machen müssen, um die Verhältnisse zu ändern.

Die negative Nachricht kann jedoch nicht unterschlagen werden. Immer mehr von denen, die bereit wären, etwas zu tun, beklagen die Wirre im Kopf, wenn es darum geht, herauszufinden, was richtig und falsch ist. Sie beklagen, die Orientierung verloren zu haben. Es ist ein Massenphänomen, das zurückzuführen ist auf die heiße Schlacht um die Wahrheit, die nicht selten endet in einem Duell beiderseitiger Fake News. Da ist guter Rat teuer. Deshalb ist ein Anliegen, auf Narrative zu verweisen, die jeder kennt und die deutlich machen, dass es gut ist, dem eigenen Verstand und der eigenen Erfahrung zu trauen und daraus die entsprechenden Schlüsse und Entscheidungen abzuleiten.

Als erstes Beispiel soll das berühmte Ei des Kolumbus gelten. Was war da noch geschehen?

Als Kolumbus mit seiner ramponierten Flotte zurückkam von der Entdeckung der Neuen Welt, löste das selbstverständlich großes Aufsehen aus. Auf einem der vielen Bankette, auf denen sich Kolumbus zeigen musste, stellte ihn der berühmte und berüchtigte Kardinal Mendoza zur Rede. Man bedenke, diese Begebenheit spielte im Jahr 1493 und es war bei weiten nicht die Geburtsstunde der Aufklärung im Land. „Wenn ich dich so reden und erzählen höre“, so richtete Kardinal Mendoza sein Wort direkt an Kolumbus, „so komme ich zu der Auffassung, dass deine Reise, die du so herausstreichst, von einem jeden hier im Saale hätte gemacht werden können!“

Christoph Kolumbus forderte in seiner Replik die gesamte Tischrunde auf, doch bitte ein Ei mit der Spitze nach unten zum Stehen zu bringen. Zwar etwas verwirrt, aber dennoch begann gleich der Versuch eines jeden, der Aufforderung nachzukommen. Logischer wie bekannter Weise scheiterten die Versammelten allesamt. Dann nahm Kolumbus ein Ei und schlug es mit der Spitze nach unten leicht auf die Tafel, so dass es zum Stehen kam. Und noch während die Runde, allen voran Kardinal Mendoza, begann, gegen die Methode des Kolumbus zu protestieren, sendete er ihnen die Botschaft, um die es ihm ging: „Ihr sagt, so hättet ihr es machen können, ich aber habe es getan!“

Das Narrativ, das sich seit einem halben Jahrtausend hält, stellt heraus, dass es darum geht, den eigenen Verstand zu benutzen und bereit zu sein, pragmatisch das zu tun, von dem man überzeugt ist und dass es zum Ziel führt. Ein sehr einfacher Sachverhalt, der besonders in Zeiten der ideologischen Verkomplizierung des Lebens von besonderem Wert ist. Bitte denken Sie an das Ei des Kolumbus, wenn sich die nächste Gelegenheit bietet, etwas zu tun, das vernünftig ist und etwas Courage erfordert. Sie könnten neue Kontinente entdecken!