Die Abwehr dessen, was als Phalanx von Faschismus und Krieg zu begreifen ist, kann nur mit einer Doppelstrategie erfolgreich sein. Es gilt, den Kampf gegen beide Flügel der Elite zu führen – gegen die Neoliberalen und die Neofaschisten.
Archiv für den Monat Mai 2018
Die Freude am Spiel verdorben
Obwohl ich meinerseits eher skeptisch bin und glaube, dass die bevorstehende Fußballweltmeisterschaft in Russland dazu benutzt werden wird, die Zuschauerinnen und Zuschauer ideologisch bis zum Überdruss zu bekneten, will ich den Versuch wagen, mich auf das Ereignis im positiven Sinne ein wenig einzustimmen. Ein guter Anlass war das gestrige Pokalfinale zwischen dem bayrischen Staatsverein und Eintracht Frankfurt. Letztere gewannen das Spiel souverän, was den Monopolisten erzürnte und seine schlechten Seiten dokumentierte und zeigte, wie Ausnahmen im kalkulierten Machtspiel das Publikum beglücken können.
Es war so, wie es in den letzten Jahren immer war. Bayern München war gesetzt, auch wenn das ewige Gerede von einem Triple wieder einmal gegen Real Madrid verstummt war. Aber das Double, meine Herrschaften, wir bitten Sie! Nur hatten die Münchner Aufsichtsräte, Präsidenten und Anteilseigner gestern den Falschen gebeten. Frankfurt machte das, was der Reporter dem Team als Kernqualität bescheinigte und quasi als Anspielung auf die vielen Akteure vom Balkan auf Frankfurter Seite einen leichten kulturellen Seitenhieb enthielt: Sie verdarben den Bayernspielern die Freude am Spiel. Dem bezahlten Redundanz-Redner der Fernsehanstalten sei kein Vorwurf gemacht, der Affront kam aus dem Unbewußten, und, was die Wirkung anbelangte, stimmte seine Aussage. Dass die Fähigkeit bei den Menschen vom Balkan besonders ausgeprägt ist, ist die Überprüfung jedenfalls nicht wert.
Jeweils reichten einer aggressiv pressenden Eintracht zwei Konter des durch seine Schnelligkeit und Konsequenz überragenden kroatischen Nationalspielers Ante Rebic, der seinerseits über ein Jahresgehalt verfügt wie die Münchner Balljungen, um Bayern München Schachmatt zu setzen. Dass in dem Spiel noch reklamiert wurde, dass Videobeweise herangezogen wurden, dass sich der Monopolist benachteiligt und verschaukelt fühlte, alles das änderte nichts an der taktischen Überlegenheit Frankfurts, das nach der alten chinesischen Generalsweisheit zu agieren schien: Kennst du deine Feinde, kennst du dich selbst, hundert Schlachten ohne Schlappe! Und so geschah es. Am Schluss hieß es 3:1 für Frankfurt und der Pokal steht nun in einer Vitrine am Main.
Wie es mit der Psyche von Monopolisten steht, die nicht den gewohnten Löwenanteil serviert bekommen, konnte nach dem Spiel beobachtet werden. Die nicht ans Verlieren gewöhnten Akteuere verschwanden lautlos in den Katakomben, ohne dem Gewinner den nötigen Respekt zu zollen. Von dem aus dem dem Ruhrpott stammenden Hermann Gerland, seinerseits ewig in bayrischen Diensten, stammt der, angesprochen auf das ewige Bayerndusel, kluge Satz: Immer Glück ist Können. Da ist sicherlich etwas dran. Gestern gab es kein Dusel, weil die anderen auch etwas konnten und weil es wohl so war, dass manchem Spieler die Bedeutung des „Kinder-Pokals“ etwas zu sehr entglitten war.
Es war das letzte Spiel der Legende Jupp Heynckes. Er wurde und wird verabschiedet von den bayrischen Chronisten als einer der erfolgreichsten Trainer der Vereinsgeschichte, der die Bayern in dieser Saison aus dem Desaster eines Versagers wie Ancelotti rettete. Von den Ergebnissen war der Italiener besser. Aber was soll es, das Narrativ zählt, nicht die Fakten. Sicher ist hingegen, dass mit Jupp Heynckes ein großer Sports- und Gentleman die Bühne verließ, der das allgemeine Niveau des Staatsvereins von der Isar immens gehoben hat. Möge er die ihm hoffentlich in großer Anzahl verbliebenen Tage der Kontemplation im flachen, regnerischen Land des Niederrheins genießen.
Und mögen uns bei der kommenden WM Streiche wie die gestrigen des Ante Rebic in großer Zahl überraschen.
Dividende sind keine ethische Kategorie
Die offiziellen Positionen einzelner Regierungen oder Staaten zu bestimmten Fragen der Weltpolitik sind in der Regel hinreichend bekannt. Sie dienen dazu, eine Art Logbuch der eigenen Außenpolitik zu erstellen. Auch wenn es kein grundsätzliches Programm dafür geben sollte, was leider zunehmend überall auf der Welt der Fall ist, so kann dennoch anhand der einzelnen Positionen zu unterschiedlichen Fragen gleich einem Puzzle so etwas wie ein Bild erstellt werden, das aufschlussreich ist. Fügt man ein Mosaik an das andere, wird sehr deutlich, wo die Prämissen liegen und wo es sich um nichts als Rhetorik handelt.
Im Falle der Bundesrepublik Deutschland ist das so. Statt eines geschriebenen Programms existiert nur eine relativ abstrakt gehaltene Überschrift mit dem Titel. „Wir müssen mehr Verantwortung übernehmen!“ Was das heißt, kann relativ schnell in der beschriebenen Methode rekonstruiert werden:
In Europa, genauer der EU, wird eine Führungsrolle übernommen, die sich vor allem auszeichnet durch Positionen zum Schutz der eigenen Industrie, zur Durchsetzung günstiger Marktbedingungen für diese und zur so genannten Sanierung von Staatsfinanzen analog zu den Maximen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds, sprich einer marktliberalen und staatsrestriktiven Attitüde. Unter diesen Prämissen tritt die Bundesregierung für die stetige Erweiterung der EU ein, vor allem auf dem Balkan und Richtung russischer Grenze. Dabei schreckt sie selbst nicht vor Völkerrechtsbruch zurück, während sie es bei anderen anprangert. In Fragen des Nahen Ostens und der aus dem komplexen Gebilde resultierenden Allianzen hat sich die Bundesregierung bis jetzt an die Allianzen der USA angedockt, obwohl es zunehmend Inkongruenzen gibt. Es heißt aber, die gleichen Interessen bei den Umsturzgedanken wie in den Fällen Libyen und Syrien mitgetragen zu haben, auch wenn der Grad der militärischen Intervention variiert. Die Belieferung „Verbündeter“ wie Saudi Arabien mit hochbrisanten Waffen gehört dazu.
Insgesamt könnte das Programm der größeren Verantwortung beschrieben werden als eine imperiale Führerschaft innerhalb des geographischen Gebildes Europas beschrieben werden. Nicht imperial ist dabei die Art und Weise der Kommunikation. Rom wie Washington haben immer dargelegt, was in ihrem Interesse ist und was nicht. Das ging, aufgrund der eindeutigen Machtverhältnisse, jeweils immer ohne Schminke, auch wenn Prosa wie Narrative ausreichend vorhanden waren. In dieser Position ist die Bundesrepublik nicht. Was wäre zu erwarten, wenn eine Kanzlerin sehr deutlich die Interessen formulieren würde, für die sie tatsächlich eintritt?
Wahrscheinlich bräche im In- und Ausland ein Sturm der Entrüstung los, weil das Land mit dieser Geschichte das nicht machen darf. Die Verantwortlichen für die zwei Weltkriege im letzten Jahrhundert, die zweimal nach der Macht griffen, dürfen anscheinend nie wieder formulieren, dass sie Märkte, Rohstoffe und Wege brauchen, um ihr Gemeinwesen – natürlich auf Kosten anderer – blühen zu lassen. Was die Wahrnehmung und psychische Disposition den USA als altem Imperium erlaubt, würde im Falle Deutschlands zu Empörung pur führen.
Stattdessen und weil es so ist, verfällt die hiesige Regierung in die Sprache des Feldes, auf das sie nach den verlorenen Kriegen verließen worden war. Sie redet über Moral und arbeitet sich ab an dem nicht zu vollbringenden Kunststück, Imperialismus via Moral zu vermitteln. Letzteres misslingt immer mehr und hat zu einer Staatskrise geführt. Ein wachsender Teil der eigenen Gesellschaft glaubt nicht mehr an die Worte, die knallharte Interessenpolitik vermitteln sollen. Und damit hat er Recht. Dividende sind keine ethische Kategorie.


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