Archiv für den Monat Mai 2018

Philip Roth. Literat des weißen Mannes

Nun ist er gestorben. Ohne Nobelpreis. Er wird es verkraften auf seiner letzten Reise. Dort, wohin er jetzt geht, ist alles Schall und Rauch. Mit Philip Roth verlieren nicht nur die Vereinigten Staaten einen wichtigen Schriftsteller, der die letzten Jahrzehnte für viele Menschen prägend war, nein, auch in vielen anderen Ländern haben die Romane des jüdisch-amerikanischen Schreibers aus dem Kulturlabor Newark viele Leser geprägt. Seine Romane hatten Wucht, und sie waren zahlreich. Nicht wenige sahen in der Produktivität des Autors allein bereits eine Obsession.

Das Authentische an diesem Schriftsteller war ein Markenzeichen. Dass er aus Newark, New Jersey, stammte, diesem Vorland von New York City, wo sich ein Proletariat und eine Mittelschicht europäischer Provenienz am amerikanischen Traum abarbeitete, determinierte sein Schreiben. Die konkrete Biographie ließ ihn nie los. Immer wieder die Konflikte mit dem konservativen, strengen Vater, der patriarchalische Züge hatte, kombiniert mit dem Verständnis der liebenden Mutter, die an dem Disput von Vater und Sohn verzweifelte, aber nie an der Liebe zum Sohn. Diese disruptive Welt trug zu dem bei, was bei Philip Roth als sexuelle Obsession einerseits und als Rebellion gegen Autoritäten andererseits immer wieder aufschien.

Die Themen, die in den Erzählungen Roths zum Status des Paradigmatischen avancierten, drehten sich immer um die menschliche Tragödie missglückter Beziehungen, um die Inkongruenz der gegenseitigen Erwartungen und die unterschiedliche Bereitschaft der handelnden Personen, sich selbst zu offenbaren. Was sonst, so könnte man fragen, soll große Literatur denn noch leisten?

Seine großen Romane durchziehen sein Leben. Sabbaths Geheimnis, Portnoys Beschwerden, ein amerikanisches Idyll, der menschliche Makel, Jedermann, Empörung. Die Liste ist nahezu unendlich, manche Figuren, wie sein Alter Ego, der Schriftsteller Nathan Zuckermann, sind längst zu Figuren aus Fleisch und Blut geworden. Sie haben ganze Generationen geprägt.

Was viele nicht zugeben, aber in großem Maße beiträgt zum Verständnis dieses epischen Giganten, ist die Tatsache, dass er vor allem nicht nur über, sondern auch für den weißen Mann geschrieben hat. Erst der junge, dann der heranwachsende und letztendlich der reife weiße Mann der westlichen Zivilisation hatte in Philip Roth ein Medium gefunden, das die großen Widersprüche seiner Existenz und Rolle thematisierte. Das erklärt, warum jene weißen Männer seinen Werken so verbunden sind und Frauen oder Menschen aus anderen Kulturkreisen immer etwas irritiert aus der Lektüre hervorgingen.

Es spricht für Philip Roth, dass er aufhörte zu schreiben, als er merkte, dass ihn seine Spannkraft verließ. Das ist Größe, die nur wenigen beschert ist. Das, was er hinterlassen hat, ist mehr, als eine Menschenseele unter anderen Umständen hervorzubringen in der Lage ist. Die Literatur, die er schuf, wird eine lange Zeit noch das kollektive Gedächtnis mitprägen. Und die amerikanische Gesellschaft ist um eine Referenz ärmer.

In den Nischen der affirmativen Verwahrlosung

Immer öfter treffe ich auf Menschen, die unsere Gesellschaft in einer tieferen Krise sehen als noch vor einigen Jahren. Sie begründen dieses mit anderen Ergebnissen zu den Parlamentswahlen. Angesichts der wachsenden Zustimmung zu einer Partei wie der AFD ist eine neue Qualität evident. Und das deren Strategie und Taktik vieles beinhaltet, was vor einiger Zeit noch Tabu war, stimmt auch. Allerdings stellt sich die Frage, woraus die neuen, nicht gerade erfreulichen Erscheinungsformen resultieren. Und es drängt sich der Verdacht auf, dass wir heute, oh, welch triviale Einsicht, genau das ernten, was bereits in der Vergangenheit gesät worden ist.

Ein mächtiger Grund dafür, dass in diesem Land vieles anders geworden ist, kann in dem eindeutigen Bekenntnis der herrschenden Eliten zum Wirtschaftsliberalismus gesehen werden. Mit der Jahrtausendwende begann die Desavouierung des Staates als sozialer, starker Arm des Gemeinwesens. Nunmehr wurde er als ineffektiv und als Kostenfaktor diskreditiert zugunsten protegierter Start-up-Geldmaschinen, die die Revenuen einfuhren. Das Ergebnis ist die Plünderung von Volksvermögen in großem Stil und die Erosion gesellschaftlicher Solidarität.

Ein weiterer Grund für die negative Veränderung ist die Stabilisierung und Perpetuierung großer Koalitionen, die so etwas wie die ehemalige Blockstruktur in neuem Gewande gesellschaftsfähig machten. Mit dem Argument, in diesen stürmischen, von Veränderungen geprägten Zeiten sei es unabdingbar, mit einer stabilen Mehrheit regieren zu können, holte man sich die Ermächtigung für die schleichende Demontage einer echten Debattenkultur im Parlament. Mit dem feisten Statement, das eigene Handeln sei alternativlos, hat sich vor allem die letzte Regierung als Anwältin des absolutistischen Revisionismus erwiesen. Das, was in anderen Demokratien als Ultima Ratio gilt, die Übertölpelung des Parlamentes in der misslichen Situation einer Systemkrise, wurde zum Normalmodus erhoben und unterhöhlte dadurch großes Vertrauen.

Was bei der Aufreihung der Ursachen für das Abgleiten in einen gesellschaftlichen Krisenzustand jedoch gerne unterschlagen wird, ist die immer größere Toleranz gegenüber den beschriebenen politischen Veränderungen seitens immer größerer Teile der Bevölkerung. Selbst die ehemaligen Bastionen des Widerstandes sind verstummt. Teils, weil in ihnen die Korruption tobt, teils, weil sie selbst als gedachte Institutionen nicht mehr vorhanden sind. Das System hat bewiesen, dass es auch ohne Intellektuelle wunderbar existieren kann. Wozu bildende Künste, Literatur oder eine neue Philosophie, wenn es sich gut leben lässt in den Nischen der affirmativen Verwahrlosung? Die, die sich noch Intellektuelle nennen, suchen nicht nach Verbündeten, sondern sie stehen bereits auf den Gehaltslisten der Lobbys, die das System vernichten.

Und wo stehen die Organisationen, die besonders den korporierten Charakter dieser Variante des Kapitalismus so unschlagbar gemacht haben? Wo stehen die Gewerkschaften als die letzten Organisationen, die es vermöchten, die totale Absorption der Arbeitskraft in den nicht enden wollenden Besitzergreifungsprozess der digitalisierten Welt zu verhindern? Sie diskutieren mit der großen Koalition über Unterabsätze der nächsten Sozialgesetzgebung, die die großen Eigentumsdelikte der Gegenwart einfach aussparen.

Wenn die Kanzlerin, die allenfalls als Balanceakt der Machterhaltung in die Geschichte eingehen wird, davon spricht, alles sei ein Geben und Nehmen, dann hat sie das aus Sicht des politischen Systems gut, aus wirtschaftlicher Sicht schlecht beschrieben. Im Nachklang der wirtschaftsliberalistischen Epoche ist die Enteignung der Massen fortgeschritten wie nie und kaschiert von einem Konsumismus, der nur die einstigen Eliten besticht. Dieser Prozess währt schon lange.