Archiv für den Monat April 2018

Fünf Jahre für ein Implantat

Der erste Eindruck darf nie unterschätzt werden. Vor allem im Vergleich. Wer mehrmals an einen Ort kommt, hat die Bilder des letzten Besuchs noch im Kopf und in rasendem Tempo wird deutlich, was sich verändert hat. Auch dieser Eindruck sollte überprüft werden, aber ausgeblendet werden sollte er auch nicht, aus welchen Gründen auch immer. Besonders spannend wird so ein Vergleich, wenn eine große Zeitspanne zwischen den Besuchen liegt. Denn dann sind die Konturen dessen, was man im Kopf hat und das Bild, welches sich beim ersten, neuen Blick ergibt, deutlicher.

Mir ging es gestern so. Obwohl ich in den letzten Jahrzehnten immer wieder Spanien besucht habe, in Madrid war ich das letzte Mal vor nahezu vierzig Jahren. Madrid ist genauso wenig Spanien wie Berlin Deutschland oder Paris Frankreich. Und dennoch lassen sich in den Hauptstädten bestimmte Trends besser lesen als in der Provinz. Ich behaupte sogar, dass in den Metropolen die Lebensumstände und die täglich angewendeten Überlebenstechniken besonders herausstechen, während die Provinz einen prächtigen Befund über die Einstellungen und Haltungen der Gesellschaft vermittelt.

Es regnete in Strömen und so lag auf der Hand, den Prado aufzusuchen und sich Goyas Schwarze Reihe anzusehen und damit eine Idee davon zu bekommen, wie sich die Drohung einer omnipräsenten Inquisition auf das Denken und Schaffen von kreativen Menschen auswirkt. Das Thema ist brandaktuell, weil die moralistischen Inquisitoren auf nahezu jedem gesellschaftlichen Feld aktiv sind und der kreative Umgang mit dem gesellschaftlichen Sein sehr darunter leidet.

Als die Beine schmerzten und der Hunger sich meldete, machte ich mich auf in eine Bar, wo Tapas, dieses wunderbare Relikt aus den maurischen Zeiten, auf der Theke standen. Und wenn es ein Brennglas gibt für gesellschaftliche Veränderungen, dann ist es die Kneipe. Und ich glaube, die, in der ich war, war durchaus repräsentativ. Es war Freitagnachmittag und eine kleine Gruppe von Arbeitskollegen war wohl vom Mittagessen hängen geblieben. Sie hatten den von Rotwein leicht getönten Blick und waren bester Stimmung. Die Tapas, die ich bestellte, waren so köstlich wie in der Vergangenheit und der Fernseher, der lief, genauso laut wie immer. In Spanien setzt man sich mit seiner Stimme durch, sonst geht man unter.

Mir fielen die Diskussionen mit spanischen Freunden ein, als es um den Beitritt Spaniens zur EU ging. Viele befürchteten damals, dass der spanische Nationalcharakter und das spanische Lebensprinzip darunter leiden könnten. Das Manana, das Prinzip, dass das, was heute nicht geschieht, durchaus noch morgen vollzogen werden kann, schien in hohem Maße gefährdet. Wie vieles andere.

Was sich verändert hat, werden die Spanier besser beurteilen können. Wir haben die Statistiken gelesen, die Auskunft über das Ungleichgewicht innerhalb der Euro-Zone geben und dokumentieren, wie auch Spanien darunter gelitten hat. Mit Leben gefüllt wurden diese durch eine Werbung, die ich von der Theke aus im Fernsehen beobachten konnte und die immer wiederholt wurde. Es ging um die Finanzierung einer Zahnkrone oder eines Implantats im Wert von 1000 Euro. Für nur 19.50 Euro pro Monat kann man die Reparatur innerhalb von nur 60 Monaten, d.h. von fünf Jahren begleichen.

Wie heißt es doch bei uns immer wieder? Spanien ist auf dem richtigen Weg!

Wir sind doch nicht Dänemark!

Aus der Nähe, mit großer Empathie betrachtet, ist der Fall längst nicht so klar, wie viele das meinen. Die Psyche der Deutschen, als Nation betrachtet, besitzt eine ausgesprochene Volatilität. Diejenigen unter uns, die noch die Generation kannten, die selbst im Krieg gekämpft hatten und sich in einem der beiden daraus resultierenden politischen Systeme zurecht finden mussten, kennen noch den großdeutschen Gestus: Morgen sind wir auf den Champs-Élysées und was uns nicht kaputt macht, das macht uns nur noch härter. Das Imperiale, das Soldatische, hat im letzten Jahrhundert gleich zweimal das Bild des Deutschen nachhaltig geprägt. Weltkrieg I und Weltkrieg II wurden zwar verloren, der stierbeinige Bulle aber, der Hunne, der die westliche Zivilisation mal so richtig hernimmt, der ist in den Köpfen vieler Zeitgenossen so geblieben.

Und so schrecklich auch die militärischen und politischen Niederlagen waren, und so sehr sie die Seele auch belastet haben mögen, der Mythos, der nach außen strahlte, hat selbst die direkten Zeitzeugen glorreich überlebt. Er lebt fort in allen Bereichen, vor allem in Wirtschaft und Sport und noch zuletzt dort, woher er eigentlich kommt, nämlich im Militär.

Fast könnte man meinen, die Kriege unserer Tage würden im Fußball geführt, wenn man die Kommentare britischer, spanischer, italienischer oder französischer Journalisten zu Spielen liest, an denen Deutsche beteiligt waren. Da rollt der deutsche Panzer, da schlägt die deutsche Phalanx eine Schneise, da siegen immer die Deutschen und da ist es ein Triumph teutonischen Willens. Als hätten die Journale dieser Länder die Arsenale der einstigen Propaganda für billig Geld gestürmt und bedienten sich dieses Schundes inflationär.

Und, als sei es self fulfilling prophecy, dann kommen auch noch so Momente wie das 7:1 Deutschlands über Brasilien, die in die Geschichte als das Massaker von Belo Horizonte eingehen. Eigentlich bleibt da vielen, die das Gefühl der Dominanz noch richtig genießen können, nichts anderes übrig als sich einzuhaken in den alt bekannten, aber gar nicht mehr zutreffenden Kanon. Was da herauskommt, ist zumeist das Vokabular großer Schlachten und historischer Revolten. Dass dieses in der Wortwahl unserer zeitgenössischen Politik keinen Platz hat, versteht sich von selbst. Da wohnt der Zeitgeist, da strebt man nach Konsens und nicht nach Kampf, und deshalb klingt alles so langweilig.

Das ist nicht immer so gemeint, denn wenn zum Beispiel immer wieder gemahnt wird, wir müssten mehr Verantwortung übernehmen, dann ist das durchaus imperial. Das heißt dann, militärisch präsent zu sein, Krieg zu führen oder zu sanktionieren. Da geht es schon um die Murmeln von Herrschaft, aber die Diktion von der Verantwortung raubt der Sache den Eros. Das klingt dann wie ein Verwaltungsakt, und eben nicht wie ein richtiger.

Den Zulauf haben diejenigen, die sich vom Tom her martialisch geben und nicht jene, die tatsächlich und offiziell im heißen Geschäft sind. Den Applaus bekommen die verfetteten Hauskatzen und nicht die schlanken Kampfmaschinen. Das mag ungerecht sein, aber so ist das, mit der Aufarbeitung der Geschichte einerseits und der gerade laufenden Aktion andererseits. Nur manchmal, da spritzen die Worte einfach einmal so raus, wie kürzlich bei einer neuen Ministerin im Kabinett. Da jauchzte sie ins Mikrophon: Wir sind doch nicht Dänemark!

Es war ein Augenblick der Wahrhaftigkeit.

Der Krieg als Folge der Lüge

Wer dachte, das Theaterstück sei mit der massenhaften Ausweisung russischer Diplomaten aus den Ländern des westlichen Bündnisses und deren „Spiegelung“ durch Russland beendet, der hatte sich getäuscht. Die Dramaturgie der Neuauflage des Stückes Kalter Krieg ist auf jeden Fall großartig. Denn nun meldet sich genau das Labor zu Wort, das im Auftrag der britischen Regierung den Nachweis liefern sollte, dass das in Salisbury bei dem Anschlag auf den Doppelagenten Skripal verwendete Gift namens Nowitschok aus Russland stammt. Das Dumme dabei, das Labor kann die Provenienz nicht feststellen.

Man stelle sich das aufgeführte Stück in einem Rechtssystem der immer wieder zitierten Wertegemeinschaft vor. Und zum Glück sind die Rechtssysteme noch nicht so korrodiert wie die politischen Strukturen. Auf bloßen Verdacht hin, ohne Beweise oder Indizien, wird keine Staatsanwaltschaft ein Verfahren anstreben und kein Richter eines zulassen. Die Wertegemeinschaft wiederum hat auf bloßen Verdacht hin bereits ihr Urteil gesprochen und gegen den Beschuldigten sanktioniert. Und selbst eine danach durchgeführte Beweisführung kommt nicht zu dem antizipierten Ergebnis der Beschuldigung.

Was wäre die logische Konsequenz des Desasters? Es wäre eine Entschuldigung und die Rücknahme der Sanktionen. Aber wer nur noch unter dem Label von Werten läuft und diese zu propagandistischen Zwecken in Erinnerung ruft, der ist als eine innere Gefahr zu erkennen. Es geht hier nicht mehr um Kavaliersdelikte, sondern um grobe Täuschung der Öffentlichkeit und planmäßige Planung kriegerischer Handlungen.

Ebenfalls wie von geschickter Hand inszeniert lesen wir in diesen Tagen von einem Beschluss der EU, die Binnenstraßen des Bündnisses in einen Zustand bringen zu wollen, der es erlaubt, schnellere Panzerbewegungen vornehmen zu können. Und natürlich ist der Pusher bei dieser Maßnahme die NATO, und natürlich geht es um Panzerbewegungen von West nach Ost, an die russische Grenze.

Das sind keine Episoden einzelner Entgleisungen mehr. Es handelt sich um bewusste Täuschung hinsichtlich der realen Gefahr durch den vermeintlichen Delinquenten Russland und es handelt sich um das Schaffen von Fakten, wenn es um tatsächliche Militärpräsenz geht. Wohl dem, der das alles nur noch als verbales Gerassel sieht. Möge er im Nebel der eigenen Einfalt dahinschwinden.

Es ist ja nicht so, als wären Kriege auch in der jüngeren Geschichte nicht deshalb vom Zaun gebrochen worden, weil durch eine lancierte Lüge eine Gefahrenlage heraufbeschworen wurde, die so nie existierte. Wer sich dieser grauenvollen Schmierenkomödie erinnern will, sehe sich die schauderhaften Bilder eines General Powells noch einmal an. Das Geständnis, über die Fähigkeit des Irak, Giftgas herstellen zu können, gelogen zu haben, um eine militärische Intervention zu ermöglichen, hatte den Mann zerstört. Bush jedoch hatte sein Ziel erreicht, und wie immer, die französischen wie die britischen Cheerleader reihten sich ein, um weiteres Unheil anzurichten.

Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder fiel nicht auf diese Posse herein und er schloss sich nicht dem Kriegsgeheul an. Mehr noch, er sagte Herrn Bush junior, was er von der Nummer hielt. Obwohl er, zusammen mit dem grünen Außenminister Fischer, mit dem kriegerischen, völkerrechtswidrigen Einsatz auf dem Balkan selbst einiges auf dem Kerbholz hatte, hat er sich und damit Deutschland gegen diese Gefahr gestellt. Aus der jetzigen Bundesregierung, der bekanntlich auch Sozialdemokraten angehören, vernimmt man kein Ton. Und wenn es nur ein Ton des Zweifels wäre.