Archiv für den Monat März 2018

Die, die am großen Rad drehen

Den verschiedenen Ensembles von Menschen ist gemein, dass sie sich immer um die grundlegenden Dinge zu kümmern haben, bevor sie an das herangehen können, was sie besonders inspiriert oder ästhetisch herausfordert. Maslows Bedürfnispyramide ist ein nützliches Modell, um die verschiedenen Erfordernisse menschlicher wie sozialer Existenz zu kategorisieren. Da geht es um Essen und Trinken, da geht es um ein Dach über dem Kopf, bevor soziale und spirituelle Dinge eine Rolle spielen. Und so funktioniert das eigentlich in der Historia humana. Und dennoch existiert ein besonderer Typus, der sich selbst bei der Produktion der Grundsicherung nicht darum bekümmert.

Wir alle kennen ihn. Er ist überall präsent. In manchen Gefilden kommt er seltener vor, in anderen wiederum gedeiht er besonders gut. Es handelt sich um den Typus unter der menschlichen Gattung, dem die Produktion der Grundlagen einfach zu profan ist. Oder, um es anders auszudrücken, es sind die Menschen unter uns, die immer, egal worum es sich handelt, am ganz großen Rad der Geschichte drehen. Sie sind immer auf dem Sprung, sie huschen an den Interaktionen, die um das Notwendige kreisen, mit großer Eile und einem bedeutungsvollen Hinweis vorbei.

Das Seltsame an diesem Umstand ist die Toleranz derer, die sich wirklich um die wichtigen Dinge kümmern. Sie machen mit stoischer Ruhe ihren Job, oder noch besser, sie machen das, was getan werden muss, und entlassen die sich selbst überaus wichtig vorkommenden Gattungsvertreter aus der Pflicht. Sie nicken genauso bedeutungsvoll zurück, wenn die, die am großen Rad drehen, sich wieder einmal verabschieden, um, wenn möglich, in der Hauptstadt, einem international überaus wichtigen Hafen, einem international angesagten Gremium oder einer auf der südlichen Halbkugel weilenden Projektgruppe im Namen des Heimatensembles eine herausragende Rolle zu spielen.

Und es kommt auf die Sichtweise an. Diejenigen, die für das Notwendige sorgen, sie haben wahrscheinlich das Motiv, die großen Weltbeweger einfach aus den Füßen zu bekommen. Weil sie im Weg stehen und weil sie diejenigen, die für Brot und Butter sorgen, bei ihrer Verrichtung nur behindern. Und die, die am großen Rad drehen, sie sind zumeist sehr davon überzeugt, dass sie tatsächlich Weichen stellen, dass sie nicht nur für ihre eigene, sondern die Reputation aller sorgen, wenn sie im Wanderzirkus der Bedeutsamkeit immer wieder durch die Manege schreiten. Egal wo, Hauptsache dabei sein und dem Kreis eine Audienz geben, der auch immer der gleiche ist und in dem diejenigen sitzen, die sich zu Hause von der notwendigen Arbeit befreit haben. Man versteht sich, man bildet ein großes Netzwerk.

Die beschriebene Tendenz ist übrigens unabhängig von Branchen zu beobachten. Sie existiert überall, in der Produktion, im Handel, in der Verwaltung, in der Politik und selbst im Show-Geschäft. Selbst dort gibt es notwendige Arbeit und entertainende Expertise. Und da das so ist, kann es vielleicht als ein Muster der modernen Arbeitsteilung begriffen werden. Und es ist ja auch nicht so, dass jeder internationale, interdisziplinäre Ausblick auf die eigene soziale Organisation etwas ist, auf das verzichtet werden könnte.

Und dennoch ist der Prototypus dessen, der sich in der globalisierten Interaktion profiliert und damit naturgemäß immer am sprichwörtlichen großen Rad dreht, eine besonders intensive Erscheinung unserer Tage. Bleiben wir dran! Warum mir Arthur Millers Tod eines Handlungsreisenden gerade in diesem Augenblick einfällt, weiß ich auch nicht.

Es regiert die Legende

Eine einzige Woche reicht zur Anamnese. Obwohl vieles erst einmal ganz normal anmutet. Der Bundestag zum Beispiel hat sich von seinem Charakter her verändert. Endlich tauchen dort Positionen auf, die man vorher nur von der Straße kannte. Das Beinhaus der politisch korrekten Verlautbarung eines Gremiums namens Regierung ist geschlossen. Jetzt treten dort Abgeordnete auf, die wenig Hemmungen haben. Dass diese momentan ausschließlich von der rechten Seite kommen, ist noch keine Krise der Demokratie. Denn der Umgang damit zeigt vieles. So kommen viele Abgeordnete aus der Garderobe, stellen sich vorne ans Pult und beziehen Stellung gegen die Versuche, Hass zu schüren. Das ist positiv und zeigt, dass nicht alle durch Macht und Amt zum großen Abtauchen mutieren.

Was in diesem Kontext allerdings negativ auffällt, ist der Umstand, dass Minister sich mit den Zündlern vom Parkett anlegen, weil sie die Ausbeute der rhetorischen Hetze für sich reklamieren. Dass bundesdeutsche Minister mit der tatsächlichen Rechten um Wählerstimmen kämpfen, indem sie deren Argumentation und Rhetorik für sich beanspruchen, ist ein Skandal. Zu sagen, man bekämpfe Rassismus und Intoleranz und man schüre Untergangsängste, um Wählerstimmen dorthin zu bringen, wohin sie gehörten, nämlich zur CDU und CSU, ist ein Fehlschluss. Es ist die Kapitulation vor der verpesteten Ideologie und ihre Übernahme. Wer das macht, steht dort, wo er bekämpft gehört. Dass das in einer Regierung passiert, die sich Koalition nennt, ist ein Unding. Doch das verantworten die, die daran gebastelt haben und jetzt in dieser Liaison versiegelt sind. Seehofer und Gauweiler sind politische Verbündete.

Doch was innenpolitisch im Argen liegt, wird außenpolitisch nicht besser. Wo sind sie eigentlich die blauen Euro-Fähnchen, die noch vor einem knappen Jahr sonntags über so manchen Marktplatz flatterten und für das Europa der Freiheit und der Jugend warben? Es war eine nette Kampagne, finanziert aus der Marketing-Abteilung der EU und sollte vor allem bei jungen Leuten eine positive Stimmung erzeugen. Von der Aussage her blieben die Kundgebungen sehr vage. Nicht, dass der Gedanke schlecht wäre, wer beklagte schon Freiheit und Einheit in Europa?

Wer allerdings mit einer Chuzpe sondergleichen alles diskreditiert, was für eine immer wieder reklamierte Wertegemeinschaft steht, darf sich nicht wundern, wenn alles Streben in der Vergeblichkeit endet. Nun bringt es diese, in tausend Fragen zerstrittene EU, tatsächlich fertig, Russland zu verurteilen, Diplomaten auszuweisen und mit weiteren Sanktionen zu drohen, weil Russland wahrscheinlich für den Giftgasanschlag auf einen ehemaligen russischen Doppelagenten und seine Tochter im britischen Salisbury verantwortlich sei. Die britische Regierung legt keine Beweise vor, man verlangt es auch gar nicht von ihr. Und dennoch beschließt man in einer konzertierten Aktion Staatssanktionen.

Zu dem Status der Wertegemeinschaft, wie sie propagiert wird, gehören Rechtsstaatlichkeit, Respekt und Verlässlichkeit. Momentan präsentiert sich das Konstrukt als eine Festung für Diffamierung und Lynchjustiz. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Mit derartigen Aktionen demontiert sich diese EU selbst. Die Bindung an die immer mehr auf Aggression geeichte NATO verstärkt diesen Effekt noch. Ein einziger aus dem Bund hat dem Unsinn widersprochen. Es war der Österreicher Kurz, der vielen nicht ganz koscher ist. Er betonte, auf bloße Verdachtsmomente würde aus Österreich niemand des Landes verwiesen. Das ist mal ein Standpunkt. Und eine Haltung. Dort, wo letzteres austauschbar ist, regiert die Legende.

 

Die digitalen Syndikate und der Diebstahl

Nun überschlagen sie sich alle. Facebook soll angeblich Daten von Nutzern an Dritte verkauft haben. Was das „angeblich“ soll, ist insofern unverständlich, als dass genau das dem Geschäftsmodell entspricht. Du nutzt meine Funktionen und ich dafür deine Informationen. Das ist der Deal, der auch in allen Geschäftsbedingungen steht, denen man zustimmen muss, wenn man die Programme nutzen will. Dass wir es heute mit einer Klientel von Normalverbrauchern zu tun haben, die eher narzisstisch veranlagt sind und die gerne auch aus dem privaten Nähkästchen plaudern, ist seit den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts psychologisch vorbereitet worden. Frei nach dem Motto der ersten privaten TV-Welle: Zieh dich aus, stell dich zur Schau, nichts ist trivial.

Damit wurden die natürliche Scheu, das Schamgefühl und die Hemmung sturmreif geschossen. Übrig geblieben sind triviale und obszöne Outings zu Hauf. Wer da keinen Ekel verspürt, der hat die klassische bürgerliche Sozialisation nicht mehr erlebt.

Was mit der exhibitionistisch geprägten Geschwätzigkeit einherging, war die wachsende Niveaulosigkeit des eigenen Bildungskanons und das schwindende Terrain einer eigenen Haltung. Der ganze Unrat, der das medial aufbereitet wurde, hat dazu geführt, dass katastrophal überforderte Individuen nun entscheiden sollen, was tatsächlich erforderlich ist und was nicht, was tatsächlich eine gesellschaftliche Relevanz besitzt und was nicht.

Um es auf den Punkt zu bringen: Liebe Facebook-Nutzer, wenn Ihr Euch durch gezielte Angebote über den Screen politisch beeinflussen lasst, dann fehlt es Euch gewaltig an Substanz. Dann seid Ihr längst Opfer des schleichenden intellektuellen Todes. Schämt Euch lieber ob Eurer Naivität als den Zorn über das eigene Unvermögen. Der Skandal ist die Unterversorgung der Masse von Nutzern mit kritischem Bewusstsein. Eigenartigerweise fällt diese Kritik kaum jemandem ein, zumindest bei denen, die sich so über die Aktivitäten von Facebook aufregen.

Das entschuldigt natürlich nicht die neuen Global-Digital-Milliardäre, die sich endlich als Kriminelle entpuppen. Denn sie verkaufen nicht nur die Daten ihrer Kundschaft, sie legen noch einen drauf, indem sie mit ihren Firmensitzmodellen kaum Steuern bezahlen. Keine der Silicon-Valley-Start-ups, die nicht zweimal stehlen. Einmal private Daten und zum Zweiten öffentliche Leistungen, für die sie nicht entrichten. Das sollte reichen, um Fahndungslisten zu erstellen, aber es kommt noch schlimmer.

Neben dem legalen Datendiebstahl und der  der legalen Steuerhinterziehung arbeitet die ganze Branche an der größten Enteignung aller Zeiten. Nahezu das gesamte Wissen der Menschheit wird momentan von diesen Digitalsyndikaten privatisiert. Experten schätzen das, was momentan bereits in den Speichern der größten Delinquenten festgehalten wurde, mit dem Wissen der letzten 120 Milliarden Exemplare der Gattung korreliere.

Da kommt kaum noch jemand mit den Nullern klar, nur eines ist sicher, für diesen Raub wurde bisher kein Cent entrichtet. Diesen Skandal hat noch niemand so richtig gesichtet, und er sprengt in seiner Dimension die kleinen Versuche, Wahlen mit der Zusendung von Betthupferln zu beeinflussen. Da geht es zur Sache, da geht es an das Tafelsilber der gesamten Gattung und da herrscht immer noch Schweigen im Walde.

Man kann es auch positiv sehen: Das große Expropriationsprogramm der Digitalbranche verliert so langsam seine Unschuld.