Archiv für den Monat Januar 2018

It´s lonely at the Top

Das Verhältnis von Herr und Knecht ist ein Archetypus. Es existiert in allen sozialen Formationen, die bisher bekannt sind. Es heißt nur nicht immer so. Es ist nicht immer nur die Idee von dem reichen, müßigen, brutalen, arroganten Besitzer von Gütern, der die Besitzlosen vor sich hertreiben oder schikanieren lässt. Ein Erfordernis, das selbst in sozialistischen Gesellschaften gesichtet worden ist, ist die Notwendigkeit von Führung. Letztere ist nicht notwendig mit den Besitzverhältnissen verbunden. Sie gehört jedoch zur Organisation komplexer sozialer wie sachlicher Strukturen. Existierten in ihnen nicht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, dann wäre vieles nicht nur nicht möglich, nein, dann wäre alles noch recht archaisch und frugal. Trotz dieser Erkenntnis können alle, die sich zu einem Leben entscheiden, in dem sie Führungsrollen übernehmen, sicher sein, dass ihnen das Stigma des alten Klischees immer wieder anhaftet. Der Herr, der die Knechte quält, dieses Bild, es wird stets dann bemüht, wenn zwischen Führung und Ausführung Dissonanzen herrschen. Dass es auch noch eine zweite Seite der Betrachtung gibt, nämlich die, von unten auch in den Konflikt zu gehen, wird dabei höflich ausgeblendet.

Führung heißt in der Regel mehr Belastung. Wenn es gut läuft, wird diese Mehrbelastung auch gut honoriert. Nur trifft dieses für die meisten Führungsrollen nicht zu. Im Kopf sind immer die Bosse der großen DAX-Unternehmen, die ihr Entgelt kaum noch zählen können. In der Regel ist es jedoch so, dass eine kühle Rechnung zu dem Ergebnis käme, dass in vielen Fällen die Mehreinnahmen nicht mit der zusätzlichen Belastung durch Zeit und Ärger korrespondieren. So ist es keine Seltenheit, dass Geführte die Führung so skizzieren, als habe sie etwas mit Eitelkeit zu tun, der die eigene Misere zuzuschreiben ist.

Die Aufgabe, die Führung in großen Organisationen hat, lässt sich wie folgt skizzieren: die Ziele sollen erreicht werden. Dabei ist darauf zu achten, dass die Menschen, die in dem Leistungsprozess versammelt sind, all das wissen und können, was sie brauchen, um diese Ziele zu realisieren. Zudem sind sie so zu motivieren, dass sie das mit großer Initiative tun. Alle Widrigkeiten, die in diesem Prozess entstehen, sind durch geschickte Kommunikation zu marginalisieren und es ist ein Verhältnis zu schaffen, das als vertrauensvoll bezeichnet werden kann. Die Führungskraft, die das erreichen will, muss genau wissen, was sie selbst wissen und können muss, um diese Rolle zu spielen. Sie muss delegieren können, und, je nachdem, manches auch selbst in die Hand nehmen. Sie muss in der Lage sein, Partner zu gewinnen und Gegner zu konfrontieren und sie muss sich dadurch beweisen, dass sie sowohl nach oben als auch nach unten loyal ist. Das heißt, sie muss die Interessen der Gesamtorganisation vertreten und darf die Mitglieder der eigenen Organisationseinheit nicht im Regen stehen lassen, selbst wenn diese Fehler machen. Und das gilt sowohl für eine Limonadenfirma wie für eine politische Partei.

Die Zahl derer, die sich für diese Aufgaben interessieren, nimmt dramatisch ab. Trotz der Entwicklungshilfe- und Gestaltungsmöglichkeiten, die Führung birgt. Das hat vielleicht etwas mit den Mühen zu tun, die damit verbunden sind. Dieser Hedonismus resultiert aus der Individualisierung im postheroischen Zeitalter. Es gehört zu den Ergebnissen einer sich nicht mehr reflektierenden Gesellschaft, dass zwischen der motivationalen Abstinenz, Führung zu übernehmen und der zu beobachteten Qualität von Führung ein Zusammenhang besteht. Das sieht nicht gut aus. Doch welche Form von Dekadenz hat schon eine gute Prognose?

Großes jenseits des Mythos

Joe Wright. Die dunkelste Stunde

Natürlich sind die staatspolitischen Größen des II. Weltkrieges zu Mythen geworden. Hitler und Stalin auf der Seite des Bösen. Da existiert kein Zweifel. Und obwohl die USA als die eigentlichen Sieger aus diesem Desaster hervorgingen, schaffte es ihr Präsident nicht annähernd, in die Liga aufzusteigen, in der die Bösen spielten. Im heutigen Westen gab es genau genommen nur einen, der das Zeug zum Mythos mitbrachte und einlöste: Winston Churchill. Der Brachiale, der intellektuelle Banause, der Whiskey-Trinker und Zigarrenraucher, der Nobelpreisträger und Intimus des Königs, der, den das Volk verstand und den der eigene Adel hasste. Und genau so, wie beschrieben, arbeitet sich der Mythos an dem etwas fetten, schlauen Mann ab. In dem nun laufenden Film „Die dunkelste Stunde“ hat der Regisseur Joe Wright den existierenden Mythos gekonnt vom Sockel gestoßen und ist damit wohl der historischen Figur etwas gerechter geworden.

Der Zeitrahmen, den sich Wright ausgesucht hat, ist die verfahrene militärische Lage in der Normandie im Jahr 1940, in die britische Truppen geraten waren, nachdem sie der französischen Armee gegen die deutsche Invasion in Belgien und Frankreich zur Seite springen wollte und dabei grandios scheiterte. Die Folie ist der Streit um einen Politikwechsel in Großbritannien. Bleibt es bei der bereits gescheiterten Appeasement-Politik gegenüber Hitler seitens des Premiers Chamberlain und seines Außenminister Halifax oder folgt das Königreich dem einzigen, der seine Warnungen gegenüber Hitler unverblümt ausspricht und auf die Notwendigkeit eines Krieges hinweist, Winston Churchill? Letztendlich wird Churchill Premier und leitet das Kriegskabinett und ihm gelingt die Rettung von nahezu 300.000 Soldaten aus Frankreich durch die Mobilisierung der Bootsbesitzer in Südengland. Doch die historischen Ereignisse verlieren an Bedeutung, da die Studie der Persönlichkeit Churchills alles dominiert.

Und da gelingt es dem Schauspieler Gary Oldman, seiner Vorlage das Klischee zu lassen und sie dennoch zu verändern und zu einem Kern vorzudringen, der zunehmend menschlicher aussieht. Die Schale, die tägliche Inszenierung, die bleibt, aber ihre Rolle wird deutlich. Natürlich säuft sich Churchill in den Tag, noch im Bett, beim Frühstück zu Eiern mit Speck gibt es den ersten Schampus und dabei, nicht danach, wird die erste Zigarre entzündet. Es sieht so aus, als begänne da ein willenloser Hedonist seien Tag, aber anscheinend saugt er aus der Libertinage alle Energie, die er braucht, um seine Überzeugungen an den Mann zu bringen. Seine Frau, eine starke Persönlichkeit, kennt seine Selbstzweifel und Ängste und sie versucht ihm klar zu machen, dass genau das die Eigenschaften sind, die ihn selbst zu so einem gewaltigen Politiker gemacht haben. Dass er, gerade weil er nicht selbstsicher und arrogant, sondern zweifelnd und ängstlich daher kommt, die nötige Stärke mitbringt, um andere mitzureißen.

Und seine Rhetorik, die Zeit seines Lebens legendär war und die ihm in schriftlicher Form nicht ohne Grund den Literaturnobelpreis einbrachte, diese Rhetorik kommt nicht daher wie eine polternde Kraft, sondern wie ein langsames, nach dem richtigen, dem treffenden Wort suchendes Tasten. Und gerade dadurch zieht Churchill die Zuhörerschaft in seinen Bann, es scheint, als suchte sie fieberhaft zusammen mit ihm, unter seiner Leitung, nach dem richtigen Begriff.

„Die dunkelste Stunde“ ist ein exzellenter Film, der vieles erhellt.

Der soziale Vergleich

Freunde der Verklausulierung nennen es den sozialen Vergleich. Es ist das Bedürfnis, die eigenen Verhältnisse mit denen der Mitmenschen zu vergleichen. Glaubt man Organisationspsychologen, so wirkt das Prinzip des sozialen Vergleichs nahezu überall. In der Familie, in der sozialen Klasse, bei der Arbeit und im Verein. Die Frage, um die sich beim sozialen Vergleich alles dreht, ist die nach der eigenen Validität des Betrachtenden. Oder anders ausgedrückt: Wie geht es mir im Vergleich zu den anderen? Das fängt in der Familie mit der Portionierung von Liebe und Zuneigung an, geht nahezu in dieselbe Richtung in den folgenden Bildungsinstitutionen, wobei dort noch der Status hinzukommt, der durch eigene Leistung erworben wird und geht weiter ins Arbeitsleben. Flaniert man über Friedhöfe, so wird selbst dort deutlich, dass der soziale Vergleich selbst im Schattenreich weiter funktioniert. Sowohl für die, die bereits mit dem Fährmann übergesetzt haben als auch für die, die noch ein paar Stunden im hiesigen Diesseits haben, um zu zeigen, was sie sind.

Der Ort, wo die Wettbewerber im sozialen Vergleich am besten beobachtet werden können, ist die Arbeit. Da gibt es genug davon, zu manchen hat man gar keine emotionale Beziehung und vieles betrifft einen selbst nicht. So kann munter studiert werden, was alles zählt im Kampf um die Bedeutung. Und da tut sich eine Welt auf, die so brutal schlicht und primitiv ist, dass man es kaum glauben mag. Da geht es um den Zugang zu Parkdecks, um monetäre Zulagen, um Essen mit dem Chef, um den Platz am Konferenztisch, um den Dienstwagen, um die Mitgliedschaft in einem Klub und den Zugang zu sozialen Einrichtungen.

Im Verhalten der einzelnen Konkurrenten tun sich Rezepturen auf, die nach frühkindlicher Phase schmecken und über deren Wirkungskraft angesichts der schulischen, technischen und akademischen Qualifizierungsgrade niemand im Traum auch nur nachzudenken wagte. Da regiert der Missmut in der Überdimension, da regieren der Futterneid, der Argwohn und die pure Zerstörungswut. Kein Primat, dem das Zoodasein in den Hospitalismus getrieben hat, käme auf die Ideen, die sich identifizieren lassen, wenn es um die negativen Energien geht, die sich mit dem sozialen Vergleich in Verbindung bringen lassen. Und wehe dem, der nichts auf den ganzen Zirkus gibt, der geht unter wie der Betonsockel im sizilianischen Kanal.

Nein, selbst bei sehr genauer Analyse kommt man nicht zu dem Ergebnis, dass diese, nicht menschliche, aber den Menschen eigene Verhaltensweise nicht nur in bestimmten Formen der Organisation zu vermelden wäre. Nein, der soziale Vergleich wütet überall. In den Organisationen, die sich ihm besonders widmen wie in jenen, die sich darüber keine großen Gedanken machen. Am schlimmsten wirkt die Feststellung vielleicht dort, wo der Zweck der Organisation das Gegenteil verkündet: sowohl in sozialen wie karitativen Organisationen als auch in denen, die sich die soziale Revolution auf das Banner geschrieben haben. Selbst dort, wo die klassenlose Gesellschaft propagiert wird, schaut man dem Nachbarn auf den Teller, um zu sehen und zu kommentieren, was er dort hat.

Die Freiheit vom Futterneid scheint nur denen beschieden zu sein, die sich auf das Gelingen und Gestalten konzentrieren und ihre Erfüllung genau dort suchen. Sie sind der Gegenentwurf zur Konkurrenz um des elenden Status willen.