Archiv für den Monat Dezember 2017

The one and only, the lonely Monk

Die große, innovative Epoche des amerikanischen Jazz war ohne Zweifel der Bebop. Nahezu zwei Jahrzehnte, von den späten vierziger bis in die frühen sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts sprossen die Innovatoren des Genres aus New Yorks Pflaster wie Pilze aus dem Waldboden. Charlie Parker, Dizzie Gillespie, John Coltrane, Kenny Clarke und natürlich Thelonious Monk. Die Liste derer, die aufgrund ihres Innovationspotenzials, ihrer kompositorischen Klasse, ihrer Virtuosität und ihrer Extravaganz genannt werden müssten, ist lang. Gemein war ihnen allen, dass sie schwarz waren, dass sie diskriminiert wurden und dass sie immer vom existenziellen Aus bedroht waren. Die meisten starben früh, weil sie Opfer der verbreiteten Drogen waren, die in diesem Milieu Hochkonjunktur hatten. Dennoch blieb ihre immense Wirkung bis zum heutigen Tag. Kein junger Saxophonist, der sich nicht an Coltrane-Skalen übt, keine Musikhochschule, die die Latte für die Besten nicht am Bebop aufhängt.

 
Wenn es jedoch einen unter ihnen gab, der nicht nur bis heute Wirkung hatte, sondern der immer noch, obwohl schon lange tot, in seinen Stücken das Gen der Zukunft hat, dann war es Thelonious Monk. Der Komponist und Pianist schuf nicht nur die Hymnen des Bebop, sondern auch die höchste Form des urbanen Blues. Wenn es bei viel Übung und großer Virtuosität möglich ist, die Improvisationsorkane eines John Coltrane oder Charlie Parker nachzuspielen, so sind die Stücke Monks, die zum Teil in sehr niedrigen Tempi fortschreiten, wesentlich schwerer zu imitieren. Die rhythmischen wie tonalen Überraschungsmomente sind einfach zu radikal, als dass die Synapsen sie antizipieren könnten.

 
Monks Kompositionen weisen, wie die meisten Bebop-Stücke, eine einfache, nahezu infantil wirkende Melodielinie auf, bevor sie das Höllentor der Improvisation aufreißen. Während ein Charlie Parker dann tatsächlich dabei war, die Schallmauer zu durchbrechen, trat Monk auf die Bremse, um durch irrsinnig wirkende Rhythmuswechsel und befremdliche Tonfolgen zu verstören. Das, was in seinem zur Weltmusik aufgestiegenen Stück Blue Monk im Titel anklingt, kann als das Programm Monks schlechthin bezeichnet werden. Thelonious Monk arbeitete nicht nur mit Blue Notes, sondern auch mit Blue Rhythms und Blue Tempi. Ihm gelang es auf geniale, außerirdische Weise, den Wesenskern des Blues auf alle relevanten kompositorischen Elemente konsequent anzuwenden. Was dabei herauskam, war keine verschrobene, atonale Musik, sondern Kompositionen, die unter die Haut gehen, die zu Tränen rühren und die bis ans Ende der Zeit inspirieren.

 
Der in North Carolina geborene Thelonious Monk gehörte bald zur festen New Yorker Jazz-Szene. Dennoch passte er in kein Klischee. Er eignete sich nicht für eine Gruppe, die gelabelt werden konnte. Bekannt ist, dass er unter einer bipolaren Störung litt, dass er Benzedrin wie Alkohol konsumierte und alle Höllenfahrten, die ein menschliches Gemüt erfahren kann, immer wieder absolvierte. Ob sein Format als Komponist dadurch beeinflusst wurde oder nicht, ist müßig. Was auf jeden Fall bleibt und wirken wird, ist seine Musik.

 
Heute ist der hundertste Geburtstag des Lonely Monk. Was kann man an einem solchen Tag besseres machen als seine Musik zu hören? Blue Monk, Straight, No Chaser, Round Midnight, Well, You Needn´t, 52nd Street Theme, Ask Me Now. Die Liste wird immer länger. Da gibt es Aufnahmen, auf denen er allein am Klavier sitzt. Monk wird spielen, ich werde zuhören. Nur der göttliche Mönch, die kleine, unerhebliche Welt und ich. Und demütig werde ich ihm lauschen. Zu seinem profanen hundertsten Geburtstag.

Grenzenlos gierig

Das Votum für den Populismus beinhaltet auch rebellische Züge. Und zwar eine Rebellion genau gegen die Plattheit derjenigen, die gerne gegen den Populismus damit argumentieren, dass die Welt für viele zu komplex geworden sei, als dass sie sie noch verstünden und aufgrund dessen den Vereinfachern in die Arme getrieben würden. Das hört sich gut an, ist in den meisten Fällen jedoch nichts anderes als eine Projektion des eigenen Unvermögens. Nehmen wir die, die ohne Ressentiment durchaus als die Etablierten bezeichnet werden können. Sind sie in ihrer Welterklärung besser als die Populisten? Gelingt es ihnen, die Komplexität so zu erklären, dass die große Masse sie verstehen würde? Oder haben sich die Etablierten zu Phrasendreschern entwickelt, deren Schlichtheit kaum noch jemand erträgt?

 
Die großen Herausforderungen unserer Zeit bestehen in der Beschleunigung und der Interdependenz dreier Bereiche, die alle dieser Entwicklung unterliegen: Technik, globaler Markt und Umwelt. Die Geschwindigkeit der Innovation in der Technik ist atemberaubend und setzt neue Maßstäbe, der globale Markt knirscht unter der Asynchronität von der Geschwindigkeit digitaler Kommunikation und physischem Transport und die Umwelt mit ihren Ressourcen schlägt für die Wunden, die ihr im Kampf um Ressourcen geschlagen werden, immer härter zurück.

 
Das ist komplex, ohne Zweifel. Sehen wir uns jedoch die Sprache derer an, die das politische System repräsentieren, so ist es ihnen nicht unbedingt gelungen, diese Welt zu erklären, sondern sie haben sich dafür engagiert, die Welt, so wie sie durch die genannten Triebfedern wurde, immer weiter zuungunsten derer, die in ihrem Habitus und ihren Lebensregeln weit hinterher hinken, nämlich den Menschen, zu verschieben. Das taten sie mit der Proklamation der wirtschaftsliberalistischen Ideale.

 
Die Konsequenzen, die viele Menschen aus dieser Entwicklung spüren, sind, um eine Phrase aus der affirmativen Rhetorik zu bemühen, nachhaltig. Entweder sie unterliegen einem zunehmenden Verdichtungsdruck und einer zunehmenden Fremdbestimmung bei der Arbeit oder sie verlieren ihre Arbeit. Und entweder können sie den neuen Technikgenerationen noch folgen oder sie versagen dabei. Und sie spüren die Veränderung der Natur und des Klimas. Die Erfahrung ist unmittelbar und sie damit erklärt zu bekommen, so einfach sei das alles nicht und die Welt sei mächtig komplex kommt der Aufgabe, zu erklären und Wege der Vernunft und Gestaltung aufzuzeigen, schlicht nicht nach. Im Grunde ist es der eigene Kotau vor der Komplexität. Dass die Komplexität von den Etablierten besser gehandhabt wird als von den Populisten, ist eine Legende. Es handelt sich bei dieser Misere nicht um unterschiedliche politische Lager, sondern das Problem durchzieht die gesamte Gesellschaft.

 
Die gegenwärtige etablierte Gesellschaft ist zwar verschwiegener geworden, was die Propagierung der neoliberalistischen Doktrin anbetrifft, dafür umso emsiger und aggressiver in der Anpreisung dessen, was unter den Aspekt der Digitalisierung fällt. Nun ist sie, die Digitalisierung, nach dem freien Markt, das Zauberwort, unter das die Zukunft subsumiert wird. Wenn in der Praxis das Wort der Digitalisierung fällt, dann ist damit in der Regel ein Rationalisierungsprozess gemeint, der Arbeitskräfte freisetzt. Denn über die Zunahme von Reglementierung und Fremdbestimmung, ja der Degradierung des Individuums vom Subjekt zum Objekt, kann man kaum ins Schwärmen geraten. Insofern ist nach dem ersten Schrei der unbegrenzten Vermarktung nun der zweite, nach unbegrenzter Plünderung der Ressource Arbeitskraft, zu hören. So komplex ist das nicht. Es ist nur grenzenlos gierig.