Archiv für den Monat Dezember 2017

Die katalanische Episode

„Katalanische Wähler strafen Spaniens Zentralregierung ab“. Unter diesem Tenor wird über die gestrigen Wahlen in Katalonien berichtet und damit dokumentiert, dass der seröse Journalismus keine Chance mehr hat. In den Texten liest sich das dann, sofern überhaupt, doch ein wenig anders. Dann kommt heraus, dass die für eine Abtrennung von Spanien eintretenden Fraktionen im Parlament zwar noch über eine absolute Mehrheit von 70 Sitzen (zwei weniger als bei der letzten Wahl) von 135 Mandaten besitzen, sich aber einiges verändert hat. Richtig ist, dass die Partei Rajoys kräftig gestutzt wurde, richtig ist aber auch, dass die strikt für den Verbleib in Spanien eintretende liberale Bürgerpartei mit der Spitzenkandidatin Ines Arrimadas mit 37 Sitzen stärkste Fraktion wurde. Zudem kommt heraus, dass in absoluten Zahlen 52 % der abgegebenen Stimmen sich gegen eine Trennung von Spanien aussprachen, dass jedoch gezielte Wahlreformen der Separatisten in den letzten Jahren dazu führten, dass die ländlichen, die Abtrennung befürwortenden Gegenden, stärker bewertet werden als die Städte und die Metropole Barcelona, wo eine Mehrheit für den Verbleib bei Spanien ist.

Dass der Putschist Carles Puigdemont von einer schallenden Ohrfeige für Spanien spricht, ist keine Überraschung. Er lässt sich mittlerweile wie der viel geliebte Sohn in der Fremde von den Seinen feiern, die mit großer Bewegung von seinem Exil in Brüssel sprechen. Das steht in krassem Widerspruch zu dem, was die Wahlen tatsächlich zutage gefördert haben. Das, was als Provinz Katalonien bezeichnet werden muss, ist eine zutiefst zerrissene Region, die in nächster Zeit nicht zur Ruhe wird kommen können.

Da ist die ländliche Bevölkerung auf der einen Seite, die zwischen EU-Subventionen für ihre Produkte wie einer tiefen Sehnsucht nach Protektionismus schwankt, sich aber aus traditionellen Gründen der Separierung verschrieben hat und auf der anderen Seite steht eine ihrerseits tief gespaltene Klassengesellschaft in den Städten. Dort existiert auf der einen Seite die Zäsur zwischen Bourgeoisie und Proletariat wie in den goldenen Zeiten des europäischen Klassenkampfes. Das Proletariat ist in starkem Maße andalusisch und pro-Spanisch. Und es existiert ab einer bestimmten Betriebsgröße eine global operierende Bourgeoisie, die den Folklorismus, den sie anfänglich belächelte, mittlerweile als Störung ihrer Wirtschaftsinteressen begreift.

Was bleibt, ist die lokale Bourgeoisie, die für ein eigenständiges Katalonien eintritt, umsäumt von denjenigen, die Opfer und Zeugen einer ignoranten spanischen Zentralregierung und ihrer Taten geworden sind. Da ist guter Rat teuer und es drängt sich eine Formulierung auf, die der Sache nicht ganz gerecht wird, die aber dennoch nicht von der Hand zu weisen ist: Außer Spesen nichts gewesen.

Politisch hat der Regionalismus durch die katalanische Episode wieder etwas Aufmerksamkeit bekommen, eine Perspektive ist daraus nicht entstanden. Die Flucht in den eigenen, regionalen Mikrokosmos, um den Problemen in den größeren, internationalen Zusammenhängen zu entgehen, hat sich als glücklos erwiesen. Die Hypothek, an der die Region sich wird abarbeiten müssen, ist höher als es alle Beteiligten verdient haben. Es wird Jahre dauern, bis sich die Lage normalisiert hat.

Embonpoint

Oskar Maria Graf. Unruhe um einen Friedfertigen

In seinem großen, heute nicht mehr bekannten Roman „Unruhe um einen Friedfertigen“ schildert Oskar Maria Graf das Leben eines kleinen Schusters, das nicht gut ausgeht. Einmal abgesehen von der Geschichte dieses Mannes, den es nach den Judenpogromen von Odessa kurz vor dem Ausbruch des I. Weltkrieges in die bayrische Provinz getrieben hatte und der dort lange Zeit ohne seine persönliche Geschichte, die er wissentlich verschwieg, unbehelligt hatte leben können, bis die erstarkenden Nazis durch einen Zufall die Idee davon bekamen, dass es sich um einen Juden handeln könne, ist die Weltsicht dieses kleinen, unscheinbaren Mannes von durchaus großem Stellenwert.

Alles, was von „0ben“ kommt, ist ihm suspekt und er bezeichnet es als „A bopa“. Das, was als eine eher infantile Chiffre wirkt, ist in Wirklichkeit die Lautschrift vom französischen Ausdruck „Embonpoint“. Zum einen könnte man es als auf den guten Punkt gebracht übersetzen, im Sprachgebrauch des sprachlichen Mutterlandes wie im Deutschland der damaligen Zeit stand es jedoch auch, ironisch, für den Wohl beleibten Amtsträger. Der Dorfpolizist mit der Wampe war damit genauso gemeint wie die gut im Futter stehende Staatsmacht. Noch bevor die Welt durch vermeintliche Schönheitsideale wie den Schlankheitswahn kontaminiert war, galt das Übergewicht auch als ein Zeichen von Macht und Willkür. Das, was der kleine Schuster als „A bopa“ bezeichnete, war also der Staat.

Die wechselvolle Geschichte der Weimarer Republik war voll von Episoden einer Politik, die sehr auf die Autorität des Staates setzte und selten darum bemüht war, seine Handlungen der Bürgerschaft zu erklären. Das gab es immer wieder und ist keine Besonderheit der Weimarer Republik. Dort trug diese Haltung unter den konkreten Bedingungen jedoch dazu bei, dass dieser Staat nicht lange Bestand hatte und in der schlimmsten Diktatur der Neuzeit endete.

Der Schuster Julius Kraus meinte mit A bopa alles, „was einem das Leben verbittern kann…Mit einem Wort, die ganzen Widerwärtigkeiten vom Staat, von den Ämtern, vom Gericht und der Polizei.“ Für ihn ist es folgerichtig, dass das Leben nur dann einen geregelten, friedlichen Lauf nehmen kann, wenn von diesem A bopa nichts zu spüren ist. Es handelt sich dabei um eine provinziell-anarchistische Attitüde, die davon ausging, dass „Politik irgend etwas war, was sich weit weg in den Städten abspielte und weiter keine Bedeutung hatte“, um dann, wie von Teufels Hand, „gewissermaßen leibhaftig“ auch zu den Menschen aufs Land kam.

Die Aktualität dieses Romans besteht in der strukturellen Wiederherstellung eines Phänomens, das als längst überwunden galt. Trotz der infrastrukturellen Anbindung des Landes an das urbane Leben, trotz der massenhaften Migration in die Städte und trotz der flächendeckenden Versorgung mit Information hat sich eine Trennung von Stadt und Land wieder hergestellt. Die politische Dimension dieses Sachverhaltes ist brisant. Denn wieder haben sich Regierungen etabliert, die es nicht mehr für nötig halten oder nicht in der Lage sind, ihre Entscheidungen vernünftig zu erklären. Und wieder erscheint die Staatsmacht als etwas Fremdes in den entlegenen Gebieten „gewissermaßen leibhaftig“ mit Ansprüchen und Forderungen, die den dort Lebenden nicht schlüssig sind. Und wieder sieht sich die Politik nicht genötigt, die Veränderungen in den Lebensverhältnissen zu erklären.

Manchmal ist es hilfreich, sich zurück zu lehnen und in den Werken anderer Epochen nach Erkenntnissen zu suchen, die das Gegenwärtige aufhellen. Unruhe um einen Friedfertigen von Oskar Maria Graf ist eine solche Übung. Mit großem Gewinn!