Archiv für den Monat Dezember 2017

Über Mythen

Mythen haben einen Sinn. Und es sind nicht die, die einen Mythos schufen, die sich dessen bewusst sind. Das betrachtende Publikum schafft sich diesen Sinn. Er entspringt dem Bedürfnis, etwas nicht Erklärbares zu erklären, etwas nicht Veränderbares zu verstehen oder nach etwas, das fehlt, voller Sehnsucht zu suchen. In einer bestimmten Weise könnte der Mythos auch als gefühlte Logik beschrieben werden. Die Mythenkritik, die herrscht, konzentriert sich auch weniger auf den Sinn, den Mythen vermitteln, als auf die Wirkung, die sie ausüben. Mythen sind nämlich nicht dazu geeignet, bestehende Verhältnisse anzuklagen und zu verändern. Sie sind dazu geeignet, Gefühle anzusprechen und zu mobilisieren, sie sind dazu geeignet, Verhältnisse hinzunehmen, aber nur sehr selten, die Welt zu verändern.

Mit einer Ausnahme. Und diese Ausnahme besteht in der Instrumentalisierung des Mythos durch die Revolution. Das ist dann der Umstand, den die Theorie der Revolution ansonsten kritisiert. Es geht darum, gefühlten Sinn für die Sache der Veränderung zu mobilisieren. Da herrscht beim Aufstand nicht mehr die kalte Logik, sondern die Wallung des Blutes. Allerdings ist das nun einmal so, keine Gesellschaftstheorie bleibt sich treu, wenn es um die Macht geht.

Bei dem Mythos um Che Guevara ging es so weit, dass die Vertreter des bewaffneten Aufstands das Mitleid entdeckten. Und bei Fidel Castro waren es zumeist nicht die Taten des Verehrten als die unzähligen fehlgeschlagenen Attentate durch die CIA, die er überlebte. Bei Mao Ze Dong war es der berühmte Lange Marsch, also eine militärische Gewaltleistung, bei Ho Chi Min waren es die endlosen Tunnels des Viet Kong, also wiederum militärische Fakten, die zum Mythos wurden, nur bei Lenin war es eine bewusste Inszenierung seiner selbst im Sinne einer neuen Epoche. Seine permanente Illustrierung mit einem Telefon am Ohr warb für eine elektrifizierte Gesellschaft, die technische Modernität genauso wie soziale Errungenschaften für sich reklamierte.

Die Beispiele zeigen, dass eine Korrelation zwischen Mythen und Helden existiert. Dabei ging es, unabhängig von dem historischen Kontext, immer um das Verdienst um und für die Macht oder, wie bei Che Guevara, um die Aufforderung, die Macht zu erlangen. Die Überhöhung des Helden zum Göttlichen ist durchgehend und zweckrational. Da existieren keine Unterschiede zwischen den letztgenannten Revolutionären und einem Alexander dem Großen oder Napoleon.

Bei der Bewertung von Mythen ist es wichtig, zwischen denen, die eindeutig auf Machtgewinn oder Machterhalt ausgerichtet sind und denen, die der Sinnstiftung treu bleiben, zu unterscheiden. Sinn stiftende Mythen können affirmativ wirken, müssen sie aber nicht, sie können auch zu kreativem Denken inspirieren. Und dann existieren noch Mythen, bei denen das menschliche Handeln ausdrücklich inspiriert und befördert werden soll.

Einen solchen Mythos pflegen die Bugis, ihrerseits Schiffsbauer und Seeleute von der indonesischen Insel Sulawesi/Makassar. Sie bekommen die Sehnsucht nach der Ferne gelehrt und müssen erst beim Bau der Schiffe beweisen, Lastenschiffe, die ohne einen Nagel oder eine Naht auskommen, dass sie die Tauglichkeit zur Seefahrt haben. Wahrscheinlich, dass Saint Exupéry sich bei den Bugis bedient hat. Analog zu den Bugis pflegen es die andalusischen Flamenco-Gitarristen zu tun, die erst ein Instrument bauen müssen, bevor sie das Spielen auf demselben gelehrt wird. Da schafft der Mythos tatsächlich großartige Schiffe und unvergessliche Musik, die ganz real im Ohr klingt.

Ultima Thule

Als sich der griechische Entdecker Pytheas im vierten Jahrhundert vor Christus von Masilia, dem heutigen Marseille, aufmachte, um weit in den Norden vorzudringen, ging er noch davon aus, dass der Welt irgendwo Grenzen gesetzt sind. Auf seinem Weg, der nur noch durch Fragmente anderer dokumentiert ist, passierte er auf jeden Fall die britischen Inseln und gelangte irgendwann zu einer Insel, die kurz vor dem Gebiet lag, wo das große Wasser geronnen war, also vor dem Eismeer. Er nannte die Insel Ultima Thule, was man mit „letztes Land“ übersetzen kann. Wie alles, was nicht bis ins letzte Detail dokumentiert werden kann, gelangte auch jene Insel Ultima Thule bald in den Bereich des Mythischen. Und der Mythos ist es, der zuweilen größere Befruchtung der menschlichen Erkenntnis beitragen kann als das schnöde Faktum. Lange hieß es, es handele sich bei dem entdeckten Objekt des Pytheas um eine kleine Inselgruppe vor Grönland, während heute, vor allem durch die Geodäsie, nahezu bewiesen werden kann, dass es sich um die Insel Smøla in der Bucht des norwegischen Trondheim handelte.

Das, was die kalte Geodäsie nun so gefühllos verkündet, hat als Geheimnis die Geister über mehr als zweitausend Jahre inspiriert. Von den Germanen bis zu den Aufklärern, ja sogar bis zum großen Revolutionär der Moderne, James Joyce, plagte die Frage, was dort, am nordischen, dunklen, vernebelten, kalten und doch von Feuern erhellten Ende der Welt wohl zu entdecken sei. Interessant dabei ist, dass, entgegen der späteren Allegorien vom großen Licht, keine einzige Utopie in die Überlieferung von Ultima Thule hineinscheint. Nein, Ultima Thule, das dem Norden vorbehaltene Ende der Welt, blieb das große Fragezeichen. Und einzigartig ist, dass die Faszination davon ausging, dass das große Fragezeichen nicht aufgelöst wurde. Vielmehr interessierte die Menschen, wie der Zustand des großen Fragezeichens wohl aussehen werde und nicht, wie im Zeitalter der schnellen und vordergründigen Antworten angenommen werden könnte, wie es aufzulösen sei.

Der Mythos des Ultima Thule schuf sich seine eigene Aura, weil er ohne Antworten und Erklärungen und ohne Konkretisierungen auskam. Was allerdings inspirierte, war die Frage nach der Atmosphäre. Darüber gab und gibt es sehr viele Dokumente. Wie das Licht dort spielt, wie die Winde tanzen, wie das Meer wogt, wie die große Choreographie des ewigen Nebels aussieht. Das hat die Völker seitdem interessiert und nicht, ob es dort Menschen gibt oder nicht. Man stelle sich das vor, Ein Mythos vom Ende der Welt, der nicht darüber spekuliert, ob menschliches Handeln überhaupt eine Rolle spielt. Der allenfalls eine Idee davon hat, dass das menschliche Handeln dort ein Ende hat.

Der Mythos von Ultima Thule hat den Rang einer höheren Ordnung. Denn er betrachtet die irdischen Angelegenheiten aus einer Perspektive, die keiner Menschen bedarf. Das ist, aus heutiger Sicht, starker Tobak. Und jenseits der ewig Umnachteten, die sich aus Unverständnis und Ignoranz heute als Gesellschaften mit dem Namen Thule schmücken und ihren archaischen und verächtlichen Phantasien frönen, ist die Idee von einer menschenfreien Utopie vielleicht das Intelligenteste, was heute wieder einmal auf dem gedanklichen Plan stehen könnte. Stellen wir uns das Ende der Welt ohne Menschen vor. Das wäre eine Überlegung wert. Vielleicht hülfe sie den Menschen?

Besinnt Euch!

Der in diesen Tagen vielfach geäußerte Wunsch nach besinnlichen Tagen reicht nicht aus. Es ist dringend erforderlich, ihn in einen Imperativ zu verwandeln. Angesichts der Entwicklungen und der Lage in der Welt muss das Diktum lauten: Besinnt euch! Und es wäre vermessen, diese Aufforderung in die ganze Welt hinaus zu blasen. Das wurde in der Vergangenheit und wird in der Gegenwart zu oft gemacht. Aus deutschen Lautsprechern, die nur eines dokumentieren. Hierzulande herrscht schon wieder der deutsche Sonderweg, der vor allem aus einem besteht, nämlich aus der Anmaßung. Der Anmaßung, alles besser zu wissen, im Besitz der alles erklärenden Weisheit zu sein und vor allem die Werte zu präsentieren, nach denen sich die ganze Welt richten soll. Das, was aus dieser Anmaßung in der Regel resultiert, ist den meisten nicht mehr so richtig bewusst. Es endet in Verwerfungen und einem Debakel. Bescheidenheit wäre angebracht. Vor allem vor dem eigenen historischen Hintergrund. Aber das setzte voraus, dass gelernt worden wäre aus der eigenen Vermessenheit. Aber davon reden wir nicht mehr. Das einzige, was sich gehalten hat, ist die Verblendung.

Besinnt Euch! Schleicht nicht in ein mehrere Tage dauerndes Refugium, in dem ihr simuliert, die Welt und das eigene Handeln mit ein wenig Kritik und Demut zu betrachten. Stattdessen wird an den prall gedeckten Tischen über die Unzulänglichkeit vom Rest der Welt räsoniert werden: über die uneinsichtigen Amerikaner, die aggressiven Russen, die faulen Griechen, die unsteten Italiener und die irren Nordkoreaner, die renitenten Polen und die egoistischen Ungarn, die blutrünstigen Serben, die wahnsinnigen Araber. Wären da nicht, so die unausgesprochene Vermessenheit, die klugen, weitsichtigen Deutschen, dann wäre es schlimm um die Welt bestellt. Ja, wenn das so ist, dann sind wir doch die Auserwählten. Wir, die wir keine Schulden mehr machen, wir die wir für die Umwelt sorgen, wir, die wir so viel für die freie Entfaltung des Individuums tun, wir, die wir den Schleppern das Handwerk legen und immer den Frieden im Auge haben.

Merkt ihr etwas? Fällt euch noch auf, dass da auch andere Seiten in unserem Land beheimatet sind? Dass von hier aus Waffen in alle Welt geliefert werden, dass hier immer mehr Kinder und Alte in Armut leben, dass wir andere in Schuldknechtschaft treiben, dass wir das Feuer des Krieges schüren, dass wir mit unserem Lebensstil auch im Verbrauch der natürlichen Ressourcen Weltspitze sind, dass wir Innovationen verhindern, die vielen anderen zugute kommen könnten und dass es uns immer wieder gefällt, andere dadurch zu beleidigen, dass wir sie belehren? Dass wir ihnen erklären, wie unzulänglich sie sind, wie dumm, wie rückständig?

Merkt ihr nicht, dass wir Bestandteil der Kriege und der Ungerechtigkeit in dieser Welt sind? Dass wir dabei sind, immer mehr Länder gegen uns aufzubringen, weil wir auf der Kanzel stehen und der Welt erklären, wie sie zu funktionieren hat? Ja, es gibt Alternativen, auch wenn man in bestimmten Kreisen denkt, das sei nicht so. Um zu dieser Erkenntnis zu kommen bedarf es des Bewusstseins, dass wir selber nicht frei von Fehlern sind und das andere ihre Probleme sehr wohl lösen können. Dass sie das oft sogar so tun, dass wir davon lernen könnten. Seid endlich nicht mehr die Sklaven euerer eigenen Vermessenheit! Besinnt euch!