Archiv für den Monat November 2017

Ubi bene ibi patria

Und plötzlich wird es existenziell. Da wird simultan noch über eine gemeinsame europäische Armee geredet, über die gemeinsamen Werte diskutiert, und da kommen auf der anderen Seite ein Unabhängigkeitsbeschluss und eine Studie aus dem Militär, die Europas Auflösung als konkretes Szenario beschreiben. Es scheint so, als wären diejenigen, die Europa als den Gedanken der politischen Einheit hochhalten zu sehen wie die Kreuzfahrer mit dem Kruzifix taten, bevor sie blutend in den Wüstensand fielen. Andere wiederum halten die These, Europa sei als Idee am Ende, für die Spekulation von bösartigen Defätisten, sofern es so etwas überhaupt geben kann.

Wenn Situationen sehr komplex werden, empfiehlt sich die Analyse. Und die ist nicht sonderlich schwer, wenn sie nicht mit ideologischen Vorbemerkungen überladen wird. Hier ein Versuch im Staccato: Zentral- und Westeuropa repräsentieren im Großen und Ganzen noch die Länder Europas, die über eine Wirtschaftsunion zu einer politischen Idee zusammenfanden. Sie würden, ließe man sie machen, auch ohne Großbritannien eine halbwegs vernünftige Kooperation zustande bringen und damit das Gewicht der gemeinsamen Stimme potenzieren. Vielleicht gelänge noch eine Allianz mit Nordost-Europa, wäre dort nicht das Träume der russischen Bedrohung, welches Europa und NATO nur zusammen denken lässt.

Ost-Europa, als jetzige Staaten der EU, hat sich auf einen Weg gemacht, der vor allem von Ungarn und Polen als der der illiberalen Demokratie beschrieben wird. Sowohl die Pressefreiheit wie die Judikative in diesen Ländern wurden demoliert. Das, was immer als letztes Pfund in die Waagschale geworfen wurde, die gemeinsamen Werte, kommen dort nicht mehr zur Geltung. Und in Süd-Europa, das sich immer noch die Augen nach der von Deutschland protegierten Austeritätspolitik reibt, kommen nun Szenarien zum Vorschein, die zwischen Separatismus und sozialen Revolutionen fluoreszieren.

Nach Großbritannien, dass sich nie als integraler Bestandteil Europas gefühlt hat und das nach dem Brexit darauf setzt, in einer engeren Liaison mit den USA wirtschaftlich wie sicherheitspolitisch besser zu fahren, wäre es an der Zeit gewesen, über die Grundfesten der Idee Europas zu sinnieren. Denn Großbritannien war den Werten Europas immer näher als der Osten und der Süden, die Ideen des modernen Staatswesens mit seiner Gewaltenteilung wurden dort ebenso generiert wie in Frankreich, wo sich momentan vielleicht das letzte Drama abspielt, das in einem gemeinsamen Europa aufgeführt wird. Dort wurde die gesamte politische Klasse nach Hause geschickt und ein Parvenü aus dem Nichts versucht gerade, das Land im Sinne wirtschaftsliberalistischer Ideen zu reformieren. Und ob nicht gerade die wirstchaftsliberalistischen Doktrinen es waren, die Europa an das Verfallsdatum gebracht haben, das wäre ein wichtiger und entscheidender Punkt der Analyse.

Aber, Freunde der Nacht und des Untergangs, für Analysen ist natürlich keine Zeit. Da überlässt man es lieber irgendwelchen Kretins ohne Mandat, sich über Europa das Maul fusselig zu reden und es damit gleichzeitig weiter zu demontieren. Dass etwas Entscheidendes fehlt, ist daran zu sehen, wie unterschiedlich und wie vorsichtig in der Diplomatensprache mit dem separatistischen Unterfangen in Katalonien umgegangen wird. Es wird deutlich, dass die Idee fehlt. Plötzlich wird von einer Konkordanz von Nationalstaaten und dem Europa der Regionen gesprochen. Jedem, wie er es möchte. Es könnte auch minimalistisch klingen, wenn es einen Kern Wahrheit hätte. Es müsste weit weg sein von dem antiquierten Traditionalismus, wie er sich gerade in Katalonien manifestiert. Vielleicht täte es der schlichte römische Satz: Ubi bene, ibi patria. Etwas kalt zwar, aber für jedermann verständlich.

Eine Kerze für den großen Django Reinhardt

Etienne Comar. Django – Ein Leben für die Musik

Très difficile. Einen Film zu drehen, der eine Musik in den Fokus stellt, die trotz ihrer ungeheuer revolutionären Rolle immer am Rande der Gesellschaft stattfand, eine Persönlichkeit darzustellen, die dieser Musik zum Leben verhalf und eine Zeit zu malen, die ihre düsteren Schatten auf jeden Tag dieses kurzen Lebens warf. Ja, es ist schwer, bei einer derart komplexen Botschaft das richtige Maß zu treffen. Dem Regisseur Etienne Comar ist dieses gelungen. Der „Film Django. Ein Leben für die Musik“ demonstriert die Impulsivität und Virtuosität, die hinter der grandiosen Musik des Sinti Django, Jean, Reinhardt stand. Und der Film zeigt den großen Schatten, den die nationalsozialistische Rasseideologie auf die Sinti und Roma warf.

Allein der Anfang des Films ist grandios: Im von den Deutschen besetzten Paris sitzen in einem vollgestopften Theater an die Tausend Besucherinnen und Besucher, die auf ein Quintett warten. Nur, die Hauptattraktion, der Gitarrist Django Reinhardt ist noch nicht dort. Das Publikum wird unruhig bis ungehalten, die Bandmitglieder beginnen, den Mann zu suchen und eines findet ihn beim Angeln und dem Trinken von Weinbrand am Ufer der Seine. In der Limousine des Veranstalters wird er herbeigeschafft, in der Garderobe wechselt er in einen weißen Anzug und schon sitzt der Virtuose auf seinem Schemel und beginnt seine Sentenzen mit dem flinken Wandeln auf Skalen, die so anders sind, die Franz Liszt ungarisch nannte, die aber von den Sinti und Roma kommen und auch den Flamenco schmücken, und: die sich verhalten wie ihre schrägen Schwestern des Blues.

Die Passagen, bei denen ein hervorragender Reba Kateb die verkrüppelte Hand Django Reinhardts über den Steg jagt, haben die Zeit bereits bereichert. Doch die Schilderung des Milieus, der familiären Bande und der Art dieser Musikproduktion machen das alles zu einem Abenteuer. Da sind die fahrenden Musiker, die über Generationen ihre Grundformen beherrschen wie ein hart erlerntes Handwerk, und die mit ihren Interpretationen diesem Schliff das Herzblut und die Spiritualität ihrer jeweiligen Epoche einblasen.

Und da ist das unterdrückte Frankreich, in dem die deutschen Offiziere das Sagen haben. In dem die deutschen Offizieren die ganze französische Kultur in ihren Feldküchen vermanschen und sich dabei großartig vorkommen. Selbst den Django Reinhardt wollen sie nach Berlin holen, damit er in den Monumentalsälen des Faschismus aufspielt. Doch Reinhard hört auf eine Freundin, die ihm rät, in die Schweiz zu fliehen, weil sie befürchtet, er lande ansonsten wie alle anderen Sinti und Roma in einem Konzentrationslager.

Der gescheiterte Versuch führt zu einem Leben in Wohnwagen und zu Auftritten in billigen Kneipen. Der König des europäischen Jazz muss sich verstecken wie ein Krimineller, schließlich fliegt er auf. Django Reinhard erlebt die Verfolgung seines Volkes und er muss mitansehen, dass viele, allzu viele in der Vernichtungsmaschine verschwinden. Der Film endet mit der Aufführung einer von ihm komponierten „Zigeunermesse“  im befreiten Paris.

„Django. Ein Leben für die Musik“ liefert gleich drei Gründe, ihn anzusehen: Die grandiose Musik des Jazzpioniers Django Reinhardt, die kulturelle Disposition seines Volkes und der barbarische Umgang mit Andersartigem. Es ist ein Film, der auf die Ohren schlägt und unter die Haut geht. Eine Rarität in diesen Tagen.