Archiv für den Monat August 2017

Bei Uncle Sam ist Remmidemmi

Jetzt werden alle sagen, sie hätten es gewusst. Mit Donald Trump käme das Chaos und mit dem Chaos die Gefahr. Die Bemerkung ist zwar richtig, aber sie ist dennoch falsch. Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton Nordkorea bei Fortsetzung der Raketenversuche nicht mit einer Intervention gedroht hätte. Und es mehr als unwahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton nicht einem der Hauptlieferanten des so lebenswichtigen Öls, Venezuela, gedroht hätte, wenn seine politische Entwicklung diese Aufgabe in Frage stellen könnte. Und es ist mehr als unwahrscheinlich, dass eine Präsidentin Clinton es hätte verhindern können, dass der rechtsradikale Mob in Charlottesville in voller Montur erscheint, wenn die Statue eines General Lee, der im amerikanischen Bürgerkrieg für die Verteidigung der Sklaverei stand, auf Beschluss des Gemeinderats aus Stadtpark entfernt wird.

Vieles spricht dafür, dass die Mühe erforderlich ist, die gegenwärtige Befindlichkeit des Imperiums als Ganzes zu betrachten als sich an der primitiven Reduzierung auf die Figur Donald Trumps zu beteiligen. Was in diesem Kontext an Plattitüden verbreitet wird, ist ein Ausweis hoher Unterschätzung politischer Komplexität, um es einmal ganz vorsichtig auszudrücken. Die immer wieder karikierte Person des US-Präsidenten bedient alle Impulse, die zur Klamotte erforderlich sind. Und gerade darin besteht die Gefahr. Das Imperium bringt gegenwärtig alles mit, um unterschätzt zu werden. Eine sehr gute Voraussetzung, um richtig loszuschlagen und die eigene Position strategisch zu stärken.

Dass die Hörner, die in der Regel zum Krieg blasen, auch hier in den Werkstätten des großen Aggressors gestimmt wurden, macht die Sache nicht leichter. Nordkorea, ein Land, das keine spontanen Impulse der Sympathie ausstrahlt, hat jedoch seit dem Bürgerkrieg und der Teilung des Landes im Jahr 1951 und von einigen kleinen Grenzzwischenfällen einmal abgesehen, kein einziges Land der Erde angegriffen oder bedroht. Bei den USA werden von Experten, die sich mit derartigen Statistiken befassen, Ziffern zwischen 45 und 50 von den USA ausgehenden massiven Kriegshandlungen genannt. Nordkoreas Friedensangebot, welches es nicht einmal in die Nachrichten schafft, offeriert, sofort die Raketenprogramme einstellen zu wollen, sollten keine militärischen Manöver mehr zwischen den USA und Südkorea unternommen werden und die Zeichnung eines Friedensvertrags. Die Reaktion der USA, man könne Nordkorea nicht trauen, kommt in dieser Hinsicht von den Richtigen.

Es geht um die US-Strategie, im pazifischen Raum keinen Jota vor China zurückzuweichen, weil die nächste Schlacht um die Weltvorherrschaft mit dem Reich der Mitte geschlagen werden wird. Darum geht es. Aber so kann es kommen, bei einer allzu schlichten Reduzierung der Geschichte auf Personen, dann geht der Irre aus Pjöngjang auf den Irren aus Washington los. Da kann schnell der Gedanke kommen, doch froh sein, dass in Berlin nur Schlafmützen sitzen, sonst wäre man noch beteiligt.

Dass die Wahl Donald Tumps ein neues Zeitalter im Imperium markieren würde, ist das Einzige, was unzweifelhaft über allen Sichtweisen steht. Seine Rolle ist die, den de-personalisierten und de-nationalisierten Charakter des globalen Finanzkapitalismus auszublenden und Amerika, das von den Untaten dieser Couponschneider genauso geschreddert wurde und wird wie andere Teile dieser Welt, dass Amerika diesem Finanzkapitalismus wie in den guten alten Zeiten wieder ein amerikanisches Gesicht verleiht, das auch noch in der Lage ist, dem Publikum etwas von Werten und von Gut und Böse zu erzählen. Selbstverständlich wird dieser Versuch scheitern – unter Umständen nicht bei ARD und ZDF. In Charlottesville zeigt sich, was noch alles zu erwarten ist, an inneren Verwerfungen allein. Und nicht nur dort. Aber wie immer, bei Uncle Sam fängt meistens alles an.

 

Bankrott bei vollen Büchern

Einer von jenen Menschen, von denen man glaubt, dass sie eigentlich schon auf dem berühmten Elefantenfriedhof lägen, tauchte vor kurzem auf und erzählte aus seinem bewegten Leben als Großmogul des Wirtschaftslebens. Seine hohe Zeit war in jenen Tagen, als die Börsenberichte noch mit Phrasen wie „Stahl und Eisen gut behauptet“ begannen und sich eine Zeit dem Ende zuwandte, von der niemand glauben wollte, dass sie je zu Ende gehen könne. Und um diese eine, große Geschichte, den Aufstieg, die Blüte und den Untergang von Kohle, Stahl und Eisen, um diese Geschichte geht es immer, wenn dieser alte Mann auftaucht, denn seine Geschichten klingen wie die aus einer anderen Welt und er kann sie auch brillant erzählen, mit Formulierungen, die heute kaum noch jemand kennt und mit richtig starken Bildern.

Dieses Mal erzählte er von einem jener großen Unternehmen, die tief im Westen existierten und in der ewigen, goldenen Abendsonne zu liegen schienen. Der Greis erzählte, dass die Bücher wie immer voll mit lukrativen Aufträgen gewesen seien, aber dennoch sei plötzlich eine Entwicklung eingetreten, mit der niemand gerechnet hätte. Trotz der Aufträge und trotz des Betriebsvermögens, trotz mangelnder Schulden und mit ausreichendem und gutem  Personal, und obwohl auch kein Krieg vor der Tür stand und mit seiner morbiden Hand um Einlass klopfte: Die weit über die Grenzen hinaus bekannte Firma starb den Sekundentod. Was blieb, das waren traumatisierte Menschen und eine Region, die vor sich hin faulte wie ein angeschwemmter toter Fisch.

Auf die fragenden Blicke seines Publikums hin grinste der einstige Großmogul und bat wortlos um einen Carajillo, einen Espresso mit einem Schüsschen Rum, wie er zu sagen pflegte, um sich dabei ein kleines Zigärrchen anzuzünden. Erst als der Duft von bitterem Kaffee und süßem Rum sich zu mischen begann, erzählte er weiter und berichtete von den Archäologen des Bankrotts, wie er die Wirtschaftswissenschaftler verächtlich zu nennen pflegte. Diese hatten nämlich herausgefunden, dass der Ruin des einst glänzenden Unternehmens quasi stattfinden musste, als sei das Ganze von langer Hand geplant gewesen. Und gerne ging er auf die fragenden Blicke ein.

Ja, krächzte der alte Großmogul, da war unter der Oberfläche einiges in Bewegung geraten, und zwar nicht zum Guten. Da war ewig nichts mehr in die Entwicklung investiert worden, man schien an zeitlose Dominanz ohne Erneuerung zu glauben. Folglich hatte man gespart und nicht investiert. Man hatte die Käufer in Abhängigkeit gebracht und ihre Einnahmequellen ihrerseits neutralisiert. Dass das deren Kaufkraft zerstören würde, wurde den vom Erfolg besoffenen Planern im eigenen Hause erst viel zu spät bewusst. Dann hatte man die Loyalität der eigenen Belegschaft nachhaltig – und bei diesem Wort wieherte der Alte luziferisch im Greisendiskant vor Vergnügen – dadurch zerstört, dass man durch Massenimport konkurrierender Arbeitskräfte den Preis auf ein unerträgliches Maß nach unten getrieben hatte. Und zu guter Letzt hatte man völlig verschlafen, dass die Konkurrenz die Kralle auf die eigene Energieversorgung gelegt und die Preise marktatypisch nach oben gejagt hatte.

So einfach kann es kommen, so der alte Großmogul, kein Reich währt ewig und nichts schmeckt bitterer als der Untergang. Dann leckte er das Tässchen aus, in dem der gesüßte Carajillo gewesen war und bat um einen zweiten, der ihm nicht verwehrt wurde. Denn alle wussten, wenn er erzählte, dann konnten sie von ihm lernen. Mehr als in den Büchern stand, denn er hatte das alles erlebt, er hatte die Helden der Geschichten weinen sehen, wenn sie den Himmel stürmten, vor Freude, und er hatte sie weinen sehen, als sie in den Abgrund stürzten, vor Trauer. Er selbst, der das ganze Gold und den ganzen Dreck überlebt hatte, ihm blieb der ganze Film, den  er immer wieder, episodisch, neu erzählte. Mit kräftigen Worten, mit wunderbaren Anekdoten und dabei vermittelte er immer wieder die Gewissheit, dass es auch Metaphern sein konnten auf die Gegenwart. Das war es, was alle in seinen Bann schloss. Das war sein Geheimnis.