Archiv für den Monat August 2017

Una tua erit!

In einer Stadt der Gegend, in der ich aufwuchs, standen oben am Kirchturm, direkt unter der Uhr, die damals für mich noch nicht entschlüsselbaren Worte: Una tua erit. Gemeint waren die Stunden und es hieß, eine wird deine sein. Das ist ein herber Schlag ins Gesicht all derer, die die Vergänglichkeit des eigenen Daseins aus ihrem Bewusstsein gestrichen haben. Der Plan derer, die diese Erinnerung oben an den Kirchturm gemeißelt hatten, war, zumindest für mich, genial. Una tua erit hat dazu beigetragen, nie zu vergessen, dass wir alle nur Gast auf dieser Erde sind. Das große Tabu, das viele Menschen treibt, nämlich diese Gewissheit auszublenden, führt in vielerlei Hinsicht zu sehr skurrilem Verhalten.

Das eine, immer wiederkehrende Phänomen, die Diskussion um die Verantwortung derer, die heute leben in Bezug auf diejenigen, die noch nicht geboren sind, aber auf unsere Generationen folgen werden, hat sich zumindest in die gesellschaftliche Debatte eingeschlichen. Vor einer Generation noch hatten zumindest die Altersklassen der Moderne nie an so etwas wie Vermächtnis im Sinne von etwas Schützenswertem verschwendet. Der Fortschritt, jene ungestüme Metapher, war erhaben über jeden Zweifel und es musste immer darauf hinauslaufen, dass das Vorbrausen in eine immer größere, schnellere, technischere Zukunft automatisch die Generationen der Zukunft beglücken würde. An die Kollateralschäden dachte niemand, bis sie allzu auffällig und zu globalen Problemen wurden. Zumindest wird seit jener Zeit, dem ausgehenden 20. Jahrhundert, über das Phänomen geredet, allerdings zumeist unter falschen Vorzeichen. Da geht es um die Technik an sich und nicht um die Interessen derer, denen sie gehört und die sie beherrschen.

Der größte Affront gegen den Gedanken der Sorge um die Nachwelt kommt allerdings von einer Gruppe, die vorgibt, die Idee aus moralischen Gründen zu pflegen und genau das Gegenteil macht. Es sind jene, die die Staatsausgaben und die damit verbundenen notwendigen Investitionen über alle Maßen drosseln, um Geld zu scheffeln. Begründet wird dieses Vorgehen mit der Vermeidung von Schulden, die man nachkommenden Generationen nicht vererben wolle. Wäre es das alleine, so könnte das Manöver gelingen, nur hat das Argument eine schäbige, eine sehr schäbige Seite: Die Politik, mit der sie die Sanierung der öffentlichen Haushalte zu realisieren sucht, diese Politik nimmt für immer größere Bevölkerungsschichten Lebensverhältnisse hin, die kein Mensch den Nachkommen je wünschen würde. Wer die Würde aus dem Jetzt verjagt, dem kann kein Mensch glauben, dass es ihm um die Würde im Morgen geht.

Und es drängt sich wieder, immer wieder, die Frage auf, in wessen Händen die Zukunft am besten aufgehoben ist. Wenn in der Politik nicht unter dem Aspekt der Zukunft gesprochen wird, dann ist etwas faul. Es kann nicht nur um die Verteilung dessen gehen, was auf dem Tisch liegt und es kann nicht nur um Bedingungen gehen, die man sich jetzt wünscht. Es geht dabei immer um zweierlei, um die eigene Zukunft und um die Zukunft derer, die auf diesem Planeten, in der Gesellschaft leben dürfen und müssen, wenn wir nicht mehr da sind. Das wäre eine Dimension von Politik, die verantwortlich ist. Und es wäre eine Dimension, die neben der ökologischen vor allem von der sozialen Frage geprägt wäre. Denn wer die soziale Frage nicht stellt, macht sich über die Zukunft keine Gedanken.

Psychedelische Drogen und deutscher Formalismus

Ein Massenphänomen treibt viele Menschen, die über ein gewisses Maß an Temperament verfügen, zur Weißglut. Es ist ein Verhalten, das der wachsenden Komplexität unserer Welt und der damit verbundenen Ambiguitäten entspricht. Letztere sind die vielen Unentschiedenheiten und die daraus resultierenden Ungewissheiten. Die Welt, sie ist unübersichtlicher geworden und das einzelne Individuum findet immer schwerer einen Kompass, um in diesem Meer der Tücken zu navigieren. Deshalb machen viele Menschen das, was andere Vertreter der Gattung in den Wahnsinn zu treiben droht. Sie halten sich an die Form, unabhängig davon, ob es Sinn macht oder nicht, unabhängig davon, ob das den Zustand verbessert oder nicht. Ihr Denken fokussiert sich auf die Kernaussage, dass der, welcher sich an die Form hält, keine Fehler macht. Und wer keine Fehler macht, ist auf der sicheren Seite.

Obwohl es einer völlig anderen Zeit entspricht, aber ein Slogan aus der frühen, der Pionierzeit des digitalen Zeitalters, als Programmierer noch ermuntert wurden, einen Trip einzuwerfen, um das Undenkbare in einen Code zu formen, zu diesen Zeiten kursierte in den Labors der USA eine Grußformel, die nun, in Zeiten der Ängstlichkeit und des Formalismus ebenso zuzutreffen scheint: SNAFU – Situation normal, all fucked up! Denn nicht nur die psychedelische Droge, auch der deutsche Formalismus ist in der Lage, die Hirne in den Sekundentod zu treiben und aus einem vermeintlichen Zustand relativer Stabilität ein anarchisches Gesamtkunstwerk zu schaffen.

Und das Phänomen ist nicht eines, welches die armen, kleinen Seelen betrifft, die, die tatsächlich zittern, wenn der gewaltige Tag auf sie zuschreitet und von dem sie nicht wissen, ob er sie zerquetschen wird und sie am Ende nicht mehr sind. Nein, der bodenlose, der außer Rand und Band geratene Formalismus ist in den Chefetagen der ganzen Republik zuhause, er herrscht in den Chefetagen der großen Konzerne, in den großen Organisationen des Landes und in der Politik. Man könnte über diese existenzielle Form einer Überlebensstrategie sogar lachen, wenn nicht gerade sie es wäre, die die Suche nach Lösungen systematisch verhindern würde.

Ein Muster für diese fehlkalkulierte Affigkeit von Menschen, die für vernünftige Entscheidungen engagiert sind, ist das Auftauchen eines Problems. Es wird jedoch nicht an der Lösung des Problems gearbeitet, sondern an dessen Regulierung, d.h. die Zielsetzung beschränkt sich darauf, wer sich wann und in welcher Abfolge mit dem Problem befasst, aber nicht, wie das Problem zu lösen ist. Im Sprachgebrauch heißt das dann, eine Regelung der Handhabung ist die Lösung des Problems.

Diese Sichtweise, die jeder kennt und die das Arbeitsleben wie den gesellschaftlichen Diskurs dominiert, von dem alle erfasst sind und dessen verheerende Wirkung die wenigsten begreifen, diese Sichtweise ist es, die das Leben immer enger macht und kaum noch Luft zum Atmen lässt. Das Dickicht der Regelungen wird immer unüberschaubarer, klare Linien sind nicht mehr zu erkennen, im Betrieb, in Brüssel und am Stammtisch hat der Formalismus die Herrschaft übernommen und die Kreativität, die Voraussetzung für ein gutes Leben ist, hat es immer schwerer. SNAFU, das ist ein gesellschaftliches Gift, das schlimmer wirkt wie Krieg und Terrorismus. Es wirkt schleichend und befällt alle, und wenn wir nicht schleunigst darüber sprechen und es überall thematisieren und den Formalismus ohne sinnhafte Begründbarkeit anprangern, dann ist alle Hoffnung dahin.