Archiv für den Monat Juli 2017

Frantz Fanon und die Verdammten dieser Erde

Der Kolonialismus stellt eine Phase in der Entwicklungsgeschichte menschlicher Gesellschaften dar, die mit dem Beginn und dem Ende der eigentlichen Epoche längst nicht abgeschlossen war und ist. Vor dem Kolonialismus, der auch für die systematische Ausplünderung eines Landes durch ein anderes steht, standen imperiale Machtstrukturen, die es ebenfalls in sich hatten. Aber militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft hatten nicht annähernd die verheerende Wirkung wie der Kolonialismus, weil sie kulturelle Brüche zuließ, zuweilen sogar eine eigene Religion, eine andere Rechtsprechung und kulturelle Identitäten wie die Sprache respektierten. Rom war der Inbegriff für diese Form der toleranten Herrschaft, des Regierens durch Abgaben bei Respektierung der lokalen Eigenheiten.

Der Kolonialismus, der entwicklungsgeschichtlich als die notwendige Vorstufe für die Manufakturwirtschaft und den späteren Industrialismus steht, hat den Kapitalismus mit Rohstoffen beflügelt, den Krieg um Ressourcenzugriff als Dauerzustand etabliert und die Globalisierung eingeleitet. Die Länder und Gesellschaften, die unter der Herrschaft des Kolonialismus zu leiden hatten, haben sich in der Regel bis heute nicht erholt und keine noch so radikale Unabhängigkeit und Autonomie hat es vermocht, diesen Ländern einen Platz unter den freien und gleichen Nationen zuzusichern.

Die Theorie, dass das alles kein Zufall gewesen sein kann, dass diejenigen, die kolonisiert haben, eben die Tüchtigeren waren und die, die kolonisiert wurden mit ihrer Rückständigkeit dazu eingeladen hätten, wird bis heute reproduziert, obwohl sie die Frage der Systematisierung der Gewalt bewusst herunterspielt. Der technologische Vorsprung im Bereich der Kriegstechnik wurde eskortiert von einer Skrupellosigkeit, die keinerlei zivilisatorische Wurzeln hat.

Bis heute, bis in die Zeit einer weiteren großen Globalisierung, hat sich das Ungleichgewicht zwischen den ehemaligen Kolonialstaaten und den ehemaligen Kolonialmächten nicht wesentlich geändert. Und die Entmündigung hat dekadente Züge zutage treten lassen, die nach dem Kolonialismus etablierten Strukturen sind nicht selten Konstrukte der rohen Gewalt und der nackten, schamlosen Gier.

Die Gemeinsamkeit, die beide zivilisatorischen Blöcke momentan zu beklagen haben, ist die mangelnde Existenz einer Ideologie der Befreiung. So wie der Marxismus durch die Experimentierphase in Osteuropa und Asien ziemlich desavouiert wurde, so sehr liegen die Theoreme einer Befreiung vom Kolonialismus und der Phase einer vollumfänglichen Autonomie irgendwo in der Asservatenkammer der Geschichte. Der Che Guevarismus ist zu fragmentarisch, der Castroismus zu totalitär und der Gandhiismus zu pazifistisch und verhaltensbezogen, als dass sie genügend Charme versprühten, um die tatsächlich Verdammten dieser Erde wieder zu einen.

Nur derjenige, der die berühmte Zeile aus der Internationale bemüht hat, um seine Gedanken zum antikolonialen Kampf zusammenzufassen, könnte noch frische Zugänge zu einem Weg aus dieser Aporie liefern. Der Psychiater Frantz Fanon, 1925 in der französischen Kolonie Martinique geboren, hat in seinem kurzen Leben, das 1961 in Algerien endete, die Fragen brillant variiert: In seinem Buch mit dem Titel „Schwarze Haut und Weiße Masken“ beschrieb er die Brüche, die im Bewusstsein der Kolonisierten entstanden, indem sie permanent die Weißen spielen mussten, um minimal akzeptiert zu werden. „Im fünften Jahr der algerischen Revolution“ zeigte jedoch einen bereits radikalisierten Politiker und in „Die Verdammten dieser Erde“ vollzog er den Bruch mit allem, was aus den alten Kolonialmächten kam.

Letzteres wurde realiter in allen De-Kolonisierungsphasen nie verfolgt. Vielleicht sollte das dazu inspirieren, sich mit diesem Frantz Fanon noch einmal zu befassen.

G 20, ein unmoralisches Konstrukt

In einigen Tagen beginnt in Hamburg eine Tagung der zwanzig reichsten Länder dieser Welt. Diese Länder haben sich bereits seit 1999 das Recht herausgenommen, außerhalb der Vereinten Nationen über die Probleme dieser Welt zu reden und sie zu lösen. Die Differenzierung wurde vorgenommen, weil dieser G 20, in dem die leidende Seite dieser Welt keine Stimme hat, trefflich über alles redet, aber Probleme gelöst hat er bislang nicht. Das wird er auch nicht, weil die Vermeidung vieler Katastrophen den Interessen der Mitgliedstaaten, zumindest wie sie sich gegenwärtig darstellen, widersprechen. G 20 hat zu einer Schwächung der Vereinten Nationen beigetragen und nichts in der Welt verbessert. Die Welt kann kein Interesse an der Existenz einer solchen Organisation haben.

Dass diese Organisation nicht von einer breiten Welle der Sympathie getragen wird, haben alle bisherigen Treffen dokumentiert. Und es sind nicht nur junge, radikalisierte Menschen aus gutem oder auch schlechtem Hause, die ihre Ablehnung und Wut jedesmal auf die Straße bringen, wenn sich die Staatsoberhäupter und ihre Finanzminister hinter Stacheldraht, evakuierten Zonen, Legionen von Polizisten und umringt von Scharfschützen treffen. So wie sie nichts zum Guten bewirken, so teuer wird der Unsinn an den jeweiligen Austragungsorten des Festivals des freien Marktes. Es sind allerdings höhere Mächte, um die es geht. Und die Wut auf diese schamlose Vereinigung der Bereicherung und der Zerstörung ist der Konflikte zwischen Bevölkerungsteilen und dauerkasernierten Polizisten nicht würdig.

Die Dauerkrisen dieser Welt, vor allem der Hunger, an dem täglich, stündlich, sekündlich Kinder sterben, aber auch bewaffnete Konflikte um Öl, Gas, und zunehmend Wasser, sind zurückzuführen auf die Mechanismen des Marktes, dessen unsichtbare Hand der Regulierung eigenartigerweise nur diejenigen sehen, die von ihm profitieren. Die Staaten des G 20 sind die Garanten dieser Dauerkrisen. Sie lassen die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel nach wie vor zu. Also sind sie an der Kindersterblichkeit direkt beteiligt, wenn sie ihre wunderbaren Gewinne einstreichen.

Und auch dort ist die Position eines Wolfgang Schäuble, der die Mär von der regulierenden Kraft des Marktes wie ein Großinquisitor vor sich herträgt, zumindest immer noch mehrheitsfähig. Sie sorgt dafür, dass die ärmsten Staaten dieser Welt niemals auf die Beine kommen werden, weil sie unter einer Schuldenlast leiden, die keine Investitionen zulässt. Weder in ein Gesundheitssystem, das den Namen verdient hat, weder in Schulen, in denen die nächste Generation auf eine leistungsorientierte Zukunft vorbereitet wird, weder in den Aufbau einer Administration, die frei von Korruption ist und Rechtssicherheit garantiert, weder in eine Infrastruktur, die Produktion und Handel verbindet. Ohne Schuldenerlass wird sich nichts ändern. Und solange die einzelnen Regierungen so agieren, wie die unsere, wird sich daran auch nichts ändern.

Eine Reform des G 20 ist jedoch unsinnig. Weil G 20 einem Putsch gegen die Vereinten Nationen entsprungen ist. Für G 20 existiert kein Mandat außer die Unverfrorenheit derer, die sich dorthin verabredet haben, um über das Schicksal dieser Welt zu walten. Achten Sie nicht auf das Getöse der Berichterstattung! Achten Sie nicht auf die Nichtigkeiten der Regenbogenpresse und der gouvermentalen Hofschranzen! Bitte achten Sie darauf, welche politischen Aussagen von diesem G 20 ausgehen werden! Es wird die Festschreibung der Privatinteressen Weniger sein. Es wird nichts beitragen zur Lösung der Weltprobleme, es sei denn, man löste dieses unmoralische Konstrukt so schnell wie möglich auf!