Archiv für den Monat April 2017

Digitale Arbeitsplätze, eine Mystifikation?

Ziellose Büroarbeit, mangelnde Konzentration, fehlender Sinn – über die moderne Arbeitswelt wird viel geforscht, vor allem weil die Digitalisierung zukünftig viele Berufe obsolet machen wird. Dass aber auch in Dienstleistungsbranchen viele künstliche Jobs entstanden sind, die Beschäftigung vorgaukeln, wird zunehmend zu einem Problem – die Produktivität stagniert in Deutschland trotz zunehmender Beschäftigung und Überstunden. Bei […]

über Bullshitjobs und Zeitverschwendung: Moderne Arbeit? — Alice in Wonderland

„Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft?“

Ganz so edel waren die Ursprungsmotive nicht, aber genauso berechtigt wie die jetzige politische Aussage. Die Wissenschaftler, die als Reaktion auf den Präsidenten Donald Trump in Washington auf die Straße gingen, protestierten gegen die drastischen Kürzungsmaßnahmen für alle Arten der Forschung, die Trump angekündigt hatte. Es ging also um Geld und Arbeitsplätze. Also eine individuell existenzielle Bedrohung, die sich schnell ausweitete auf die Frage einer gesellschaftlich existenziellen Bedrohung. Denn wir erleben das Paradoxon einer Epoche, die sich auf die Allverfügbarkeit des Wissens beruft und gleichzeitig die Bedingungen, derer es bedarf, um Licht in die dunklen Geheimnisse dieser Welt zu bringen, gnadenlos privatisiert. Das ist kein neues Phänomen, das mit Donald Trump aufgetaucht ist, sondern eine Begleiterscheinung des Wirtschaftsliberalismus, der entgegen seiner programmatischen Aussage im Namen knallhart aus der Freiheit der Wissenschaften den Zwang zur Auftragswissenschaften geformt hat.

An den Hochschulen der freien westlichen Welt ist seit Jahrzehnten eine Entwicklung zu beobachten, die auf Ökonomie, Technik und Recht setzt und alle Formen der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften zu marginalisieren trachtet. Die materiellen Bedingungen sind entlehnt aus dem Modell des Prekariats. Die meisten Forschungsbereiche sind zeitlich limitierte Projekte, die Wissenschaftler erhalten folglich Zeitverträge, die dann immer wieder so lange unterbrochen werden, bis die Klausel des Kettenvertrags nicht mehr greift. Und diejenigen, die das Geld aufbringen, bestimmen, in welche Richtung geforscht wird.

Die systematische Instrumentalisierung der Wissenschaften, um Markt affine und Markt kompatible Einsichten zu gewinnen, hat ihren immer auch latent vorhandenen subversiven Charakter erheblich reduziert. Eine Erkenntnis, die die bestehenden Verhältnisse weder als Endzweck noch als Erstrebenswertes darstellt, ist nicht gewollt. Das Dilemma, in das die zunehmend im Verborgenen operierende kritische Wissenschaft geraten ist, sind die mangelnden Möglichkeiten der Disseminierung ihrer Erkenntnisse. Das Bildungssystem und seine Absicherung gegen einen breiten Bildungserfolg haben dazu geführt, dass die Form von Kritik an den bestehenden Verhältnissen, die aus wissenschaftlicher Sicht einer breiten Massen zugänglich wäre, entweder von dieser nicht mehr gefunden oder nicht mehr verstanden wird.

Und so ist es auch ein Zeichen der bereits seit Jahren um sich greifenden Mystifikation, dass die ganze Wut gegen diese Entwicklung, die nun Donald Trump entgegentritt, den Regierungen der eigenen Länder gebührt, die es verstanden haben, die Wissenschaftsbetriebe zu Appendices der Industrie umzuwandeln und in ihren Schulsystemen zu garantieren, dass sich dort nur die nach oben durchsetzen, die aus den Stämmen und Clans der Verwertung stammen, einige Ausnahmen eingeschlossen.

Die Verhältnisse, die in den Demonstrationen für die Wissenschaft angeprangert werden, sind zu kritisieren. Mehr noch, sie sind zu bekämpfen. Im Arsenal der Aufklärung liegen noch Instrumente, die dabei behilflich sein können.

„Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht!“

Die Radikalität, mit der Mephistopheles in Fausts Studierzimmer sein Verständnis formuliert, ist in diesem Unterfangen durchaus angebracht. Und wer sich dann fragt, wie das in den Zusammenhang passt, der findet die Antwort an des Teufels literarische Figur natürlich bei Karl Marx, der schrieb in einem jener berühmt gewordenen Briefe an Kugelmann die Antwort nieder:

„Wozu dann überhaupt eine Wissenschaft? (…) Mit der Einsicht in den Zusammenhang stürzt, vor dem praktischen Zusammensturz, aller theoretische Glauben in die permanente Notwendigkeit der bestehenden Zustände.“

Die Unverbesserlichen

Wieder mal ein Treffen der führenden Wirtschaftsnationen. Wieder einmal die Mahnung, sich nicht dem Wahn des freien Handels zu verschreiben, wenn dabei immer mehr Nationen abgehängt werden. Nun auch diese Mahnung von denen, die sich immer in der Vergangenheit für den freien Welthandel ausgesprochen haben. Die USA sind nun das prominenteste Opfer. Nicht, dass sie nicht schon lange Probleme gehabt hätten, an diesem Rennen aufgrund der eigenen Produktivkräfte erfolgreich teilnehmen zu können. Doch seit der Weltfinanzkrise im Jahr 2008 ff. ist alles anders geworden. Da fließen nämlich die Revenuen der Gewinner nicht mehr automatisch an die Wall Street. Seitdem sind die USA von der Quelle des zu verteilenden Reichtums abgeschnitten. Und nun reagieren auch sie mit dem verzweifelten Mittel des Protektionismus.

Das haben diejenigen, die nach wie vor als Exportgrößen gelten, nicht zu beklagen. Was sie jedoch anders machen als die USA, sie fühlen sich nicht in der Verantwortung, die die USA vordem angenommen haben, für die Infrastruktur des freien Welthandels aufzukommen. Militärisch und politisch. China, als prominentestes und potentestes Land, tastet sich vorsichtig an diese Aufgabe heran, oder, genauer gesagt, China tariert die Risiken noch aus, bevor es die Verantwortung annimmt. Deutschland, als anderes Beispiel für eines der großen Exportländer, sieht sich weltweit nicht in der Lage, dieses zu tun, was einer realistischen Einschätzung der vorhandenen Kräfte und Möglichkeiten entspricht. Das Streben nach Weltregie wäre die strategische Überdehnung.

Die deutsche Option läge allerdings im EU-Raum. Aber auch dort lehnt es rigoros die Rolle des Großinvestors in andere Länder ab. Getragen von der Schäuble-Doktrin, selbst Rücklagen zu bilden, die Bedingungen für größtmögliche Exporte zu schaffen und die Überforderung der Abnehmer mit einzukalkulieren, ohne diese aus der Schuldenfalle zu entlassen. Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das bereits überall lodert. Selbst Weltbank und internationaler Währungsfonds warnen Deutschland nun vor einem Crash. Der einzige, der alle schlechten Prognosen in den Wind schlägt, ist der Chef-Ideologe Schäuble. Er lässt sich weder dazu überreden, andere Länder zu stützen noch die Löhne im eigenen Land signifikant steigen zu lassen, um den Binnenmarkt zu stärken und das Konkurrenzverhältnis zugunsten anderer Anbieter zu verbessern. Getragen wird er dabei von einer großen Sympathiewelle im eigenen Land. Und es scheint sich wieder einmal zu bewahrheiten, dass Deutschland die Heimat der dilettantischen Kaufleute ist, ohne Kulanz, ohne Weitsicht, ohne Strategie.

Die Finanz- und Wirtschaftspolitik der Merkel-Ära hat sich die strategischen Vorteile, die aus der Hartz-Gesetzgebung erwachsen sind, zunutze gemacht und in der letzten Dekade den europäischen Markt monopolisiert. Das hat die nahezu religiös verehrte Schwarze Null zur Folge gehabt, aber auch die politische Isolation innerhalb der EU. Stark, aber isoliert, hält die Politik an diesem Kurs fest, obwohl abzusehen ist, wie fragil die ganze Angelegenheit ist. Schon in den nächsten Tagen, bei den Wahlen in Frankreich, kann das Märchen von den fleißigen Deutschen und dem faulen Resteuropa vorbei sein. Da kann es passieren, dass über Nacht neue Allianzen entstehen, die zwar als protektionistisch verurteilt werden, die aber die logische Folge des jetzigen Kurses sind. Und jetzt schon steht für die Unverbesserlichen fest, dass es an der Unzulänglichkeit der anderen liegen wird. Eine zu einfache Weltsicht, die bereits aus der Arroganz der Isolation resultiert.