Archiv für den Monat März 2017

Versteckte Helden

Wer ist ein Held? In meiner (ostdeutschen) Kindheit waren die Partisanen Helden. Ich erinnere mich an Fotos und Kurzporträts im Pionierleiterzimmer von jungen Menschen, eigentlich noch Kindern, die im Kampf gegen Faschisten ihr Leben ließen. Wenn ich heute daran zurückdenke, kommen mir gleichzeitig unweigerlich Bilder von Kindersoldaten in Afrika und im Nahen Osten in den […]

über Helden — Entdecke England

Die Liquidierung des Tabus

Das Paradigma der Aushandlung hat sich eine Dominanz verschafft, die beginnt, Schaden anzurichten. Nicht, dass Aushandlungsprozesse nicht zu den substanziellsten Diskursformen der menschlichen Existenz gehörten. Aber die Aushandlung an sich ist weder ein zivilisatorischer Akt noch das Endziel des sozialen Daseins. Es sei nur bemerkt, dass selbst Kriege noch Bestandteil von Aushandlung sein können und auch die Inquisition Züge davon trug. Nur der finale Akt mündete in keinen Kontrakt, sondern erst das fatale Ergebnis.

Die ungeheure Ausstrahlung, die die Aushandlung in unseren Tagen ausübt, kann vielleicht mit dem wachsenden Unwillen zu Konflikten erklärt werden, aber auch mit dem gesellschaftlich durchaus präsenten Wissen, dass die einseitige Dominanz zumeist zu größeren Verwerfungen führt, die schlimmer sind als Kompromisskosten. Ersteres ist nicht so schön, weil die Fähigkeit zum Konflikt eine existenzielle ist, letzteres ist eine hohe zivilisatorische Erkenntnis.

Aber, wie alles, was nicht mehr hinterfragt wird und was eine Zeit lang bedingungslos en vogue ist, so hat auch das System der Aushandlung eine Eigendynamik entwickelt, die die durchaus vernunftgesteuerten Motive außer Kraft setzt. Nach dem Motto „alles wird verhandelt“ stehen nicht selten Positionen zur Disposition, die hirnrissiger, pietätloser, unvernünftiger und asozialer nicht sein könnten. Wenn diese Art der diskursiven Anwendung erst einmal passiert ist, müssen schon große Erschütterungen folgen, um zu einer Korrektur zu kommen.

Das wohl aussagekräftigste Beispiel für die Eigendynamik von Aushandlungsprozessen sind die zu festen Sendezeiten und an prominenter Stelle in den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten platzierten Talk Shows. In ihnen wird austariert, welche politischen Sichtweisen allgemein vertreten sind und inwieweit sie sich zu Aushandlungsprozessen eignen. Da geht es zuweilen heftig und kakophonisch zu und es stellt sich über weite Strecken die Frage, ob da überhaupt etwas auszuhandeln ist. Zu sehr unterscheiden sich die Positionen, da sitzen sich Linke und Rechte gegenüber, da sind schrille Individuen zugegen, die in keine Schablone passen. Da sind aber auch die bekannten Gesichter aus Politik und Medien, von denen man wegen der Häufigkeit ihrer Auftritte glaubt, sie hätten ihr Domizil direkt im Studio aufgeschlagen.

Was in diesen Diskussionen immer wieder beeindruckt ist die scheinbare Unvoreingenommenheit der Moderatoren, die allerdings gebrochen wird von der Etikettierung der Anwesenden durch die längst geprägten Klischees der gleichen Medien, die sich ihrerseits, man betrachte nur die Besitzverhältnisse, in die wohl situierte Regierungsnähe katapultiert haben. Und die scheinbare vorurteilsfreie Zitierfähigkeit der abstrusesten Positionen führt, wie beim Rondo im Barock, zur Bestätigung dessen, was der Regierungssprecher auch sagen würde.

Beim Aushandlungsprozess existieren also auch Schein und Sein. Das ist nichts Schlimmes, denn diese Dialektik haftet allem an. Wichtig ist nur, dass diese Erkenntnis sich nicht aus dem Bewusstsein schleicht. Vielleicht wäre es hilfreicher, das eine oder andere Tabu würde aufrechterhalten, als es einem kalkulierten Verlauf der Diskussion zu opfern. Auch Tabus haben bekanntlich und kulturgeschichtlich eine wichtige, existenzielle Funktion. Keine Gesellschaft kam bisher ohne sie aus und keine Gesellschaft hat diese Hürde erfolgreich übersprungen. Zu den Tabus, die im Moment unbedingt gewürdigt werden müssten, zählt die Machbarkeit des Krieges und die wie immer, ob rassisch oder kulturell definierte Suprematie über andere. Die Negierung beider Tabus ist leider bei vielen allzu schick. Setzt sich diese Entwicklung fort, ist bald nichts mehr auszuhandeln.

Exerzitien auf der Metaebene

Peter Siebenmorgen. Deutsch sein

Sich in Krisen seiner Identität zu besinnen ist eine wichtige Sache. Wer das nicht macht, verliert sehr schnell den Überblick und ergreift zuweilen Optionen, die zu nichts Gutem führen. So sind Krisen auch immer die Gelegenheit, Dinge nachzuholen, die im Verlauf der Routinen untergegangen sind. Insofern ist das zwar vom Umfang kleine, aber vom Anspruch große Buch von Peter Siebenmorgen mit dem schlichten Titel „Deutsch sein“ ein Impuls zur richtigen Zeit. Zwar steht das Land in keiner dramatischen wirtschaftlichen Krise, aber es hat in den internationalen Kontexten, in denen es sich bewegt, im letzten Jahrzehnt mächtig Federn lassen müssen und ist zur Zeit recht isoliert.

Der Titel suggeriert auch, dass sich der Autor mit der Frage direkt befasst, was allerdings nicht der Fall ist. Es geht also nicht darum, herauszufinden, was die wesentlichen Merkmale deutscher Identität sind. Das wäre vielleicht auch ein zu hoher Anspruch, wenn man sich vor Augen führt, wie brüchig gerade diese Diskussion in deutschen Gefilden ist, bedingt durch die Traumata der jüngsten deutschen Geschichte. Siebenmorgen zeigt in seiner kleinen Schrift auf, wie schwierig es für die geteilte und dann vereinte deutsche Nation war, die Frage nach ihrer Identität frei von Psychodruck zu diskutieren. Auf der anderen Seite appelliert er, dieses jetzt zu tun. Diese Teile seiner Aufführungen sind nachvollziehbar und scheinen vernünftig.

Sollte jedoch jemand das Buch ergreifen, um herauszufinden, was mit der Fragestellung gemeint ist, so wird er nur einen einzigen, relativ abstrakt gefassten Satz finden, der sich tatsächlich dieser Fragestellung widmet: „Deutsch sein heißt, sich den guten Traditionen verpflichtet zu fühlen, sich in deren Dienst zu stellen, sie fortzuführen.“ So banal und trivial dieser Satz auch daherkommt, sich darüber zu unterhalten, was dann dort stehen müsste, wäre schon einmal ein guter Ansatz. Dass Siebenmorgen hier nicht weiter macht, ist vielleicht mit der Vorsicht zu erklären, die er in seinen Ausführungen beklagt. Die Angst, sich auf unsicherem Terrain zu exponieren, um nicht von irgend einem durchgedrehten Geschwärm in eine moralisch verfängliche Ecke gestellt zu werden.

Neben dem Appell, dass es Zeit sei, sich der Frage nach dem Deutsch sein zu stellen, handelt es sich um Exerzitien auf der Metaebene, die nicht falsch sind, aber auch nicht weiter bringen. Phänomenologisch ist dabei vieles richtig getroffen, zum Beispiel die Beobachtung, dass das Deutschland nach dem II. Weltkrieg immer dann besonders gut dastand, wenn es sich an Modernisierungsprojekten beteiligt hat. Wobei die Frage berechtigt ist, ob der Impuls und die Fähigkeit zu modernisieren im internationalen Vergleich nicht schon immer zu Vorteilen geführt hat.

So dezidiert der Autor die Versuche der Rechten als Beispiel für die Möglichkeit des manipulativen Missbrauchs von Unklarheiten beschreibt, so klischeehaft diskreditiert er auch die berechtigte Kritik an bestehenden Verhältnissen. Das geht ganz schnell und passt in die Verfasstheit des gegenwärtigen Diskurses um die Zukunft Deutschlands. Die Differenzierung zwischen dem, was notwendig ist, und einer Regierung, die fundamentale Fehler gemacht hat, lässt der Autor nicht zu. Auf Europa als Perspektive zu verweisen, ohne Europa als Perspektive zu diskutieren ist kein seriöses Angebot. Das lässt die Kritik zurück als Feindoperation gegen die Demokratie. Diese Art der elitären Selbstüberhebung ist schwer zu ertragen, wird aber wohl in den vielen Think Tanks, denen der Autor auch angehört, intensiv gelehrt.