Archiv für den Monat Februar 2017

Zufall oder System?

Ken Follett. Winter der Welt

Manchmal gewinnen Bücher ungewollt an Aktualität. Wenn es sich dabei um Prosa handelt, die sich im Historischen abspielt, dann herrscht Klärungsbedarf. Aktuell, ja brandaktuell ist der zweite Band von Ken Folletts Trilogie „Jahrhundertsaga“ auf jeden Fall. Unter dem Titel Winter der Welt wird die multi-national verwobene Geschichte von Sturz der Titanen, in der der Sturz der deutschen, österreichischen und russischen Monarchien als Resultat des I. Weltkrieges beschrieben wird, weiter gesponnen. Es sind die bereits bekannten Familien und deren Bänder, die in Moskau, Berlin, London und Washington agieren und sich mit dem gewaltigen Rad der Geschichte auseinandersetzen müssen. Die Leserschaft erlebt die Appeasement-Politik vor allem Großbritanniens gegenüber dem deutschen Faschismus, die unter dem Namen Bolschewisierung bekannt gewordene Despotisierung der KPdSU unter Stalin, die auf die demokratischen Wahlen im eigenen Land achtenden Amerikaner, den erbitterten Kampf zwischen Franco-Anhängern und Republikanern in Spanien und den entschlossenen Widerstand in England als eine gesamteuropäische Auseinandersetzung zwischen bürgerlicher Demokratie und Faschismus.

Dass Follett seine Romane industriell produzieren lässt, wurde bereits formuliert, d.h. dass er eine detaillierte Struktur erarbeiten lässt, bevor ein insgesamt 20köpfiges Team zu recherchieren und zu schreiben beginnt, ist bekannt. Dass wir es mit einem guten, lesbaren Stil zu tun haben, ebenfalls und dass es sich dabei allerdings um kein ästhetisches Unikat handelt, auch. Dennoch spricht auch in diesem Fall vieles für die Lektüre. Es ist die historische Faktizität, die für dieses Buch spricht. Aufkommen und Wirken des Faschismus sind ein Phänomen, das bis in die Gegenwart wirkt und das aufgrund der aktuellen politischen Entwicklung enorm an Bedeutung gewonnen hat. Da ist es gut, wenn ein breites Publikum direkten Zugang zu einem derart bedeutenden historischen Stoff bekommt.

Mit Winter der Welt ist dem Team Follett wieder ein so genannter Page Turner gelungen, bei dem die persönlichen Schicksale die Frage stellen, die historisch längst beantwortet ist. Denn trotz der historischen Faktizität, dass Deutschland den Krieg verloren hat und der Faschismus unterging, blieb den Einzelschicksalen in allen beteiligten Gesellschaften dennoch die Perspektive des persönlichen existenziellen Scheiterns. Eben weil das große Morden nach und nach um sich griff und kaum ein Winkel dieser Welt davon ausgeschlossen war, wie auch die im Roman positionierte Geschichte um den japanischen Angriff auf Pearl Habour zum Ausdruck bringt. Der Tod und das Scheitern waren ein allseits präsentes Massenphänomen, das vor allem durch das scheinbare Paradoxon belegt wurde, dass ausgerechnet Russland, der eigentliche Bezwinger des deutschen Faschismus, mit mehr als 20 Millionen Toten die meisten Opfer zu beklagen hatte.

Doch die eigentliche Aktualität dieses Romans speist sich aus der immer nur psychologisch deutbaren Frage, ob eine einzelne politische Äußerung, eine einzelne Vereinbarung oder ein einzelnes Gesetz bereits als ein logischer Baustein einer verhängnisvollen Diktatur interpretiert werden muss oder ob es sich um einen unglücklichen Zufall handelt. In Winter der Welt gab es zu viele dieser Zufälle, sie entpuppten sich zuletzt dann doch als ein bewusstes System. Und diese Frage stellt sich jeden Tag neu!

Und wieder kommt der Sensenmann

Im Süden Europas, genauer gesagt in Griechenland, da sehen sie ihn wieder. Wie er ausholt zu einem neuen Schlag, mit dem er das gebeutelte Land endlich befrieden will. Weil es ihm nicht reicht. Weil es ihm nicht reicht, wie es unter der Aufsicht von Weltbank und EU alles liquidiert, was ein Gemeinwesen ausmacht. Das geht bereits seit Jahren so. Und so, wie es aussieht, wird es nie reichen, um ihn, den Sensenmann aus Germanistan zu befriedigen. Die Schulden, die das Land hat, sind dreimal so hoch wie alles, was dieses Land in einem Jahr an Werten schafft. Wer, so stellt sich die Frage, wäre in der Lage, das aus eigener Kraft zu begleichen? Aber das interessiert niemanden, vor allem nicht den Sensenmann, seinerseits Finanzminister der Deutschen, der sich den heimlichen Titel des europäischen Liquidators längst erworben hat.

Sensenmänner sind immer unbarmherzig. Der Kleinmut dieses Sensenmannes resultiert, wie meistens, aus mangelnder Herzensbildung, einem Attribut aus der klassischen deutschen Bildung, das vielen neben ihm auch fehlt und von dem diese nicht einmal mehr wissen, dass es so etwas gab. Aber, und das ist das wichtigste Element in seinem Spiel, dieser Sensenmann weiß, dass vieles zutage käme, wofür er sich schämen müsste. Mehr noch, wenn das Volk im eigenen Land, bei dem er kurioserweise noch beliebt ist, wenn dieses Volk herausfindet, welcher Betrug hinter diesem Szenario lauert, dann Gnade ihm, dem Sensenmann. Doch nur, vor wem?

Und gerade weil die Erlösung sich nicht bietet, fuchtelt er weiter mit der Sense vor den tränenden Augen der Griechen herum und treibt sie in Verzweiflung und Depression. Er und die mit ihm assoziierte Mischpoke, die so gerne über den Populismus schimpft, hat selbst gebastelt an einer Legende, die den Namen des Populismus mit Fug und Recht verdient. Denn nach dieser haben die Griechen, ja, die Griechen an sich, sie haben von der wohlmeinenden Europäischen Union einen Kredit nach dem anderen ergattert, um es sich gut gehen zu lassen. Sie haben auf der faulen Haut gelegen und sich allen möglichen Luxus gekauft. Vor allem aus Germanistan, versteht sich, bis hin zu U-Booten, auf denen sie ihre Libertinage schamlos ausgelebt haben. Und dann, als die Kredite fällig wurden, haben sie sich dumm gestellt und so getan, als seien sie völlig überrascht. Dieses Narrativ aus dem Hause des Sensenmannes wird von allen, die den Populismus lernen wollen, nachgeplappert wie es in den Schulen des heiligen Buches geübt wird. Reflexion findet nicht statt, wozu auch.

Und, bevor heraus kommt, dass es ein System ist, nach dem Germanistan in und mit der EU operiert, dass die Kredite regelrecht den Nehmern aufgedrängt werden, damit sie kaufen, und zwar Produkte aus dem Land des Exportweltmeisters und eben auch Produkte, die sie gar nicht brauchen, und dass sie eigentlich nie in der Lage sein werden, diese Kredite zurückzuzahlen, dass sie dafür zu Tode saniert werden und die Gutgläubigen in Germanistan selbst dafür bürgen müssen und sich herausstellt, dass die hohe Konjunktur nur deshalb funktionierte, weil sie auf Pump erfolgte und die folgende Pleite alle werden bezahlen müssen, nur nicht die, die sie verursacht haben, bevor das bekannt wird, da schwingt der Dunkelmann die Sense mit besonderem Schwung. Die Sonne wird erst dann wieder über Europa aufgehen, wenn dieser Spuk beendet ist.

Talking ´bout my Generation

Jede Generation hat ihre Geschichte. Jede Generation hat ihre Soziologie. Jede Genration hat ihren Mythos. Es hat etwas damit zu tun, was von außen beobachtet werden kann und es hat etwas mit dem Gefühl zu tun, das die Generation repräsentiert. Jede Generation existiert objektiv wie subjektiv. Obiges Bild sandte mir ein Schulfreund zu. Wir hatten Jahrzehnte keinen Kontakt. Als wir uns im Netz fanden, war das erste, was er mir schickte, All Along the Watchtower von Jimi Hendrix, ein Stück, das wir damals oft gehört hatten und dann dieses Bild. Obwohl weder er noch ich auf dem Bild zu sehen sind, wusste ich, was er damit ausdrücken wollte. Ich war berührt, weil es zutreffend genau das zum Ausdruck brachte, was unsere Generation in der Stunde ihres Aufbruchs ausmachte: Die Chuzpe, das Tempo, die Naivität und die Verletzlichkeit. Talking ´bout my Generation, das ist keine Veranstaltung für Nostalgiker, sondern eine sehr seriöse Sache. Hätten wir nicht rebelliert, wären wir kollektiv untergegangen. Das ist unser Gründungsmythos und die bittere Wahrheit, die wir mit ins Grab nehmen werden. Alles andere ist Folklore.

Es ist immer wieder belustigend, sich anzusehen, wie die älteren Generationen in Gesellschaften über die Jugend klagen. Es hat zumeist damit zu tun, dass die Zeiten andere werden, sich die Themen ändern, die Erkenntnisse andere sind und sich die Jüngeren die Aufgaben, die anstehen, besser zutrauen. Das wird auch immer so bleiben. Wer sich damit aufhält, verschwendet seine kostbare Zeit. Was auch immer so war, das ist die Tatsache, dass jede Generation eine vor sich und eine nach sich direkt erlebt. Und es ist ratsam, sich ein Gesamtbild zu machen.

Meine Elterngeneration war die, die die schlimmsten Taten des XX. Jahrhunderts direkt erlebt hatte oder sogar an ihnen beteiligt war. Faschismus und Krieg, die große Barbarei, verträgt bis heute keinen Vergleich. Es ist verständlich, dass diese Generation alles vergessen wollte, was sie gesehen hatte. Sie schämte sich regelrecht dafür, in diesen Zeiten gelebt zu haben. Meine Generation hat sich selbstgerecht dagegen erhoben und das Schweigen zu brechen versucht. Das endete oft in schlimmen Verwerfungen, weil die Scham oder die Wirklichkeit der Angeklagten das Erträgliche überschritten. Vieles haben wir nicht oder sehr spät begriffen. Und wenn wir es begriffen haben, so haben wir es nicht verarbeitet. Zum Beispiel, dass bis heute jede Generation zwei Geschichten hat, die erzählt werden müssen, nämlich die der Frauen und die der Männer. Ich würde mich freuen, wenn Frauen meiner Generation mir ein Bild zusenden würden, das sie als repräsentativ für ihre Generation erachteten.

Die spannende Frage ist die, wie sich die neue, nachfolgende Generation selbst definieren würde. Was macht sie aus, wie sieht sie meine Generation und was wirft sie ihr vor. Auffällig ist, dass jede Generation eine eigene Perspektive hat, die parteiübergreifend und politisch diskutabel ist. Das ist eine interessante Erkenntnis und deshalb werfe ich die Frage auf. Meine Vor-Generation hat den Krieg erlebt und versucht, ihn zu verdrängen, wir selbst haben geschworen, dass so eine Barbarei nie wieder vorkommt. Und die Nach-Generation? Hat sie ein Bild von ihrer historischen Rolle?

Talking ´bout my Generation, wir sollten noch einmal deutlich machen, dass unbegründete Hierarchien und kriegerische Aktionen mit dem Mittel konsequenter Rebellion beantwortet werden. Schließlich muss was bleiben für die Geschichtsbücher.