Archiv für den Monat Dezember 2016

Dem Weltgeist ins Auge geschaut

Peter Weiss. Die Ästhetik des Widerstandes

Was für ein Thema und was für ein Leben! Peter Weiss, der Sohn aus gutem Hause, der in Villen aufwuchs und dennoch zu kämpfen hatte, weil er Maler werden wollte und nicht einer Profession nachgehen, in der das Geld gezählt wurde. Zum Outcast wurde die Familie trotzdem, weil der Vater jüdisch war und das Nazi-Unheil seinen Lauf nahm. Schon früh emigrierte die Familie nach London, wo sie nicht Fuß fasste, dann ging es nach Mähren, wo kurz danach die Faschisten auftauchten und dann nach Schweden, wo der damals dreißigjährige Peter Weiss bis zu seinem Tod in den sechziger Jahren bleiben sollte.

Nach dem Scheitern in der Malerei folgten die ersten literarischen Versuche, noch während des und nach dem Krieg, intellektuell bis zum Exzess, aber voller Wahrheit. Die Biographie des Autors war eine für die Frakturen des europäischen Kontinents, der politischen Verwerfungen und der kulturellen Brüche. Und Peter Weiss antwortete mit seinem finalen Werk, der großen Trilogie über das, um mit Doktor Faust zu sprechen, was den Widerstand zusammenhält. Die Ästhetik ist ein großes Werk, weil sie etwas reklamiert, was vorher niemand reklamiert hat und weil sie vielleicht das enthält, was als die Geheimformel für jede Revolution und das Überleben schlechthin identifiziert werden kann.

Das Werk, das manchmal spröde daher kommt, spielt einerseits auf der Folie des deutschen Faschismus und den Kämpfen gegen ihn und andererseits im Museum, wo die Protagonisten, junge Berliner Arbeiter, sich die Geschichte erarbeiten. Ihre Objekte sind der Tempel von Ephesos oder das Floß der Medusa. Sie wirken zunächst als Phänomene und enden als hinterfragte Objekte. Das ist es, was Weiss in die Flaschenpost seiner Geschichte eingerollt hat. Die Fragen des kritischen Publikums, das ein sehr konkretes Interesse hat, an die großen Wirkungen die Phänomene der Geschichte.

Heute, als hätten sie sich abgesprochen, stehen diese Fragen aus der Feder Bertolt Brechts majestätisch am Berliner Schiffbauerdamm. Es sind die Fragen eines lesenden Arbeiters, aus denen das Elixier der Ästhetik des Widerstandes gemischt ist und die Peter Weiss seinen Lesern mitgibt. Die Mühen, die seine Protagonisten mit dem Erwerb dessen hatten, was als kulturelle Substanz beschrieben werden muss, diese Mühen sind immens, in den Stadien der Illegalität, der Flucht und der Unsicherheit. Aber, und das ist das Diktum des großen Schriftstellers, dessen ganzes Leben für das Exil stand, die Mühen, sich eine kulturelle Substanz zu schaffen, sind existenziell notwendig. Weil ohne kulturelle Substanz ist weder der Widerstand, noch die Revolution und erst recht nicht das nackte Überleben möglich.

Die Perspektiven, die Techniken, die sprachlichen Konstruktionen und grammatischen Formen, mit denen Weiss in diesem Monumentalwerk arbeitet, sie alle dokumentieren, was als These nachher zu dechiffrieren ist: Widerstand wie Revolution sind ein Projekt, das in erster Linie zivilisatorisch zu begreifen ist. Die kulturelle und zivilisatorische Qualität sind kein schmückendes Beiwerk der Revolution, sondern ihre Conditio sine qua non. Dass der Autor damit, selbst in dem Lager, dass sich selbst als links bezeichnete, kein überschwängliches Lob erhielt, versteht sich angesichts solcher Verirrungen wie dem Proletkult nahezu von selbst. Aber das bis heute Abschreckendste, das dieses Buch zu bieten hat, ist die Mühe seiner Lektüre. Angesichts der These des Autors aber folgerichtig. Wer die Moderne verstehen will, wer dem berühmten Weltgeist einmal ins Auge gesehen haben will, der muss sich dieser Mühe aussetzen!

Reingelesen (56): Philip Roth – Der menschliche Makel — KULTURFORUM

“Das Geheimnis, wie man mit einem Minimum an Schmerz ein Leben im Trubel der Welt führt, besteht darin, so viele Leute wie möglich dazu zu bringen, die eigene Verblendung zu teilen; der Trick, den man beherrschen muß, wenn man allein hier oben lebt, weit entfernt von den aufregenden Verstrickungen, Verführungen und Erwartungen, abgetrennt vor allem […]

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Ein Berliner Weihnachtsmarkt und Picassos Guernica

Auch wenn sich die Formulierung im Deutschen schon so anhört wie ein preußischer Objektivismus, sei sie hier erlaubt: Aus gegebenem Anlass. Aus gegebenem Anlass will ich auf die gestrigen Ereignisse auf dem Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche in West-Berlin eingehen. Oder genauer, ich möchte mich auslassen über die Ereignisse entlang der eigentlichen Ereignisse. Nach einer Meldung, die ich auf dem Smartphone las, als ich noch unterwegs war, schaltete ich kurz nach 22.00 Uhr zuhause das TV ein, genauer gesagt, es lief das heute journal auf dem ZDF. Nach einer kurzen Schilderung der unbezweifelbaren Ereignisse bat die Moderatorin Slomka das Publikum, bitte keine privaten Videoaufnahmen der Geschehnisse ins Netz zu stellen und sich zudem nicht an der Gerüchtebildung zu beteiligen. Das ZDF selbst, so weiter, hätte sich entschieden, auch keine Bilder von dem Szenario zu senden, vor allem aus Respekt vor den Opfern. Das schien mir alles sehr vernünftig zu sein, auch wenn der Respekt vor den Opfern in Aleppo nicht so groß gewesen sein muss, denn in den vergangenen Wochen wurden gerade die Bilder von Opfern dem Publikum immer wieder kredenzt, ganz so wie die abschmeckenden Bilder auf den Zigarettenschachteln. Dennoch, so weit, so gut.

Umso erstaunlicher war, dass nach dieser Ansage eine Orgie der Spekulation begann. Und obwohl der Pressesprecher der Berliner Polizei weder zur Person des Fahrers/Täters noch zu den Ursachen der Katastrophe eine Aussage machen wollte, wurden alle möglichen Experten befragt, wie denn die ganze Angelegenheit zu interpretieren sei. Neuigkeiten kamen dabei nicht zutage, spekulative Szenarien eine ganze Menge. Als ich auf Facebook schrieb, dass mich genau das öffentliche Spekulieren begänne mächtig zu ärgern, fragte prompt ein Leser, ob ich allen Ernstes der Meinung sei, dass es sich nur um einen Unfall handele. Ich antwortete ihm, meine Meinung sei völlig unerheblich. Entscheidend seien die autorisierten Fakten der Ermittlungsbehörden.

Und genau an diesem Punkt wird es gefährlich. Wenn die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten diese Spielregeln nicht mehr einhalten, dann wird von einem staatlich garantierten Monopol ein frontaler Angriff gegen die Autonomie der ermittelnden Staatsorgane geritten. Das ist ein ungeheuerlicher Vorgang, der nicht das erste, sondern das x-te Mal zu beobachten war. Der von öffentlichen Sendern betriebene Voyeurismus ist das Resultat einer langen Entwicklung, die mit der Etablierung der privaten Fernsehstationen begann, die ihnen aber nicht zur Last gelegt werden kann. Denn Auftrag wie Monopol sollten gerade die öffentlich-rechtlichen Institutionen verpflichten, im Sinne der vierten Gewalt einen qualitativ anspruchsvollen und ernst zu nehmenden Journalismus zu liefern.

Was die Nachrichtenselektion anbetrifft, so sind die öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten regierungstreu. Das werden auch noch die bemerken, die das momentan goutieren, aber nicht mehr in der nächsten Regierung sitzen werden. Der Voyeurismus hingegen ist nur ein weiteres Indiz dafür, was alles schief gelaufen ist. Man stelle sich vor, an einem Abend wie dem gestrigen sagte die Moderatorin, es lägen aktuell keine neuen Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden vor und man melde sich zurück, sobald das der Fall wäre, spätestens aber in einer Stunde. Dann erschiene ein Bild, zum Beispiel Guernica von Pablo Picasso, und dazu liefe eine Klaviersonate von Chopin in Moll, oder von mir aus auch Beethovens Neunte, um uns daran zu erinnern, dass unsere Welt immer unvollendet bleiben wird. Vielleicht würden einige dann richtig nachdenken, statt zu schwatzen und alle lernten zu warten, während die, die dazu bestimmt sind, ihre Arbeit machten. Was für eine Illusion!