Archiv für den Monat November 2016

Eine Autobiographie als Geschichtsbuch

Wolf Biermann. Warte nicht auf bessere Zeiten. Die Autobiographie

Seine große Zeit war zu einer Zeit, die viele der Heutigen gar nicht mehr oder kaum bewusst miterlebt haben. Dabei war die große Zeit für Wolf Biermann die, als er als Privatier in seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 in Ostberlin unter Beobachtung stand und nicht mehr auftreten durfte. Auch die Bezeichnung Liedermacher ist nicht mehr vielen Menschen unserer Tage geläufig. Sie können mit dem Begriff nichts anfangen. Über die politischen Auseinandersetzungen der 19sechziger und 19siebziger Jahre zu reden, ohne die Rolle der Liedermacher zu berücksichtigen, wird relativ öde. Weil sie es waren, die viele Dinge zugespitzt und in die Gesellschaft hineingetragen haben. Wolf Biermann, der als Jüngling freiwillig vom westlichen Hamburg nach Berlin, der Hauptstadt der DDR, übergesiedelt war, ist sicherlich die schillerndste Figur. Biermanns große Zeit endete 1976, als er nach 11jährigem innerem Exil die Erlaubnis zu einem Konzertbesuch in der Bundesrepublik erhielt, und anschließend nicht wieder zurück durfte. Er wurde ausgebürgert.

Der nun Achtzigjährige hat seine Autobiographie vorgelegt und sie, wie sollte es anders sein, mit dem Titel eines seiner Songs betitelt: Warte nicht auf bessere Zeiten. Mein Buchhändler, ein Alt-Linker, warnte mich, als ich bei ihm das Buch bestellen wollte. Er verwies auf die eine oder andere verstörende Aussage des zeitgenössischen Biermann. Ihm gefielen die politischen Positionen nicht. Gut, dass ich seinem Rat nicht gefolgt bin. Denn Biermanns Autobiographie ist ein historisch wertvolles und ehrliches Buch. Von altem Glorienschein und Selbstbeweihräucherung keine Spur.

Biermann schildert seinen Weg mit allen Irrungen und Wirrungen. Er beschreibt seine Familiengeschichte, in der sich Judentum und Kommunismus trafen. Er beschreibt seinen Glauben an das andere Deutschland und die bitteren Erfahrungen mit den Mechanismen im neuen Deutschland, die so treffend in George Orwells Animal Farm beschrieben wurden: Die Etablierung einer neuen Nomenklatura, der Widerspruch zwischen Schein und Sein, der Ausbau eines grandiosen Spitzelapparates und den kleinbürgerlichen Mief, in dem sich schöpferische und freigeistige Menschen immer unwohler und unterdrückter fühlten. Legionen von den damals so genannten Kulturschaffenden passieren in dieser Autobiographie Revue. Und sie werden gescreent auf ihre Stellung innerhalb des Regimes. Dabei unternimmt es Biermann nicht, den moralischen Juror zu machen, denn er selbst kannte zu sehr die furchtbaren Zwänge, die eskortiert waren von den Nöten des Alltags. Biermann selbst hat keine Probleme, seine eigenen Irrungen und Fehleinschätzungen einzugestehen und das ist die Frische, die das Buch ausmacht. Es ist von der ersten bis zur letzten Seite authentisch.

Wolf Biermann hat großartige Lieder komponiert, die von ihrer poetischen Kraft bis heute wirken, aber er ist nicht der Versuchung erlegen, seine Autobiographie zu einer abermaligen Werkschau zu machen. Fast wirken die wenigen Originaltexte, die es in diese Rückbesinnung geschafft haben, als zu spärlich. Vor allem für jene, die die Zeit nicht miterlebt haben. Denn das ist die Quintessenz, die aus Warte nicht auf bessere Zeiten zu ziehen ist: Die Autobiographie eignet sich sehr gut als ein Geschichtsbuch. Als ein Geschichtsbuch für jene, die die Zeit der zwei deutschen Staaten nicht erlebt haben und die angewiesen sind auf die historiographische Schönschreiberei, die in den heutigen Geschichtsbüchern steht. Da war mehr als nur Schwarz und Weiß. Ich kann die Lektüre nur empfehlen!

USA: Mit Symbolpolitik kein Staat zu machen

Nun, da sich der Sturm der Gefühle zu legen scheint, ist es an der Zeit, sich mit dem zu befassen, was auf die USA und den Rest der Welt zukommt. Die Hitze, mit der auf die Wahl Donald Trumps reagiert wurde, ist aus der Art des Wahlkampfes, so wie er geführt wurde und was er zum Thema hatte, durchaus zu erklären. Wichtig ist, sich zu vergegenwärtigen, dass weder Moralismus noch Populismus in der Lage sind, die Zusammenhänge analytisch zu erklären. Leider hat die Auseinandersetzung zwischen Moralismus und Populismus in eine Sackgasse der Erkenntnis geführt. Und es ist an der Zeit, sich weiter zu streiten, weil das der Erkenntnis förderlich ist, aber bitte in einer Weise, die nicht zur Brandmarkung derer führt, die sich an einem ernst gemeinten Diskurs beteiligen.

Inwieweit die internationale Politik sich nach der Wahl Trumps verändern wird, ist bis dato nicht abzusehen. Betrachtet man die Reaktionen der Börse, vor allem an der Wall Street, dann haben bestimmte Wirtschaftszweige seine Worte aus dem Wahlkampf unterschiedlich interpretiert. Sowohl die Öl-, als auch die Waffen- und Pharmaindustrie haben rasante Kursgewinne verbucht. Die Ölindustrie nahm seine Worte im Wahlkampf ebenso ernst wie die Pharmaindustrie. Seine Verweise auf den nationalen Energiesektor wie auf sein Vorhaben, Obamacare zu liquidieren, lassen rosige Zeiten für beide Bereiche vermuten. Die Waffenindustrie hingegen antizipiert bereits, dass Trumps Ankündigungen, sich aus den internationalen Konflikten mehr heraushalten zu wollen, nicht gehalten wird. Und schon wird die ganze Sache interessant, hinter der bereits ein Fragezeichen steht.

In Bezug auf die Innenpolitik sind allerdings weitaus größere Widersprüche zu markieren. Da stoßen die Bedingungen einer globalisierten Weltwirtschaft bereits auf zentrale Bereiche der amerikanischen Wirtschaft. Sollte Trump digitale Vorzeigeunternehmen wie Apple, die in China produzieren lassen, allein fiskalisch aufs Korn nehmen, droht der Wirtschaft ein krasser Einbruch hinsichtlich ihrer technologischen Modernität. Und ob die arbeitslosen Stahlkocher aus dem Rust Belt eine Perspektive bekommen, ist angesichts der desolaten Lage der dortigen Produktionsmittel genauso zweifelhaft wie die Frage, zu welchen Löhnen sie wieder ans Werk gehen sollen, wenn sie in Konkurrenz zu Ländern wie China oder Korea stehen. Und ob sie sich darüber freuen werden, dass sie auf keine minimale Gesundheitsversorgung zurückgreifen können, sei einmal dahin gestellt.

Vieles spricht also dafür, dass Trump zumindest Teile seiner Ankündigungen wird revidieren müssen. Die Frage bleibt bis jetzt, welche das sein werden. Auch ein Schlag gegen NAFTA, die Freihandelszone, die im Norden Mexikos für Jobs und Perspektiven gesorgt hat, wäre eine kontraproduktive Sache. Einen weiteren Absturz Mexikos wird ein Zaun nicht regeln können. Da sind viele Fragen offen, die allerdings relativ schnell eine Kontur der Beantwortung aufzeigen werden. Eines scheint jedoch klar zu sein: mit einer reinen Symbolpolitik, die wir aus unseren Breitengraden kennen und die so wunderbar bequem ist, wenn die Konjunktur es erlaubt, ist in den USA kein Staat zu machen. Trump wird sehr schnell lernen, dass die Züchtigung einzelner Minderheiten aus der Gesellschaft heraus nicht goutiert werden wird, wenn auf dem großen Tableau sonst nichts zu sehen ist. Und wenn dort Referenzen sind, macht so etwas erst Recht keinen Sinn. Bleiben wir analytisch, alles andere führt zu nichts!

USA: Im Orkan der Expertisen

Die Reaktionen auf die Wahlen in den USA hierzulande sind lehrreich und verdeutlichen die Krise, in der sich die hiesige Politik befindet. Fangen wir mit dem an, was so alles zu registrieren war. Zunächst stellte eine Bundeskanzlerin Bedingungen, unter denen sie  bereit ist, mit dem künftigen Präsidenten der USA zusammenzuarbeiten. Das ist neu. Der Außenminister gratulierte erst gar nicht und sein Parteivorsitzender verglich den neuen Präsidenten der USA mit einem Straßenschläger. Ist nicht genau das die Art von Verrohung, über die man sich glaubt erheben zu können? Wie zivilisiert wirkten da die Aussagen von Obama und Clinton, den neuen Präsidenten zum Wohle aller Amerikaner unterstützen zu wollen. Anscheinend gelingt es dort, mit dem politischen Wechsel, den eigentlich Demokratien so an sich haben, umgehen zu können, während hier das groß-koalitionäre Konsensverhalten eine Liquidierung von Opposition und politischem Wandel bedeutet. Daher, so kann gefolgert werden, kommt der Treibstoff für außerparlamentarischen Widerstand.

Und dann war da der Hexenhammer, das große Lehrbuch der Inquisition, das die Supertoleranten und Superdemokraten sogleich aufgeschlagen hatten. Jeder, der es wagte, nicht in das allgemeine Klagen zu verfallen und sich um eine Analyse bemühte, die vielleicht auch Aspekte enthielt, die das Feindbild verwässerten, war gleich auf der Anklagebank: Frauenfeind, Politbanause, Kriegstreiber, Reichsbürger, AFD etc.. Insofern, ja, und noch einmal vielen Dank dafür, wurde doch bei einigen deutlich, wie weit es um die eigene Toleranz bestellt ist. Viele von diesen Hetzern im Namen der Toleranz gleichen den Schweinsgesichtern aus Orwells Animal Farm.

Dann fiel ein Satz im Orkan der Expertisen, der aufhorchen lassen muss. Es ging um die Frage, mit was Deutschland und Europa zu rechnen haben, wenn der neue amerikanische Präsident das durchsetze, was er im Wahlkampf gesagt habe. Das schlimmste schien eine Verständigung mit Russland zu sein, dann wäre Europa allein gelassen! Wie bitte? Eine De-Eskalation mit Russland steht nicht im Interesse Deutschlands und Europas? Peitschen Merkel und Steinmeier die NATO-Osterweiterung an? Und sind die USA den Weg nur mitgegangen? Die NATO hat übrigens in den letzten Tagen dreihunderttausend kampfbereite Soldaten an die russische Grenze gestellt. Unsere Moralisten haben es nicht einmal erwähnt, geschweige denn protestiert. Angesichts dieser Erkenntnisse werden die Wahlen 2017 für einen Erdrutsch sorgen. Hausgemacht, ohne Not und Intervention von außen.

Ein tatsächliches Szenario wurde hingegen nicht erwähnt. Es beträfe die Aussage, dass die USA keinen Schirm der militärischen Sicherheit mehr über Europa ausbreite. Hauptbetroffener wäre Deutschland. Es ist davon auszugehen, dass eine solche Änderung der Politik eine zusätzliche Belastung des Bundeshaushaltes von ca. 30 bis 50 Milliarden Euro per anno bedeuten würden. Dann wäre die schöne Geschichte von der schwarzen Null schnell beendet und die sozialen Leistungen mit drastischen Kürzungen konfrontiert. Da wird es ungemütlicher in der Gesellschaft und die soziale Frage wird noch an Brisanz gewinnen. Das sind Fakten, die hinter dem ganzen Lamento bezüglich der amerikanischen Wahlen stehen. Der Ekel vor der Volksverhetzung ist immer berechtigt. Und es ist immer das eigene Verhalten, das die Glaubwürdigkeit untermauert. Dazu gehört auch die Fähigkeit, sich Unbequemes einmal anzuhören. Auf keinen Fall dazu gehören Leute, die noch vor wenigen Monaten gegen faule und dumme Griechen hetzten. Sie sind bereits seit langer Zeit von dem trump´schen Wahlkampfvirus infiziert. Und sie gehören zum Problem, und nicht zur Lösung.