Archiv für den Monat Oktober 2016

Neue Inquisitoren

Was geschieht, wenn ein einigermaßen aufgeklärter Mensch mit einer Meinung konfrontiert wird, die er selbst nicht teilt? Zunächst versucht er, die Kernaussage zu identifizieren. Dann rekonstruiert er den Gedankengang, der zu dieser Aussage geführt hat. Und wenn er – oder natürlich in allen Fällen sie – verstanden hat, wie diese Meinung gemeint und wie sie entstanden ist, dann formuliert der aufgeklärte Mensch eine Replik. Die Replik bezieht sich auf Genese und Struktur der zu kritisierenden Meinung und versucht, sie im Kern zu widerlegen oder auf Brüche in ihrer Genese zu verweisen. Sollte aus dieser Replik eine Interaktion entstehen, dann ist ein interessanter Diskurs zu erwarten. Voraussetzung für eine solche Interaktion ist allerdings, dass es sich bei beiden Seiten um aufgeklärte Menschen handelt.

Ist die eine Seite dagegen nicht aufgeklärt, sondern eher emotional, apologetisch oder dogmatisch, dann wird die eigene Position wiederholt. Und ist aus dem eigenen Gedankengang an Substanz nicht mehr herauszuholen als die bloße Wiederholung, dann gesellt sich sehr schnell noch die Verunglimpfung des Gegenübers hinzu. Derlei Gesprächsentwicklung entgleitet dann sehr schnell in eine destruktive Atmosphäre. Es geht nicht mehr um eine konsensfähige, nachvollziehbare Position, sondern um Rechthaberei auf der einen Seite und die Diskriminierung auf der anderen.

Bei Betrachtung der Art und Weise, wie gegenwärtig sowohl die Politik wie die offiziellen Medien mit Kritik an den von ihnen vertretenen Positionen umgehen, dann wird sehr schnell deutlich, dass wir uns in keinem Diskurs mehr befinden, bei dem es um richtige, oder auch gute Positionen ginge, sondern um Rechthaberei und Diskriminierung. Die Beispiele dafür liefern leider nicht diejenigen, die die Handelnden kritisieren, sondern die Kritisierten selber. Diejenigen, die den Kurs der Regierung in der Ukraine kritisierten und tatsächlich viele gute Argumente anführten, wurden schlicht zu Russland- oder Putin-Verstehern erklärt, und schon erschien es überflüssig, sich noch mit ihren Argumenten auseinandersetzen zu müssen. Analog verhielt und verhält es sich mit der Kritik an der Europapolitik der Regierung, die viele Felder des gutgründigen Dissenses mit sich brachte, angefangen bei der Bankenrettung, weiter gehend über die bürokratische Zentralisierung und endend bei den Erweiterungsmaßnahmen ohne politische Qualitätssicherung. Alle, die sich damit ernsthaft auseinandersetzten, waren sehr schnell als Europa-Hasser identifiziert, mit deren Argumenten sich niemand mehr ernsthaft auseinandersetzen musste.

Das Herausstehlen aus einer Kontroverse, in der es jeweils um vieles geht, hat sicherlich etwas zu tun mit der Einführung inquisitorischer Denkweisen. Dieses Phänomen entstand nicht über Nacht, sondern es reifte in den Kreisen, die Politik nicht als das Spiel unterschiedlicher Interessen begriff, sondern sie als eine Konkurrenz moralischer Kategorien umdeutete. Mit dem Kanon dessen, was allgemein als political correctness bezeichnet werden kann, wurde ein moderner Hexenhammer etabliert, der es ermöglichte, sich nicht mehr mit den Inhalten von Kritik auseinandersetzen zu müssen, sondern der bei der Form ihrer Äußerung bereits stehen bleiben und Todesurteile aussprechen konnte. Insofern befindet sich die den gesellschaftlichen Diskurs führende Klasse rhetorisch wie bewusstseinsmäßig in einem Stadium mittelalterlicher Inquisition.

Der logische Schluss kann nur lauten, alle Hebel in Bewegung setzen zu müssen, um aufklärerischem Denken neue Foren zu geben und dem zeitgenössischen Obskurantismus Paroli bieten zu können. Das ist ein langer Weg, der viele Frustrationen mit sich bringen wird. Aber, das haben historische Vorlagen bereits an Erkenntnis geliefert, nach dem Dunkel kommt das Licht.

Wie sähe das aus?

Wie sähe das aus? Was wäre zu tun, um die Fluchtursachen im Nahen Osten zu bekämpfen? Bevor Sie an Syrien, die Türkei oder den Libanon denken, richten Sie Ihren Blick bitte nach Washington D.C.. Dort wurden bereits vor 15 Jahren Pläne ausgebrütet, die immer wieder unter dem Namen Regime Change auftauchten. Bereits im Jahr 2001 wurden sieben Länder identifiziert, in denen ein Regime Change stattzufinden haben. Darunter waren Libyen und Ägypten, aber auch Syrien. Und es ging dabei nicht um Demokratie. Es ging um Rohstoffe, die sich das Imperium sichern wollte. So einfach ist das. Es lässt sich alles dokumentieren.

Diese Wahrheit darf jedoch nicht gesehen werden. Um dies zu vermeiden, hat ein in Deutschland installiertes, durch Zwangsgebühren finanziertes Monopol die Rolle der propagandistischen Regie übernommen. Alles, was über die Länder, in denen der Regime Change berichtet wurde und wird, ist in Zweifel zu ziehen. Der Grund: Wer so viel lügt wie die öffentlich-rechtlichen Dogmatismus-Anstalten hat das verwirkt, was bei der Übertragung von Informationen das Wichtigste ist, nämlich das Vertrauen. Wir kennen das aus dem großen Fundus unserer kollektiven Erfahrung: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, heißt es da. Und wer immer lügt, wie im Falle Syriens, dem könnte man wünschen, dass er nicht im Bett stürbe. Denn die verbreiteten Lügen dienen der Vernichtung des syrischen Volkes und seines Rechtes auf Souveränität. Nie war der Staat, der der NS-Vergangenheit entsprang, so auf Seiten des Unrechts wie in diesen Tagen. Ein Tiefpunkt ist erreicht, der aus der Entwicklung zu einem Staatsmonopol resultiert. Die lebenswichtige Form der Opposition wurde gemeuchelt, der angebliche gesellschaftliche Konsens mutierte zur Doktrin.

Dass ein Krieg, der seit Jahren geführt wird, dem tausende von Zivilisten zum Opfer fielen und der fünf Millionen Flüchtlinge produzierte, dass ein solcher Krieg trotz aller medialer Propaganda irgendwann nicht mehr gerechtfertigt werden kann und in einem Schuldspruch finalisiert werden muss, war klar. Jetzt, nach fünfjährigen US-Bombardements, nach deutscher, britischer, französischer wie türkischer Intervention aus der Luft und zu Lande, jetzt wird ausgerechnet Russland zum Henker des syrischen Volkes erkoren. Dreister geht es nicht, und wer dieses Lied singt, der reiht sich in die Reihe der braunen Propaganda, aus der ein Stürmer hervorging, nahtlos ein. Es ist eine grausame Koinzidenz, aber wir müssen lernen, mit diesem Makel zu leben. Selbst siebzig Jahre nach dem Einsturz des tausendjährigen Reiches funktionieren immer wieder die bekannten Hebel der Mystifikation. Und heute, im Jahr 2016, wünscht man sich die schlesischen Weber eines Heinrich Heine herbei, die in das Leichentuch des alten Deutschland ihren Fluch einwebten.

Doch zurück zur Ausgangsfrage! Was müsste geschehen, um die Fluchtursachen zum Beispiel der Millionen Syrer zu bekämpfen? Vielleicht wäre es zunächst ein Hackerangriff auf die Aggressionszentralen des Imperiums dort drüben am Potomac. Sicherlich müssten auch die Energiewerke daran glauben. Wenn  Ballistik wie Propaganda nicht mehr funktionieren, dann braucht man auch keine völkerrechtswidrigen Drohnen. Das amerikanische Volk könnte vor dem Terror aus der Luft, mit dem immer mehr Länder überzogen werden, bewahrt werden. Sie könnten weiterhin ihre Grillpartys durchführen, nur für ihren Regime Change, da bekämen sie Exportverbot. Und vielleicht führte es auch zu Ergebnissen, wenn Onkel Sam mit ansehen müsste, wie den transeuropäischen Lakaien so langsam in den jeweils eigenen Ländern der Garaus gemacht würde. Ja, so könnte es aussehen.

Wann kommt der deutsche Trump?

Die Empörung ist groß. Immer, wenn der Name Donald Trump fällt, sind sich die Beobachter hierzulande schnell einig, dass diese Figur nicht nur ein Ärgernis darstellt. Nein, oft folgt im gleichen Atemzug die Äußerung, dass es sich bei diesem Gegenentwurf eines Politikers um ein typisches amerikanisches Dekadenzphänomen handelt. Einmal abgesehen von der Tatsache, dass Trumps Gegenkandidatin Hilary Clinton in diesem Vergleich viel zu gut wegkommt, denn ihre Vita beinhaltet vieles, was vor allem europäische Friedensfreunde in hohem Maße beunruhigen sollte, ist die Aussage mehr als blauäugig. Denn der bisherige Erfolg Donald Trumps kann auch als eine Warnung angesehen werden. Er ist ein Vorbote für einen dramatischen Wechsel im politischen Geschäft weltweit.

Die Globalisierung mit ihren heutigen Konnotationen ist eine Epoche, die exorbitant viel von denjenigen verlangt, die sie noch lesen und verstehen wollen. Die einstige Nationalstaatlichkeit hilft schon lange nicht mehr dabei, das zu verstehen, was jedermann betrifft. Längst reichen nationale Aktionen nicht mehr aus, um dem zu begegnen, was die Globalisierung bewegt. Ein Grund dafür ist die Assistenz vieler nationaler Politiken, dem Agieren der Global Player aus einem nationalen Interesse zu begegnen. Ohne Gegenwehr wurde die Ideologie des sich selbst regulierenden Marktes übernommen und der Untergang ganzer sozialer Klassen begünstigt. Das Gesetz der maximalen Verwertung bei Plünderung nationaler Ressourcen von Mensch bis Materie wurde flankiert von einem Defätismus bei der Beteiligung derer an den entstandenen lokalen Kosten, die als die Gewinner aus diesem Prozess herausgingen, hat zu einer Demontage vieler Gemeinwesen geführt. Letztere wären jedoch der letzte Garant bei der Regulierung der gesellschaftlichen Kosten, die durch die ungezügelte individuelle Bereicherung entstehen.

Monokausale Ansätze zur Erklärung der destruktiven Prozesse nützen nichts mehr, denn sie greifen zu kurz. Das Verständnis der Globalisierung setzt die Fähigkeit voraus, Komplexität zu erfassen, Interdependenzen zu erkennen und die Verhältnisse nach den konvergierenden oder sich entgegenstehenden Interessen zu strukturieren. Mit dieser Aufgabe sind viele überfordert. Flankiert wird diese wachsende Unfähigkeit, die von der Klasse der Politiker über die Gruppe vieler Wissenschaftler bis hin zu den Wählerinnen und Wählern reicht, durch eine atemberaubende Erosion von Bildung und Wissen. Die Globalisierung hat mit der Digitalisierung der Kommunikation ein Höllentempo der Informationsweitergabe geschaffen, das vermeintlich keine Zeit mehr lässt für die ruhig und kühl angelegte Analyse. Dass letztere auch in den Bildungsinstitutionen ad acta gelegt worden ist, macht die desolate Situation perfekt.

Was passiert, wenn die Menschen zwar täglich die ganze Wucht der Veränderungen zu spüren bekommen, aber nicht mehr in der Lage sind, zu erklären, warum das so ist und woher das kommt? Sie suchen nach schnellen Erklärungen, die Sicherheit zurückbringen. Diese Erklärungen sind jedoch zumeist falsch und treffen das Phänomen nicht, aber sie beruhigen die Emotion und führen zu der vermissten Sicherheit. Die Reduktion von Komplexität kann bei der Analyse der Phänomene zwar helfen, aber die Komplexität selbst bleibt davon unberührt. Wem das ob des eigenen Vorteils egal ist, der haut in diese Kerbe.

Donald Trump ist so einer und die amerikanische Gesellschaft auch. Auch sie hat gerade in den letzten zwanzig Jahren traumatische Erlebnisse hinter sich und sucht nach Sicherheiten. Das liegt in der Natur der Sache und es wird dazu kommen, dass analoge Erscheinungen auch in der deutschen Gesellschaft greifen werden. Der Reflex gegen eine Politik, die die harten sozialen Schläge gegen wachsende Minderheiten mit sich bringt und die Unfähigkeit, die multiple Kausalität zu lesen, wird auch hier Figuren dazu animieren, den Trump zu machen. Es ist nur eine Frage der Zeit.