Archiv für den Monat Oktober 2016

Eine geschichtspädagogische Erzählung

Ken Follett. Fall of Giants

Ken Folletts Bücher gehörten bis dato zu denen, die mich durch ihre Positionierung auf den Anpreisungstischen in den aldisierten Großbuchhandlungen eher ungeneigt stimmten. Das Genre, der Historienroman, hat in den letzten Jahrzehnten zudem darunter gelitten, dass Spannung, Gefühlswallung und Abenteuer vor historischer Kulisse darüber hinwegtäuschte, es mit seichter Literatur zu tun zu haben. Zu meiner Skepsis kam die spätere Kenntnis, dass Follett zu jenen Autoren gehört, die industriell ihre Romane produzierten. Ein zwanzigköpfiges Team arbeitet jeweils acht Monate an der Recherche, acht Monate an der Strukturierung und acht Monate an der Niederschrift, sodass jedes Buch nach exakt zwei Jahren ausgeliefert werden kann. Dennoch ließ ich mich auf Fall of the Giants ein, weil ich wieder einmal direkt ein englisches Buch lesen wollte und aufgrund des historischen Hintergrunds wissen wollte, wie ernst der walisische Autor zu nehmen ist.

Fall of Giants ist der erste Band der Jahrhundert-Trilogie und umfasst den Zeitraum zwischen 1914 und den frühen 1920iger Jahren. Die handelnden Figuren kommen aus dem walisischen Bergarbeitermilieu, der englischen Aristokratie, der deutschen Diplomatie, der Petersburger Arbeiterschaft sowie der politisierten amerikanischen Mittelklasse. Die Wege dieser Protagonisten kreuzen sich auf harmlose wie teilweise dramatische Weise und so entsteht eine Fokussierung auf den großen Rahmen des Weltgeschehens, von dem alle berührt sind. Die historischen Ereignisse sind korrekt recherchiert und ebenso korrekt dargestellt. Von der irrationalen Hysterisierung des Kriegsanlasses hinsichtlich des Mordanschlages auf den Habsburger Thronfolger auf dem Balkan, über die kriegstreibende Eigendynamik aller Lager bis hin zu der industriellen Todesproduktion an den Fronten und den dadurch entstehenden Gegenbewegungen des Bolschewismus in Russland und der Labour Party in Großbritannien kann von einem Nexus gesprochen werden, der besser nicht dargestellt werden könnte.

Vom Standpunkt kritischer Literaturbetrachtung ist die historische Exaktheit und Authentizität an sich kein Qualitätsmerkmal. Aus ihrer Perspektive bedürfte es einer intrinsischen Komplexität der Figuren, deren soziale Interaktion quasi mikrokosmisch die Linien der umfassenden Geschichte vorzeichnet. Bei Folletts Werk ist es umgekehrt, ihr ist die geschriebene Geschichte die Determinante, nach der die handelnden Figuren geformt werden. Sie haben sich der großen Erzählung unterzuordnen und verlieren dabei das, was ganz metaphysisch als ihre Seele bezeichnet werden muss. Und so wirken die Figuren denn auch, sie sind Partikel in einem großen Plan, gleich Puzzleteilen werden sie eingefügt und die Handlungen entwickeln das Bild einer großen Blaupause, an deren Verlauf keine Veränderungen vorstellbar sind. Vielleicht, es ist Spekulation, entspringt selbst diese industriell hergestellte Literatur der tiefen Religiosität des Autors, der an der großen Plan eines monotheistischen Gottes glaubt.

Dennoch, es handelt sich bei Fall of Giants um etwas Lesenswertes. Ich würde es nicht Literatur im klassischen Sinne nennen. Dazu ist alles in seiner Konzeption wie Herstellung zu durchschaubar. Aber es handelt sich um eine Vermittlung von Geschichte, die erstens den Fakten treu bleibt und zweitens ein Wissen um den Fortschritt und seine Doppelbödigkeit vermittelt. Dass so etwas ein Massenpublikum erreicht, ist eine gute Sache, weil die klassischen Vermittlungsinstitutionen von Geschichte versagen. Die Schulen wissen kaum noch, wie sie das Interesse an Geschichte wecken sollen und die Historiographen schreiben schlecht und langweilig. Deshalb möchte ich Ken Folletts Fall of Giants als eine geschichtspädagogische Erzählung empfehlen. Ich glaube, das wird dem Buch gerecht.

Armes Amerika

So geht es selbstverständlich auch. Man beginnt ein Spiel mit einer Variante, die nicht ganz koscher ist. Während der ersten Züge sieht das noch einigermaßen akzeptabel aus, aber je länger das Spiel dauert, desto verstörender wird es. Die Variante stellt sich sehr schnell als nicht akzeptabel heraus. Die Gegenseite ist ebenfalls empört, erkennt aber bald, dass sie von der schmählichen Weise des Counterparts profitieren kann. Dennoch, auch die inakzeptable Variante kann punkten und die Unterstützer dieser Nummer ordnen ihr eigenes Unwohlsein dem Zweck des Gewinnens unter. Aber immer wieder kommen Dinge zum Vorschein, für die sie sich eigentlich schämen müssten. Nicht, dass dieses Spiel eine besonders moralische Angelegenheit wäre. Es geht schließlich um Macht und Geld. Aber dennoch: jedes Spiel hat einen Codex. Und wer, je weiter das unwürdige Treiben geht, mit seinem eigenen Gewissen zu kämpfen hat, der sucht nach einem Grund, im letzten Moment noch aussteigen zu können, um nicht für das verantwortlich gemacht zu werden, was als Ergebnis auf der Tafel steht.

Die amerikanischen Republikaner haben mit der Figur des Donald Trump ein Spiel eröffnet, das eine Besonderheit mit sich bringt. Es könnte nämlich ihr letztes sein, wenn sie es nicht gewinnen. Die USA befinden sich in einer gewaltigen Transitionsphase, sozial wie demographisch, und die weißen Ostküsteneliten, für die auch Hilary Clinton steht, kämpfen ihre letzten Schlachten. Nun versuchen sie alle zu mobilisieren, die von Verlust- und Untergangsängsten geplagt oder bereits in den Schredder der Verwertungsmaschine geraten sind. Ein Teil des Mittelstandes existiert nicht mehr, auf der anderen Seite hat sich in den wertschöpfenden Sektoren der Wirtschaft und an den Universitäten, übrigens im Gegensatz zu Deutschland, die Erkenntnis durchgesetzt, dass nur eine starke Gewerkschaftsorganisation und der politische Kampf dem freien Spiel der Kräfte Einhalt gebieten kann. Bernie Sanders von den Demokraten stand für diese Haltung.

Donald Trump, auf den sich die hiesigen Medien so gerne stürzen, stand von Anfang an für die nicht koschere Variante der Spieleröffnung. Dabei sollte bedacht werden, dass politisch noch weit schlimmere Prototypen bereit standen, die von ihrer politischen Programmatik Entsetzlicheres vertraten. Doch letztendlich entschieden sich die Republikaner für den Banausen, weil vieles den Anschein erweckte, dass er gut ankam und punkten konnte. Während des bisherigen Wahlkampfes hat er mit Provokationen und Dummheiten geglänzt. Sie waren furchtbar und es gab nur einen, der in den endlosen, seifigen Debatten dieser Kampfscheuche des untergehenden Republikanismus die Stirn bot. Es war der Vater des toten US-Soldaten, seinerseits Immigrant, der mit der amerikanischen Verfassung und den Menschenrechten gegen einen Schausteller zu Felde zog. Vielleicht wäre das das Format, das das Land angesichts seiner Situation brauchen würde. Aber davon ist weit entfernt.

Die Empörung, die jetzt auch aus den eigenen Reihen dem Kandidaten entgegenschlägt, weil ein Video aus dem Jahr 2005 aufgetischt wurde, in dem sich Trump als Sexist und Chauvinist gebärdet, ist reine Heuchelei. Die Distanzierung aus den republikanischen Reihen ist der Versuch, aus der ganzen Misere dieses Spielverlaufs wieder herauszukommen. Sie alle wussten vorher, wen sie da unterstützten und sie alle haben erst einmal darauf gesetzt, dass er punkten wird. Wieder einmal liefert das Land einen wunderbaren Beweis seiner Bigotterie. Die Alternative ist nicht besser. Armes Amerika.

Gegen die systematischen Vereinfacher!

Die Radikalisierung der Politik ist längst im Alltag angekommen.Gestern war so ein Tag, an dem es wieder einmal deutlich wurde. Zuerst mittags, nahe meinem Büro liegt die Post, konnte ich einen Mann beobachten, der wutschnaubend aus dem Gebäude gestürmt kam und immer wieder vor sich hin schrie Vielen Dank, Frau Merkel, das hätten wir auch wieder geschafft. Ein Blick in das Gebäude klärte mich auf: Die Schalter waren mit dem Hinweis auf eine Betriebsversammlung geschlossen. Der brüllende Postkunde war verärgert, weil er sein Geschäft nicht erledigen konnte und inszeniert war das alles von Frau Merkel. Schön, wenn für manche die Welt so einfach ist, aber eben auch besorgniserregend, weil, egal gegen wen, der Begründungsaufwand für eine hoch emotionale Ablehnung gegen Null tendiert.

Danach hatte ich eine Besprechung. Es ging um Projekte, um Personal, natürlich um Geld und es ging um Organisation. Gegen Ende der Sitzung kam ich, ich weiß nicht mehr warum, mit meiner Nachbarin in eine Diskussion um die öffentlich rechtlichen Rundfunkanstalten. Sie sitzt in einem Aufsichtsgremium und warf sich sehr für die Institution ins Zeug. Ich erwiderte, dass ich sehr verärgert sei über die Entwicklung dieses staatlich sanktionierten Monopols, weil die Qualität immer schlechter werde und handfest bestimmte Stimmungen erzeugt würden, die sehr wenig mit der tatsächlichen Interessenlage zu tun hätten.

Sie hingegen erzählte, was die Klagen, die neue Rechte gegen die Medien in astronomischer Zahl führten, für eine Reaktion bei den dortigen Redakteuren auslösten. Sie hätte selbst beobachtet, wie souverän auftretende Vertreter des Fachs mit zittrigen Händen am Tisch gesessen hätten, wenn ihnen die angeblichen Vergehen und die damit verknüpften juristischen Folgen vorgelesen worden wären. Und sie frage sich, was so etwas mit diesen Menschen macht, um zu schließen, sie würden beim nächsten Mal anders berichten und dem Druck nachgeben. Diese Argumente konnte ich nachvollziehen, meine Kritik an der politischen Ausrichtung der Berichterstattung generell nahm ich nicht zurück. Genauso wenig hielt ich es für sinnvoll, mich auf einen Vergleich mit privaten Kanälen einzulassen, die das alles noch viel schlechter machten.

Wir haben uns nicht geeinigt, aber wir hatten eine gute Diskussion. Wir haben uns gegenseitig zugehört und über kontroverse Themen wie den Balkan, Syrien und die Ukraine gestritten. Und wir waren uns einig, dass gerade diese Form der Kontroverse leider nicht mehr zu dem gehört, was die Gesellschaft beherrscht. Der Streit nach Regeln, der Diskurs mit dem Ziel der Klarheit, ist in dem ganzen Konsensbrei der vergangenen Jahre und Jahrzehnte außer Mode gekommen. Der Spaß an der Polemik, bei der die Beteiligten für eine gewisse Zeit die rhetorische Peitsche herausholen, um sich danach die Hand zu schütteln, existiert nicht mehr. Die Zeit, dass rhetorische Virtuosität beeindrucken kann, ist vorbei.

Die Reduktion politischer Begründung auf offensichtlichen Schwachsinn gehört, neben einer möglichen Demontage der staatlichen Institutionen, zu den größten Gefahren, mit denen wir in der Krise konfrontiert sind. Ersteres politisiert die staatlichen Organe, letzteres senkt die Hemmschwelle für destruktive Manöver. Beides ist etwas, das wir mittlerweile jeden Tag erleben können. Beides ist aber etwas, auf das wir aktiv reagieren können. Es ist schon lange an der Zeit, Position zu beziehen. Nicht unter Gleichgesinnten, sondern sondern auch und vor allem gegen die systematischen Vereinfacher.