Archiv für den Monat Oktober 2016

Nur wer sich ändert, bleibt sich treu

Gestern hat jemand den Nobelpreis für Literatur erhalten, der nicht nur wegen seiner Worte eine besondere Gestalt ist. Wenn jemand die Kunst des sich selbst Neuerfindens beherrscht, dann Bob Dylan. Der Slogan, der seit Jahren immer wieder in Sinnkrisen auftaucht, ist zu einem zentralen Begriff der Postmoderne geworden. Sobald die Koordinaten früherer Selbstdefinition nicht mehr greifen, sobald die Sinnhaftigkeit eines Gebildes einstürzt, sobald der Zweck der Veranstaltung nicht mehr vermittelbar ist, dann kommt der berechtigte Ruf nach Neuerfindung. Bob Dylan, um ein letztes Mal in diesem Kontext darauf zurückzukommen, hat allerdings die Chuzpe besessen, sich neu zu erfinden, wenn andere noch gar nicht bemerkt haben, dass es demnächst bröckeln könnte. Insofern gehört er zur Avantgarde of Reinvention. Aber das nur nebenbei.

Kürzlich, bei einer Veranstaltung, in der es darum ging, moderne Steuerungsphilosophien für Städte zu entwerfen, tauchte der Begriff unweigerlich wieder auf. Und, betrachtet man die Identitäten von Städten, so wie sie häufig gewachsen sind, so sind es romantisierende Retrospektiven, die wenig Potenzial aufweisen, um in die Zukunft zu blicken. Der Begriff, der der Neuerfindung am nächsten steht, was seine praktische Konsequenz anbetrifft, ist der der Strategie. Wie viele Begriffe vor ihm ist auch er durch die Trommel der Inflation gelaufen und etwas abgestumpft, aber die Idee dahinter ist dieselbe. Städte, die eine tatsächliche Strategie haben, nicht irgendein Marketingmassenprodukt der Neuzeit, sind sehr gut gerüstet, um sich neu zu erfinden. Denn die Strategie beinhaltet immer eine Heerschau der eigenen Kernkompetenzen und eine genaue Revision der schlummernden Potenziale. Wer beides zu mobilisieren in der Lage ist, vermag regelrechte Quantensprünge zu vollziehen. Nur so ist zu erklären, wie einstige Metropolen, die jahrzehntelang am Boden lagen, plötzlich wieder wie glühende Sterne an den Himmel schießen und andere dagegen nie wieder hochkommen.

Eingangs war der singende Poet erwähnt worden. Damit ist das Feld auch vorgezeichnet für das Individuum in der Moderne und was danach kam. Die eine Bestimmung, die ewig dazu ausreichte, um durch ein langes Leben zu kommen, diese eine Bestimmung reicht heute nicht mehr lange aus. Schon heute gehen Menschen in Rente, die ohne Jobhopper oder undisziplinierte Seelen zu sein, mit drei, vier oder fünf unterschiedlichen Berufsbildern ihre Existenz bestritten haben. Für sie war es eine soziale Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden und zu definieren. Und auch diese Individuen konnten dabei auf ihre Kompetenzen wie Potenziale setzen. Der Mensch, der sich ändert und sich immer wieder neue Identitäten verschafft, ist der Prototyp unserer Tage. Nicht, dass es nicht auch immer noch den anderen Weg gäbe, aber der Trend spricht für den ständigen Wandel, auch beim Individuum. Nur wer sich ändert, schrieb ein anderer Barde, nur wer sich ändert, bleibt sich treu.

Und wenn es Individuen wie Städten so ergeht, dann sind Organisationen im Allgemeinen und politische Parteien im Besonderen davon nicht ausgeschlossen. Auch sie müssen sich immer mal wieder neu erfinden, weil die soziale Zusammensetzung und die dazu gehörigen Ausdrucksformen in der Gesellschaft ständigen Wandlungen unterzogen sind. Bei genauer Betrachtung fällt jedoch auf, dass die Erfordernis der Neuerfindung an vielen Dingen scheitert. Die Parteien hängen wie die letzten Romantiker an ihren Gründungsmythen, auch wenn sie de facto schon lange dafür keine praktische Verwertung mehr haben. Insofern lahmen sie den allgemeinen Trends gesellschaftlicher Veränderungen beträchtlich hinterher. Dafür werden sie von allen, die sich im Trend befinden, zunehmend verachtet. Ein Versuch, sich neu zu erfinden, wäre es allemal wert.

All Along The Watchtower

Auf die soeben verkündete Verleihung des Literaturnobelpreises an Bob Dylan kann ich nur sehr persönlich reagieren. Erst kürzlich traf ich im Internet einen Freund aus alten Schultagen. Wenn ich richtig rechne, haben wir uns zum letzten Mal gesehen, als wir beide siebzehn Jahre alt waren. Als ich ihn kontaktierte, war seine erste Reaktion, dass er mir All Along The Watchtower in der Version von Jimi Hendrix sandte. Ich war berührt, war es doch das Stück, dass ich einen ganzen Sommer lang gehört und ihm damals vorgespielt hatte. Er schrieb mir, wenn er das Stück höre, müsse er immer an mich denken. Ich antwortet ihm, dass ich es bis heute für ein grandioses Stück hielte, und nicht nur wegen der großartigen Art, in der es Jimi Hendrix interpretiert hätte, sondern auch wegen des Textes von Bob Dylan. Ich schrieb ihm, das sei mit die beste Prosa, die im 20. Jahrhundert geschrieben worden wäre. Und er gab mir sofort Recht.

Es war sicherlich kein Zufall, dass der musikalische Revolutionär Jimi Hendrix sich sehr früh für das Covern eines Stückes des Textrevolutionärs Bob Dylan entschieden hatte. Solche Leute haben ein Gespür dafür, wo neue Korridore geöffnet werden. All Along The Watchtower wird in den vielen Hommagen, die der stets umstrittene und immer auch heftig kritisierte Bob Dylan in diesen Tagen bekommen wird, nicht in der ersten Rehe genannt werden. Da gibt es andere Songs, deren Texte die meisten begeistern. Es werden die Stücke sein, die für den Frieden oder die Rebellion sind. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es diese Texte sind, die die innovative Genialität Dylans im Sinne des Begriffs Literatur ausmachen. Denn Bob Dylan bleibt sich auch in dieser Situation treu, ohne es selbst zu wollen: Er ist für viele schwer lesbar, weil er sich nie festlegte und deshalb auf kein Klischee reduzieren lässt. Das verärgert viele. Letztendlich hat er mit seinem Lebensweg und seiner Interpretation selbst diejenigen, die glaubten, sie könnten ihn für sich beanspruchen, ohne jegliche Gnade des Konservatismus überführt.

Der Dialog zwischen einem Narren und einem Dieb, die sich in ihrer Diagnose über die Ungerechtigkeit und den Widersinn der Welt schnell einig sind, die beschreiben, wie sie ihrer Früchte beraubt werden und die darüber in Verwirrung geraten, ohne dass sie verzweifeln, weil sie erkennen, dass die Art, wie sich die Zeit fortbewegt, nur in einer Situation enden kann, in der vieles wiederum auf den Kopf gestellt werden wird, dieser Dialog beinhaltet den ganzen Diskurs der Postmoderne. Sowohl Dylans Worte und Metaphern, die übrigens in analog genialer Weise von dem unvergessenen Carl Weissner als Übersetzung in deutscher Sprache vorliegen, als auch Hendrix´ kontrapunktische Instrumentierung sind vielleicht das Pionierstück des 20. Jahrhunderts per se. Ach, wie golden war diese Stunde, für alle Freunde des Wortes wie der Musik. Und wie groß war und ist die Strafe für diesen einzigartigen Genuss. Generationen von fahlen Plagiatoren und Kohorten von eindimensionalen Lichtern sollten folgen, die den Raum für das Wort und die Musik kontaminierten.

Der Literaturnobelpreis an Bob Dylan war seit langem überfällig. Ich empfehle, ihn mit Hendrix´ Version von All Along The Watchtower zu begehen, denn da ist dann noch ein anderer beteiligt, der nicht vergessen werden wird. Und wenn es euch gefällt, dann entzündet noch eine Kerze für Carl Weissner, für den wäre heute auch ein großer Tag. Und damit wollen wir zufrieden sein!

Kopf und Bauch, Recht und Ethik

In der Wahrnehmung großer Teile der Bevölkerung existiert eine große Anzahl von Verhaltensmustern, die als normal gelten. Dabei handelt es sich um Referenzstücke, die aus dem eigenen Hause stammen und daher als durchaus nachvollziehbar gelten. Jeder Mensch kennt das. Mal ist es eine kleine Schwäche, die einen die eine oder andere Sünde begehen lässt, manchmal ist es berechtigter Zorn, der einen über die Stränge schlagen lässt und mal ist es Desinteresse, das zu fataler Passivität führt. Derartige Verhaltensmuster sind vertraut und sie werden in den Szenarien, die sich in der medialen Öffentlichkeit abspielen, als durchaus nachvollziehbar empfunden. Zwar wird ab und zu darüber räsoniert, ob nicht ein Mensch in einer exponierten Position etwas disziplinierter handeln müsse, aber im Großen und Ganzen hat die große Mehrheit Verständnis für menschliche Unzulänglichkeiten.

Anders verhält es sich bei Verhaltensmustern, die nicht der eigenen Erfahrung und damit der Nachvollziehbarkeit entsprechen. Da wird wesentlich kritischer hingeschaut. Wenn sich Menschen, die bereits in Wohlstand leben, immer weiter bereichern, und dann noch auf Kosten anderer. Oder wenn Menschen, die eine Machtposition inne haben, diese unablässig dazu nutzen, um andere, von ihnen Abhängige, zu demütigen und zu demoralisieren. Oder wenn Menschen, die ein Vertrauensmandat haben, dieses permanent mißbrauchen und darüber keine Auskunft geben. Das sind Muster, die nicht jedermanns Erfahrung entsprechen. Umso kritischer werden sie beäugt und wenn diese Muster immer wieder auftauchen, führt dieses zu einer andauernden Missstimmung in der Bevölkerung.

Das Interessante an dieser Beobachtung ist die Tatsache, dass es trotz der immer wieder und nicht zu Unrecht beklagten Misere in den klassischen Erziehungsinstitutionen dennoch einen Konsens darüber zu geben scheint, was man machen kann oder was nicht. Kürzlich erzählte mir ein aus Pakistan stammender Mann, dessen Familie hier irgendwann vor Urzeiten ankam und der längst und zurecht als deutscher Staatsbürger positive Werbung für dieses Gemeinwesen macht, dass es eigenartig sei, aber unabhängig von Ethnie oder Religion wisse jeder Mensch auf der Welt, was gut und was böse sei. Oder fast jeder, wie er mit einem Augenzwinkern zu verstehen gab. Diese Feststellung scheint zu greifen und sollte darüber zu denken geben, warum die Transition vieler in die Entscheidungselite diese Fähigkeit sukzessive zunichte macht.

Ein Schlüssel für das Dilemma zwischen Volksempfinden und dem Handeln vieler Mitglieder der Eliten scheint darin zu liegen, dass wir es mit einer ausgewachsenen Dichotomie, d.h. Teilung der Wahrnehmung und Beurteilung ein und des selben Gegenstandes, nämlich den des menschlichen Handelns, von zwei sich nicht unbedingt gegenseitig erklärenden Standpunkten aus zu tun haben. Während sich das Empfinden der Bevölkerung aus einer gefühlten Ethik speist, ist das Handeln der Eliten zumeist juristisch definiert. Das Denken in Rechtsbegriffen und der damit verbundenen Logik vermittelt eine Sicherheit, über die andere nicht verfügen. Es stellt sich nicht mehr die Frage, ob etwas lässlich ist, sondern nur, ob etwas rechtswidrig ist oder nicht. Nicht rechtswidrig zu handeln kann aber dennoch bedeuten, in hohem Maße unethisch zu sein.

Diese Empfindung geht den Eliten mit zunehmender Dauer immer mehr verloren und es ist kein Wunder, dass die Vorbildung zum Juristen immer mehr zu einer Zugangsvoraussetzung auch politischer Karrieren geworden ist. Diejenigen, die aus dem Bauch heraus wissen, was sich schickt und was nicht, weil sie eben aus der Masse kommen, wo der Satz noch gilt, diejenigen finden kaum noch Einlass in die Eliten. Die einen handeln rechtlich einwandfrei und die anderen fühlen sich moralisch betrogen.