Archiv für den Monat Oktober 2016

Die Wirkungsmacht der kollektiven urbanen Identität

Die Bevölkerung von Sankt Petersburg und dem zwischenzeitlich identischen Leningrad hat wahrlich einiges erlebt, was weltgeschichtlichen Rang hat. Von der Oktoberrevolution und dem sie besiegelenden Sturm auf das Winterpalais bis hin zu der Belagerung im II. Weltkrieg durch die deutsche Wehrmacht. Bei dem erst erwähnten Ereignis ging es der Zarenfamilie an den Kragen, bei dem zweiten verhungerten mehr als eine Million Bürger der Stadt. Wenn etwas anhand der Geschichte dieser Stadt dokumentiert wird, dann, wie teuer der Preis für die historische Dimension sein kann. Es zeigt aber auch noch etwas anderes: Es gibt Orte, an denen verschiedene Welten aufeinanderprallen, an denen die Widersprüche zum Tanzen gebracht werden und immer wieder etwas Neues entsteht. Einmal zum Entsetzen aller, einmal als Hoffnungssymbol am Horizont einer düsteren Welt.

Sankt Petersburg/ Leningrad gehört dazu, denn hier war nicht nur der Bolschewismus siegreich, sondern auch die Literatur, hier spielt Dostojewskis Verbrechen und Strafe und Schostakowitschs 7. Sinfonie. „Ich widme meine Siebente Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus, unserem unabwendbaren Sieg über den Feind, und Leningrad, meiner Heimatstadt…“  Die Uraufführung der Siebenten Sinfonie fiel in die Zeit der Belagerung der Stadt und der schlimmen Hungersnot. Die Uraufführung konnte keine dramatischeren Umstände finden als sie es tat und die sterbende, aber lebenswillige Bevölkerung lauschte den Klängen.

Wenn man so will, so wurde in Sankt Petersburg ein neues Kapitel der Geschichte aufgeschlagen, als die Matrosen sich mit den revolutionären Fabrikarbeitern vereinigten und Lenin auf dem finnischen Bahnhof aus dem Schweizer Exil zurückkam und die bedingungslose Revolution forderte. Und, gute zwanzig Jahre später, wurde ein anderes Kapitel der modernen Geschichte auch wieder beendet. Die Blockade Leningrads, die vom September 1941 bis zum Januar 1944 andauerte, war die letzte große kannibalische Handlung des deutschen Faschismus. Der Untergang der 6. Armee der deutschen Wehrmacht bei Stalingrad war die eine, militärische Komponente, die zum Untergang des deutschen Faschismus in der Sowjetunion führte. Das Durchhaltevermögen der Bewohner Leningrads war die andere, moralische Bezwingung des Monsters.

Was passiert mit dem kollektiven Bewusstsein einer Stadt, die auf derartige Ereignisse zurückblicken kann? Haben Revolution, Hunger, Massensterben und Überleben eine Auswirkung auf das Denken und Fühlen in der heutigen Zeit? Wer diese Fragen stellt, wird sie schnell beantwortet sehen, denn die Antwort lautet Ja. Jede Stadt hat ihre Geschichte, und Städte, in denen Geschichte intensiv gelebt wurde, haben eine besondere Mentalität entwickelt, die über große historische Zeiträume wirken. Noch heute vollbringen Römer die Vereinigung von großer Geste und Improvisation, noch heute betrachten die Pariser ihre Stadt asl das eigentliche Zuhause von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, noch heute wähnen sich die Londoner als die Broker der ganzen Welt, noch heute feiert sich New York als gemeinsame Lebenselite. Die Liste kann unbegrenzt fortgesetzt werden, die Metropolen haben Geschichte und Charakter und beides wird gespeist durch ein kollektives Gedächtnis wie Bewusstsein.

Wer da glaubt, durch zeitgebundene Interpretationen die Kraft dieses kollektiven Bewusstseins durchbrechen zu können, der ist gewaltig auf dem Holzweg. Und wer dieses aus einer Distanz erlebt, die weit entfernt ist von dem, was diese Städte geprägt hat, der wird so manchen Unsinn glauben, aber kaum in der Lage sein, die Wirkungsmacht der kollektiven urbanen Identität zu begreifen. Letzteres wiederum ist ungemein gefährlich, weil es Naivität gegen Identität mobilisiert.

Diktatorische Freunde, feudale Arroganz und der lässliche Waffenhandel

Ein soeben von Human Rights Watch veröffentlichter Bericht über die Aktivitäten des türkischen Regimes nach dem Putsch findet deutliche Worte. Das Vorgehen der türkischen Polizei sei schlicht als die Anwendung von Foltermethoden zu bezeichnen. Neben psychologischen werden auch physische Quälereien bis hin zur gezielten Vergewaltigung aufgeführt. Gleichzeitig operiert die Türkei seit Wochen ohne irgend ein sie legitimierendes Mandat militärisch auf syrischem Territorium. Das ist völkerrechtlich gesehen eine Aggression. Nicht ohne Risiko für alle anderen NATO-Partner, denn würden die militärischen Verbände der Türkei in Syrien in Bredouille kommen, träte dann der Bündnisfall ein? Allein das Gedankenkonstrukt zeigt, wie es um die NATO und ihre propagierten Werte bestellt ist. Est kürzlich war Generalsekretär Stoltenberg in Ankara und lobte die Türkei für ihre Rolle im Bündnis. So sieht das also aus, das Ausfüllen von Werten in der Gemeinschaft.

In diesen Tagen wird die Öffentlichkeit mit einer Region konfrontiert, die schon seit langem der Industriegeschichte, aber nicht mehr der Jetztzeit anzugehören schien: Die Wallonie. Dabei handelt es sich um den Französisch sprechenden Teil Belgiens, in dem Kohle und Stahl einmal den Nachthimmel erröten ließen, wo aber Massenarbeitslosigkeit und Perspektivarmut seit Jahrzehnten zum Standard gehören. Wer sich ein Bild von dem Europa machen will, das komplett abgehängt und vergessen wurde, der fahre einmal ins gar nicht so weite Lüttich. Und wer sich dann dort nicht ausweint, der hat kein Herz. Und jene Wallonie ist es, die, so die Berichterstatter in den meisten deutschen Medien, die die Zeichnung des Handelsabkommens CETA zwischen EU und Kanada blockiert oder gar sabotiert. Es ist davon die Rede, dass sich Europa lächerlich mache, und das ist O-Ton von Gabriel bis Schulz, wenn es ein abgehängter Zwerg vermöge, ein solches Abkommen scheitern zu lassen. Diese Attitüde bezeugt bestens, was aus den anti-europäischen Reflexen gelernt wurde. Richtig, nichts, aber auch gar nichts. Mit dieser Haltung ist das Projekt sauber zusende gebracht worden. Bis jetzt, Steigerungen sind nie ausgeschlossen.

Ach ja, und ebenfalls ganz aktuell ist der Rüstungsexportbericht. In dem steht unter anderem, dass Deutschland die Ausfuhr von Kleinwaffenmunition verzehnfacht habe. Das Futter für den Bürgerkrieg, den viele als Hauptverursacher für die Massenflucht wohin auch immer sehen. Das Mantra seit der so genannten Welle, man müsse die Fluchtursachen bekämpfen, um die Massenmigration zu verhindern, war gedacht als geschicktes Ablenkungsmanöver, um die nötige Zeit zu haben, mit Werte-Freunden wie der Türkei bestimmte Deals zu machen, wie die Flucht aus Syrien nach Europa verhindert werden kann. Das ist geschehen, die Fluchtursachen bestehen weiter und der Eindruck drängt sich auf, dass die Produktion von Fluchtursachen zum Wesen der immer wieder hinter Floskeln versteckten Politik gehört.

Was bei den kurzen, nur einem Tag entnommenen Notizen deutlich wird, ist die Diskrepanz zwischen der stets beschönigenden Erzählung und den tatsächlichen Fakten. Wie reich und wie armselig zugleich kann die Erkenntnis eines einzigen Tages, bei einer prima vista-Sichtung der Schlagzeilen nur sein: Einer der wichtigsten Bündnis-Partner ist eine Diktatur, die militärisch aggressiv handelt, in Europa tritt man immer noch auf wie ein Großgrundbesitzer aus der feudalen Ära und den Verbrechern dieser Welt liefert man wie eh und je Waffen nach Belieben. Wer, so stellt sich die Frage, außer den direkten Nutznießern, vermag eine solche Politik noch zu unterstützen?

Linie 1

In meiner Stadt fährt die Straßenbahnlinie 1 vom Zentrum in den Norden. Sie durchläuft verschiedene, historische Arbeiterviertel, die sich sehr verändert haben. Nach dem Zentrum, gleich über den Fluss, passiert sie ein Viertel, das heute sowohl prekär als auch in hohem Maße juvenil und akademisch ist, dann kommt ein großes, traditionelles Arbeiterviertel und an der Endstation ist für viele sozial tatsächlich Endstation. Hier wohnen die Verlierer des Kampfes um das goldene Kalb, wer hier einmal gelandet ist, der kommt so schnell nirgendwo anders mehr hin. Die Stadt ist insgesamt sozial sehr durchmischt, was ihr gut tut. Auch im Süden existieren Arbeiterviertel, im Osten des Zentrums und einigen kleineren Stadtteilen residiert die Bourgeoisie.

Warum ich das erzähle? Weil die Linie 1 für mich ein Symbol für das Auseinanderdriften der Gesellschaft geworden ist. Nicht nur sozial, da gab es auch schon härtere Zeiten, aber auch und vor allem bildungsfähig, sprachlich und kommunikativ. Das Aufwachsen in unterschiedlichen Sozialmilieus war nämlich noch nie so trennscharf wie heute. Junge Menschen, die in den Residenzstraßen der Bourgeoisie groß werden, treffen nirgendwo mehr auf die, die an der Endstation der Linie 1 aufwachsen. Da wird mittlerweile schön separiert. Es existieren in den besseren Vierteln bereits Kindergärten, in denen die Eltern zu Auswahlgesprächen erscheinen müssen, da wird ihr Bildungshorizont genauso gecheckt wie ihr ethnischer Background und ihr Kontostand.

Die Kinder, die dort aufgenommen werden, lernen nicht nur sofort eine zweite, manchmal sogar eine dritte internationale Verkehrssprache, spielen Musikinstrumente und sind bereits zuhause in den Kategorien der Literatur. Manchmal korrespondiert diese hohe, frühe Bildung nicht einmal mehr mit den Grundlagen der zivilisatorischen Disziplinierung der Grundbedürfnisse, aber so ist das nun einmal. Diese Kinder werden mit der Luxuslimousine gebracht und mit dem SUV abgeholt und wenn es über die institutionell vermittelte Kommunikation noch eine weitere gibt, dann nur mit sozial analogen Exemplaren. Um es deutlich zu sagen: Noch nie wuchsen Kinder in derartig artifiziellen Labors auf und noch nie konnten sie sich in einer Stadt wie meiner dem Erfordernis entziehen, sich auch mit Vertretern anderer sozialen Gruppen und Klassen auseinandersetzen zu müssen.

Die Kinder, die an der Endstation der Linie 1 aufwachsen, entstammen zumeist Verhältnissen, die von einer feigen Gesellschaft, die das Elend nicht mehr beim Namen nennt, als prekär bezeichnet werden. Um es deutlich zu sagen: es handelt sich um arme Leute, die zumeist von Gelegenheitsjobs und staatlichen Zuwendungen leben. Oft leben sie bei Alleinerziehenden, für die der Spagat zwischen Kindeserziehung und Broterwerb nicht einfach ist. Und sie verbringen viel Zeit auf der Straße. Dort lernen sie vieles, was nützlich ist, aber auch manches, was ihnen das Leben noch schwerer machen kann. Ihre Sprache ist vom Dialekt gefärbt und vom Jargon durchdrungen.

Die beiden beschriebenen Lebenswelten und ihre gesellschaftliche Inszenierung haben zur Folge, dass die Kinder und Jugendlichen aus beiden Milieus wohl nicht mehr miteinander kommunizieren können. Bei der Schilderung dieser dramatischen Verhältnisse, die zu einer grundlegenden, nicht zu überbrückenden Verwerfung in der Zukunft führen wird, ernte ich immer wieder ungläubige Blicke. Letztendlich ist es eine Frage, die vielen Optimisten die Sicherheit nimmt. Es ist die, ob sie glauben, dass die Kinder aus den edlen Welten, wenn sie im Zentrum die Linie 1 bestiegen, jemals unbeschadet an der Endstation ankämen. Das bringt dann doch viele zum Nachdenken.