Archiv für den Monat Juni 2016

Last Exit Brexit

In der Literatur ist ein Schild mit dem Hinweis Last Exit in der Regel der Verweis auf eine gefährliche Situation. Vor allem in New York, denn wer da eine Abfahrt sogar verpasst, der kann im wahren Sinne des Wortes in Teufels Küche landen. Da geht es darum, dass das Verpassen einer Abfahrt bedeuten kann, in unbekanntes und lebensgefährliches soziales Gefilde zu kommen und dort mit Sicherheit untergehen zu können. In Tom Wolfes Roman Jahrmarkt der Eitelkeiten wird dies nicht nur deutlich, sondern zur Metapher schlechthin. Wer sich in der Welt Metropole verfährt, der ist auf Todeskurs. Und dort, wo momentan auch von einem Exit gesprochen wird, in Großbritannien, ist die Begrifflichkeit des Todeskurses nicht nur nicht deplaziert, sondern sie beschreibt eine mittlerweile alte, längst bekannte Weise der insularen Politik.

Großbritannien ist das Beispiel für einen suizidalen Kurs der eigenen Politik schlechthin. Das Gift, dass sich das Land seit nunmehr 35 Jahren kontinuierlich auf den Frühstückstisch legt, heißt Neoliberalismus und hat eine ähnliche Langzeitwirkung wie Opium. Vielleicht ist es auch das, was die Ironie der Geschichte genannt wird, dass nun das Kapitel im finalen Akt des Untergangs des einstigen Empires schreibt. Ausgerechnet jene Macht, die ihre asiatische Dominanz mit dem militärisch abgesicherten Opiumhandel nach China über große Zeiträume untermauerte, liegt jetzt da wie auf einer schäbigen Matte in einer hoffnungslosen Opiumhöhle und halluziniert ausgezehrt einem vermeintlich erlösenden Ende entgegen.

Der Neoliberalismus, genauer gesagt seine Inthronisationsmegäre Margaret Thatcher und alle die folgten, inklusive der verhängnisvolle Tony Blair, veranstalteten einen langen, kontinuierlichen Akt der Dekonstruktion. Das Mutterland des Kapitalismus, von dem aus durch Wertschöpfung der Welthandel revolutioniert wurde, bekam die glimmende Pfeife gefüllt mit der euphorisierenden Droge, die suggeriert, dass sich Wohlstand erreichen lässt ohne Leistung und Anstrengung, zumindest der jeweils eigenen. Systematisch wurde die Gesellschaft entstaatlicht und alles privatisiert, was sich versilbern ließ. Die Wertschöpfung wurde schlichtweg liquidiert, es begann mit den Gruben und Stahlhütten, es folgte alles, wozu es eines Proletariats bedurfte. Heute lungern ca. vier Millionen Proletarier in Englands Ghettos oder in fremden Fußballstadien herum, die niemand mehr braucht.

Stattdessen wurde das Heil gesucht in der Börse. Folglich wurde aus London das, was Gerhard Zwerenz einmal so treffend mit der Formulierung Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond beschrieben hat. In die City of London kann man tagsüber noch zu Besuch, wohnen kann da kaum noch ein Brite, weil es schlichtweg nicht mehr bezahlbar ist und manche Makler scherzen bereits, die Nuller auf dem Preisschild seien noch nie ihre Sorge gewesen. Ganze Straßenzüge werden bewohnt von den Börsenterroristen dieser Welt, die weitaus mehr Schaden anrichten als die armen Seelen, die mit veralteten Knarren ihr Teufelswerk untermauern.

Und nun, da Großbritannien auf der Matte liegt, taucht am Horizont der Verwüstung die Schimäre vom Brexit auf, die suggeriert, die Schwäche des Landes resultiere aus der Anbindung an einen Markt, der bestimmte Standards verlange. Die Antwort wäre zwar eine andere, denn wer keine Werte mehr schafft, der darf sich nicht wundern, wenn er irgendwann, wenn das Familiensilber verhökert ist, mit leeren Händen auf dem Markt erscheint. Die Perspektive, die sich hinter dem Brexit für das Land zeichnen lässt, ist denn auch wirklich nur noch im finalen Opiumrausch zu ertragen. Ein Land voller Gewalt, ein Land ohne Zukunft, ein in den Atlantik vorgeschobener, öder Posten der USA.

Grooven im Takt eines archaischen Wikingerschiffes

Manches löst sich auf, anderes baut sich auf. Das voraussichtliche Ausscheiden Russlands aus dem Turnier und der friedliche Verlauf des Spiels gegen die Slowakei wurde umrahmt von erneuten Krawallen englischer Fans, die aber unter Artenschutz stehen, bis die Abstimmung über den Brexit erfolgt ist. Da Russland verloren hat ist die Abreise des damit verknüpften Publikums in der nächsten Woche wahrscheinlich, das Thema ist insgesamt lästig, aber es kategorisch aus dem Fokus des Fußballs verbannen zu wollen, kommt einer Illusion gleich.

Die anfangs vermissten Highlights sind zumindest für kurze Augenblicke aufgetaucht. Vor allem die Teams kleiner Nationen, die zum ersten Mal bei einem solchen Turnier sind und denen kaum eine Chance im Konzert mit den Großen zugestanden wird, haben nicht nur ansprechenden Fußball gespielt, sondern glänzten vor allem durch die Kongruenz der Begeisterung auf den Rängen wie auf dem Feld. Nordirland versprühte Enthusiasmus pur, Island groovte im Takt eines archaischen Wikingerschiffes und Albanien übte italienische Zivilisation fast bis zur Perfektion ein.

Und das ist eine Quintessenz! Die vermeintlich Kleinen gleichen sich nicht in ihren Unzulänglichkeiten, über die die Etablierten nur milde lächeln können. Die Kleinen weisen unterschiedliche Stärken auf, und manche davon sind so rar, dass die Großen es gut vertragen würden, wenn sie etwas davon abhätten. Die nordirische Begeisterung vermittelt eine Spielfreude, die sofort auf die Ränge zurückspringt, die Isländer spielten taktisch wie die Profis, hatten aber eine Athletik aufzubieten, die zeigte, inwieweit die Archaik das metropolitane Fitnessstudio überragt und Albanien hat gezeigt, wie perfekt es möglich ist, die Strategie und Taktik einer ganz großen, benachbarten Fußballnation zu implementieren.

Gastgeber Frankreich tat sich eine Halbzeit lang schrecklich schwer gegen gut organisierte Albaner, bis Trainer Didiers Deschamps die Züchtigung Pogbas nicht mehr durchhielt und ihn zurück aufs Feld holte. Das schlaksige Jahrhunderttalent dankte es mit unkonventionellen Flanken und Vorlagen, der zuletzt müde wirkende Griesman köpfte in der letzten Minute die Führung und der immer mehr zum Helden avancierende Payet erhöhte in der Nachspielzeit auf 2:0. Frankreich ist dadurch nicht nur bereits im Achtelfinale angekommen, sondern auch im Turnier. Die zweite Halbzeit gegen Albanien war eine deutliche Steigerung und das Spiel mutierte von einem Brettspiel zu einer Feldschlacht. Wie in der Marseillaise eingefordert, scheint Frankreich nun zu marschieren.

Immer wieder tauchen im Orkan Meldungen auf, von denen man glauben könnte, sie hätten mit dem Turnier nichts zu tun, sondern sie entstammten dem Regiebuch der europäischen Politik. Da war zum Beispiel der Sieg Ungarns über Österreich, mit dem keiner gerechnet hatte, der aber irgendwie die Triebkräfte des gegenwärtigen Europas so passgenau trifft. Da stößt die zerbrochene alte Allianz aufeinander und das an der Modernisierung erkrankte Österreich strauchelt an der Traditionsnostalgie des alten Vasallen. Absurder geht es nicht, treffender aber auch nicht.

Frankreich, das gebeutelte, das mal schematisch den Routinen folgt und mal emphatisch ums Überleben kämpft, dieses Frankreich liefert bis dato genau die Spiele ab, die dieses Szenario untermauern. Und daraus leitet sich die Frage ab, wie weit das reicht in einem konkurrierenden System, um immer noch mit von der Partie zu sein? Wann wird die Routine zum tödlichen Gift und wann wird aus dem Überlebenskampf entweder der finale Triumph oder die letzte vergebliche Anstrengung. Fragen über Fragen, die, so lange sie nicht beantwortet werden können, brennen und brennen.

Konzertierte Aktion von UEFA und NATO

Es heißt, internationale Fußballturniere sind hervorragend dazu geeignet, um bestimmte Dinge politisch über die Bühne zu bringen. Immer wieder einmal wurde eine unangenehme Rentenreform, die Aufhebung von Individualrechten, die Verschärfung von Polizeigesetzen oder ein umstrittenes Bankengesetz genau dann im Bundestag verabschiedet, wenn die Deutschen während eines Turniers um Titel kämpften. Denn wenn der Ball rollt, dann ist hierzulande Ausnahmezustand. Dann geht es primär um das Thema Fußball und sekundär um die Frage, wie alles um den Fußball herum organisiert werden kann, von der Arbeit bis zur Familie. Was sich da im Parlament tut, ist für das Gros außerhalb des Aufmerksamkeitsfokus.

Was es bisher nicht gab war der Versuch, Politik direkt über die Kommunikation des Fußballereignisses selbst machen zu wollen. Das Sujet ist zu heikel, als dass es hinter dem Rücken der Bevölkerung vollzogen werden könnte. Um letztendlich kriegerische Handlungen vorbereiten zu können, muss vorher emotional richtig aufgeladen werden. Die Krawalle, verursacht durch Hooligans, sollen den Vorwand liefern, um Aktionen zu rechtfertigen, die von psychologischer Kriegsführung bis hin zur harten Kriegsvorbereitung reichen.

Drei Tage lang hielten englische Fans die Stadt Marseille in Atem. Zumeist betrunken randalierten sie im öffentlichen Raum und legten sich sowohl mit französischen Sicherheitskräften als auch mit französischen Fans an. Am dritten Tag, dem des Spiels gegen Russland, trafen die russischen Fans ein, die an Gewaltbereitschaft den englischen Hooligans nicht nachstanden. Die Folge waren bürgerkriegsähnliche Zustände in der Stadt. Als beim Abspielen der Hymne die russische von englischen Fans gnadenlos niedergepfiffen wurde und sich viele englische Journalisten noch für das inakzeptable Verhalten entschuldigten, hätte klar werden sollen, dass da etwas inszeniert wurde, was nachher mit Bildern leider nicht belegt werden konnte. Fazit: Die Russen waren die Krawallmacher.

Die UEFA hat prompt reagiert und den russischen Verband relegiert, sollten sich derartige Ereignisse wiederholen. Von den englischen Hooligans und ihren Taten ist seitdem nicht mehr die Rede. Ziel ist es, Russland die für 2018 geplante Fußballweltmeisterschaft wieder wegnehmen zu können. Zeitgleich mit der Verkündung der UEFA-Entscheidung ließ die NATO die Verlegung von 4.500 Soldaten direkt an die russische Grenze verlauten. Rund tausend Soldaten werden deutsche sein.

Die Grundlage der Wiedervereinigung Deutschlands war die Zusage sowohl der USA als auch der damaligen Bundesrepublik, dass sich die NATO nicht nach Osten Richtung russischer Grenze erweitern werde. Heute, 25 Jahre später, steht die NATO vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer mit Ausnahme der Ukraine überall direkt an der russischen Grenze. Dem Wortbruch folgte die kollektive Geschichtsvergessenheit, eskortiert von einer immer massiver werdenden Kriegspropaganda. Gegen die Verfolgung gewalttätiger Fußballhooligans ist nichts einzuwenden. Nur wenn, dann sollte das Recht für alle gelten. In diese Krawalle die Zementierung von Feindbildern zu inszenieren, wie dieses derzeit auch wieder von den deutschen Medien geschieht, ist kriminell. Statt aufzuklären, säen sie Hass.

Die konzertierte Aktion von UEFA und NATO dokumentiert eine neue Qualität in der Massenmanipulation und Volksverhetzung, gepaart mit einer zunehmend aggressiven, kriegstreibenden Politik. Es sind diese Aktionen, die so impertinent und dreist sind, die dazu führen sollten, den korrupten Fußballverbänden und überlebten Militärbündnissen die Existenzfrage zu stellen. Fußball wird auch ohne UEFA gespielt werden können und die größte Bedrohung für den Frieden in Europa ist gegenwärtig die NATO. So viel Nachdenken muss in der Halbzeit erlaubt sein!