Archiv für den Monat Mai 2016

Das Maß der Räson ist die Dosis

Es ist der alte Paradigmenstreit seit den ersten Regungen der Aufklärung. Braucht der Staat Gesetze und Regelungen, um das sozial erwünschte Verhalten zu sanktionieren, oder ist es die freie, von der Räson geleitete Entscheidung des Individuums, welche das Wohlbefinden des Gemeinwesens treibt? Wie bei vielem, so ist es das Maß, die Dosierung, worauf es ankommt. Zu viel Staat führt zur Tyrannei, auch in demokratisch-konstitutionellem Kleid, und zu viel individuelle Freiheit führt zur Libertinage einiger weniger und zur Belästigung vieler.

Garanten für eine wohl dosierte Entwicklung von gesetzlichem Handlungsrahmen und persönlicher Freiheit sind die Bürgerinnen und Bürger eines Landes. Sie bestimmen, wie viel Freiheit sie wollen und wie viel Regelung sie benötigen. Solange sie ein Interesse am Gemeinwesen haben, solange werden sie sich mit dieser Frage aktiv auseinandersetzen. Geschieht dieses nicht mehr, dann schlägt die Stunde der im Staatsapparat Organisierten, die sich dazu ermächtigt fühlen, Gesetze, Regeln und Gebote zu schaffen und eine Exekutive zu installieren, die die Einhaltung überwacht und einschreitet, wenn der Drang nach Freiheit auf individueller Seite zu großen Raum einnimmt.

Der Superlativ der Expansion staatlicher Regelungsbemühungen ist die Ermächtigung von Bürokraten, die sich dadurch auszeichnen, sich exklusiv mit der Frage der Systemeffizienz zu beschäftigen und dabei psychologische, soziale wie politische Wirkungen ausblenden. Das ist nicht ihre Aufgabe und genau darin besteht die Gefahr ihres Agierens. Sie sind quasi von staatlicher Seite autorisiert, sich über den Sinn des Staatswesens keine Gedanken zu machen, sondern ausschließlich die absolute Regelungskonformität und Systemeffizienz im Auge zu haben.

Die Ermächtigung der Bürokratie ist gleichbedeutend mit der Legitimierung einer neuen Form der Inquisition. Alles, was der Regelungskonformität und der Systemeffizienz entgegen läuft, wird Opfer weiterer Verdächtigung und Verfolgung. Und es ist aufgrund der Vorgehenslogik dieser Bürokraten kein Wunder, dass fieberhaft an einer die Freiheit beraubenden Engmaschigkeit durch Gesetze und Verordnungen gearbeitet wird. Das vor allem politische Desaster, das damit im Hinblick auf das Vertrauensverhältnis zwischen Bürgerinnen und Bürgern und Staat angerichtet wird, entgeht der effizienzfokussierten Sensorik.

Wenn eine Möglichkeit existiert, die inquisitorische Logik staatlicher Expansion von einem Superlativ doch noch zu steigern, dann ist es in der Laborbürokratie der EU zu Brüssel. Das Labor a la Bruxelles zeichnet sich dadurch aus, dass es abgekoppelt von den nationalen Kulturvorstellungen des politischen Zusammenlebens noch einmal synthetisiert ist. Dort wird an einer Ausdehnung staatlich-regulatorischer Eingriffsmöglichkeiten gearbeitet, ohne dass in vielen national subjektiv erlebten Fällen eine wie auch immer geartete Notwenigkeit dafür gesehen würde. So ist es kein Wunder, dass die in den Kabinetten der EU entwickelten Richtlinien und Verordnungen als supra-naturelle Einschläge in das lokale Gemeinwesen erlebt werden. Unterstrichen wird dieses durch die immer wieder empfundene Willkürlichkeit der einzelnen Maßnahme.

Ab heute sind Tabakerzeugnisse mit drastischen Bildern über ihren Missbrauch und dessen Folgen zu verunstalten. Warum nicht dasselbe auf Flaschen alkoholischen Inhalts, warum nicht an Autos, warum nicht an den Türen zum Arbeitsplatz, wo Herzinfarkte, Schlaganfälle und Depressionen warten, warum nicht auf der Schokolade? So tautologisch es klingt: Das Maß der Räson ist die Dosis. Auch die Dosis staatlicher oder supra-staatlicher Intervention. Ihr Übermaß führt zu neuralgischen Reaktionen, die in irrationalen Gegenmaßnahmen Zuflucht suchen können. Wer das nicht begriffen hat, dem wird die Politik etwas Fremdes bleiben.

Lobby Waff und der Sänftenträger Ihrer Majestät

Ich komme noch einmal darauf zurück. Auf das Lachen. Wichtig ist, und erste Regel, lache über dich selbst. Wenn du das nicht kannst, lass es sein. Wer über andere lachen will, aber sich selbst als sakrosankt betrachtet, der hat den Sinn nicht verstanden. Lachen ist Distanzierung, Überzeichnung und auch Objektivierung. Wer in der Lage ist, mit sich selbst solch ein Experiment durchzuführen, der oder die hat bereits die Fähigkeit zur Rollenreflexion. Wenn ich mich selbst aus der Distanz betrachte, sehe ich zugleich auch meine Wirkung auf andere. Indem ich vielleicht die eine oder andere Handlung, den einen oder anderen Charakterzug überzeichne, dokumentiere ich meine Fähigkeit zur Inszenierung meines eigenen Ichs in einem sozialen Umfeld. Und indem ich mich zum Gegenstand einer eiskalten Studie mache, kommuniziere ich, dass es nicht um meine Person, sondern um jemanden wie meine Person geht. Und das ist, hinsichtlich der Sozialkompetenz, bereits ganz großes Kino!

So genannte Professionelle üben das, die Distanzierung, Überzeichnung und Objektivierung. Die „Normalen“ wummern existenziell irgendwo dazwischen und verreißen sich in emotionalen Stresszuständen. Ganz profan hat das zur Folge, dass weniger gelacht wird. Ein gutes Beispiel ist da die Politik, auch wenn es nur ein Beispiel ist und die viel gepriesene Zivilgesellschaft genauso den Humor zu verlieren scheint. Da gab es, in anderen Zeiten, immer wieder den Versuch, den Charakter oder das Verhalten von Politikerinnen oder Politikern so zu labeln, dass es etwas aussagte über ihre Essenz. Der Zustand, mit dem wir gegenwärtig konfrontiert werden, scheint das nicht mehr herzugeben. Entweder, sind die Beobachter des politischen Geschehens nicht mehr in der Lage, das zu tun, oder die Beobachteten geben nichts mehr für eine saftige Charakterisierung her. Oder beides. Letzteres ist vielleicht das Wahrscheinliche.

Nun, es sei in Erinnerung gerufen, dass alleine in der Nachkriegspolitik Figuren und Charakterisierungen in die allgemeine, kollektive Metaphorik Einzug gefunden hatten, die vieles, auch im harten Diskurs, doch einfacher machten. Da gab es den Häuptling Silberlocke (Kiesinger), Old Schwurhand (Zimmermann), Birne (Kohl) und Cognac Willy Brandt), das blonde Fallbeil (Stoiber), Acker (Schröder), Onkel Herbert (Wehner) und Schmidt Schnauze (Schmidt), die Heftklammer (Eichel) oder die Pfütze (Tiefensee). Erstens stammen bis auf eines die Beispiele alle aus dem Westen, was an der Perspektive des Autors liegt und verziehen werden möge, zweitens handelt es sich bei den Bezeichnungen nicht gerade um außergewöhnlichen Einfallsreichtum, aber immerhin!

Allein dieser Ansatz wäre doch übertragbar auf die momentan handelnden Akteure und würde vieles erleichtern. Mit Mutti oder der Raute liegt ja bereits ein erster Versuch für Frau Merkel vor, Gabriel hieß einmal Siggi Pop, würde aber heute als Lobby Waff oder Goslar Raunz nicht schlecht da stehen. Schäuble hätte etwas von Dr. Guillotin, Steinmeier wäre die eine Niere, Nahles könnte als Eitel Pamp durchgehen, Seehofer als der notorische Horst, aus von der Leyen würde von der Leichen, aus Dobrindt würde Hybrid und aus Altmeyer der Sänftenträger ihrer Majestät. Die Bankenrettung könnte auch als Bandenrettung durchgehen, das Integrationsgesetz als Infiltrationsgeschwätz, der Deal mit der Türkei wäre staatlich geförderte Rückführung als Ausgleich zur Schlepperei, der VW-Abgasskandal als Verbrennungsvandalismus und die Auto-Lobby als innovationsscheue Korporation.

Es ginge vieles, wenn ein Wettbewerb einträte, wie denn die Hirn- und Geschmacklosigkeit, mit denen die Öffentlichkeit immer wieder konfrontiert wird, am besten zu betiteln wäre. Dann träte genau die Distanz ein, die vonnöten ist, die Ereignisse entspannter zu bewerten und dennoch konsequent zu sein.

Von armen Mäusen und fetten Katzen

Die Prediger des Juvenilen schlechthin haben eine schnelle Erklärung für die mal zynische, mal depressive, mal defätistische und mal suizidale Stimmung, die aus vielen Kommentaren zum Zeitgeschehen spricht. Sie werden es mit der demographischen Kurve erklären und sagen, die vielen Alten, die jetzt die besten Plätze wegnehmen, die sind dafür verantwortlich, dass die Szenarien in puncto Zukunft eher düster ausfallen. Denn wer das Ende vor Augen hat, der bekommt den Zug des Bitteren. Das ist zwar ein plausibles Argument, aber so ganz zu stimmen scheint es nicht, zumindest exklusiv nicht, weil die jungen Generationen nicht gerade den Eindruck vermitteln, als wollten sie den Himmel stürmen. Zukunftseuphorie sieht anders aus.

Andere wiederum, die sich nicht auf den demographischen Hokuspokus verlassen, argumentieren mit der Dekadenz. Manche bewegen sich sogar selbst am Rand des Zynismus, wenn sie darauf verweisen, dass es nach 70 Jahren ohne Krieg und allgemeinem Wohlstand völlig normal sei, dass der Trieb zur Optimierung einschlafe und nur der schläfrige Konsum als allgemeiner Zustand verstanden werden könne. Da fällt es schon schwerer, sich dieser Logik zu erwehren, auch wenn genug Menschen unterhalb des saturierten Spektrums ihr Dasein fristen müssen, aber eine Bewegung Richtung Revolte und Neugestaltung ist auch dort nicht zu spüren.

Das sprichwörtliche Dilemma in deutschen Landen ist die Attitüde des Ihr da oben und Wir da unten. Die da, das sind immer die, die für alles verantwortlich sind und wir, das sind die armen Mäuse, mit denen die fetten Katzen nach Lust und Laune spielen. Wer so argumentiert, der ist immer sehr schnell fein heraus und kann sich das Schauspiel des politischen Prozesses vom Sofa aus mit Bier und Frikadelle zu Gemüte führen und bei Bedarf mit dem Daumen nach unten zeigen.

Wenn schon über die Zukunft geredet werden soll, was nicht nur dringend erforderlich, sondern gar lebenswichtig ist, dann muss, neben aller Kritik an dem großen Rahmen, auch diese Haltung vernichtet werden, die im Keim die Wollust auf das Tyrannentum in sich trägt. Wer eh immer verliert, dem kann es auch richtig besorgt werden und trotzdem behält er am Ende immer Recht, weil er es ja von vorneherein immer gewusst hat. Das ist die Krönung des Defätismus und steht ganz in der Aura eines Romans von Heinrich Mann, der die Seele dieser Nation wie kaum ein anderes Buch getroffen hat: Der Untertan.

Tief im Inneren scheint so etwas wie die reine Form der Misanthropie zu schlummern, eine Form des Menschenhasses, der aus der Verachtung seiner Schwäche resultiert und daraus den falschen Schluss zieht. Denn die Schwäche ist die Voraussetzung des Prozesses der Stärkung, des Lernens und letztendlich des Meisterns. Wer das Leben liebt, der kann nicht im Zustand dieser Misanthropie verharren, sondern der muss sich selbst ändern, um zu einer positiven Einstellung im Leben insgesamt zu finden. Nur wer die positiven Möglichkeiten sieht, ist in der Lage, eine Strategie zu entwickeln, mit der das Leben geändert werden kann. Und das beginnt mit Artikulation und Einmischung.

Auch wenn es schwer fällt zu glauben: Im Reich der Hoffnung geht die Sonne nicht unter. Der Ausweg aus der tiefen Depression der eigenen Unzulänglichkeit beginnt in der Regel mit dem Humor und er endet in der Vision von einer besseren Welt.