Archiv für den Monat April 2016

Der Positivismus und das Schulgeheimnis

Alles, was ist, ist vernünftig. Mit diesem Satz legte Hegel, ohne es zu wissen, aber vielleicht mit dem Anflug einer Ahnung, den Grundstein für den Positivismus, der sich aus der Verwissenschaftlichung und Technisierung der Welt herauswühlte und zum Mantra unserer Tage gedieh. Heute könnte dieser Hegelsche Satz, der ihm selbst unter seinen Anhängern den schweren Vorwurf des staatstragenden Philosophen eintrug, noch um eine Sequenz erweitert werden, sofern er die Logik des Positivismus fortführen sollte. Er hieße dann: je mehr etwas ist, desto vernünftiger ist es. Allen, denen sich jetzt der Magen umdreht, sei gesagt, dass diese Reaktion eher für ihren Verstand und ihr politisches Bewusstsein als gegen beides spricht. Der dogmatische Trieb, alles Existierende nicht nur zu legitimieren, sondern es auch noch als das Erstrebenswerte zu legitimieren, ist an Trivialität kaum zu überbieten.

Der Positivismus, so wie er heute kolportiert wird, ist der Triumph des Profanen über eine wie auch immer geartete strategisch orientierte Zweckvorstellung über die Zukunft. Er legitimiert jeden Dreck, weil seine numerische Häufigkeit sich selbst genügt. Wohl dem, der sich darauf einrichten kann, denn der lebt in einer Welt, die nichts zu wünschen übrig lässt. Die Kritik an Hegel, es handele sich um einen staatstragenden Satz, ist allerdings für den ausgewachsenen Positivismus eine zu seichte, weil sie das Wesen des positivistischen Mantras nicht im Geringsten beschreibt. Dieses Mantra kann nicht staatstragend sein, weil es funktionierende Staatswesen vernichtet, und es ist auch nicht konservativ, weil es Werte nicht kennt und folglich auch nicht erhalten kann. Das Einzige, wozu dieses Mantra geeignet ist, bleibt die Umdeutung der Welt aus einer Verbesserungswürdigkeit in eine Endzweckaufnahme derselben. Die Schlechtigkeit erhält ihre Legitimität, weil sie ist. So einfach und so erbärmlich ist das.

Und ja, es existiert eine Kritik an dieser Denkweise. Es ist eine Kritik, die aus einer romantischen Seele entspringt, die aber deshalb nicht verachtet werden soll. Es ist die Kritik an der raubtierhaften Verwertung des Existenziellen an sich, an der Wegwerfmentalität gegenüber Natur und Mensch, an der Technokratisierung und der Wachstumsideologie. Das Gegen-Mantra zu dem des Positivismus entstammt der ökologischen Reformbewegung und sein Repetitum ist das der Nachhaltigkeit. Dem Raubtier wird das zarte, über die Generationen herausragende, weil langfristig gedachte und gepflegte Pflänzchen entgegengesetzt. Die verbale Inflation des Begriffes der Nachhaltigkeit illustriert das große Bedürfnis nach einem Gegenplan gegen die Zerstörung und Verschwendung eines Systems, das sich mit dem Positivismus so gut beschreiben lässt. Angesichts der sich immer wieder auf moralische Kategorien zurückziehenden Programmatik rückt das Lager um den Terminus der Nachhaltigkeit jedoch in die Nähe religiöser Abwendung. Aus einem romantisierenden Mantra entsteht nun mal kein politisches Programm, allenfalls Nischen für Privilegierte.

Hegel hatte seinen berühmten Satz, dass alles, was sei, auch vernünftig sei, bereits in seiner Antrittsvorlesung in Berlin den dürstenden Studenten vor ihre knirschenden Schreibfedern geworfen. Das war nicht das, was sie von dem Schwaben erwartet hatten und es folgten fruchtbare Jahre eines Streites, der letztendlich den Weg ebnete, der schon vor der Etablierung des Positivismus dessen Überwindung abzeichnete. Es waren die so genannten Junghegelianer, die ihren Meister vor sich hertrieben, bis er ihn aussprach, jenen Satz, der danach als das Schulgeheimnis der Hegelschen Philosophie von Universität zu Universität und dann, allmählich auf alle Plätze der politischen Reflexion gleich einem Kassiber geschmuggelt wurde. Es war der ebenso schlichte Satz: Alles, was vernünftig ist, muss sein! So einfach kann die Erkenntnis sein, gerade und eben auch in den Zeiten des Positivismus.

Der gute Vorsatz und der innere Schweinehund

Wenn irgend jemand aus der Bundesregierung glaubt, seit den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg etwas getan zu haben, was zur Umkehr in der Radikalisierung des Wahlverhaltens beitragen könnte, dann liegt er grundlegend falsch. Die offen artikulierte Angst vor der Überfremdung ist mitnichten durch den selbst in Regierungskreisen mit dem Terminus Deal bezeichneten Abkommen mit der Türkei getilgt. Der Deal ist eine atemberaubende Sauerei, zu dessen Vollstreckung sich der türkische Ministerpräsident verpflichtet hat unter der Bedingung größerer Geldtransfers und internationaler Anerkennung. Wenn die Regierung durch diesen Hinterhoftrick, der mehr Kollateralschäden mit sich bringt als Vorteile, irgend welche verirrten Geister gewonnen hat, so hat sie gleichzeitig wesentlich mehr Menschen verloren, weil der Deal vor allem eines zeigt: Es existieren weder Plan noch Moral.

Das Einzige, was in der Ära Merkel Bestand hatte, wofür ungeheure, riskant eingesetzte Beträge benutzt wurden, war die Rettung der Banken. Das Werk, das die spekulative, mit Geifer vor dem Mund operierende Sektion des Gewerbes angerichtet hat, ist die Spaltung vieler Gesellschaften in große immer ärmere und kleine immer reichere Teile oder die Rasur ganzer Volkswirtschaften. Das als Ursache für eine nicht gewünschte Radikalisierung nunmehr großer Teile der Bevölkerung auszublenden lässt sich mit der alten Parole gut beschreiben: Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

Die am Wahlabend und in den Tagen danach geäußerte Absicht, die Politik nun ändern zu wollen, um der AFD das Wasser abzugraben, hat sich, aus heutiger Betrachtung, drauf reduziert, nun verstärkt nach Fehlern bei der AFD zu suchen. Die lassen sich leicht finden, aber das Problem liegt nun leider nicht in der Fehlerhaftigkeit dieses Schmutzfarben schillernden Sammelbeckens, sondern in der eigenen Politik, die immer größere Teile der Bevölkerung abstößt.

Der Majordomus des Verhängnisses, der statt zu dienen als Zuchtmeister des Wirtschaftsliberalismus auftritt und als Finanzminister fungiert, steuert mit eiserner Hand die Politik, die bereits dafür gesorgt hat, dass der Zusammenhalt Europas dahin ist. Das Spiel der Überfütterung mit leicht erhältlichem Geld und der darauf folgende Aderlass haben bereits den Süden Europas in einen überaus desolaten Zustand getrieben. Gleiches spielt sich im Osten ab, in der Ukraine mit einer völlig hirnrissigen Militarisierung dieser Politik. In diesem Kontext von grandioser Geldverschwendung zu sprechen, ist keine Übertreibung. Und in diesem Zusammenhang auch von einem immer größeren Bedrohungspersonal für wachsende Teile der Bevölkerung zu sprechen, ist keine Untertreibung.

Die Grundzüge der Politik haben sich nicht geändert, nur die Scheinheiligkeit, mit der sie betrieben wird, hat sich vergrößert. Und die Professionalisierung des Pressewesens und der öffentlichen Berichterstattung, letztere der große Aufreger partout, bleibt aus, ganz im Gegenteil, die erbärmliche Nummer im Falle Böhmermann zeigt, dass Prinzipien und Standfestigkeit dort, wo sie sein müssten, zu einer ausgestorbenen Kategorie gehören.

Es geht nicht darum herauszufinden, ob Frau Storch ihre Rundfunkgebühren bezahlt oder Frauke Petry ihren Mann verlassen hat. Mit derartigen Manövern wird der Zulauf zur AFD eher noch steigen. Es geht darum, hoch spekulativen Banken das Handwerk zu legen, Steuerflucht zu verhindern und konsequent zu ahnden, keine Waffen an Verbrecherstaaten zu verkaufen, eine Friedenspolitik zu betreiben und nicht von NATO-Raketen auf der Krim zu träumen, es geht um die Grundsicherung für große Teile der Bevölkerung, es geht um eine Vereinfachung des Steuersystems, das Gerechtigkeit walten lässt, es geht um den Stopp der Bevormundung in allen Lebensbereichen und es geht um eine journalistisch-kritische Kommunikation einer Politik, die das auszuhalten vermag. Doch was hat das alles mit dieser Bundesregierung zu tun?

Liverpool: Das Tödliche an der Besitzstandswahrung

Franz Beckenbauer hat eines dieser Erlebnisse in seiner launigen Art selbst geschildert. Beim Endspiel um die Champions League 1998, als der FC Bayer in der 87. Minute noch mit 1:0 gegen Manchester United in Führung war, machte sich Beckenbauer im Stadion Nou Camp zu Barcelona oben von der VIP-Tribüne auf den Weg zum Aufzug, um passend zum Schlusspfiff und der anschließenden Siegerehrung direkt am Feld zu sein. Als er unten aus dem Aufzug ausstieg, stand es 2:1 für Manchester. Als ihm der erste, den er sah, diese Information zukommen ließ, dachte Beckenbauer an einen schlechten Witz. Aber es war die Realität.

Gary Lineker, eine englische Stürmerlegende, der nach seiner aktiven Laufbahn immer wieder den Fußball mit köstlichen Bonmots kommentiert hat, beschrieb das Schwierige an deutschen Teams einmal mit dem Satz, man könne sich erst sicher sein, gegen sie gewonnen zu haben, wenn man bereits mit dem Mannschaftsbus auf der Autobahn sei. Wer Lineker kennt, weiß um seine Hintergründigkeit. Denn eines sollte man wissen: Mit englischen Mannschaften ist es nicht anders.

Das bereits zitierte Spiel FC Bayern gegen Manchester United bekam seine für Bayern tödliche Wende, als der damalige Trainer Ottmar Hitzfeld glaubte, kurz vor Schluss Lothar Matthäus auswechseln und auf Halten spielen zu können. Der Fehler kostete Bayern den Titel. Wiederum in einem Endspiel um den Titel der Champions League, im so genannten und beworbenen Endspiel dahoam zu München, trafen besagte Bayern 2012 auf den englischen Club FC Chelsea. Das Muster wiederholte sich. Bayern ging kurz vor Schluss mit 1:0 durch ein Müller-Tor in Führung, Trainer Heynckes wechselte eben diesen Stürmer aus, um die Defensive mit einem anderen Spieler zu stabilisieren. Auch das ging bekanntlich schief. Chelsea egalisierte in der letzten Spielsekunde durch einen Kopfball von Didier Drogba, die Verlängerung ergab nichts und München unterlag im Elfmeterschießen.

Und nun gestern. Dortmund führte bereits nach 11 Minuten mit 2:0, in der zweiten Halbzeit zwischenzeitlich mit 3:1 und dann dachte Trainer Tuchel, er könne auf Halten spielen, wechselte offensive Spieler gegen defensivere aus. Und wiederum erteilte der Fußball dem richtigen Leben eine Lehrstunde, bzw. es wurde wieder einmal deutlich, wie nah der Fußball am richtigen Leben ist. Es wurde zu einem Höllensturm Liverpools und zu einem schrecklichen Debakel für den BVB. In den sprichwörtlich letzten Minuten drehte Liverpool das Spiel und gewann mit 4:3. Tuchel kann sich damit trösten, dass andere große Trainer vor ihm auch diesen Fehler begangen haben, und zwar nicht, weil sie dumm waren, sondern weil sie einem anthropologischen Muster erlagen.

Das gestrige Spiel  in Liverpool ist eine Blaupause für den Wunsch, einen Zustand, der alles erfüllt, was man sich erhofft hat, in seinem Status Quo zu erhalten. Um einen anderen Begriff einzuführen, es ging um Besitzstandswahrung. Auf Besitzstandswahrung zu setzen bedeutet immer auch die herrschende Dynamik ignorieren zu wollen und nach etwas zu streben, was historisch immer nur begrenzt, für trügerische Augenblicke des Stillstandes, scheinbare Geltung hat. Der Kampf um das goldene Kalb herrscht immer und überall und die einzige Strategie, die solide Validität hat, ist die, die auf alle Möglichkeiten bis zur letzten Sekunde setzt. In diesem Punkt war das gestern ein rauschendes Beispiel. Wie damals in Barcelona und wie vor einigen Jahren in München. So ist das Leben, liebe Freunde. Und gestern war das richtige Leben in Liverpool.