Archiv für den Monat März 2016

Feuer nach dem dritten Vorhang!

Es ist ja nichts Neues. Gegeben hat es sie schon immer. Die Schwärmer und tolldreisten Philosophen, die Interpretierer der Welt mit all ihren Abstrusitäten. Da geht es, wie im richtigen Leben auch, um Macht und Wahn, um Dominanz und Deutung, um Schlüssel und Schlösser. Von was allem war da nicht schon die Rede, von der Lufthoheit über Kinderbetten, von Geheimdokumenten und klandestinen Botschaften, von Dechiffrierungen und von schlichten Bergen von Unrat. Die Welt, so die kollektive Botschaft der Mondsüchtigen, die sich sicher wähnen, der Menschheit einen Dienst erweisen zu müssen, die Welt steht vor dem Abgrund und nur wer sich dieser Wahrheit öffnet, kann sicher sein, dann doch ins Paradies zu kommen.

Letzteres ist aber spärlicher ausgestattet als die Hölle, denn wer sich im Okkulten auskennt, weiß, dass das Böse immer die komfortablere Variante des Daseins zu bieten hat. In der Hölle, das bemerkt sogar der Volksmund, ist so viel Publikum, dass sich das Engagement von Sterneköchen regelrecht lohnt, während bei der Notbesetzung im Himmel der liebe Petrus mangels Bettenbelegung jeden Abend Leberwurstbrote zu schmieren hat. Ja, selbst der versuchte Befreiungsschlag führt ins folgenlose Nirvana, aber es hält natürlich nicht davon ab, es weiter zu versuchen.

Und alles war schon einmal da! Ob Fin de Siécle oder Dada, die Kunst hat die Überforderung der Seele versucht zu manifestieren. Das bewusste Einsetzen des Schocks hat in dem einen oder andren Falle zum Nachdenken bewogen. Aber hat es auch etwas gebracht? Ist es jemals gelungen, den Widerspruch von gebündelter Rationalität zu einem völlig irrationalen Endzweck befriedigend aufzulösen? Jeder einzelne Schritt in der Trauerhalle der Moderne birgt eine eigene Rationalität und Schönheit, aber am Ende des Ganges gähnt der von jedem Sinn gelangweilte Tod. Theodor Wiesengrund Adorno und Max Horkheimer, die Zeugen dieses Irrsinns aus erster Hand, nannten es Dialektik der Aufklärung. Wer, wenn nicht die Prototypen dieser Dialektik, gäbe ihnen heute noch Unrecht?

Und dennoch, die, wie es in Norddeutschland so schön heißt, die Spökenkieker, es ist Hochkonjunktur für sie, die selbst ernannten Simultanübersetzer des Kosmischen. Sie stehen einsam in der freien Natur, mitten in der Nacht und flüstern ihre Erkenntnis ihren Schafen vor. Dieser Spezies, die nahezu ersoffen ist in einer Flut von Zugängen, die sie aber nicht verkraften konnte, weil es an einem Ordnungsbegriff fehlte.

Ja, alle, die in den lustvollen Kanon des Chaos verfallen sind, sie alle taten sich schwer mit dem Pendant zum Aufstand, zur Rebellion, zum Chaos. Zu allem, was Ordnung auflöst, gehört eine Vorstellung von der neuen Ordnung. Da diese aber nicht vorhanden war, driftete die ganze Herde ab in das kollektive Stöhnen des Untergangs und, noch schlimmer, in die Passivität vor dem großen Schlachten.

Nun, kurz bevor es wieder losgeht, mit dem nächsten Hype oder der nächsten Katastrophe, ist die Stunde günstig, sich zu entscheiden zwischen Fata Morgana und Verstand. Wer Mut hat, kann auch bei der Fata Morgana bleiben. Das wäre mal etwas, ein Schauspiel, ein Theaterstück mit echten Toten und zum Schluss, nach dem dritten Vorhang, der ganze Kulturpalast in Brand. Ein Ereignis für viele Leben, die ohne extravagante Welterklärung in Langeweile und Durchschnitt verkämen, gleich den Taten des Onan in der Wüste. Es möge vergolten sein. Es war ein innerer Drang.

Eliten: Stillstand oder Bewegung?

Bei der Betrachtung von Gesellschaften spielt das Thema immer wieder eine wichtige Rolle. Es geht um die Eliten. Ihre Zugehörigkeit ist in der Regel ein Beschleunigungsfaktor im sozialen Vergleich und befördert die innere Dynamik. Die Art der Definition sagt sehr viel über die Befindlichkeit der Gesellschaft selbst aus und das Verhalten derer, die sich zur Elite zählen, lässt Prognosen über zukünftige Perspektiven derselben zu. Die Definition des Elitebegriffs ist relativ trivial, er hält sich immer an die lateinische Wurzel der Auslese und schränkt eine kleine Gruppe als das ein, worum es geht. Weitaus interessanter beziehungsweise weiter führender ist die Soziologie der Elite und die damit verbundene gesellschaftliche Diagnostik.

Bei allen möglichen Konfigurationen dominieren soziologisch vor allem zwei Kategorien von Eliten, die nur durch bestimmte Adjektive verwässert werden, die einen Mikrokosmos ausweisen, der nur bedingt gesellschaftliche Wirkung zeigt. Das können Metiers wie Bildung, Musik oder Sport sein. Die wesentlichen Kategorien sind allerdings weit mächtiger. Es handelt sich dabei zum einen um die Elite, die sich nach Status definiert. Ihr geht es um Insignien wie Macht und Reichtum. Die Frucht des elitären Daseins wird dort zum Zweck. Ohne einer Bewertung vorgreifen zu wollen, ist dieser Elitebegriff kein gesellschaftlich gestaltendes, sondern ein verzehrendes Moment. Wer sich einer Status-Elite zugehörig fühlt, der hat es in der Regel geschafft, zu dem auserwählten Kreis zu gehören. Damit hat es sich dann aber auch bereits getan. Ein Blick auf diese Eliten zeigt in der Regel eine relative Lust- und Trostlosigkeit, weil die alles erschlagende Metapher die der Sattheit zu sein scheint. Die, die dorthin wollen, haben den Hunger nach Bestätigung, die, die bereits dort sind, sind zwar auch nie satt, aber ihnen ist es permanent schlecht.

Im Gegensatz dazu ist die Definition der Elite nach Funktion respektive Leistung eine andere Geschichte. Dabei geht es zwar auch um Macht und Privilegien, diese resultieren jedoch nicht aus einem Selbstzweck, sondern aus einer Gestaltung innerhalb der Gesellschaft. Wer in Funktionen denkt, wird vom Wunsch nach Gelingen und nicht dem nach Verweilen getrieben. Demnach ist es nicht übertrieben zu schlussfolgern, dass die Eliten des Status den Stillstand und die der Funktion die Bewegung verkörpern.

Und genau an diesem Punkt wird es interessant. Dominiert in einer Gesellschaft der Wunsch nach der Zugehörigkeit zu einer Status-Elite, dann ist das eine Referenz für relativen gesellschaftlichen Stillstand. Überwiegt die Attraktivität einer Funktionselite, dann lässt das auf eine dynamische Gesellschaft schließen. Eine Analyse der eigenen, gegenwärtigen Gesellschaft bleibt jedem selbst überlassen. Wer gilt als Elite und welcher Elitebegriff dominiert?

Interessant ist der Versuch, einen Spagat zwischen Status und Funktion zu vollziehen. Traditionell ist diese Version in der chinesischen Kultur verwurzelt. Dort existierten immer schon Meritokratien, d.h. Eliten, die sich über Funktionen definierten, die einen bestimmten Status versprachen, den man aber nur erlangte, wenn man sich durch Leistung verdient gemacht hatte. Folglich könnten sie Verdienst-Eliten genannt werden.

Die europäische Adaption dieser sehr klugen Konstruktion resultiert ideell aus dem revolutionären Frankreich. Auch die Französische Revolution war ein vehementes Aufbegehren gegen die aristokratischen Status-Eliten. Leistung sollte durch Besitz ersetzt werden, und zwar Leistung im Sinne der gesellschaftlichen Erfordernisse. Diese Dynamik ist momentan allerdings kaum identifizierbar.

Stiefel leckend oder an der Gurgel

Churchill war nicht nur ein überaus begabter Literat und der Staatsmann, der Großbritannien durch den II. Weltkrieg führte. Bereits als blutjunger Offizier schrieb er seine Eindrücke als Begleiter der britischen Kolonialarmee in Ostafrika auf. Unter dem Titel Kreuzzug gegen das Reich des Mahdi demonstrierte er, was exakte Beobachtung und politische Weitsicht zu bewirken vermögen. Noch heute, nahezu 130 Jahre später, ist es für alle, die sich seriös mit dieser Region auseinandersetzen wollen, ein Muss, Churchills Werk zu lesen. Der Mann, der vielleicht als der zivilisierte Gegenentwurf zu Hitler und Stalin gelten konnte, dem etwas Patriarchalisch-Chevalereskes anhaftete, der Tee als Damengetränk abtat und seine Zigarren mit Whiskey befeuchtete, hatte trotz aller inszenierter Theatralik einen immer scharfen Blick. Das müssen Menschen haben, deren Gabe das Schreiben zu sein scheint und darüber müssen Politiker verfügen, wenn sie es zu mehr als einer episodenhaften Erscheinung bringen wollen. Churchill bekam für seine Darstellung des II. Weltkrieges den Literaturnobelpreis 1953 und saß auf dem Sofa der Siegermächte nach Ende dieses Krieges.

In Zeiten der Polarisierung sind die Urteile über die übrigen Spieler am Tisch zumeist sehr plakativ. Darunter leidet zum einen die Präzision und das Detail, zum anderen profitiert, so die Urteilenden nicht von schräger Propaganda oder illustren Interessen geleitet sind, die Akzentuierung des Wesens von der plakativen Vereinfachung. Churchills Urteile aus dieser Zeit sind legendär. Und auch wenn vieles nicht den heutigen Maßstäben dessen entspricht, was sich die unheilige Inquisition der political correctness so alles ausgedacht hat, so oder gerade deshalb sind viele dieser Urteile von einer Beobachtungsschärfe, die nach dem zeitlichen Abstand doch in hohem Maße verblüffen.

Das Zitat, was vieles von dem, was die gegenwärtige politische Landschaft in Deutschland betrifft, in wunderbarerweise beschreibt, aber kaum den Charme eines Kompliments haben dürfte, ist die Charakterisierung der Deutschen als Wesen, die einem entweder die Stiefel lecken oder die man ansonsten an der Gurgel hat. Bei aller Skepsis gegenüber der Charakterisierung von Nationen und deren Eigenschaften, was allerdings wiederum ein Ergebnis von Individualisierung und Diversitätsverblendung gelten kann, einen wahren Kern hat Churchill mit dieser Bemerkung genannt.

Die politischen Auseinandersetzungen in Deutschland werden entweder in Rahmen einer Systemimmanenz geführt, die einen servilen, zuweilen jämmerlichen Eindruck hinterlassen oder sie werden von einer Hysterie begleitet, die alles negiert, was sich ihr in den Weg stellt und eine Destruktivität verbreitet, die keinerlei Auseinandersetzung mit Andersdenkenden mehr duldet. Diese Polarisierung hat seit Bestehen dieser Nation immer zu anderen Wegen geführt als in benachbarten, vergleichbaren Gesellschaften. Das, was im Guten wie im Bösen immer wieder gleich einer Fata Morgana im gesellschaftlichen Diskurs auftaucht als die Notwendigkeit eines deutschen Sonderweges, resultiert aus dieser psychischen Anomalie von gleichzeitigem Wunsch nach Unterwerfung und Ausbruch oder Rebellion. Da ist es nicht mehr weit zum legendären kleinen Mann, der immer litt, doch nie gewann, und träumt im Bett vom Attentat…

Worunter die deutschen Auseinandersetzungen um die Zukunft bis dato immer gescheitert sind, um als konstruktive Leistungen Aufmerksamkeit zu erfahren, das ist der aus dieser Bipolarität resultierende Mangel an Zivilisation. Die gegenwärtige Entwicklung dokumentiert diese Feststellung wieder einmal in einer beängstigenden Weise. Die Systemimmanenz lähmt bis zur Kläglichkeit und das Rebellische stirbt in Egozentrik. Wie schön wäre da ein bisschen mehr Pragmatismus und Selbstvertrauen und reichlich weniger Hysterie.