Archiv für den Monat Januar 2016

Schlimmer als im alten Rom

Irgendwann, so ist es immer wieder in den Geschichtsbüchern zu finden, irgendwann schlägt Quantität in Qualität um und mit rasender Geschwindigkeit entsteht etwas Neues. Das können neue Reiche sein, die eine neue Ära einläuten, oder es können Untergänge sein, von denen heute Morgen noch niemand geträumt hat. Je nachdem, wohin die Reise geht, sind es entweder die Geschichten von Himmelsstürmern oder die von Höllenfahrern. Und egal, auf welchem Pfad die Geschichte verfolgt wird, es läuft einem heute einfach kalt über den Rücken, auch wenn die Begebenheiten tausend und mehr Jahre zurück liegen. Eigenartigerweise sind es die Erzählungen, die hängen bleiben, die vom rasanten Niedergang berichten. Vielleicht ist es das existenzielle Frösteln, das in der menschlichen Gattung wohnt, vielleicht ist es auch nur die Missgunst an sich, die niemand leugnen kann.

Dass die Römerinnen reines Terpentin tranken, damit ihr Urin nach Veilchen roch und dass bei den Gelagen im Badehaus der Federkiel die Möglichkeit eröffnete, mehr zu essen, als der humane Magen erfasste, ist jeweils als Alleinstellungsmerkmal eine arme Geschichte, als Hinweis auf das, was gerne die spät-römische Dekadenz genannt wird, reicht es aus. Schnell kann assoziiert werden, was so alles geschah, als die Gesellschaft da verloren hatte, was heute so treffend Kohärenz genannt wird. Der sittliche und emotionale Konsens war nicht mehr gegeben, weil die Zentrifugalkräfte von Herrschaft, Macht und strategischer Überdehnung die Lebenswelten der einzelnen Sozialmilieus so weit auseinander getrieben hatten, dass es im wahrsten Sinne des Wortes kein Halten mehr gab.

Und immer dann, wenn das Räsonieren über die Vergangenheit in vollem Gange ist, schleicht sich die subversive Frage ins Hirn, ob das, was wir heute erleben, nicht auch Symptome aufweist, die die Deutung von Dekadenz durchaus zuließen. Schießen nicht auch hier die Sozialmilieus auseinander wie die Elementarteilchen? Wieviel haben diejenigen, die als Global Player gelten, ihre Leben im Überfluss und ohne die Anwendung von sichtbaren Zahlungsmitteln bestreiten, noch gemein mit denen, die zwar Bildung, aber keine Perspektive haben? Oder denen, die zwar Arbeit, aber kein Auskommen finden? Oder denen, die das alles nicht mehr verstehen?

Die Dekadenz der Nachkommen derer, die in Rom noch das Terpentin soffen oder ins Bassin kotzten, besteht in einer für sie unmerklichen Tatsache. Sie zerstören den Planeten, obwohl sie sich für ihn engagieren. Obwohl sie alle natürlichen Ressourcen systematisch zerstören, glauben sie in ihrer dekadenten Vorstellungswelt, dieses mit dem Konsum fairer Produkte in ihren privaten Haushalten kompensieren zu können. Wie klug und therapeutisch wäre da doch das Zitat eines Buddy Guy: If you want to fuck nature, nature will fuck you! Aber das nur nebenbei.

Abgesehen von den Global Playern, die mit den Pappgeschossen ihrer alternativen Kaffees ganze Kontinentalküsten verseuchen, wie äußert sich die Dekadenz im ganzen Gemeinwesen? Auch nicht so spektakulär wie in Rom. Denn Dekadenz hin oder her, Rom war auch im Untergang noch eine heroische Gesellschaft. Nein, so unspektakulär die Dekadenz der Reichen in Form einer Bewusstseinsspaltung, so ist der Rest der Gesellschaft geprägt durch die mangelnde Fähigkeit, das Ganze zu sehen. Die Individualisierung frisst ihre Kinder. In Zeiten, in denen die Bestellung eines Allerweltsgerichtes in einem Allerweltslokal viel wertvolle Lebenszeit kostet, weil ein Standard nicht mehr durchsetzbar ist, in dieser Zeit ist die Diffusion des Gemeinwesens die eigentliche Logik, die noch greift. Hand aufs Herz: Es ist viel schlimmer als im alten Rom!

Zwei Phänomene und ein Problem

Die Art und Weise, wie mit Neuartigem umgegangen wird, sagt sehr viel aus über den Zustand eines Gemeinwesens. Momentan liegen zwei unvorhergesehene, gesetzeswidrige und die Öffentlichkeit erregende Vorgehensweisen von zwei unterschiedlichen Interessengruppen vor, die das Gemeinwesen auf eine harte Probe stellen. Einerseits finden, nicht erst, aber seit den starken Immigrationsbewegungen des Jahres 2015, immer wieder gewaltsame Übergriffe auf Immigranten und Brandstiftungen statt, die die Unterkünfte von Immigranten betreffen. Bei den Delinquenten handelt es sich zumeist um so genannte alt eingesessene Deutsche, die aus unterschiedlichen Motivlagen den Terror suchen, um sich wie auch immer Luft zu machen.

Andererseits wurde in der Silvesternacht vor allem in Köln, Hamburg und Stuttgart eine andere Art von Terror ausprobiert. Es handelte sich um hordenmäßige Übergriffe vor allem auf Frauen, die ihrerseits bedroht, sexuell belästigt und bestohlen wurden. Im Gegensatz zu den Brandstiftungen hatten diese Übergriffe bisher keine Tradition. Sie wurden, so die Angaben von Augenzeugen und nach Polizeiberichten, von jungen Männern inszeniert und durchgeführt, die ihrerseits wahrscheinlich nordafrikanischen Ursprungs waren. Die Motivlagen dieser Delinquenten ist relativ basal zu erklären: wahrscheinlich geht es Ihnen um Materielles und sie leiden unter einem Hormonüberschuss.

Die Reaktionen auf die beiden Delikte sind, auch wenn es sich bei letzterem um etwas Neues handelt, bereits rituell eingeübt. Jeweils kocht bei jedem Fall auf einer Seite der Gesellschaft Empörung hoch. Aber nur auf einer Seite. Die einen fühlen sich bestätigt in ihrer These, dass das so genannte rechte Lager gewaltsam sei, die anderen haben schon immer gewusst, dass die Immigranten das eigentliche Problem seien. Auch in diesen Tagen, in denen die Empörung über die misshandelten Frauen überall hochkocht, ist eines zu beobachten: Kaum jemand kommt auf die Idee, dass beide Arten von Terror ein und dasselbe Problem beschreiben, nämlich dass der demokratisch definierte Staat nicht in der Lage ist bzw. bisher nicht in der Lage war, das zu tun, wofür er da ist. Die Staatsorgane versagen vor Delikten, die eine pazifizierte, zivile Gesellschaft nicht kannte und die sich langsam aber sicher zu einem Massenphänomen mausern.

Es ist dringlich, die Brandstiftungen gegen Flüchtlingsheime und die überfallartige Belästigung von Frauen im öffentlichen Raum als ein und dasselbe Problem zu sehen und die notwendigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Der Staat und seine Organe müssen ihre Handlungsfähigkeit unter Beweis stellen und die jeweiligen Delinquenten erfassen und in den dafür vorgesehenen Rechtsverfahren zur Rechenschaft ziehen. Wenn Polizei und Staatsanwaltschaft dazu nicht in der Lage sind, dann wird es höchste Zeit, sie in einen Zustand zu bringen, in dem sie es können. Auch da hilft eine klare Analyse und kein sofortiges Eingehen auf irgendwelche Lobbyisten, wie das gerne gemacht wird in unseren Tagen.

Eine andere Frage ist die, wie die so genannte Zivilgesellschaft und die kommunale Öffentlichkeit damit umgeht. Leider ist zu beobachten, dass eine sehr große Verunsicherung zu einer Hysterie führt, die schädlich ist. Ohne konkrete Anhaltspunkte werden Veranstaltungen abgesagt oder unter absurde Sicherheitsroutinen gestellt und der Bevölkerung Hinweise gegeben, die skurriler nicht sein könnten. Dieses Vorgehen, gepaart mit einer Berichterstattung, die in den letzten Jahren an Qualität sehr verloren hat, führen derzeit nicht zu einer Reaktion, die angemessen wäre. Was diese Gesellschaft braucht, sind Organe, die funktionieren und arbeiten und eine Bevölkerung, die weiß, wofür sie steht.

Der Dschihad aus dem deutschen Kriegsministerium

Steffen Kopetzky. Risiko

Mit dem I. Weltkrieg wurde deutlich, dass die Machtverhältnisse auf dem Erdball in der bestehenden Weise nicht mehr unverändert würden fortbestehen können. Der Unterschied zwischen Heute und Damals bestand wohl vor allem darin, dass zu Beginn des XX. Jahrhunderts offen über die Interessen gesprochen wurde, um die es ging. Nämlich um den Zugriff auf Rohstoffe und die Beherrschung der globalen Infrastruktur. Heute steht der Artikulation von Interessen eher eine moralisch gefärbte, auch idealistische Betrachtungsweise entgegen, ohne dass die Gier nach dem Wesentlichen gestillt wäre. Am Vorabend des I. Weltkrieges jedoch stand vor allem Deutschland bereit, sich in das Konsortium der imperialen Weltmächte einzuordnen und dem britischen Löwen gehörig seine Schranken zu zeigen.

Vor diesem Szenario entfaltet Steffen Kopetzky seinen Roman „Risiko“. Akteur ist zunächst die Besatzung der Fregatte BRESLAU, die im Mittelmeer vor der albanischen Küste einen eher als begrenzt um bezeichnenden Einsatz fährt und von der kleineren Räubergeschichte durch den Ausbruch des I. Weltkrieges überrascht wird. Geschickt webt Kopetzky ein Netz über mehrere Handlungsebenen, die ein sehr gutes, präzises, und in vielerlei Hinsicht auch historisch verbürgtes Bild ergeben über die Wirkungszusammenhänge im Kriegsvorfeld wie die ersten Operationen, die diesem Ereignis zugerechnet werden können. Der Erzähler versteht es vor allem, die eher profanen, aber handlungstragenden Figuren, die einen solchen Krieg ausmachen mit bekannten Namen zu verbinden. Da tauchen Namen wie Dönitz oder Camus auf, allerdings jenseits ihre späteren Bekanntheitsgrades, sondern in ihrer tatsächlichen Funktion während des Ereignisses.

Ohne die Handlung bemühen zu müssen, ist es gestattet, eines der deutschen Strategeme auszuplaudern. Sich der maritimen Übermacht des Britischen Empire bewusst, hatten die deutschen Strategen aus dem Kriegsministerium eine Idee entwickelt, unter der bis heute alle ihre Epigonen bereits gelitten haben. Es sollte versucht werden, vor allem von Afghanistan, also im Rücken des englischen Kolonialkoloss Indien, einen Dschihad auszurufen, der die ganze islamische Welt erfassen und den englischen Kolonialherren das Leben unmöglich machen sollte. Um dieses zu realisieren, wurde eine Expedition ins Leben gerufen, die sich von Konstantinopel aus über Bagdad und Isfahan auf dem Landweg nach Afghanistan bewegen sollte. Der Großteil des Romans schildert diesen Weg.

Mit der sehr interessanten politischen Konstellation und den durchaus realistischen Einblicken in die Spiele der damaligen Diplomatie kollidiert in diesem nie langweiligen Roman, der immer mit sehr durch die Erfahrungen eines Erzählers geprägt ist, der weiß, worüber er berichtet, mit einem Szenario, das sehr an Karl May erinnert. So wird der berühmte Autor, konkret in der Erzählung mit seiner Schrift „Von Bagdad nach Stambul“ nicht nur erwähnt, sondern irgendwann, zunächst kaum merklich, übernimmt der viele Generationen geprägt habende Erzähler selbst die Regie und aus einem Narrativ, das zunächst schien wie eine epische Re-Inszenierung des I. Weltkrieges mit dem Schwerpunkt auf dem durch die Deutschen ersonnenen Dschihads, wird langsam aber sicher eine Abenteuergeschichte aus dem Morgenland, in der vieles zwischen Realität und Träum verschwimmt.

Auch diesen Wandel in dem Romankonstrukt kann die vereinigte Leserschaft hinnehmen, wenn sie nicht der Illusion anhaftet, dass ein Roman bei den Fakten bleiben muss und nicht ins Spekulative abgleiten darf. Kopetzky schert sich darum nicht, ganz im Gegenteil, er setzt letztendlich auf die Hypothese, was hätte geschehen können, wenn der deutsche Dschihad erfolgreich gewesen wäre. Auch diese Frage ist durchaus berechtigt. Es ist ein lesenswerter, gut erzählter und geistreicher Roman. Aber es ist ein Roman.